International

Hat's der Westen verbockt? Russland bot 2012 den Rücktritt Assads an – behauptet ein finnischer Ex-Präsident

15.09.15, 14:48 15.09.15, 16:49

Aleppo: Die einst stolze syrische Stadt wurde in vier Jahren Bürgerkrieg dem Erdboden gleichgemacht.
Bild: AP/Aleppo Media Center AMC

Mehr als 230'000 Menschen wurden seit Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs getötet, über neun Millionen Menschen befinden sich auf der Flucht, der islamische Staat nutzte das Machtvakuum im Osten und avancierte zur regionalen Grösse: Die Syrien-Krise hat sich zur grössten humanitären Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg entwickelt und dabei den gesamten Nahen Osten ins Chaos gestürzt. 

Syrien selber ist nur noch ein Flickenteppich, auf dem sich rivalisierende Gruppierungen mit aller Brutalität bekämpfen: Von der syrischen Armee über die oppositionelle Freie Syrische Armee bis hin zu salafistischen Gruppen und dem IS.

Hätte der Zusammenbruch in Syrien verhindert werden können? Der ehemalige finnische Präsident Martti Ahtisaari meint: womöglich.

Rückblende, Syrien, Februar 2012: Die Ausläufer des arabischen Frühlings 2011 haben in der Levante zu einem erbitterten Bürgerkrieg geführt. Der Alawite Baschar al-Assad, der das Land seit dem Tod seines Vaters mit eiserner Hand regiert, hat die anfänglich friedlichen Proteste brutal niederschlagen lassen. Oppositionsgruppen reagieren auf das repressive Vorgehen des Regimes mit bewaffneten Aufständen. Zu diesem Zeitpunkt hat der Konflikt knapp 7500 Menschenleben gefordert. Die Fronten sind verhärtet, aber noch nicht so unübersichtlich wie 2015. Der Islamische Staat sollte in Syrien erst zwei Jahre später auf der Landkarte erscheinen. 

Der ehemalige finnische Präsident Martti Ahtisaari ist überzeugt: Der Westen verpasste 2012 die Gelegenheit, den Konflikt in Syrien einzudämmen.
Bild: JEON HEON-KYUN/EPA/KEYSTONE

Assad: Dreh- und Angelpunkt in der Syrien-Krise

«Der Westen hatte es in der Hand, Präsident Assad zum Rücktritt zu bewegen.» Das sagt der ehemalige finnische Präsident Martti Ahtisaari im Gespräch mit dem Guardian. Ahtisaari hatte sich als Krisendiplomat in Namibia, Kosovo und dem Irak einen Namen gemacht. 2012 nahm der Nobelpreisträger an Gesprächen zwischen den Abgesandten der fünf Mitglieder des UN-Sicherheitsrats statt. Auf der Traktandenliste stand die Syrien-Krise. Den USA, Frankreich und Grossbritannien standen China und Russland gegenüber. Erstere wollten Assad so schnell wie möglich von der Macht entfernen, China pochte auf das Souveränitätsprinzip und verbat sich jegliches Eingreifen in das innersyrische Machtgefüge. Russland zeigte sich zwar offen für diplomatische Vorstösse, stärkte Assad aber zumindest in der Öffentlichkeit den Rücken.

Witali Tschurkin, russischer UN-Botschafter: Angebliche Bereitschaft des Kremls, über einen Rücktritt Assads zu verhandeln.
Bild: BRENDAN MCDERMID/REUTERS

Dann aber tat sich eine Gelegenheit auf. «Ich sprach mit dem russischen UN-Botschafter Witali Tschurkin», erinnert sich Ahtisaari. «Wir stimmten in vielem nicht überein, aber wir konnten offen über alles reden. Er sagte mir drei Dinge: ‹Erstens: Wir sollten der Opposition keine Waffen liefern. Zweitens: Wir sollten einen Dialog zwischen dem Regime und der Opposition initiieren. Drittens: Wir sollten einen eleganten Weg finden, um Assad den Rücktritt zu ermöglichen.›»

Syrien: Prototyp eines «Failed State»

Rot: Von der Regierung kontrollierte Gebiete, Grün: Rebellen, Gelb: Kurden, Blau: al-Nusra-Front, Grau: Islamischer Staat (Stand: 11. September 2015)
bild: wikimediacommons

Ahtisaari zeigt sich überzeugt, dass Tschurkin im Namen des Kremls sprach. Der Westen aber wollte zu diesem Zeitpunkt nichts von einem Deal mit Russland wissen. Denn: Die USA, Frankreich und Grossbritannien waren überzeugt, dass es ohnehin nur eine Frage der Zeit sei, bis Assad gestürzt werde.

Der Plan des Westens ging nicht auf. Je länger der Konflikt dauerte, desto klarer wurde, dass die untereinander heillos zerstrittenen Oppositionsgruppen nicht in der Lage sind, den syrischen Machthaber zu stürzen. Mittlerweile sitzt der syrische Diktator wieder einigermassen fest im Sattel – auch dank russischer Unterstützung. Rüstungsgüter, Militärberater, Propaganda-Aktionen: Der Kreml macht keinen Hehl aus der militärischen Unterstützung Assads. Unklar ist bloss, ob Moskau auch eigene Truppen im Syrien-Konflikt einsetzt: Die Hinweise verdichten sich, Bestätigungen gibt es bislang jedoch nicht. Signale aus Moskau, den syrischen Verbündeten auf dem Altar geopolitischer Strategien zu opfern, sind längst nicht mehr auszumachen.

Völkerwanderung nach Europa: 2015 kamen Hunderttausende Flüchtlinge über die Balkanroute in den Westen, die meisten davon aus Syrien, dem Irak und Afghanistan. 
Bild: EPA/MTI

Nicht alle teilen jedoch Ahtisaaris Einschätzung. Sir John Jenkins, ein ehemaliger hochrangiger Mitarbeiter des britischen Aussenministeriums, sagte gegenüber dem «Guardian», dass Russland nie bereit gewesen sei, das Schicksal Assads auf den Verhandlungstisch zu bringen. Der syrische Präsident sei für den Kreml immer unantastbar gewesen. Jenkins bezweifelt auch, dass Tschurkin – falls er denn gegenüber Ahtisaari tatsächlich Assad ins Spiel gebracht hatte –  mit dem Segen Putins gesprochen habe.

Spätestens mit den Flüchtlingsströmen nach Europa hat sich die Syrien-Krise zu einem globalen Konflikt entwickelt. Die westlichen Staaten zahlten nun den Tribut für ihr Versagen in der Konfliktlösung, so Ahtisaari. «Es gibt keine andere Möglichkeit, als diesen Menschen jetzt zu helfen». Das Vermächtnis des Westens in der Syrien-Krise sind die Hunderttausenden Flüchtlinge, die nun nach Europa strömen. (wst)

Syrien

Wie die SNB 4 Millionen Dollar mit dem US-Angriff auf Syrien verdiente

Verprellt Trump mit dem Luftschlag in Syrien seine treuesten Anhänger?

Nach den Raketen die Fragezeichen – was will Trump in Syrien?

Nervengift-Angriff: Warum es immer noch Chemiewaffen in Syrien gibt

Autopsie bestätigt Chemiewaffen-Einsatz in Syrien – Erdogan beschimpft Assad als «Mörder»

Trotz US-Angriff: Syrien bombardiert weiter

Was der Fall von Aleppo für den Syrien-Krieg bedeutet

Russland und Iran erobern Aleppo – für Assad 

Kampf um Aleppo: Assads Truppen zerschlagen die Rebellengebiete in zwei Teile

Assad-Luftwaffe tötet offenbar türkische Soldaten – Rebellen für Feuerpause in Ost-Aleppo

Syrien-Krieg: UNO wirft Assad weiteren Einsatz von Giftgas vor

«Humanitäre Tragödie», «gigantischer Friedhof»: UNO über Aleppo

Ost-Aleppo wird ausgelöscht – und die Welt schaut zu

Syrische Weisshelme entschuldigen sich für #MannequinChallenge mit «Bomben-Opfer»

Assad bietet Trump Zusammenarbeit bei Kampf gegen Extremisten an

Russischer Flugzeugträger «Admiral Kusnezow» erreicht syrische Küste

Absurde Forderungen: Was Putin von den Amerikanern verlangt

UNO-Experten über Attacke auf Hilfskonvoi in Syrien: Es waren doch Luftangriffe

«Nicht Sex, sondern Krieg schändet den syrischen Körper»: Ein Flüchtling wird Pornostar

Scharen flüchten aus Aleppo – dieser Mann bleibt und kümmert sich um die verlassenen Katzen

Syrische Stadt Duma von heftigen Luftangriffen getroffen – es droht ein zweites Aleppo

«Ich habe Angst, dass ich heute Abend sterbe» – Siebenjährige twittert aus Aleppo

Ärzte ohne Grenzen fordern Ende des Blutbads in «Todeszone» Ost-Aleppo

Syrien-Gespräche mit Russland «nicht tot, aber auf der Intensivstation» 

Ein herber Rückschlag: USA beenden Gespräche mit Russland über Waffenstillstand für Syrien

#StingerEffect: Die neueste Lösung für den Syrien-Konflikt kommt aus Hollywoods Traumfabrik

Bundesanwaltschaft ermittelt wegen Kriegsverbrechen in Syrien

Wieder Klinik bombardiert: Luftangriff auf Aleppo trifft eines der letzten Spitäler

Wieder Spitäler in Aleppo bombardiert – UNO-Chef Ban Ki Moon spricht von «Kriegsverbrechen»

Bekannter deutscher Journalist interviewt «Al-Nusra»-Kommandant – alles nur ein Fake?

Eiskaltes Schweigen zwischen Washington und Moskau

Feuerpause für Syrien rückt in Reichweite

Türkische Militäroperation in Syrien: Der «IS» ist der Vorwand, die Kurden sind das Ziel

Krieg? Welcher Krieg? Mit diesem Video will Syrien Touristen an seine Strände locken 

Was hat der Westen mit den Flüchtlingen zu tun? Diese 10 Punkte zeigen es

Alle Artikel anzeigen

Dir gefällt diese Story? Dann like uns doch auf Facebook! Vielen Dank! 💕

Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
10
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
10Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Margi Noser 18.09.2015 18:01
    Highlight Unglaublich, diese USA - wer hätte das gedacht ...

    0 0 Melden
  • Margi Noser 15.09.2015 19:18
    Highlight Noch eine Fassung, welche Erschreckendes aufzeigt :-)

    6 1 Melden
  • Margi Noser 15.09.2015 17:40
    Highlight Ich hatte wieder mal recht, Gerhard Schröder ist bei Gazprom *kotz*  :-( "Demnach wird die EU 500 Millionen Euro an den russischen Gazprom-Konzern überweisen."

    Das wahre Gesicht der Deutschen Polit-Elite :-(

    http://mediathek.daserste.de/Monitor/Grenzen-dicht-Europas-Pakt-mit-Despoten/Das-Erste/Video?documentId=29715688&topRessort&bcastId=438224
    7 3 Melden
  • Margi Noser 15.09.2015 17:36
    Highlight Unglaublich, auf was ich gestossen bin:-(

    Die WAHRHEIT
    über die USA und Russland. Dieser ekelhafte George Friedman verplappert sich.

    8 4 Melden
    • User01 15.09.2015 19:17
      Highlight Danke für das Video. Gleich im Anschluss kann ich noch dieses Video empfehlen:
      5 1 Melden
    • E7#9 15.09.2015 20:41
      Highlight WOW! Das ist das erste Mal, dass ich Putin wirklich mal zugehört habe. Wie wichtig ist es doch immer beide Seiten gut anzuhören.

      Friedmann zeigt das traurige uralte und immer noch aktuelle System Machiavelli's des Schüren von Konflikten zur Wahrung der eigenen Interessen.
      4 0 Melden
  • atomschlaf 15.09.2015 17:25
    Highlight Wer ist "der Westen"? Ich dachte, es sei mittlerweile den meisten Leuten klar geworden, dass die USA grösstenteils ganz andere Interessen haben als Europa; auch wenn die NATO-Vasallen sich immer wieder für unsinnige Militäraktionen der USA einspannen lassen...
    15 1 Melden
  • dracului 15.09.2015 15:53
    Highlight Solche Menschen machen mich aggressiv, die immer zurückschauen und alles besser wissen in der Vergangenheit.
    Wo sind die "Experten" und Politiker, die JETZT und für die Zukunft Lösungen haben und diese Misere beenden.
    Dank den Flüchlingsströmen in Europa verstehen eventuell einige Politiker, dass mehr getan werden muss, als nur ein paar Sanktionen.
    5 17 Melden
    • Gelöschter Benutzer 15.09.2015 18:33
      Highlight ein "hätte, wäre, wenn" nutzt oft nichts, aber entblöst die machenschaften der polikelite...

      und nein, diese politelite wird sich nie ändern, solange ihre bankkonten (offshore und undeklariert) sich stehtig füllen und die entsprechende waffenlobby fleissig bazzeli scheffeln kann.

      es braucht entweder die weltbevölkerung die aufsteht, bei einem ca. verhältnis von 100millionen:1 sollte das ja theoretisch möglich sein; oder deren gespartes (ertrogenes) müsste plötzlich extrem an wert verlieren.
      doch bis das passiert, ist die bevölkerung eh schon lange unten durch...
      7 1 Melden

«Für präzise Angriffe»: US-Luftwaffe schickt erstmals B-52-Bomber gegen «IS»

Die USA setzen nun auch den Langstreckenbomber B-52 im Kampf gegen die Terrormiliz «Islamischer Staat» ein. Aus dem Osten Syriens dringen beunruhigende Nachrichten: Der «IS» dehnt sein Machtgebiet wieder aus.

Bei ihren Luftangriffen auf die Terrormiliz «Islamischer Staat» («IS») in Syrien und im Irak hat die US-Luftwaffe erstmals den schweren Langstreckenbomber B-52 eingesetzt.

Die Maschinen werden US-Armeeangaben zufolge ausschliesslich für «Präzisionsangriffe» eingesetzt – anders als im Vietnamkrieg, als die B-52 für Flächenbombardements zum Einsatz kam und deswegen zum Symbol des Machtanspruchs der USA im Kalten Krieg geworden war.

«Im kollektiven Gedächtnis gibt es …

Artikel lesen