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Handshake unter Freunden: Recep Tayyip Erdogan und Wladimir Putin heute in Ankara. Bild: EPA/SPUTNIK POOL

Erdogan hat die Türkei gerade noch näher an Russland geführt

03.04.18, 22:32 04.04.18, 06:41

Trotz wachsender Sorge im Westen treibt der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan die Annäherung des NATO-Partners Türkei an Russland voran. Erdogan und der russische Präsident Wladimir Putin vereinbarten am Dienstag bei einem Treffen in Ankara einen Ausbau der Zusammenarbeit auf zahlreichen Feldern, darunter im Verteidigungsbereich.

Putin sagte, Russland wolle sein Raketenabwehrsystem S400 früher als bislang geplant an die Türkei liefern. «Wir haben die Produktion beschleunigt.» Die USA haben scharfe Kritik an der türkischen Beschaffung des S400-Systems geübt. Die russische Agentur Tass berichtete, ursprünglich sollte die Lieferung 2019 oder 2020 beginnen, nun solle sie bis 2020 abgeschlossen sein.

Erdogan sagte: «Wir haben auch eine Einigung, was frühe Lieferung betrifft. Wir könnten auch in anderen Bereichen der Verteidigungsindustrie zusammenarbeiten, und wir haben gesehen, dass russische Firmen dafür offen sind.» Gespräche darüber fänden statt.

Putin will das Raketenabwehrsystem S400 an die Türkei liefern.  Bild: EPA/EPA

Reise eines Freundes

Erdogan sagte, dass die erste Auslandreise seines «lieben Freundes» Putin seit dessen Wiederwahl in die Türkei geführt habe, unterstreiche die Bedeutung der bilateralen Beziehungen. Nach russischen Angaben trafen Erdogan und Putin sich im vergangenen Jahr acht Mal, mehr als 20 Mal telefonierten sie.

Vor ihren bilateralen Gesprächen hatten die beiden Staatschefs den Startschuss für den Bau des ersten Atomkraftwerks in der Türkei gegeben, das federführend vom russischen Staatskonzern Rosatom errichtet wird. Erdogan und Putin wohnten dem Baubeginn in der südtürkischen Provinz Mersin per Videoübertragung aus Ankara bei.

Erdogan sprach von einem historischen Moment in den bilateralen Beziehungen. Putin sagte: «Heute wohnen wir nicht nur dem Bau des ersten türkischen Atomkraftwerkes bei, sondern wir schaffen auch die Grundlage für die Atomindustrie in der Türkei.»

Erdogan feiert den Baubeginn des ersten türkischen Atomkraftwerkes.  Bild: AP/AP

Das Atomkraftwerk Akkuyu soll 2023 in Betrieb gehen, zwei Jahre später sollen alle vier Reaktoren am Netz sein. Dann soll das AKW mehr als zehn Prozent des Energiebedarfs der Türkei abdecken. Die Baukosten werden auf 20 Milliarden Dollar geschätzt.

Erdogan kündigte an, die Handels- und Tourismusbeziehungen zu Russland weiter auszubauen. Das Handelsvolumen zwischen beiden Ländern habe im vergangenen Jahr um 32 Prozent auf 22 Milliarden Dollar zugenommen. Ziel sei es, dieses Volumen auf 100 Milliarden Dollar zu steigern. Einen Zeitrahmen dafür nannte Erdogan nicht.

Der türkische Präsident sagte weiter, im vergangenen Jahr seien mehr als 4,7 Millionen russische Touristen in die Türkei gekommen. Sie hätten damit die grösste Gruppe der Touristen gestellt. Man hoffe, dass diese Zahl auf sechs Millionen ansteige.

Syrien-Gipfel vorbereitet

Erdogan und Putin berieten auch über Syrien. Erdogan sagte: «Wir sind uns darin einig, unsere Bemühungen dafür fortzusetzen, eine politische Lösung für die Probleme in Syrien zu finden.»

Anlass für Putins Besuch ist ein Dreier-Gipfel zum Syrien-Krieg in Ankara an diesem Mittwoch, an dem auch der iranische Präsident Hassan Ruhani teilnimmt. Russland und der Iran unterstützen den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad, die Türkei die Opposition.

Reist ebenfalls nach Ankara: Hassan Ruhani. Bild: EPA/EPA

Beim Treffen soll es nach Angaben aus türkischen Regierungskreisen um die sogenannten Deeskalationszonen, die humanitäre Lage und die Bemühungen um eine neue Verfassung für Syrien gehen. Aus dem Land sind gut fünf Millionen Menschen geflohen, rund sechs Millionen sind in Syrien auf der Flucht. Etwa 500'000 Menschen wurden getötet.

Zuletzt waren Erdogan, Putin und Ruhani im vergangenen November im russischen Schwarzmeerort Sotschi zusammengekommen. Die drei Staaten sind die Garantiemächte im sogenannten Astana-Prozess. Im Rahmen dieses Prozesses hatten sie vier Deeskalationszonen vereinbart.

Darunter war auch die Region Ost-Ghuta, die syrische Truppen mit Unterstützung des Irans und Russlands in den vergangenen Wochen dennoch in blutigen Kämpfen weitgehend erobert haben. Das US-Aussenministerium hatte im Februar mit Blick auf Ost-Ghuta erklärt: «Das zeigt das Versagen des Astana-Prozesses.» (sda/dpa)

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Video: srf

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17
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17Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Bombenjunge 04.04.2018 08:54
    Highlight Die Türkei könnte sogar gegen ein Nato Land kriegen und nichts ausser Geschwafel würde geschehen. Merkel sei Dank.
    3 3 Melden
  • rodolofo 04.04.2018 08:23
    Highlight Daswiedanja Turkia!
    Das wiedererstarkte, autoritäre "Reich des Ostens" mit seinen "Gelenkten Demokratien" steht heute einem auseinander fallenden und vom Globalen Geldadel an der Nase herumgeführten und geschwächten "Reich des Westens" gegenüber.
    Eigentlich könnten die beiden Weltreiche fusionieren.
    Doch sie spielen uns das Theater einer Schein-Konkurrenz vor, damit wir uns hinter eines der beiden Reiche scharen und uns so einer Gehirnwäsche unterziehen...
    Immer mehr Menschen durchschauen aber den alten und hinterlistigen Trick und steigen ganz aus dem "Kalten bis Heissen Krieg" aus.
    2 2 Melden
  • RatioRegat 04.04.2018 04:06
    Highlight Die NATO-Staaten sollten endlich ihre Scheuklappen abnehmen und die Türkei ausschliessen.

    Die Lücke, die durch einen Ausschluss der Türkei entstünde, könnte durch eine offene und umfangreiche Unterstützung der Kurden gefüllt werden.
    24 34 Melden
    • Cerberus 04.04.2018 07:03
      Highlight Das wäre strategisch gesehen wohl das aller dümmste, was die NATO machen könnten.
      4 2 Melden
    • Waedliman 04.04.2018 08:30
      Highlight Tolle Idee - Die Kurden-Nato gegen die Russen-Türkei. Das wäre ein Freudenfest. (?)
      2 0 Melden
    • rodolofo 04.04.2018 08:31
      Highlight Die Erdogan-Türkei spielt die Grossmächte gegeneinander aus.
      Und sie wählen diejenige Grossmacht, welche ihnen am wenigsten mit dem für sie nervigen Thema Menschenrechte und Völkerrecht kommt.
      Genau so würde sich eine Blocher-Schweiz verhalten, wenn sie ihr Zweiklassen-Rechtssystem und ihre gleichgeschalteten Medien mit der Weltwoche, den von Blocher aufgekauften Regionalmedien und Tele-Blocher erst erreicht hätten!
      In der Regionalzeitung an meinem Wohnort ist das jetzt schon ein wenig Realität!
      Da existieren Leute wie ich gar nicht mehr!
      Den Oppositions-Kandidaten sucht man vergebens.
      4 1 Melden
  • Radiochopf 04.04.2018 01:26
    Highlight Als Obama und Merkel Jahrelang (im Fall von Merkel erst vor ein paar Wochen ) Waffen an Erdogan verkauft haben, waren dann auch solche Schlagzeilen zu lesen? Wenn Erdogan nun die Waffen bei den Russen kauft ist natürlich alles schlecht und gefährlich... mit welchen Waffen tötet er wohl in Afrin? Ziemlich sicher mit Waffen aus Europa/USA und die YPG haben von den gleichen Lieferanten die Waffen..so krank ist das alles, Feins uns Freuns bekommen die Waffen, Hauptsache es gibt Cash...
    39 21 Melden
    • Dirk Leinher 04.04.2018 07:14
      Highlight Genau und wenn er S400 kauft, bedroht er damit niemanden ausser die, die das Land eventuell mal in der Zukunft zerbomben wollen.
      4 5 Melden
    • rodolofo 04.04.2018 08:24
      Highlight Es ist AUCH schlecht und gefährlich!
      Zufrieden?
      3 1 Melden
    • Waedliman 04.04.2018 08:30
      Highlight Nun mal schön langsam - wer ist ebenfalls Spitze im Verkauf von Waffen? Die Schweiz verkauft diese sicherlich nicht an andere "neutrale" Staaten, sondern an jeden, der ihr Geld dafür bietet. So ist das nun mal mit der Moral.
      5 1 Melden
  • Pirat der dritte 04.04.2018 00:30
    Highlight Das Dreamteam des Schreckens vor den Toren Europa‘s! Das kann Angst machen.
    19 27 Melden
  • DerTaran 03.04.2018 23:49
    Highlight Türkisches Atomkraftwerk? Alle modernen Staaten steigen aus der Atomkraft aus, die Türkei steigt ein. Erdogan will wohl die Atombombe.
    43 16 Melden
    • Waedliman 04.04.2018 08:29
      Highlight Die braucht er gar nicht. Wenn die Türkei aus der NATO aussteigt, wird der "neue Freund" diese schon sehr bald frei Haus liefern.
      5 0 Melden
  • Enzasa 03.04.2018 23:25
    Highlight Diktator steht zu Diktator
    27 24 Melden
  • bokl 03.04.2018 23:07
    Highlight "Die drei Staaten sind die Garantiemächte im sogenannten Astana-Prozess."
    Und in nicht allzu ferner Zeit werden sie, mit sanftem Druck aus Russland, Verbündete sein. Wir steuern auf eine tripolare Welt zu.

    1. Der "Westen" aka Nato - Türkei
    2. China mit "One Belt" bis und wohl gar mit Indien
    3. Russland + Zentralasien

    Putin wird Erdogan überzeugen mit dem Iran/Syrien zu kooperieren. So ist ein Kurdenstaat auf lange Frist kein Thema mehr.
    13 3 Melden
  • _kokolorix 03.04.2018 22:47
    Highlight Russland, Türkei und Iran. Das Bündnis für Deeskalation 😀🤔🙄😥😪🤐😖😱🤕😵
    15 19 Melden
  • Juliet Bravo 03.04.2018 22:37
    Highlight ...bis die beiden dann mal merken, dass sie in unterschiedlichen Gegenden Europas und des Nahen Ostens völlig konträre Interessen haben.
    16 10 Melden

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