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Recep Tayyip Erdogan wirbt am 8. April in Istanbul für die Verfassungsreform. Bild: EPA/TURKISH PRESIDENT PRESS OFFICE

Erdogans langer Weg vom Strassenkämpfer zum neuen Sultan

Recep Tayyip Erdogan machte sich einen Namen als Hoffnungsträger und Reformer. Nun will sich der türkische Präsident per Verfassungsreform zum faktischen Alleinherrscher küren lassen. Ein Blick auf seine schillernde Karriere.

15.04.17, 10:25 15.04.17, 19:08


Seit Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk hat kein Politiker die Türkei mehr geprägt als der heute 63-jährige Recep Tayyip Erdogan. Mehrfach stand der Staatspräsident am Rande des politischen Abgrunds, doch er ging bislang aus allen Krisen gestärkt hervor. Dabei wandelte er sich vom Modernisierer zum Autokraten, der unter Realitätsverlust zu leiden scheint.

Wie konnte es so weit kommen? Seine Herkunft aus einfachen Verhältnissen und die Anfeindungen, die er überstehen musste, erklären manches, aber nicht alles.

Der Strassenkämpfer

In die Wiege gelegt wurde Erdogan der Erfolg nicht. Er wurde am 26. Februar 1954 im Istanbuler Hafenviertel Kasimpasa geboren. Seine Familie stammte ursprünglich aus Batumi in Georgien. Später lebte sie einige Zeit in Rize am Schwarzen Meer, wo der autoritäre und streng religiöse Vater bei der Küstenwache arbeitete. Als Tayyip 13 Jahre alt war, kehrte die Familie nach Kasimpasa zurück. Im rauen Arbeitermilieu musste er sich auch mit den Fäusten behaupten.

Porträts von Kemal Atatürk und Tayyip Erdogan in Istanbul. Bild: Emrah Gurel/AP/KEYSTONE

Daneben verkaufte er Limonade und Sesambrötchen, um Geld zu verdienen. Die Erdogans gehören zu den «schwarzen Türken» der überwiegend aus Anatolien stammenden Unterschicht, die von der kemalistischen Elite der «weissen Türken» verachtet wurde. Recep Tayyip Erdogan entwickelte im Gegenzug schon früh eine Abneigung gegen diese Elite.

Der Fussballer

Fussballfan Erdogan mit dem früheren UEFA-Präsidenten Michel Platini. Bild: AP

Obwohl er früh durch seine Frömmigkeit auffiel, entwickelte Erdogan auch eine Leidenschaft für den Fussball. Angeblich soll ihm Fenerbahce, einer der drei grossen Klubs von Istanbul, einen Profivertrag angeboten haben. Auf Druck seines Vaters, der den Sport als «unislamisch» ablehnte, begann er ein Wirtschafts- und Verwaltungsstudium, das er 1981 abschloss. Über die Echtheit seines Diploms bestehen Zweifel. 1978 heiratete er seine Frau Emine.

Der Bürgermeister

Seine politische Karriere begann Erdogan in der islamistischen Nationalen Heilspartei, die nach dem Militärputsch 1980 verboten wurde. Er schloss sich der Wohlfahrtspartei an, deren Chef Necmettin Erbakan zu seinem Mentor wurde. 1994 wurde Erdogan als «Verlegenheitskandidat» überraschend zum Bürgermeister des Molochs Istanbuls gewählt. Bereits in diesem Amt verfolgte er eine religiöse Agenda. So liess er den Verkauf von Alkohol in städtischen Betrieben verbieten.

Der junge Erdogan und sein Mentor Necmettin Erbakan. Bild: AP

In erster Linie aber machte er sich einen Namen als fähiger Verwalter, der zehntausende Bäume pflanzen liess und die Müllabfuhr auf Vordermann brachte. Damals überzeugte Tayyip Erdogan auch durch seine bescheidene Art. Der deutsche Grünen-Politiker Cem Özdemir erinnerte sich in einer ZDF-Doku, wie Erdogan sich im Gespräch mit ihm über sein schlechtes Englisch lustig gemacht habe. Erdogan und Selbstironie – eine heute fast undenkbare Kombination.

Der Häftling

1996 wurde Necmettin Erbakan nach dem Wahlerfolg seiner Wohlfahrtspartei türkischer Ministerpräsident. Ein Jahr später schlug das kemalistisch dominierte Militär zurück, es setzte Erbakan in einem «kalten» Putsch ab. Auch der Istanbuler Bürgermeister geriet ins Visier. Bei einem öffentlichen Auftritt rezitierte er aus einem Gedicht: «Die Minarette sind unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme, die Moscheen unsere Kasernen und die Gläubigen unsere Soldaten.»

Das Gedicht war nicht verboten, dennoch wurde Erdogan 1998 wegen «religiöser Volksverhetzung» zu zehn Monaten Gefängnis verurteilt. Davon sass er vier Monate ab. In dieser Zeit entwickelte er sein Konzept für den Weg zur Macht. Er realisierte, dass er mit einer konservativ-islamistischen Politik im Stile Erbakans nicht weit kommen würde. Folglich gründete er die AKP. Als Vorbild nannte er die demokratisch-religiösen Parteien in Europa, etwa die deutsche CDU.

Der Regierungschef

Erdogan hält 2003 im Parlament seine erste Ansprache als Ministerpräsident. Bild: AP

2002 gewann die AKP die Parlamentswahl. Ihr Vorsitzender konnte wegen seiner Vorstrafe nicht kandidieren. Nach einer Verfassungsänderung zog Erdogan im folgenden Jahr ins Parlament ein und wurde Ministerpräsident. In seiner ersten Amtszeit profilierte er sich als Reformer. Er schaffte die Todesstrafe und Zensurgesetze ab, verschaffte den Kurden mehr Rechte und strebte den Beitritt zur Europäischen Union an. Die Wirtschaft erlebte einen enormen Boom.

Die Verschwörung

Die klare Wiederwahl 2007 auch mit den Stimmen vieler liberaler Türken war die logische Folge. Es folgte der letzte Aufstand der autoritären Kemalisten, sie strebten vor dem Obersten Gerichtshof ein Verbot der AKP an. Es scheiterte wegen einer Stimme. Danach setzte Erdogan zum Gegenschlag an. Mit Hilfe von Staatsanwälten, die der Bewegung des Predigers Fetullah Gülen nahe standen, deckte er die so genannte Ergenekon-Verschwörung auf.

Damit wurde eine nationalistische Untergrundorganisation bezeichnet, der Militärs, Politiker und andere Angehörige der kemalistischen Elite angehörten. Sie soll den Sturz der Regierung Erdogan betrieben haben. Die Ermittlungen waren von Ungereimtheiten begleitet, manche Vorwürfe waren konstruiert. Im April 2016 hob der Oberste Gerichtshof sämtliche Ergenekon-Urteile auf. Sein Hauptziel aber hatte Erdogan erreicht: Das einst allmächtige Militär war zurückgebunden.

Die Korruption

Nach dem dritten Wahlerfolg 2011 entwickelte Recep Tayyip Erdogan zunehmend autoritäre Züge. Er wandte sich von der EU ab und rückte seine religiösen Ziele in den Vordergrund, etwa die Aufhebung des Kopftuchverbots. Die Gezi-Proteste 2013 in Istanbul liess er niederknüppeln. Ende des gleichen Jahres geriet er unter Druck. Die Gülen-Staatsanwälte, die ihn im Ergenekon-Prozess unterstützt hatten, ermittelten in seinem Umfeld wegen Korruption.

Die Erdogan-Tapes. Video: YouTube/Web Dersim

Mehrere Politiker und Geschäftsleute wurden verhaftet. Auf Youtube tauchte eine Tonaufnahme auf, in der Erdogan angeblich seinen ältesten Sohn Bilal anwies, grosse Mengen Bargeld in Sicherheit zu bringen. Die Rede war von 30 Millionen Euro. Der Regierungschef stritt alles ab und wütete gegen die sozialen Medien. Zeitweise liess er Twitter sperren. Der Korruptionsverdacht aber blieb haften.

Der Putschversuch

2014 liess sich Erdogan zum Staatspräsidenten wählen. Mit knapp 52 Prozent fiel sein Sieg weniger deutlich aus als erhofft. Auch sonst verschlechterte sich die Lage. Der Friedensprozess mit der kurdischen PKK scheiterte, seit Mitte 2015 eskalierte die Gewalt. Kurdische Extremisten und die Terrormiliz «IS» verübten regelmässig Anschläge in der Türkei.

Militärputsch in der Türkei

Am 15. Juli 2016 kam es zum missglückten Putschversuch von Teilen des Militärs. Erdogan konnte angeblich nur knapp entkommen. Die Hintergründe sind bis heute mysteriös, doch dem Präsidenten lieferte der Coup den willkommenen Vorwand, um seinen letzten mächtigen Gegner loszuwerden: Die Gülen-Bewegung. Zehntausende liess er inhaftieren, rund 100'000 Staatsbedienstete wurden entlassen. In der Türkei sind heute mehr Journalisten eingesperrt als in jedem anderen Land. Die Medien wurden weitgehend auf Regierungslinie gebracht.

Der Autokrat

Recep Tayyip Erdogan, der als demokratischer Reformer angetreten war, ist heute ein dünnhäutiger Choleriker und selbstherrlicher Autokrat. Ob er es mit der Demokratie jemals ernst gemeint hat, ist zweifelhaft. Bereits 1994 bezeichnete er sie als Mittel zum Zweck, vier Jahre später als Zug, «auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind». Den EU-Beitritt soll Erdogan, der 2004 als «Europäer des Jahres» ausgezeichnet wurde, nur angestrebt haben, um die Kemalisten auf Distanz zu halten.

Erdogans Wahlkampf im Ausland

Fetullah Gülen, sein einstiger Kampfgefährte und heutiger Todfeind, ortete einen Minderwertigkeitskomplex, der auf seine einfache Herkunft zurückgehe. Er wäre auch eine Erklärung für seinen Hang zum Grössenwahn, der sich in monumentalen Bauwerken äussert, etwa dem neuen Grossflughafen in Istanbul oder dem gigantischen Präsidentenpalast in Ankara mit mehr als 1000 Zimmern, der illegal in einem Naturschutzgebiet errichtet wurde.

Westliche Geheimdienste stellten bei Erdogan einen zunehmenden Realitätsverlust fest. Liberale AKP-Mitstreiter hat er kalt gestellt, etwa Abdullah Gül, seinen Vorgänger als Staatspräsident, oder den früheren Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu. Mit der Abstimmung vom Sonntag könnte der Strassenkämpfer aus Kasimpasa zum faktischen Alleinherrscher werden. Die Europäer werden ihn gewähren lassen, sie sind auf den Flüchtlingsdeal mit der Türkei angewiesen.

Hund Elli erklärt die Abstimmung

Video: watson

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    Alle Leser-Kommentare
  • NucQB 16.04.2017 10:46
    Highlight Man sollte einfach nicht drauf hören was die Pappnasen plappern und selbst entscheiden was gut für einem ist. Wenn sie einem dann bestrafen wollen, entlarven sie sich selbst. Es gibt keine Anführer ohne Gefolgsleute und ob man denen folgt, entscheidet man jede Sekunde selbst. Wenn die Türken dem hinterher laufen, ist das deren Problem und jeder der sagt er tue es nur wegen den Sanktionen, die warten, würde er es nicht tun, hat auch kein gutes Leben verdient, weil dazu braucht es Rückgrat.
    2 5 Melden
  • Nausicaä 16.04.2017 08:16
    Highlight Man sollte ja keine solchen Vergleiche ziehen, aber trotzdem: Der Minderwertigkeitskomplex und die Stufen zur Machtergreifung sind ähnlich wie bei Hitler.
    Mir tun die Progressiven in der Türkei total leid. Unter ihm und all den Verblendeten zu leben….ein Horror...
    10 3 Melden

Die geschändete Papstleiche, die 3 Mal ausgegraben und 2 Mal im Tiber versenkt wurde

Papst Stephan VI. hatte ein Problem. Nun haben das alle Menschen zu allen Zeiten, doch im Jahr 896 – also vor 1122 Jahren – zweifelte man die Rechtmässigkeit seiner Wahl zum Kirchenoberhaupt an. Und wenn ein Mann, der es schon so weit gebracht hat, in seiner Stellung bedroht wird, dann empfindet er die Gefahr natürlich als höchst existentiell. Was sie im Übrigen auch tatsächlich war in einer Welt, wo Päpste, Könige und Kaiser einander ständig bekriegten und nach dem Leben trachteten. 

Nun …

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