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Fethullah Gülen (2013).
Bild: AP/Zaman

Imam gegen Sultan: Der Höhepunkt eines beispiellosen Zerwürfnisses

Einst waren sie Verbündete, heute sind sie Todfeinde: Recep Tayyip Erdogan und Fethullah Gülen. Der Staatschef macht den Prediger für den Putschversuch in der Türkei verantwortlich. Es ist der Höhepunkt eines beispiellosen Zerwürfnisses.

16.07.16, 13:59

Christoph Sydow / spiegel online

Ein Artikel von

Saylorsburg ist ein kleines, unscheinbares Örtchen tief im Osten von Pennsylvania. Nur etwas mehr als tausend Menschen leben hier. Glaubt man dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, dann ist einer von ihnen der Mann, der hinter dem Putschversuch in der Türkei stehen soll: der islamistische Prediger und Unternehme Fethullah Gülen.

Der 75-Jährige lebt seit 1999 in den USA. Damals entging Gülen knapp der Verhaftung in seinem Heimatland. Zuvor hatte er in einer Rede seine Anhänger aufgefordert, die Macht in der Türkei an sich zu reissen, in dem sie staatliche Institutionen unterwandern. Deshalb hatte die Justiz Haftbefehl gegen Gülen erlassen.

Gülens Aufstieg begann in den Sechzigerjahren als Imam in einer Moschee in Edirne im Nordwesten der Türkei. Der charismatische Geistliche verbreitete seine Predigten über Video- und Audiokassetten, die Zahl seiner Anhänger nahm stetig zu. Parallel dazu baute er ein Netz von Privatschulen, Nachhilfezentren und Wohnheimen, sogenannten Lichthäusern auf. Aus den Absolventen dieser Einrichtungen bildete sich über Jahrzehnte ein Netzwerk von Gülen-Anhängern. Ihnen gehören heute Zeitungen, Fernsehsender und Banken.

Erdogan schützte Gülens Geschäfte

Die Meinungen über den Imam gehen seit jeher weit auseinander. Aussteiger seiner Bewegung beschreiben seine Gemeinde als Sekte wie Scientology. Andere sehen in Gülen einen der wichtigsten Prediger der islamischen Moderne, der ein tolerantes Religionsverständnis verbreite.

Erdogan war lange einer seiner prominentesten Anhänger. Beide gingen ein informelles Bündnis ein: Gülens Anhänger sicherten Wählerstimmen für die AKP, Erdogan schützte nach seiner Machtübernahme 2002 die undurchsichtigen Geschäfte der Gülen-Bewegung .

Doch spätestens nach der Parlamentswahl 2011, bei der die AKP fast 50 Prozent der Stimmen holte,fühlte sich Erdogan offenbar stark genug, um den Pakt mit Gülen zu brechen. Der damalige Regierungschef entliess wichtige Justizbeamte und Parteifunktionäre, die als Gülen-Anhänger gelten. Er wies zudem die Geheimdienste an, die Bewegung zu überwachen.

Zum endgültigen Bruch kam es im November 2013, als Erdogan ankündigte, die Nachhilfezentren der Gülen-Bewegung schliessen zu lassen. Rund zwei Millionen junge Türken besuchen die Schulen, um sich auf die Aufnahmetests an den Universitäten vorzubereiten. Sie sind Gülens wichtigste Einnahmequelle, hier rekrutiert er seinen Nachwuchs.

Ein Aussteiger der Bewegung berichtete schon vor Jahren, dass zahlreiche hochrangige Vertreter des Staates auf Befehl Gülens handelten. «Sie waren unsere Schüler. Wir haben sie ausgebildet und unterstützt. Wenn diese dankbaren Kinder ihr Amt antreten, dienen sie weiterhin Gülen», sagte der ehemalige Anhänger des Predigers.

Gülen verurteilt den Putschversuch

Doch gerade die türkische Armee galt bislang als immun gegen Gülens Einfluss. Die Streitkräfte verstehen sich seit jeher als Bewahrer des Erbes von Staatsgründer Kemal Pascha Atatürk - also als Verteidiger der säkularen Verfassung und Kämpfer gegen alle islamistischen Einflüsse. Der mutmassliche Anführer der Putschisten, Oberst Muharrem Köse, soll aber im März wegen seiner engen Verbindungen zu Gülen entlassen worden sein.

Hingegen galt der Einfluss des Imams auf die türkische Polizei als besonders stark. Umso verwunderlicher, dass sich Polizisten in Istanbul und Ankara den putschenden Soldaten entgegenstellten und Armeeangehörige festsetzten.

Der Prediger selbst hat sich bereits am Freitagabend von dem Umsturzversuch distanziert. «Wir lehnen jede militärische Einmischung in die türkische Innenpolitik ab», heisst es in einer Erklärung seiner Organisation Hizmet. «Kommentare von Pro-Erdogan-Kreisen über die Bewegung sind äusserst unverantwortlich.»

Doch schon jetzt steht fest: Erdogan wird den gescheiterten Umsturzversuch als Vorwand nutzen, um noch rücksichtsloser gegen mutmassliche Gülen-Unterstützer vorzugehen. Bereits in der Nacht bezeichnete der Staatschef den Putsch vielsagend als «Geschenk Gottes».

Die Bilder vom Militärputsch in der Türkei:

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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14Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Malu 81 18.07.2016 01:17
    Highlight Für Hass und Krieg sind meistens Menschen irgendeiner Religion verantwortlich. Jeder meint er hätte die bessere, wichtigere Religion.
    Die Bekehrung läuft gleich ab wie schon vor
    Jahrhunderten. Früher zündeten Sie dein Haus an und zwangen dich und deine Familie zur
    Sklavenarbeit. Heute vertreiben Sie dich mit Bomben aus dem Haus und zwingen dich deine Heimat zu verlassen. Je mehr Jünger, desto mehr Power und Kohle!
    1 0 Melden
  • Rabbi Jussuf 17.07.2016 11:09
    Highlight Peter
    "Aber es ist so: Viele setzen nicht nur den Islamismus, sondern den Islam generell mit Extremismus gleich. Obwohl es DEN Islam gar nicht gibt,"
    Was für ein Geschwafel!
    Klar gibt es den Islam! Wenn da Streitigkeiten sind, dann geht es nur um Details, in den grundlegenden Dingen sind sich alle einig. Und natürlich um Macht!
    Hingegen gibt es den Islamismus nicht. Das ist ein Kunstwort, das so seine eminenten Schwierigkeiten hat richtig definiert zu werden. Kein Wunder, denn mit einer säkularen westlichen Sichtweise - und ohne Kenntnis des Islams - wird da nie etwas daraus.
    0 0 Melden
  • Rim 16.07.2016 20:15
    Highlight Islamische Geistliche werden heute (weil es bloss noch ungebildete Extremisten gibt) hüben wie drüben, mit Islamisten verglichen. Welch eine (populistische )Torheit Wer die augeklärte islamische Kultur kennt, weiss worauf ich hinweise. Für den Rest bilden die Muslimbrüder, Erdogan, Is, Iranische "Geistliche" entweder idendifikations oder Hass - Objekte. Wie überall sind Populisten immer bloss "Kitschangebote" für die Kulurfernen. Ob in Ost/ Süd/West/Nord. Erdogen ist der Blocher der Türkei. So Trash as trash can. In jeder Beziehung. Das Türkische "Volch" kann auch nicht unterscheiden. Tja.
    24 2 Melden
    • Rabbi Jussuf 17.07.2016 11:11
      Highlight "aufgeklärte islamische Kultur"?
      Wo gibt es sowas? In erwähnenswerter Grösse?
      0 1 Melden
  • Energize 16.07.2016 16:44
    Highlight Eine Grundsatzfrage: müsse es nicht "islamischer Prediger" statt "islamistischer Prediger" heissen?

    Soweit ich informiert bin steht "islamistisch" für Extreme - also al Kaida/ ISIS usw. Ich kann aber auch falsch liegen...
    14 6 Melden
    • Peter 16.07.2016 17:08
      Highlight Nicht jeder Islamist ist ein Extremist. Es gibt auch in diesem Bereich verschiedene Strömungen. Islamismus kann fundamentalistisch, aber auch reformorientiert sein. Die Einordnung der Gülen-Bewegung ist umstritten. Sie wird aber klar zum Islamismus gezählt.
      10 11 Melden
    • Gelöschter Benutzer 16.07.2016 18:21
      Highlight Peter@
      So weit sind wir schon, dass wir explizit erklären müssen, dass nicht jeder Islamist ein Extremist ist.
      Tatsache ist einfach, dass die meisten Probleme gegenwärtig auf unserem Planeten dem extremen religiösen Fundamentalismus zuzuordnen sind.
      4 8 Melden
    • Peter 16.07.2016 19:49
      Highlight @Trader Sind die wachsende Ungleichheit und der Klimawandel auch eine Folge des religiösen Fundamentalismus? Eher nicht. Aber es ist so: Viele setzen nicht nur den Islamismus, sondern den Islam generell mit Extremismus gleich. Obwohl es DEN Islam gar nicht gibt,
      11 5 Melden
    • _kokolorix 16.07.2016 22:00
      Highlight @Peter
      Klimawandel und wachsende Ungleichheit sind die Folgen des Kapitalismus und dieser hat durchaus Ähnlichkeit mit einer Religion.
      Marktfundamentalisten gibt es auch in unterschiedlichster Ausprägung.
      Genau wie es nicht den Islam oder das Christentum gibt, gibt es auch nicht den Kapitalismus.
      Und die frappanteste Ähnlichkeit ist die Fehlerignoranz. Wie bei allen Religionen werden Fehler immer ausserhalb des Systems gesucht. Ansonsten müsste man ja alles in Frage stellen und zugeben dass man sich geirrt hat. Und das ist schliesslich völlig ausgeschlossen!
      8 3 Melden
  • ElendesPack 16.07.2016 16:15
    Highlight Erdogan schiebt Gülen nur vor, damit er
    1. Vor dem Westen nicht so radikalislamisch dasteht wie er es ist und
    2. weil er in der Türkei höchst unpopulär damit würde, wenn er offen zugeben würde, dass es Kemalisten waren, die ihm an den Kragen wollten. Dann könnte es nämlich auf einmal passieren, dass die Türken selber merken, wie sehr sie unter Erdogan vom Kemalismus abgekommen sind.
    29 6 Melden
    • sdv520 16.07.2016 16:47
      Highlight erdogan ist radikalislamisch wie trump evangelisch ist, nämlich so gut wie gar nicht. dient ausschliesch dem stimmenfang bzw. der machterweiterung. kemalismus als synonym für demokratie zu verwenden ist ebenfalls sehr gewagt. ich mag erdogan(sowie all die anderen populisten z.zt) genauso wenig wie du, aber mit nem halbpatzigem putsch,lassen sich seine anhänger wie gesehen nicht von ihm abbringen
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    • AdiB 16.07.2016 17:27
      Highlight Erdogan und religiös. Echt? Das ich nicht lache. Die religiösen fanatiker wollen ihn doch los werden. Erdogan ist machtgeil und er verwöhnt seine anhänger egal welcher religion sie angehören. Kenne einige türkische alewiten die erdogan befürworter sind.
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    • ElendesPack 16.07.2016 17:40
      Highlight Ich verwende Kemalismus nicht als Synonym für Demokratie. Ich weise nur darauf hin, dass die Türken nach wie vor grosse Anhänger von Kemal Atatürk sind und Erdogan sie immer weiter von dessen Vermächtnis wegführt.
      5 1 Melden
  • sdv520 16.07.2016 14:20
    Highlight an die watson redaktion, es ist natürlich alles noch sehr unklar, aber mich würde in den nächsten tagen trotzdem noch die kleineren details interessieren, wer an dem putsch teilnahm, wieviel sie darüber wussten(v.a. die soldaten auf den strassen) und wo der putsch überall stattfand.
    22 1 Melden

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