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Erdogans Säuberungswelle erreicht die Nato

Nach dem Militärputsch geraten türkische Nato-Soldaten ins Visier von Staatschef Erdogan. Viele wollen nicht zurück in die Heimat, sie beantragen Asyl in Europa. Ein Kommandeur berichtet, wie er zum Verdächtigen wurde.

08.12.16, 18:22

Peter Müller, Brüssel

Quo vadis, Türkei? Bild: SEDAT SUNA/EPA/KEYSTONE

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An dem Tag, als er seinen Namen auf einer Liste der Verschwörer entdeckt, bricht für Berat Yilmaz* eine Welt zusammen. Der 44-Jährige hat seinem Land immer treu gedient, als einer der besten Bataillonskommandeure der türkischen Armee durfte er sogar an der renommierten Naval Postgraduate School im kalifornischen Monterey studieren. Das Letzte, was ihm einfallen würde, ist gegen eine demokratisch gewählte Regierung zu putschen, die ihm den Aufstieg ermöglicht hat.

Doch jetzt beordert ihn der türkische Generalstabschef «mit sofortiger Wirkung» zurück in die Türkei. Es gebe rechtliche Fragen zu klären, so die offizielle Begründung. Die Unsicherheit frisst sich bis in Familienleben. Berats kleiner Sohn macht sich Sorgen, als das türkische Fernsehen über die Säuberungsaktionen in der Armee berichtet: «Papa, bist Du ein Terrorist?»

Militärputsch in der Türkei

Seit dem gescheiterten Putschversuch Ende Juli verfolgt Präsident Recep Tayyip Erdogan mutmassliche Rädelsführer des Aufstands mit brutaler Härte. Mehr als 100'000 Staatsbeamte mussten ihre Posten räumen oder wurden verhaftet, darunter viele Militärs. Vor allem in der Armee vermutet Erdogan Anhänger der Bewegung des in den USA lebenden Predigers Fetullah Gülen, aus Erdogans Sicht der Drahtzieher hinter dem Putsch. Beweise dafür blieb er bislang schuldig.

Erdogans Jagd auf Militärs und Diplomaten macht vor den türkischen Landesgrenzen nicht Halt. Etwa 150 der 300 türkischen Soldaten in den Nato-Hauptquartieren in Belgien, Italien und Niederlanden wurden zurückbeordert, betroffen sind zudem Militärattachés an Botschaften von Riga bis Brüssel. Entsprechende Papiere des türkischen Generalstabs, die der SPIEGEL einsehen konnte, listen mehr als 270 zumeist hochrangige türkische Militärs in ganz Europa und anderen Nato-Staaten auf.

Viele von ihnen haben inzwischen in ihrem Gastland um Asyl gebeten, in Deutschland gab es bis Oktober 53 Asylanträge von Türken mit Diplomatenpass, in Belgien, wo die Nato ihren Sitz hat, soll die Zahl noch höher sein. «Ich hatte talentierte, fähige Leute hier», sagt General Curtis Scaparrotti, militärischer Oberkommandierender der Nato, am Rande des Aussenministertreffens in dieser Woche. Jetzt müsse er eine Verschlechterung seiner Mannschaft hinnehmen.

Es sind weniger die menschlichen Schicksale, die die Nato-Offiziellen interessieren. Problematischer ist, dass die Türken sich offenbar schwer tun, adäquaten Ersatz für das geschasste Personal zu finden. Im Nato-Hauptquartier Shape bei Mons sollen etwa 40 türkische Stellen nicht besetzt sein, wie Soldaten berichten. Die türkische Nato-Vertretung will sich dazu nicht äussern, ein Sprecher des Bündnisses teilt jedoch mit, man sei «zuversichtlich, dass die Türkei ihre Posten weiterhin auffüllt». Bei einem Treffen in Istanbul am 21. November sprach Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg mit Erdogan über das Problem.

Erdogan geht gegen Putschisten vor. Bild: SEDAT SUNA/EPA/KEYSTONE

Berat sitzt mit kariertem Hemd auf einem Sofa, der Anzug sitzt schlecht, der Mann ist Zivilkleidung nicht gewohnt. Er zückt Zeugnisse aus seiner Aktentasche, ein türkischer Vier-Sterne-General hat ihn ausgezeichnet, auch die EU dankte ihm mit einer Urkunde für seinen Einsatz in Bosnien. Er war ein Elitesoldat auf dem Weg nach ganz oben in der türkischen Armee. Heute sind seine Diplome nichts mehr wert.

An jenem Freitag Ende Juli, an dem das türkische Militär putscht, besuchte er mit Freunden ein türkisches Restaurant in Brüssel, bald liefen die ersten Meldungen aus Ankara im Fernsehen, Berat sah wütende Menschen vor Panzern, konnte es nicht glauben. Als es zu den ersten Verhaftungen kam, war er nicht beunruhigt. Mit den Putschisten hatte er nichts zu tun. Und überhaupt: «Ich hatte doch das beste Alibi was man sich vorstellen kann - ich war im Ausland.»

Türkische Medien verdächtigen «Monterey-Connection»

Doch das sollte wenig nützen. Im Gegenteil: Gerade weil er im Ausland stationiert ist, wurde Berat zum Verdächtigen. Regierungsnahe türkische Medien berichten von den angeblichen Umsturzplänen der «Monterey-Connection», sie meinen damit die türkischen Soldaten, die in den USA studiert haben.

Um zu beweisen, dass sie ihre Wohnungen auf dem Nato-Gelände in der Putschnacht nicht verlassen hatten, sollen die Türken bei der Nato sogar das Material der Videokameras angefordert haben, die die Ein- und Ausfahrt zum Stückpunkt überwacht. Nato-Befehlshaber Scaparrotti sagt, er habe keinerlei Hinweise, dass türkisches Nato-Personal an dem Putsch beteiligt gewesen sei.

Offiziell aber kann die Nato wenig gegen die Säuberung in ihren Reihen machen, es ist das gute Recht der Türkei, die ihnen zugeordneten Posten in den Hauptquartieren zu besetzen. «Dieses Recht steht ihnen zu wie jedem Nato-Mitglied zu», sagt ein Sprecher.

«Das Ganze war eine Falle»

Berat Yilmaz widersetzte sich dem Befehl, in die Türkei zu gehen. Er versuchte herauszufinden, was man ihm vorwirft, vergeblich. Einige Kollegen mussten Fragebögen ausfüllen, es ging um Bankverbindungen und die Frage, ob ihre Kinder Schulen der Gülen-Bewegung besuchen. Bei einem türkischen Diplomaten standen sogar türkische Offizielle vor der Haustür, um die Wohnung zu durchsuchen. Als der sich weigerte, die Besucher ohne Begleitung der belgischen Polizei in die Wohnung zu lassen, trollten sie sich. Der Fall schaffte es in die belgische Presse.

Inzwischen hat Berat in Belgien Asyl beantragt, statt mit dem Diplomatenpass identifiziert er sich nun mit einem orangefarbenen Übergangsausweis. In die Türkei will er auf keinen Fall, er glaubt nicht, sich dort wirkungsvoll verteidigen zu können. Er erzählt von einem Dutzend Bekannten, die zurückgegangen seien, einige wurden sofort am Flughafen verhaftet, auf die anderen wartete Polizei vor dem Hauptquartier. «Das Ganze war eine Falle», sagt er.

Sold gibt es natürlich keinen mehr, Berats Erspartes reicht noch für sechs, sieben Monate, Kollegen mussten bereits ihre Möbel verkaufen, um über die Runden zu kommen. Berat hofft auf eine Arbeitserlaubnis in Belgien, Think Tanks oder Beratungsunternehmen, die seine Kenntnisse brauchen könnten, gibt es hier genug. Doch ein neuer Job ist derzeit sein geringstes Problem. Es geht um seine Ehre.

*Name von der Redaktion geändert

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    Alle Leser-Kommentare
  • Beobachter24 09.12.2016 07:25
    Highlight Weiterhin auf Erdogans Säuberungen aufmerksam zu machen ist sicher richtig.
    Man muss aber festhalten, dass Säuberungen im Militär nach einem Putsch "normal" und aus Sicht Erdogans verständlich sind.

    Der Titel ist übrigens irreführend. Bereits wenige Tage nach dem Putsch wurden diverse hohe Offiziere "dispensiert" - incl. Nato-Verbindungsleute.
    3 4 Melden
    • rodolofo 09.12.2016 08:39
      Highlight Wieder eine Deiner verständnisvollen Beschwichtigungen, wenn es um Militärköpfe, Diktatoren und Volksverhetzer geht?
      Das hatten wir doch alles schon x-mal:
      "Seht her, Erdogan ist auch nur eine Mensch, so wie der tüchtig aufräumende Putin!"
      Ja, beide sind Menschen, mit einem gemeinsamen Ziel: Den Faschismus weltweit zu installieren, in Zusammenarbeit mit allen Faschisten dieser Welt, damit die Gesellschaft funktioniert und läuft, wie eine Maschine.
      Ein defektes Rädchen im Getriebe, das kritische Bemerkungen von sich gibt, wird sofort erkannt, aufgespürt, ausgewechselt und eliminiert...
      5 2 Melden
    • Beobachter24 09.12.2016 15:28
      Highlight @rodolfo

      Ich verstehe Erdogans Beweggründe - das heisst aber nicht das ich all seine Taten gutheisse.

      P.S. Schreib doch wieder mal einen Post ohne das Wort "Faschismus".
      2 1 Melden
  • Töfflifahrer 09.12.2016 06:57
    Highlight Ist doch auch demaskierend, würde der Westen die Türkei nicht aus den verschiedensten Gründen wie Block gegen Russland, Flüchtlingsstopp etc. benötigen, wären schon lange Sanktionen gegen Erdogan beschlossen worden. Aber der Westen schweigt und duckt sich. So baut der neue Sultan ein Schreckensregime auf. Das Problem, es ist absehbar, dass der Aderlass an Beamten, Lehrern etc. sich verheerend auf die Türkei auswirkt. Um dem entgegenzuwirken wird der Sultan dann wohl wieder einen Kriege gegen wen auch immer starten, hat sich bisher bewährt, wird auch in Zukunft funktionieren.
    10 1 Melden
    • rodolofo 09.12.2016 08:33
      Highlight Die Türkei ist zwar auf einem ähnlichen Weg wie Russland, aber sie ist auf eine andere Weise mit Europa verflochten.
      In verschiedenen Europäischen Ländern leben grosse Türkisch stämmige Minderheiten.
      Die Türkei ist immer noch NATO-Mitglied, obwohl sie besser zur Eurasien-Allianz unter Chinesische Führung passen würde.
      Im Nahen Osten hat die Türkei ebenfalls ihre Finger im Spiel.
      Innerhalb der Türkei sind noch üblere Kräfte als Erdogan's AKP aktiv, insbesondere die Faschistischen "Grauen Wölfe".
      Die Lage ist also hoch explosiv!
      Darum ist es ratsam, die Türkei wie ein rohes Ei zu behandeln.
      2 0 Melden
  • bibaboo 08.12.2016 23:56
    Highlight "Papa, bist du ein Terrorist?" - hinter dieser Aussage steckt einiges mehr, als man auf den ersten Moment denken könnte. Sie zeigt eine ungehäure Staatsgläubigkeit auf. Selbst wenn die engste Familie betroffen ist, wird der Staat nicht mehr kritisch hinterfragt und leichtgläubig nachgesprochen. Die Entwicklung in der Türkei stimmt mich äusserst nachdenklich und ich ahne üble Zeiten auf die Bevölkerung zukommen. Traurig, was aus einem in der Geschichte so fortschrittlichem und hoch gebildetem Land passiert ist.
    11 1 Melden
    • Z&Z 09.12.2016 06:43
      Highlight Umso nachdenklicher stimmt das, wenn man weiss, dass die Türkei einen sehr grossen Militärapparat hat. Klar nicht so gross wie die USA oder Russland, aber kommt bald mal danach.
      6 0 Melden
  • rodolofo 08.12.2016 22:43
    Highlight Wenn der Dreck "säubert", dann bleibt nur der Dreck.
    Alles Saubere wird dann in den Dreck getreten.
    Der Saubermann hat selber am meisten "Dreck am Stecken"...
    Wie tarnt sich der "Schmutzli" am besten?
    Als Meister Propper!
    Postfaktische Lügengeschichten von Leuten, die gegen die Lügenpresse schimpfen, weil die nicht das schreiben, was sie sollten, nämlich dass Meister Propper ein super-toller Typ ist, der sein Land säubert, mit hoch wirksamen Reinigungsmitteln der nationalen Identitässtiftung.

    15 2 Melden
  • Oberon 08.12.2016 22:09
    Highlight Ich finde es nur richtig schade wohin sich die Türkei mit dieser "Regierung" hin entwickelt. Ich finde dieses verhalten von einem Nato-Mitglied sehr beunruhigend. Jetzt muss man sich schon nicht mehr fragen wie lange es geht und die ersten Sanktionen müssen getroffen werden. Die Türkei verstösst auch gegen einige internationale Verträge die sie mal unterzeichnet hat. Mal schauen wie lange es geht bis es knallt.
    47 1 Melden
  • N. Y. P. 08.12.2016 20:00
    Highlight Was stimmt mit Dir eigentlich nicht, Erdogan ?
    34 4 Melden
    • pamayer 09.12.2016 06:45
      Highlight "Mecccker mecccker..."
      2 0 Melden
  • 321polorex123 08.12.2016 19:11
    Highlight Schöne neue Welt...

    Wie soll das weitergehen? Ich meine so viele Kaderstellen werden sie wohl kaum in so kurzer Zeit aus der Erdogan Juge... ähm ich meine aus regierungstreuem Personal nachrekrutieren und ausbilden können.
    34 0 Melden
    • Wehrli 09.12.2016 08:52
      Highlight Man könnte ja zur Not ein paar Ziegen in Uniform schicken ....
      5 0 Melden
  • Mnemonic 08.12.2016 18:37
    Highlight Ein Grössenwahnsinniger den die Geschichte vergessen wird. Und zwar zurecht...
    118 5 Melden
    • Wehrli 08.12.2016 20:39
      Highlight Aber sein Schnauz! Eine pracht, die jede Ziehe zum Zittern bringt ...
      21 2 Melden
    • _kokolorix 08.12.2016 20:42
      Highlight Nun, einige 10000 Türken, deren Leben soeben ruiniert wird, werden ihn bestimmt nicht so schnell vergessen
      31 0 Melden
    • Stratosurfer 08.12.2016 20:48
      Highlight Ich befürchte leider, dass man sich noch lange an ihn erinnern wird, weil sein Zerstörungspotenzial unterschätzt wurde ....
      25 1 Melden
    • Gustav.s 08.12.2016 20:54
      Highlight Gerade diese werden selten vergessen. An ihnen klebt das Blut von unzähligen.
      17 1 Melden
    • Maett 08.12.2016 22:08
      Highlight @Mnemonic: die Türkei kann innenpolitisch von mir aus machen was sie will, das geht uns nichts an. Die Fragen sind eher:

      - wo bleiben die Sanktionen der Selbstgerechten?
      - was hat die Türkei noch in der NATO zu suchen?
      - wieso gibt's nicht mal Reisewarnungen?

      Das moralische Gehabe einzelner westlicher Regierungen (Schweiz nicht miteingeschlossen) der letzten Jahre, erweist sich ja inzwischen als ziemlich peinlich - jetzt, wo die Einseitigkeit zu Tage tritt.
      24 10 Melden
    • _kokolorix 09.12.2016 06:35
      Highlight @maett
      Das nennt sich Opportunismus. Und die, von dir sonst so hochgelobte russische Regierung, ist darin genau so meisterhaft. Dort werden Todfeinde binnen weniger Tage zu guten Freunden und umgekehrt.
      Echte Gutmenschen lehnen die türkische Erpressung mit den Flüchtlingen genau so ab, wie sie die besorgten Wutbürger gutheissen. Hauptsache die Leute kommen nicht hierher, egal wie schlecht sie in der Türkei behandelt werden
      6 1 Melden
    • Töfflifahrer 09.12.2016 06:50
      Highlight Nun ich denke an den wird man sich noch lange erinnern. Zumindest im neuen Osmanischen Reich.
      0 0 Melden

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