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Machtkampf in der Türkei: Was wir über den Putsch gegen Erdogan wissen

In der Türkei ist ein blutiger Kampf um die Macht entbrannt. Wie geht es nun weiter? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

16.07.16, 03:03 16.07.16, 08:17

Alexander Sarovic

Ein Artikel von

Türkische Streitkräfte haben versucht, gegen den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan zu putschen. Am Freitagabend meldeten sie, ihnen sei es gelungen, die Macht im Land zu übernehmen. Die Regierung widersprach, inzwischen meldete sie, der Putsch sei beendet.

Klar ist: Es herrschen chaotische Zustände in der Türkei. Nach Angaben eines Regierungsvertreters starben mindestens 60 Menschen. 754 Menschen seien festgenommen worden, zitiert CNN Türk den Justizminister des Landes. Kurz im Überblick:

Die Lage im Land ist chaotisch. Deshalb im Überblick: Die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Was sagt das Militär?

Ein Panzer auf den Strassen Istanbuls.
Bild: STR/AP/KEYSTONE

Das Militär meldete am Freitagabend, die Kontrolle über die Türkei übernommen zu haben. Es verhängte eine Ausgangssperre und rief das Kriegsrecht aus. Mit dem Putsch sollten unter anderem die verfassungsmässige Ordnung, die Demokratie und die Menschenrechte wiederhergestellt werden, teilte das Militär nach Angaben der privaten Nachrichtenagentur DHA mit.

Was sagt die Regierung?

Erdogan auf CNN Türk.

Die Regierung meldete in der Nacht zu Samstag, den Putschversuch abgewendet zu haben. Ministerpräsident Binali Yildirim sagte nach Angaben aus dem Präsidialamt: «Die Situation ist weitgehend unter Kontrolle.» Er soll demnach angeordnet haben, die von Putschisten gekaperten Flugzeuge abzuschiessen.

Erdogan sagte in Istanbul: «Wir haben mit der Operation begonnen, das Militär vollständig zu säubern. Und wir werden diese Operation weiterführen.» Der Präsident und die gewählte Regierung seien an der Macht. In Ankara gebe es noch in geringem Ausmass Widerstand von Putschisten, der aber hoffentlich bald niedergeschlagen sei.

Schuld an dem Putschversuch seien Anhänger des in den USA lebenden Predigers Fethullah Gülen. «Das war die Parallelorganisation höchstpersönlich», sagte Erdogan. «Sie werden einen sehr hohen Preis für diesen Verrat zahlen.»

Wer ist Fethullah Gülen?

Der Prediger Fethullah Gülen und Erdogan waren einst verbündet, gemeinsam bekämpften sie Militär und Opposition. Nach seinem Wahlsieg 2011 glaubte Erdogan, nicht länger auf Gülen angewiesen zu sein. Die Lager der beiden stritten über den Umgang mit den Kurden, Gülen kritisierte Erdogans Aussenpolitik. 2013 eskalierte der Konflikt (mehr Hintergründe zum Streit >>).

Der 75-jährige Gülen gibt sich liberal, verfolgt aber islamistische Ziele. Er lebt seit 1999 im Exil in den USA. Die damalige säkulare Regierung der Türkei warf ihm vor, das Land islamisieren zu wollen. Seine Anhänger haben weltweit Schulen gegründet, Medienhäuser, eine Bank und Kliniken (mehr Informationen über Gülen >>).

Was passiert derzeit in Istanbul?

Polizist in Istanbul. Bild: KEMAL ASLAN/REUTERS

In der grössten Stadt der Türkei herrscht Chaos: Nach Augenzeugenberichten sind Schüsse und Explosionen zu hören. Kampfjets fliegen im Tiefflug über Istanbul. Anhänger und Gegner des Putsches gehen gleichermassen auf die Strasse, aus mehreren Stadtteilen werden Schlägereien und Schusswechsel gemeldet. Die Polizei ruft die Menschen dringend dazu auf, in ihren Häusern zu bleiben.

Das Redaktionsgebäude des Senders CNN Türk war zeitweise von Soldaten besetzt. Inzwischen wurde die Berichterstattung wieder aufgenommen. Dutzende Soldaten, die eine der Bosporus-Brücken besetzt hatten, ergaben sich.

Was passiert derzeit in Ankara?

Panzer in Ankara.
Bild: REUTERS TV/REUTERS

In der Nähe des Präsidentenpalastes in Ankara gab es am Samstagmorgen einen Luftangriff. Wie aus dem Umfeld des Präsidenten verlautete, griffen F-16-Kampfjets Panzer der Putschisten an, die am Präsidentenpalast in der türkischen Hauptstadt aufgefahren waren. Über dem Stadtteil Bestepe, in dem der Präsidentenpalast liegt, stieg dichter schwarzer Rauch auf, wie auf Bildern des Fernsehsenders NTV zu sehen war.

Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu berichtete, bei einem Luftangriff der Putschisten auf das Hauptquartier der Spezialkräfte der Polizei seien 17 Polizisten getötet worden. Eine unabhängige Bestätigung dafür gibt es nicht.

Wie ist die Lage für Urlauber?

Das Eidgenössische Departement für Auswärtige Angelegenheiten (EDA) schreibt:

Am Abend des 15. Juli 2016 ist in der Türkei ein Putschversuch verübt worden. Die Lage ist unübersichtlich. Halten Sie sich über die Medien auf dem Laufenden, bleiben Sie in Kontakt mit Ihrem Reiseveranstalter und befolgen Sie die Anweisungen der lokalen Behörden (z.B. Ausgangssperren). Auskunft über die Flugverbindungen erteilen die Fluggesellschaften.

Vorsichtiger äussert sich das deutsche Auswärtige Amt. Es riet allen Deutschen in Ankara und Istanbul zu «äusserster Vorsicht». «Bei unklarer Lage wird geraten, Wohnungen und Hotels im Zweifel nicht zu verlassen», sagte eine Sprecherin in der Nacht zum Samstag.

In türkischen Urlaubsregionen sei die Lage ruhig, sagte ein Sprecher des Veranstalters Thomas Cook – er habe zumindest keine gegenteiligen Informationen. Die Buchungen in die Türkei waren wegen der Anschläge in den vergangenen Monaten bereits eingebrochen. (asa/aar/dpa/Reuters/AFP)

Mehr zum Thema:

Alle Nachrichten zum Putschversuch in der Türkei gibt's hier.

Kommentar: Ein Umsturz mit Ansage.

«We're fucked!» – Das WhatsApp-Protokoll von watson-Redaktor Can Kgil und seinen Cousins und Freunden in Istanbul.

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Brikne, 20.7.2017
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