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Abdullah Gül, Erdogans Vorgänger als Staatspräsident, plädiert für einen fairen Prozess. Bild: AP/AP

Wichtige «Cumhuriyet»-Mitarbeiter bleiben in der Türkei in U-Haft

28.07.17, 20:44 28.07.17, 21:53


Im Prozess gegen Mitarbeiter der regierungskritischen türkischen Zeitung «Cumhuriyet» müssen die vier prominentesten Angeklagten in Untersuchungshaft bleiben.

Das Gericht in Istanbul folgte am Freitag dem Antrag der Staatsanwaltschaft, Chefredakteur Murat Sabuncu, Herausgeber Akin Atalay, den Investigativjournalisten Ahmet Sik und den Kolumnisten Kadri Gürsel nicht freizulassen.

Sieben weitere inhaftierte Mitarbeiter der Zeitung werden nach dem Gerichtsbeschluss dagegen bis zu einem Urteil in dem Prozess auf freien Fuss gesetzt, wie «Cumhuriyet» und die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu übereinstimmend berichteten.

«Ich habe immer gesagt, dass Journalisten frei sein sollten, während ihnen der Prozess gemacht wird. Auch jetzt denke ich, dass es richtig wäre, dass ihnen der Prozess gemacht wird, ohne dass sie in Haft sind.»

Der ehemalige Staatspräsident Abdullah Gül

Zuvor hatten Anwälte der Beschuldigten die Freilassung ihrer Mandanten gefordert und die Anklage scharf kritisiert.

Es gebe «keinen konkreten Beweis in der Anklage», und dennoch sei sein Mandant Kadri Gürsel seit neun Monaten in Haft, kritisierte der Anwalt Ilhan Koyuncu vor Gericht. Sein Anwaltskollege Alp Selek sagte, er arbeite seit fast 60 Jahren in der Justiz, doch habe er noch nie eine derartige Anklage gesehen, «die Verbrechen frei erfindet».

Unterstützung erhielten die Angeklagten vom früheren Staatspräsidenten Abdullah Gül. «Ich habe immer gesagt, dass Journalisten frei sein sollten, während ihnen der Prozess gemacht wird. Auch jetzt denke ich, dass es richtig wäre, dass ihnen der Prozess gemacht wird, ohne dass sie in Haft sind», sagte Gül, der sich sonst selten öffentlich äussert.

Neue Ermittlungen gegen Sik

Das Gericht befürwortete ausserdem neue Ermittlungen gegen Sik, die die Staatsanwaltschaft nach Angaben von «Cumhuriyet» wegen «Verunglimpfung des Türkentums» gefordert hatte.

Grundlage ist ausgerechnet eine Ansprache, die Sik am Mittwoch vor Gericht zu seiner eigenen Verteidigung hielt. Er hatte darin mit Blick auf die Terrorvorwürfe gegen die Angeklagten unter anderem gesagt: «Die Organisation, die sie bei der Zeitung »Cumhuriyet« suchen, regiert unter dem Deckmantel einer politischen Partei das Land.»

Sik war bereits 2011 inhaftiert worden, weil er in einem Buch vor der Unterwanderung des Staates durch die Bewegung des islamistischen Predigers Fethullah Gülen gewarnt hatte.

Auch der investigative Journalis Ahmet Sik steht im Fokus. Bild: AP/AP

Die Bewegung, die heute für den gescheiterten Militärputsch von Juli 2016 verantwortlich gemacht wird, war damals noch mit dem heutigen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan verbündet. «Cumhuriyet» wird vorgeworfen, die heute als Terrororganisation gelistete Bewegung sowie die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und die linksextreme DHKP-C zu unterstützen.

«Cumhuriyet» nannte die Freilassung von sieben Angeklagten bei gleichzeitig andauernder U-Haft für die anderen Beschuldigten eine «halbe Demokratie».

Nach dem Beschluss über seine fortdauernde Inhaftierung rief Ahmet Sik im Gerichtssaal: «Das heute hier ergangene Urteil besagt: »Wir werden Euch in die Knie zwingen«.» Alle «Tyrannen» müssten aber wissen, dass er nur in die Knie gehe, «um die Hand meiner Mutter und meines Vaters zu küssen».

Urteil bis Ende Jahr erwartet

«Cumhuriyet» berichtete, als nächsten Verhandlungstag in dem Prozess habe der Richter den 11. September bestimmt. Das Gericht wolle noch vor Jahresende ein Urteil fällen. Den Angeklagten wird die Unterstützung verschiedener Terrororganisationen vorgeworfen. Ihnen drohen langjährige Haftstrafen.

Die Proteste vor dem Gerichtsgebäude sind gross. Bild: EPA/EPA

Neben den vier «Cumhuriyet»-Mitarbeitern bestätigte das Gericht am Freitag auch die fortdauernde Untersuchungshaft für einen weiteren Angeklagten, der aber nicht für die Zeitung tätig ist.

Unter den sieben Angeklagten, deren Freilassung verfügt wurde, sind der Karikaturist und ein Anwalt der Zeitung. Der Prozess, der international kritisiert wird, hatte am vergangenen Montag begonnen. Angeklagt ist auch der frühere Chefredaktor von «Cumhuriyet», Can Dündar. Er lebt aber inzwischen im Exil in Deutschland. (sda/dpa/afp)

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    Alle Leser-Kommentare
  • rodolofo 29.07.2017 08:05
    Highlight In letzter Zeit buchstabiert Erdogan's AKP-Diktatur etwas zurück, sowohl gegenüber Deutschland, als auch jetzt gegenüber einigen Cumhüryet-Mitarbeitern, die (vorübergehend) freigelassen wurden.
    Doch das Kalkül dahinter ist klar:
    Sie haben gemerkt, dass sich jetzt ein starker und massiver Widerstand organisiert, sowohl in der Türkei selber, als auch in Europa und in der Welt.
    Jetzt schalten sie einen Gang zurück und hoffen darauf, dass die aufgewachte Zivilgesellschaft wieder einschläft und der Konsum-Sucht verfällt.
    Und dann schlagen sie gnadenlos zu!
    Also, an alle: Weiter wach bleiben!!!
    3 2 Melden

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