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«Unsere Aufgabe ist, Rache zu nehmen»

Die Menschen in Istanbul haben die fünfte schwere Terrorattacke binnen eines Jahres erlebt. In der lange für ihren Optimismus bekannten Stadt regieren Angst und Entsetzen. Die Lage in der Türkei droht sich weiter zu verschärfen.

11.12.16, 17:56

Maximilian Popp

Ein Artikel von

Berkay Akbas, 19 Jahre alt, war nach Istanbul gekommen, um zu feiern. Er hatte gerade die Medizin-Klausuren an der Universität in Ankara hinter sich gebracht, nun wollte er mit Freunden ein fröhliches Wochenende verbringen.

Akbas sass im Taxi, als am Samstagabend um 22.29 Uhr vor der Vodafone-Arena des Istanbuler Fussballklubs Besiktas und wenige Sekunden später im nahe gelegenen Macka-Park zwei Bomben explodierten. Er war sofort tot. Mit ihm starben 37 weitere Menschen, die meisten von ihnen Polizisten, mehr als 150 wurden verletzt.

Video: watson.ch

Für die Menschen in der Türkei endet das Jahr 2016 so grauenvoll, wie es begonnen hat. Im Januar tötete ein islamistischer Selbstmordattentäter in der Altstadt von Istanbul zwölf deutsche Touristen. Es folgten: mehr als ein Dutzend weitere schwere Anschläge islamistischer und kurdischer Extremisten im ganzen Land mit insgesamt etwa 400 Toten; ein gescheiterter Militärputsch im Juli, der fast 300 Menschen das Leben gekostet hat; Massenverhaftungen von vermeintlichen Verschwörern; Wirtschaftskrise; Militäreinsätze in Syrien und im Irak.

Teile der Türkei erinnern wegen der Kämpfe an Syrien

Die Bilder, die seit Samstagabend im türkischen Fernsehen laufen, wirken auf beklemmende Weise vertraut: Helfer hieven Verletzte in Krankenwagen, Sirenen heulen, Sicherheitskräfte patrouillieren auf den Strassen. Präsident Recep Tayyip Erdogan sprach von einem «abscheulichen Terrorakt». Premier Binali Yildirim kündigte eine eintägige Staatstrauer an.

Anschlag auf Polizeibus in Istanbul

Die türkische Regierung war schnell überzeugt, dass die Täter aus dem Umfeld der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK stammen. Am Sonntagnachmittag dann bekannten sich die «Freiheitsfalken Kurdistans», eine Splittergruppe der PKK, zu dem Anschlag.

Seit Friedensverhandlungen zwischen der Regierung und der PKK im Frühsommer 2015 endgültig gescheitert sind, bekriegen sich beide Seiten so heftig wie seit den Neunzigerjahren nicht mehr.

Kurdische Extremisten attackieren türkische Sicherheitskräfte, sprengen sich vor Kasernen, Polizeistationen und immer häufiger auch vor zivilen Einrichtungen in die Luft. Der Staat reagiert mit Militärangriffen auf PKK-Stellungen im Nordirak und im Südosten der Türkei. Bei Gefechten zwischen dem türkischen Militär und der PKK kamen in den vergangenen Monaten Hunderte Menschen ums Leben; Teile des Landes erinnern inzwischen an Syrien.

In Istanbul dominieren Angst und Entsetzen

Der Anschlag vom 10. Dezember dürfte die Spannungen in dem Land nun noch weiter verschärfen. Am Sonntag versammelten sich in der Türkei Tausende Bürger zu Protesten. Manche Demonstranten forderten die Wiedereinführung der Todesstrafe.

Und auch die Regierung von Präsident Erdogan lässt wenig Zweifel daran, dass sie an ihrem radikalen Anti-Terror-Kurs festhalten will. «Unsere dringlichste Aufgabe ist, Rache zu nehmen», sagt Innenminister Süleyman Solu.

In Istanbul, einer Stadt, die bis vor Kurzem für ihren Optimismus und ihre Energie berühmt war, dominieren längst Angst und Entsetzen. Viele Menschen zweifeln daran, dass der Staat überhaupt noch in der Lage ist, Sicherheit zu garantieren. «Wir verurteilen den Terror seit Jahren», sagt Salim Akbas, der Vater des ermordeten Medizinstudenten Berkay Akbas. «Morgen werden sie Blumen (am Tatort) zurücklassen. Und das wird alles sein.»

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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    Alle Leser-Kommentare
  • Gelöschter Benutzer 11.12.2016 22:53
    Highlight "Unsere dringlichste Aufgabe ist, Rache zu nehmen."
    Worin sonst hat denn Erdowahn in seiner grössenwahnsinnigen Umnachtung seine Mission sonst je gesehen?
    14 0 Melden
  • Bronko 11.12.2016 21:33
    Highlight Solange das türkische Volk ihren Kriegstreiber nicht in die Schranken weist, wird die Spirale der Gewalt immer enger. Und Schuld sind immer die anderen, zB. die Kurden. Leider eine absehbare Konsequenz, dass unter solchen Umständen auch zu nicht moderaten Mitteln gegriffen wird. Der autoritäre Patriarch hat einfach keine Ahnung von moderner Pädagogik und dessen fehlgeleiteten Zöglinge sirachen dementsprechend genauso. Macht euch ruhig was vor ihr AKP-ler, aber ewig wird das in eurem schönen Land doch nicht so weiter gehen können.
    35 2 Melden
  • Fischra 11.12.2016 20:56
    Highlight Rachen nehmen. Ja genau das machen die schwächeren Leider auch. Die folge sind Tod und Verderben auf beiden Seiten. Wenn Erdogan ein wenig etwas im Kopf hätte würde er eine Lösung suchen welche beiden ein Dasein gibt und nicht die schwächere vernichtet.
    34 0 Melden
  • wtf 11.12.2016 20:49
    Highlight ....und in der Schweiz stürmen (vor etwa 1 Stunde) PKK Anhänger das Haus eines türkischen Journalisten und das mitten in Zürich.
    WTF!?
    1 1 Melden
  • Skip Bo 11.12.2016 20:26
    Highlight Sehr geehrter Herr Erdogan
    Nein, es ist nicht Ihre Pflicht Rache zu nehmen. Ihre Pflicht ist es die Gewaltspirale zu durchbrechen. Legen Sie Ihren religiösen Eifer ab. Ihre Religion bietet in diesem Fall keine nachhaltige Lösung. Suchen Sie die Verantwortlichen dieser Taten und stellen Sie diese vor ein rechtsstaatliches Gericht.
    Seien Sie ein Vorbild für manche heuchlerische
    Politiker welche beten und bomben.
    Sie schaffen das.

    Hoppla, habe schon wieder phantasiert...
    39 2 Melden
    • Skip Bo 11.12.2016 22:10
      Highlight @Blitzer, beten+bomben=Lösung?
      3 5 Melden
  • Sophia 11.12.2016 20:15
    Highlight Rache zu nehmen ist eine dem Rechsstaat zuwiderlaufende Gesinnung. Im Rechtsstatt gilt das Gesetz und Rachegedanken gehören da nicht hin. Wenn jeder immer wieder auf Rache sinnt, hört das Rachenehmen nie auf. Mein Gott, so etwas weiss man doch!
    Wie primitiv so ein Erdogan denkt, ist erschreckend.
    83 3 Melden
    • Firefly 11.12.2016 20:48
      Highlight Ja, die Türkei ist offenbar kein Rechtsstaat mehr. Wieso ist sie noch in der NATO? Die gehört da nicht mehr hin.
      31 2 Melden
    • rodolofo 11.12.2016 21:45
      Highlight Die NATO ist eine Militärische Organisation.
      Und Militärköpfe sind Erdowahn und seine Leute zweifellos.
      6 2 Melden
    • Firefly 12.12.2016 09:34
      Highlight @rodolofo Ja schon klar... und wenn ich es mir recht überlege, unterscheidet sich die Rhetorik Erdogans nicht so sehr von der G.W.Bush's damals. Danke dafür, Mr. (Ex)President, sie haben die Welt unsicherer gemacht.
      0 0 Melden
  • pamayer 11.12.2016 19:35
    Highlight Ich bin generell Pazifist.

    Die Terroranschläge sind insofern nachvollziehbar, als dass die Türkei, insbesondere Erdogan, die Kurden systematisch verfolgt, tötet, sabotiert, als Staatsfeinde bezeichnet, und es am liebsten gesehen hätte, wenn diesen Sommer der IS sämtliche Kurden niedergemetzelt hätte. Dann hätte er selbst es nicht noch vor.
    Denn er wird nicht ruhen, bevor der letzte Kurde tot ist.

    Er ist, nebst den von Böhmermann erhaltenen Attributen, ein potentieller Massenmörder und wird sein 'Wahlversprechen' auch umsetzen.

    Ist leider beschissene und blutige Realität.
    82 9 Melden
    • Pokus 11.12.2016 20:19
      Highlight Ist der letzte Kurde tot, findet er bestimmt was anderes 👍
      44 3 Melden
  • Einfache Meinung 11.12.2016 19:16
    Highlight Es ist eine gefährliche Zeit im Moment
    24 6 Melden
  • rodolofo 11.12.2016 18:55
    Highlight Eines (Rechts-)Staat darf niemals sein, Rache nehmen!
    Wenn die Justiz rächt, dann ist sie blind vor Hass.
    Zu einem funktionierenden Rechtsstaat gehört es auch, Verständnis zu haben für die Dynamik von Kriminellen-Karieren!
    Das Rache-Bedürfnis von Opfern ist zwar verständlich, aber es dreht auch weiter an der Gewalt-Spirale, die Verbrecher und Terroristen erst hervor bringt.
    Jesus ist doch im Islam ein anerkannter Prophet!
    Haben seine Botschaften der Liebe und der Versöhnung denn keine Spuren hinterlassen im Koran?
    Und für den Frieden müsste der (scheinbar) Mächtigere den ersten Schritt machen.
    50 9 Melden
    • Money Matter 11.12.2016 19:29
      Highlight Kennen Sie den Koran oder/und die Bibel?
      9 24 Melden
    • rodolofo 11.12.2016 19:38
      Highlight Weder noch.
      Aber einige einprägsame Merksätze aus der Bibel habe ich intus.
      8 7 Melden
    • Enzasa 11.12.2016 20:00
      Highlight Allah und auch Gott sind gnädig und voller Verständnis für die menschliche Fehlbarkeit.
      Allah und auch Gott stehen für Barmherzigkeit.
      Religion und Politik sind zwei Paar Schuhe.

      Rachegefühle sind menschliche Gefühle, Zivilisation und Kultur sollen dafür sorgen diese destruktiven Kräfte im Zaun zu halten werden.
      Erdogan ist ein schlechter Staatsmann wenn er Rache fordert
      24 6 Melden
    • _kokolorix 11.12.2016 20:35
      Highlight Das alles hat mit dem Glauben nur insofern etwas zu tun, dass Gläubige generell leichtgläubig den Mächtigen folgen.
      Erdogan ist ist ein machtgieriger Egomane und er hasst die Kurden oder er benutzt sie als Sündenböcke (auch ein religiöser Begriff).
      Die Religion ist für ihn nur ein Mittel um Macht auszuüben.
      Das tragische ist, dass eine grosse Zahl von Menschen des logischen Denkens nicht mächtig sind und daher nicht erkennen, dass es genau Erdogans aggressive Machtpolitik ist, welche die Terrorakte provoziert. Eine klassische Win-win Situation für alle Machtgeilen, hüben wie drüben
      8 2 Melden
    • philosophund 11.12.2016 22:47
      Highlight Man darf dabei nicht vergessen, wie Ersogan die Kurden hofiert hatte und ähnl. opportunistisch gehandelt hat wie damals mit Assad.
      5 0 Melden

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