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Türkei-Präsident Erdogan droht mit Ausweitung der Syrien-Offensive

19.03.18, 22:52 20.03.18, 06:56


Einen Tag nach der Einnahme von Afrin hat die siegreiche türkische Seite genauere Angaben über ihren Rückzug aus dem syrischen Gebiet vermieden. Präsident Recep Tayyip Erdogan drohte sogar mit einer Ausweitung der Offensive.

«Wir sind keine Besatzer», sagte der türkische Regierungssprecher Bekir Bozdag am Montag. Die Türkei habe keine Absicht, langfristig in Afrin zu bleiben. Ziel der Türkei sei es, die Region «vom Terror zu säubern» und sie «ihren rechtmässigen Besitzern zurückzugeben».

Bozdag, der auch stellvertretender Ministerpräsident ist, liess aber offen, wer mit den «wirklichen Besitzern» Afrins gemeint sind und wann genau mit einem Abzug zu rechnen sei. Vergangene Woche hatte ein Sprecher des türkischen Präsidenten Erdogan gesagt, die Türkei wolle das Gebiet nicht an die Machthaber in Damaskus zurückgeben.

Syrien fordert sofortigen Abzug

Syrien forderte unterdessen in einem Schreiben an die UNO den sofortigen Abzug der türkischen Armee von seinem Territorium. «Die Erklärung des Präsidenten des türkischen Regimes, dass seine Invasionstruppen Afrin kontrollieren, ist rechtswidrig», hiess es in dem Schreiben.

epa06614599 Children play at the recently captured city of Afrin, Syria, 19 March 2018. Turkish President Recep Tayyip Erdogan on 18 March said the Turkish military and allied Syrian militias of the Free Syrian Army had taken complete control of the city of Afrin, the capital of the Kurdish enclave of the same name in northwest Syria. The Turkish army on 20 January 2018 launched 'Operation Olive Branch' in Syria's northern regions against the Kurdish Popular Protection Units (YPG) forces and the Syrian Democratic Forces (SDF) which controlled the city of Afrin. Turkey classifies the YPG as a terrorist organization. The Turkish-backed Free Syrian Army is an armed rebel military group that operates in northern Syria and is supported by the Turkish army.  EPA/AREF TAMMAWI

Kinder im syrischen Afrin. Bild: EPA/EPA

Der türkische Präsident Erdogan drohte am Montag mit einer Ausweitung der Offensive nach Ostsyrien und einem Einmarsch in den benachbarten Irak. Im Visier sind dabei weitere von der Kurdenmiliz YPG kontrollierte Gebiete sowie «Terrorcamps» der in der Türkei verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK im Nordirak. Sollte Bagdad nicht agieren, wolle die Türkei diese Ziele «wenn nötig anhaltend unter Kontrolle bringen», warnte Erdogan.

Plünderungen gehen weiter

Die türkische Armee und verbündete Kämpfer der so genannten Freien Syrischen Armee (FSA) hatten die Stadt Afrin am Sonntagmorgen in ihre Hand gebracht, nachdem sich die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) kampflos zurückgezogen hatten. Es ist für die Türkei der grösste Erfolg seit Beginn der Afrin-Offensive im Januar.

Plünderungen durch pro-türkische Einheiten gingen am Montag weiter, wie ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP berichtete. Nach der Einnahme der Stadt waren Autos, Lastwagen und Traktoren zu sehen, die Nahrungsmittel, Elektrogeräte, Decken, Schafe und Motorräder abtransportierten.

Der frühere Vorsitzende der Syrischen Nationalen Koalition (SNC), Chaled Chodscha, verurteilte die Plünderungen in Afrin. Für «Banditen und Wegelagerer» könne es unter den Rebellen keinen Platz geben.

Swiss Peter Maurer, president of the International Committee of the Red Cross (ICRC), informs during the press conference about the budget for 2014. ICRC President Peter Maurer will present an overview of the organization's operations and priorities for 2014 and the corresponding budgetary requirements, at ICRC headquarters in Geneva, Switzerland, Thursday December 5, 2013. (KEYSTONE/Martial Trezzini)

IKRK-Präsident Maurer macht die Lage in Afrin Sorgen. Bild: KEYSTONE

Der Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), Peter Maurer, forderte am Montag in Genf freien Zugang nach Afrin. Die Zivilbevölkerung habe das Recht auf unparteiische Hilfe und das Recht zu bleiben oder wegzuziehen. Der Türkische Rote Halbmond sei dort ungeeignet für humanitäre Hilfe.

Die US-Regierung erklärte sich besorgt über humanitäre Lage in Afrin. Es scheine, als sei die Mehrheit der Bevölkerung der überwiegend kurdischen Stadt nach Androhung eines türkischen Angriffes in Sicherheit gebracht worden, erklärte die Sprecherin des Aussenministeriums, Heather Nauert, am Montag. Dies verschärfe die ohnehin alarmierende humanitäre Situation in der Region zusätzlich. Man sei «zutiefst beunruhigt».

Türkische Präsenz

Die Türkei hatte die Offensive am 20. Januar gestartet, um die kurdischen YPG-Einheiten aus Afrin zu vertreiben. Ankara sieht die Präsenz der YPG an der Grenze als Bedrohung, da die Gruppe eng mit der PKK verbunden ist. Nachdem die Offensive lange nur langsam vorangekommen war, kreisten die türkischen Kräfte vor einer Woche die Stadt Afrin ein. Die YPG hatte zuvor mit Unterstützung der USA gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gekämpft.

Rund 250'000 Zivilisten flohen laut der in Grossbritannien ansässigen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte aus der Stadt, bevor sich der Belagerungsring schloss. Für die kurdische Miliz ist der Verlust von Afrin ein schwerer Schlag, während die Türkei damit ihr Einflussgebiet erheblich ausweiten kann.

Der Sicherheitsexperte Nicholas Heras sieht die Einnahme Afrins als grossen Erfolg für den türkischen Präsidenten Erdogan. Afrin sei strategisch sehr wichtig und werde die Präsenz der Türkei in Syrien auf Jahre sichern, sagte der Wissenschaftler vom Center for a New American Security in Washington, USA.

Nach Zählung der Beobachtungsstelle wurden bei der Offensive mehr als 1500 YPG-Kämpfer, 400 pro-türkische Rebellen und 46 türkische Soldaten getötet. Laut der oppositionsnahen Beobachtungsstelle, die ihre Informationen von Ärzten und Aktivisten vor Ort bezieht, gab es zudem 280 Tote unter den Zivilisten. Die Türkei bestreitet diese Angaben.

Am anderen Brennpunkt des Syrien-Kriegs, in Ost-Ghuta in unmittelbarer Umgebung von Damaskus, mehrten sich die Anzeichen einer Niederlage der Rebellen. Das russische Militär meldete nach einem Bericht der Nachrichtenagentur TASS die Flucht von Tausenden Menschen. (sda/afp/dpa/reu)

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Brikne, 20.7.2017
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31
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    Alle Leser-Kommentare
  • rodolofo 20.03.2018 07:35
    Highlight «Wir sind keine Besatzer», sagte der türkische Regierungssprecher Bekir Bozdag am Montag. Die Türkei habe keine Absicht, langfristig in Afrin zu bleiben. Ziel der Türkei sei es, die Region «vom Terror zu säubern» und sie «ihren rechtmässigen Besitzern zurückzugeben».
    Und dann Assad-Syrien:
    «Die Erklärung des Präsidenten des türkischen Regimes, dass seine Invasionstruppen Afrin kontrollieren, ist rechtswidrig»
    Vermutlich ebenso falsch.
    Der Weltöffentlichkeit wird ein weiteres Ganovenstück vorgespielt...
    Sind die nicht letzte Woche (ohne Kurden) zusammengehockt und haben alles besprochen?
    5 3 Melden
  • kuwi 20.03.2018 06:38
    Highlight Jahrzehntelang haben die USA die Türkei als strategische Basis aufgebaut und dafür gesorgt, dass man möglichst nah an Russland dran ist. Jetzt nützt Oberislamist Erdogan die Gunst der Stunde, um sein Territorium zu erweitern und sich die Kurden vom Hals zu schaffen. Wir bekommen als Dank die ganzen Flüchtlinge und haufenweise Probleme. Aber unser Freund, der Amerikaner hilft uns da ganz bestimmt aus der Patsche. Selten so gelacht!
    4 4 Melden
    • Oberon 20.03.2018 20:32
      Highlight @kuwi
      Ich glaube da werden noch ganz andere "aufstehen" und die Gunst der Stunde ergreifen.
      0 0 Melden
  • Kubod 19.03.2018 23:56
    Highlight Erdogan, der Kalif der AKP - Türkei, der selbsternannte Führer der sunnitischen Moslems, offener Unterstützer und Förderer des IS, des Daesh sammelt seine islamistischen Terroristen und marschiert in Syrien ein.

    Diese Türkei hat mit der säkularen Turkei Attatürks, die auf dem Weg war, zivilisiert zu werden, nichts mehr zu tun. Erdogan führt das Land direkt zurück ins Mittelalter. Diese Türkei hat keinen Platz in einer säkularen EU. Dass die Türken ihm nachlaufen und ihn Führer nennen, lässt auf mangelnde Integrationsfähigkeit in der europäischen Zivilisation schliessen.


    73 5 Melden
  • elias776 19.03.2018 23:42
    Highlight Die wirklichen Verlierer sind keine der hier aufgezählten Persönlichkeiten, sondern das Volk.
    33 3 Melden
  • Oberon 19.03.2018 22:53
    Highlight Oh, kommt jetzt die Retourkutsche von Putin und er lässt via Syrien die Türkei über die Klinge springen?
    28 3 Melden
    • DerTaran 20.03.2018 00:32
      Highlight Nein, Putin und Erdogan mögen sich doch wieder!
      10 1 Melden
    • CASSIO 20.03.2018 04:16
      Highlight ach, der böse putin. wir westler sind ja schon viel besser. wir unterstützen radikale rebellen in einem weiteren stellvertreterkrieg, nur um putin eins auszuwischen. wir westler sind mehr als nur scheinheilig!
      21 21 Melden
    • kuwi 20.03.2018 06:44
      Highlight Wenn Europa und Russland zusammenspannen würden, hätte der Ami das Nachsehen. Wir brauchen doch keinen Schutz von dem, der die ganzen Konflikte in Gang bringt, um uns dann seine Waffen zu verkaufen - sorry - aufzuzwingen. Es ist einzig und allein das Geschäftsmodell der USA, uns zu beschützen und gleichzeitig unter Druck zu setzen. Die Mafia funktioniert nach dem gleichen Prinzip.
      7 3 Melden
    • äti 20.03.2018 14:07
      Highlight Nadann, live:



      0 0 Melden
    • Oberon 20.03.2018 16:09
      Highlight @Radiochopf
      Mit meiner rhetorischen Frage habe ich nur suggeriert das mit der Türkei (Erdogan) vielleicht ein falsches Spiel gespielt wird.

      Warum du jetzt noch auf Frau Merkel kommst ist mir auch ein Rätsel. Aber ich bin der Meinung jeder darf in seiner Blase leben wie er möchte.

      @DerTaran
      Wer sagt das, nur weil Erdogan wegen dem Flugzeugabschuss zu kreuze gekrochen ist? Putin ist extrem nachtragend und ich kann mir gut vorstellen das es in seine Agende passt weiter Unruhen in diesem Gebiet zu erzwingen.

      @kuwi
      Ja sehe ich ähnlich, aber die USA demontiert sich eh gerade selber.
      1 0 Melden
  • ardan 19.03.2018 22:51
    Highlight „Nach Zählung der Beobachtungsstelle wurden bei der Offensive mehr als 1500 YPG-Kämpfer, 400 pro-türkische Rebellen und 46 türkische Soldaten getötet“
    Diese Zahlen sind völlig Falsch. Jeder der sich mit dem Bürgerkrieg in Syrien auseinandersetzt weiss dass es viel mehr Tota bei den Salafisten gab. Wir sprechen hier von vierstelligen Zahlen...
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