International

Nach dem gescheiterten Putsch: Soldaten auf der Bosporus-Brücke in Istanbul sind dem Zorn der Menge ausgesetzt. Bild: STRINGER/REUTERS

Skrupellose Offiziere, Dilettanten oder bloss Bauernopfer? Wer sind die türkischen Putschisten?

Der Umsturzversuch in der Türkei wirkte überhastet und konfus. Wer waren die Soldaten, die Präsident Erdogan aus dem Amt putschen wollten?

17.07.16, 15:22 17.07.16, 15:58

Maximilian Popp, ankara

Ein Artikel von

Akin Öztürk wären nur noch sechs Wochen geblieben. Am 30. August sollte der türkische Vier-Sterne-General in Rente gehen. Öztürk hätte auf eine beachtliche Karriere innerhalb der Streitkräfte zurückgeblickt: Militär-Attaché in Tel Aviv, Kommandant der türkischen Luftwaffe mit engen Kontakten zur Nato, zuletzt Mitglied des Militärrats. Er gehörte zur Elite des Landes, galt als unantastbar.

Nun aber kursieren Bilder in den türkischen Medien, die zeigen, wie Öztürk von Polizisten abgeführt wird. Der General soll für den Putschversuch gegen die Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan mitverantwortlich sein.

Istanbul am Samstag: Selfie vor einem ausgebrannten Schützenpanzer. Bild: Hussein Malla/AP/KEYSTONE

Eine Gruppe innerhalb der Streitkräfte hatte in der Nacht von Freitag auf Samstag vorübergehend Teile Istanbuls und Ankaras besetzt gehalten, Panzer rollten durch die Strassen, Bomben detonierten, mindestens 265 Menschen kamen bei der Operation ums Leben, mehr als 1000 wurden verletzt. Am Samstagvormittag erlangte die Regierung die Kontrolle über das Geschehen zurück. Mehr als 3000 Angehörige der Streitkräfte wurden verhaftet – darunter Öztürk.

«Sie zitterten. Sie sagten, sie befolgten lediglich Befehle.»

CNN-Türk-Journalist

Ein ranghoher Regierungsbeamter bezeichnete den General als «Mastermind» hinter dem Putschversuch. Er soll eine vergleichsweise kleine «Verschwörergruppe» innerhalb des Militärs angeführt haben, der neben weiteren Führungskräften, wie etwa dem General der zweiten Armee, Adem Huduti, vor allem rangniedrige Soldaten angehörten. Nach Berichten türkischer Medien sind etliche von Ihnen offenbar zunächst davon ausgegangen, dass es sich bei dem Einsatz lediglich um eine Übung handle.

Die überwiegend jungen Soldaten hatten Angst

Ein Mitarbeiter des Senders CNN Türk, der vorübergehend von den Putschisten besetzt wurde, berichtet, bei den Soldaten habe es sich überwiegend um junge Männer gehandelt. «Sie zitterten. Sie sagten, sie befolgten lediglich Befehle.»

Soldaten stürmen den Fernsehsender CNN Türk

YouTube/ETV Andhra Pradesh

Präsident Erdogan bezichtigte in einer Rede am Samstagabend in Istanbul erneut den islamistischen Prediger Fethullah Gülen, den Putsch orchestriert zu haben. Gülen, der seit den 90er Jahren im selbstgewählten Exil in Pennsylvania lebt, bestreitet die Vorwürfe und auch deutsche Geheimdienstmitarbeiter halten eine Beteiligung des Predigers an dem Coup für eher unwahrscheinlich. Erdogan fordert von den USA trotzdem Gülens Auslieferung.

Nach dem gescheiterten Putsch: Feststimmung in Istanbul

Nach Aussagen eines türkischen Offiziellen haben die Putschisten bereits detailliert festgelegt, wer von ihnen im Falle einer Machtübernahme Ämter in Regierung und Verwaltung übernehmen würde. Ermittler fanden angeblich eine Liste mit über hundert Namen von Personen, die als Gouverneure und Behördenchefs vorgesehen waren. Die Offiziere hätten für jeden Bezirk in der Türkei einen Militärkommandanten festgelegt. Die zivile Führung hätte komplett ausgetauscht werden sollen.

«Das war kein Coup. Das war die Kamikaze-Aktion einer skrupellosen Gruppe, die eher aus Frustration, denn aus Kalkül gehandelt hat»

Politikwissenschaftler Akin Ünver.

Ziel der Putschisten sei es gewesen, zunächst strategisch wichtige Orte wie die Bosporus-Brücke und den Taxim-Platz in Istanbul zu besetzen und den Regierungssitz, den Präsidentenpalast und das Parlament in Ankara zu stürmen, sagt der Beamte. Sie hätten versucht, das Telefonnetz unter ihre Kontrolle zu bringen und die Medien abzuschalten. Jets sollten tief über Wohnhäusern fliegen, um die Menschen einzuschüchtern und sie davon abzuhalten, auf die Strasse zu gehen.

«Das war kein Coup, das war eine Kamikaze-Aktion»

Ein Berater Erdogans sieht einen Zusammenhang zwischen dem Coup und der geplanten Umstrukturierung der Militärführung im August. Die Offiziere hätten gewusst, dass sie ihre Ämter verlieren und seien deshalb dazu gezwungen gewesen, schnell zu handeln.

Flucht aus der Türkei: Eine Gruppe von Soldaten setzte sich nach dem Putschversuch mit einem Helikopter ins benachbarte Griechenland ab.
Bild: EPA/ANA-MPA

Der Putschversuch wirkte überhastet, schlecht geplant, geradezu dilettantisch. «Das war kein Coup. Das war die Kamikaze-Aktion einer skrupellosen Gruppe, die eher aus Frustration, denn aus Kalkül gehandelt hat», sagt der Istanbuler Politikwissenschaftler Akin Ünver.

Präsident Erdogan nützt den Vorfall trotzdem, um nun noch härter gegen Kritiker vorzugehen. Fast dreitausend Richter wurden abgesetzt, zwei Verfassungsrichter sollen verhaftet worden sein – wie zuvor schon zehn Mitglieder des türkischen Staatsrats und fünf Mitglieder des Hohen Rats der Richter und Staatsanwälte. Türkische Medien berichten, dass gegen 140 Richter und Staatsanwälte in der Türkei Festnahmebefehle ergangen sind. Erdogan will das Parlament zudem über die Wiedereinführung der Todesstrafe beraten lassen.

Der Putsch durch das Militär wurde abgewendet. Die Demokratie in der Türkei wurde dadurch noch lange nicht gerettet.

Putschversuch in der Türkei

Gab es eine Explosion an Bord des U-Boots? 

Wegen «Terrorismus»: Türkei zensiert weitere kritische Sender

Jetzt schlägt Gülen zurück: «Erdogan hat Putschversuch selbst inszeniert»

Türkische Regierung setzt 28 gewählte Bürgermeister ab

Türkei schafft Platz für Putschisten und entlässt fast 36'000 Verurteilte aus Gefängnissen

Schweiz muss die Menschenrechte in der Türkei überprüfen – wir sind gespannt auf das Resultat

Eklat in der Türkei: Minister lässt nach Interview mit deutschem TV-Sender den Film beschlagnahmen

Erdogan droht Rom: «Italien sollte sich um die Mafia kümmern, nicht um meinen Sohn»

Türkei fordert von den USA offiziell die Verhaftung Gülens

Putschversuch mit Ansage: «Es war nur eine Frage der Zeit»

Warum der missglückte Putsch in der Türkei für die USA gefährlich ist

Staatsfeind Nummer eins: Zu Besuch bei Erdogan-Gegner Gülen

Alle Artikel anzeigen

Hol dir die App!

Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
2
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
2Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Spooky 18.07.2016 01:50
    Highlight "Skrupellose Offiziere, Dilettanten oder bloss Bauernopfer? "

    Ich tippe auf Bauernopfer. Auf Bauernopfer von Erdogan, oder auf Bauernopfer des Westens. Aber das ist eigentlich dasselbe.
    26 5 Melden
  • Tropfnase 17.07.2016 16:39
    Highlight Gleich wie 1933 in Deutschland, werden alle politischen Gegner verfolgt. Die Verhaftungen gehen weit über die Putschisten hinaus. Ob dieser Putschversuch nun von Erdowan geplant wurde oder nicht, für die festigung seiner totalen Macht konnte nichts besseres passieren!
    146 2 Melden

«Weisses Europa»: 60'000 Nationalisten ziehen durch Warschau

60'000 Nationalisten und Rechtsradikale sind bei einem sogenannten Unabhängigkeitsmarsch durch die Strassen Warschaus gezogen. Sie riefen Slogans wie «Gott, Ehre, Vaterland» und «Polnische Industrie in polnische Hände», wie die Agentur PAP am Samstag berichtete.

Zahlreiche Teilnehmer entzündeten bengalische Feuer. Beim Umzug waren Fahnen mit Aufschriften wie «weisses Europa brüderlicher Nationen» zu sehen. Organisiert wurde der Marsch von Gruppen, die politisch ganz am rechten Rand zu finden …

Artikel lesen