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Erdogan (Mitte) in Istanbul. Bild: HUSEYIN ALDEMIR/REUTERS

Erdogan in Istanbul: «Der Präsident ist an der Macht»

Nach dem versuchten Militärputsch in der Türkei meldet die Regierung, die Lage sei «weitgehend unter Kontrolle». Staatspräsident Erdogan erklärt, die Aufständischen «werden keinen Erfolg haben».

16.07.16, 06:41 16.07.16, 11:07

Ein Artikel von

Es sei ein «idiotischer Versuch gewesen», sagt der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim in der Nacht zu Samstag. Und: Dieser Versuch sei «zum Scheitern verurteilt» gewesen. Inzwischen – Stunden nachdem das Militär im Land seinen Putsch gegen die Regierung begonnen hatte – sei die Lage «weitgehend unter Kontrolle».

Yildirim klingt bei seinem Interview mit dem Nachrichtensender NTV optimistisch. Und auch ein Sprecher des türkischen Geheimdienstes MIT sagte dem Sender CNN Türk, der Putschversuch sei «abgewendet».

Doch ganz so schnell wird sich die Lage im Land wohl nicht beruhigen. Noch immer gibt es Meldungen über teils blutige Auseinandersetzungen im Land. Was war passiert?

Die Lage in Istanbul und Ankara

Am Freitagabend verkündete das Militär, die Macht im Land übernommen zu haben. Es rief das Kriegsrecht aus und verhängte eine Ausgangssperre. Die Armee bezog an strategisch wichtigen Punkten in Istanbul und Ankara Stellung.

Erdogan selbst meldete sich noch in der Nacht vor Journalisten zu Wort. Es handle sich um einen «Aufstand einer Minderheit in der Armee» sagte er. Der Putschversuch sei ein Grund das Militär zu «säubern». Erdogan sagte, er habe sich zuvor in einem Hotel in Marmaris an der türkischen Mittelmeer-Küste aufgehalten. Kurz nach seiner Abreise sei das Hotel bombardiert worden.

Erdogan rief die Türken auf, sich der versuchten Machtübernahme auf der Strasse entgegenzustellen. Zahlreiche Menschen folgten diesem Ruf Erdogans – und so standen sich unter anderem auf dem Taksim-Platz in Istanbul einmal mehr Gegner und Anhänger der türkischen Regierung gegenüber.

Später trat er am Flughafen noch einmal vor seine Anhänger. «Der Präsident, den 52 Prozent der Menschen ins Amt gebracht haben, hat die Macht», sagte er. «Sie werden keinen Erfolg haben solange wir ihnen entgegenstehen, indem wir alles riskieren.»

Augenzeugen berichteten von Explosionen in der grössten Stadt des Landes, Kampfjets flogen im Tiefflug über Istanbul. Auf den Strassen kam es zu teils gewalttätigen Auseinandersetzungen. Medienberichten zufolge sollen sechs Zivilisten durch Schüsse getötet und fast hundert verletzt worden sein.

Im Studio des Senders CNN Türk übernahmen offenbar Soldaten die Kontrolle. Während einer Live-Sendung waren Schüsse zu hören – wohlgemerkt, nachdem Yildirim die Lage als «weitgehend unter Kontrolle» beschrieben hatte.

In der Nähe des Präsidentenpalastes in Ankara ist einem Medienbericht zufolge eine Bombe eingeschlagen. Das Geschoss sei von einem Kampfflugzeug abgeworfen worden, berichtete der Fernsehsender NTV. Zuvor hatte es bereits Bericht über mehrere Explosionen vor dem Parlamentsgebäude gegeben.

Türkischen Medienberichten zufolge wurde ein Hubschrauber der Putschisten von Kampfflugzeugen abgeschossen. Insgesamt kamen bei dem Putschversuch in Ankara 42 Menschen ums Leben, wie NTV berichtete. Er berief sich dabei auf einen Staatsanwalt im Distrikt Golbasi.

Erdogan versus Gülen

Gegen 2.20 Uhr landete Erdogan in Istanbul, er wurde von zahlreichen Menschen mit Jubel empfangen. Schon zuvor hatte Erdogan angekündigt, die Verantwortlichen würden vor Gericht einen hohen Preis zahlen. Er liess keinen Zweifel daran aufkommen, wen er meinte: Erdogan sieht die Schuld an dem jüngsten Putschversuch bei den Anhängern des in den USA lebenden Predigers Fethullah Gülen (mehr zu Erdogans Erzfeind lesen Sie hier).

Dieser Aussage schloss sich wenig später der türkische Justizminister an. Und auch Ministerpräsident Yildirim sprach von einem Akt der Rebellion seitens der Gülen-Bewegung.

Die widersprach bereits: «Wir verurteilen jede militärische Intervention in die Innenpolitik der Türkei», schrieb die Gülen-Bewegung in der Nacht zu Samstag in einer Erklärung an die Nachrichtenagentur AFP. Seit 40 Jahren hätten sich Gülen und die Anhänger seiner Hizmet-Bewegung für Frieden und Demokratie eingesetzt.

Gülen und seine Anhänger in der Türkei zählten lange zu den Unterstützern von Erdogan und dessen islamisch-konservativer Regierungspartei AKP. Nach einem Zerwürfnis im Jahr 2013 liess Erdogan dann mit Festnahmen, Massenversetzungen und Entlassungen im Justiz- und Polizeiapparat Tausende Gülen-Anhänger aus staatlichen Institutionen entfernen.

Politik versus Militär

Das Militär hat bei seinem Putsch auch das türkische Parlament – und zahlreiche ausländische Regierungen – gegen sich. Alle vier Parteien im türkischen Parlament sprachen sich gegen den Putschversuch aus, auch die drei Oppositionsparteien. Das teilten sie in Stellungnahmen im Fernsehen und bei Twitter mit.

Weltweit warnten Politiker vor weiterem Blutvergiessen und stellten sich hinter die demokratisch gewählte Regierung des Landes, darunter unter anderem US-Präsident Barack Obama, der russische Aussenminister Sergej Lawrow und die deutsche Bundesregierung. «Die demokratische Ordnung in der Türkei muss respektiert werden», heisst es in einer Erklärung der, die Sprecher Steffen Seibert über Twitter verbreitete. «Alles muss getan werden, um Menschenleben zu schützen.»

Die EU – nicht zuletzt wegen des Flüchtlingsdeals eng mit der Türkei verbunden – erklärte in einer Mitteilung: «Wir rufen zu einer schnellen Rückkehr zur verfassungsmässigen Ordnung auf.» Das kurze Schreiben wurde unter anderem im Namen von EU-Ratspräsident Donald Tusk und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker veröffentlicht. «Die Türkei ist ein wichtiger Partner der Europäischen Union.»

Mehr zum Thema:

Alle Nachrichten zum Putschversuch in der Türkei gibt's hier.

Kommentar: Ein Umsturz mit Ansage.

«We're fucked!» – Das WhatsApp-Protokoll von watson-Redaktor Can Kgil und seinen Cousins und Freunden in Istanbul.

aar/dpa/Reuters/AFP

Der Militärputsch in der Türkei in Bildern:

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13
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13Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • DonPedro 16.07.2016 13:47
    Highlight Jetzt folgt die Rache des Siegers, siehe Stauffenberg und Co nach Juli
    1944! Wehe den Verdächtigen und auch sonst Unangenehmen!
    1 0 Melden
  • Zuagroasta 16.07.2016 12:12
    Highlight Liebe Redaktion,
    könntet Ihr bitte diese Passage
    "Erdogan sagte, er habe sich zuvor in einem Hotel in Marmaris an der türkischen Mittelmeer-Küste aufgehalten. Kurz nach seiner Abreise sei das Hotel bombardiert worden."(sic) gegenchecken?

    Bei der Sichtweise vom heldenhaften Präsidenten, der geradeso dem Tod entronnen ist, gehen bei mir alle Alarmglocken los.

    Dies würde auch IMO dazu beitragen
    heraus zufinden, was heut nacht eigentlich da ablief. Putschversuch oder "Putschversuch"??

    Merci.
    11 0 Melden
  • Gelöschter Benutzer 16.07.2016 12:10
    Highlight Dieser Putsch dürfte Erdogan gar noch in die Hände spielen
    3 0 Melden
    • Angie666 16.07.2016 13:46
      Highlight Mir stößt es auch irgendwie sauer auf....klingt alles doch sehr nach selbstinszeniert
      2 0 Melden
  • FrancoL 16.07.2016 10:15
    Highlight Nein lieber Juncker, die Türkei UNTER Erdogan ist nicht ein wichtiger Partner der EU, sie kann es nicht sein ausser man sei so verblendet wie Junker und seine Gefolgschaft.

    Partner benehmen sich nicht wie der selbstherrliche Erdogan. Partner haben ein Rückgrat. Partner verstehen unter Demokratie Aehnliches und nicht eine installierte EINMANN-SHOW mit Marionetten im Hintergrund.

    Die Türkei könnte ein wichtiger Partner werden wenn sie denn in der Lage ist eine Demokratie zu installieren, die sich Demokratie nennen darf und Staat und Religion zu trennen vermag.
    43 2 Melden
    • Gelöschter Benutzer 16.07.2016 12:13
      Highlight Da hast Du wohl recht, aber im Vergleich zu den südlichen und östlichen Nachbarstaaten ist die Türkei nun mal das kleinste Übel. Und um Partner zu sein muss man politisch auch nicht immer auf einer Linie schwimmen, es reicht wenn man die gleichen Partikularinteressen verfolgt.
      1 1 Melden
    • FrancoL 16.07.2016 12:54
      Highlight @wullepulli: bei gleichen Interressen ist man eine Interessengemeinschaft weit weniger als eine Partnerschaft.
      1 0 Melden
  • Scaros_2 16.07.2016 10:00
    Highlight Mein Fazit nach dieser Nacht:

    - Die EU ist ein Windfahnenpackt. Bei der Ukraine, einem demokratisch gewählten Präsidenten giessen sie öl ins Feuer hier stärken sie einem den Rücken beim Putsch
    - Erdogan hat den Coup perfide ausgenutzt und stellt es nun als "Säuberung" da was ihm entgegenkommt noch mehr kontrolle im Militär zu haben
    - Er ist dem Präsidialamt damit einen riesen schritt entgegen gekommen und wird es erreichen
    - Die Türkei wird in den nächsten Monaten gewaltige Konflikte haben weil viele nutzen diese Chaos heute um sich besser zu positionieren.
    28 3 Melden
    • Scaros_2 16.07.2016 10:19
      Highlight Evtl. schlecht ausgedrückt. Wollte sagen beim Putsch in der Ukraine sind sie auf seiten der Putscher weil der Präsident ja Russland-Nahe ist und hier, wo sie Erdogan brauchen (flüchtling) sind sie auf der Seite von Erdogan.
      18 0 Melden
    • Ignorans 16.07.2016 10:39
      Highlight USA/EU sind auf der Seite der Gewinner und rechtfertigen ihre Aussagen entsprechend. In Ägypten und der Ukraine war ihnen die Demokratie egal...
      6 0 Melden
    • senfmayo 16.07.2016 11:34
      Highlight Darf ich Sie daran erinnern, dass in der Ukraine keine demokratisch gewählte Regierung an der Macht war und die EU nur ihre Sichtweise darlegte, während Russland aktiv in den Konflikt eingriff (was das ganze erst zu einem Konflikt machte). Was die Türkei betrifft, bin ich Ihrer Meinung.
      7 2 Melden
    • Randy Orton 16.07.2016 12:02
      Highlight Naja in der Ukraine war es das Volk, welches sich gegen den Staat aufgelehnt hat, weil der Präsident entgegen der Meinung vom Volk gehandelt hat mit den pro-Russland Abkommen. Bei den Demos hat er dann hunderte Menschen erschiessen lassen und die Situation eskalierte. Das ist ein riesiger Unterschied.
      3 3 Melden
    • Gelöschter Benutzer 16.07.2016 12:15
      Highlight Erdogan ist zumindest demokratisch legitimiert. Das macht in mir persönlich zwar nicht sympathischer, aber diese simple Tatsache gilt es trotzdem zu bedenken.
      1 0 Melden

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