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Still frame taken from video shows Turkey's President Tayyip Erdogan speaking via a Facetime video connection to address the nation during an attempted coup, in Marmais, Turkey, on July 16, 2016. CNN TURK/ via REUTERS TV  ATTENTION EDITORS - THIS IMAGE WAS PROVIDED BY A THIRD PARTY. EDITORIAL USE ONLY. NO RESALES. NO ARCHIVES. TURKEY OUT. NO COMMERCIAL OR EDITORIAL SALES IN TURKEY.     TPX IMAGES OF THE DAY

Abgefilmt und oft geteilt: Präsident Erdogan im Video-Stream. Bild: REUTERS TV/REUTERS

Putschversuch in Echtzeit: Wie Erdogan vom Netz profitiert hat

Lange ist der türkische Präsident mit allen Mitteln gegen ein freies Internet vorgegangen. Nun haben ihm die sozialen Medien dabei geholfen, im Amt zu bleiben – weil er mit ihrer Hilfe seine Anhänger mobilisieren konnte.

16.07.16, 16:05 16.07.16, 16:25

Christoph Seidler



Ein Artikel von

Ein Satz hat den US-Musiker und Dichter Gil Scott-Heron unsterblich gemacht. «The Revolution will not be televised», die Revolution wird nicht im Fernsehen übertragen, so lautete der Titel eines Gedichtes, das er 1970 als Song auf seinem Album «Small Talk at 125th and Lenox» veröffentlichte. Der Sprechgesang war ein prägendes Vorbild für spätere Rap- und Hip-Hop-Künstler – auch wenn ihm das nie recht passte. Scott-Herons These: Wenn die afroamerikanische Bevölkerung in den USA etwas an ihrer Situation ändern wolle, dann müsse sie selbst aktiv werden – sich vom passiven Medienkonsumenten zum aktiven Bürgerrechtskämpfer aufschwingen.

Dass das Fernsehen nicht wichtig für Revolutionen und politische Umstürze aller Art war, das stimmte freilich nicht. Ganz im Gegenteil. Wer Zugriff auf Sendestudios und Antennen hatte, dem gehörte auch die Deutungshoheit über die aktuellen Ereignisse. Wer bestimmte, was die TV-Zuschauer auf ihren Bildschirmen zu sehen bekamen, der konnte entscheidend seine Chancen steigern, am Ende als Sieger dazustehen.

Selbsterfüllende Prophezeiung

Die turbulenten Stunden von Umstürzen haben nämlich auch den Charakter einer selbsterfüllenden Prophezeiung. Wer glaubt, dass alle auf die Strasse gehen, geht vielleicht auch mit. Und wer glaubt, dass alle zu Hause bleiben, der bleibt womöglich ebenfalls verängstigt in seinen vier Wänden.

Für die Einschätzung, ob es sich lohnt, das Risiko einer Beteiligung an einem Umsturz einzugehen, sind Medien – allen voran das Fernsehen – entscheidend. Oder besser: Sie waren es. Das zeigen die Ereignisse vom Freitagabend in Ankara und Istanbul. Denn wie schon vor einigen Jahren beim Arabischen Frühling, wie bei den Geschehnissen auf dem Maidan in Kiew, ist die Welt einmal mehr Zeuge eines Umsturzversuchs in Echtzeit geworden – und zwar einem, in dem klassische Kanäle bestenfalls noch eine Nebenrolle spielten.

Wer die – alten – Medien hat, hat die Macht – mit dieser altbekannten Gleichung versuchten es auch die Putschisten in der Türkei zunächst: Soldaten stürmten die Räume des staatlichen Fernsehsenders TRT. Sie liessen eine Ansagerin unter vorgehaltener Waffe das Kriegsrecht verkünden, eine Ausgangssperre ebenso. Der Regierung wurde vorgeworfen, die demokratische, säkulare Rechtsordnung zu untergraben. Anschliessend lief die Botschaft in Dauerschleife.

Auch bei CNN Türk tauchten – mitten im Sendebetrieb – Bewaffnete auf, um die Ausstrahlung zu stoppen. Der Sender gehört zum Teil der Dogan-Holding, also einem innenpolitischen Gegner von Präsident Recep Tayyip Erdogan. Und doch hatte er sich genau dort telefonisch im Studio gemeldet. Per Facetime-Videobotschaft wandte er sich an seine Anhänger – und rief sie zum Widerstand gegen die Putschisten auf.

Ein gern autokratisch und mit dem Pomp eines Sultans auftretender Staatschef auf dem lächerlich kleinen Bildschirm eines Mobiltelefons, abgefilmt im Fernsehen – es war ein Bild für die Geschichtsbücher. Auf den ersten Blick sah das ganze ziemlich armselig aus – doch der Aufruf des Staatschefs zeigte Wirkung.

Und zwar vor allem, weil er unmittelbar nach der Ausstrahlung wieder und wieder in den sozialen Netzwerken geteilt wurde. Dazu kamen Erdogans eigene Durchhaltebotschaften bei Twitter und Facebook. Und CNN Türk streamte nach der Stürmung der Studios einfach bei Facebook weiter Bilder aus seinem leeren Studio, als eine Art Lebenszeichen.

Video aus CNN-Türk-Studio: Soldaten stürmen, Sender streamt auf Facebook

Video: watson.ch

Durch Social Media verbreiteten sich die Parolen des Präsidenten an seine Anhänger – und sie verfingen. Gerade in den Städten der Türkei haben soziale Netzwerke überdurchschnittlich viele Nutzer. Erdogan konnte zahllose Unterstützer auf die Strasse bringen, die sich für ihn sogar vor rollende Panzer legten. Es war ein Erfolg ohne die Hilfe der klassischen Medien.

Natürlich ist es ironisch, dass ausgerechnet Erdogan von sozialen Netzwerken profitiert. Zehntausende missliebige Webseiten hat die türkische Regierung sperren lassen. Wieder und wieder hat der Präsident Front gemacht gegen Twitter, Facebook, YouTube und Co, vor allem nach den Gezi-Protesten. Nun haben ihm diese Dienste beim Erhalt seiner Macht entscheidend mitgeholfen.

Auch ausserhalb der Türkei, etwa in Deutschland, war das Netz am Freitagabend eine wichtige Informationsquelle. Gerade wer mit den Informationsangeboten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens unzufrieden war – so verabschiedete sich der «Ereignis- und Dokumentationskanal» Phoenix kurz vor Mitternacht per Twitter, man werde Samstagmorgen ab 9 Uhr weitersenden – wurde online fündig, längst nicht nur auf den klassischen Nachrichtenseite wie «Spiegel Online».

Militärputsch in der Türkei

Da gab es die Periscope- und Facebook-Livestreams von den Strassen Istanbuls und Ankaras. Da gab es die Tweets türkischer Journalisten und die deutschen Kollegen, die News schnell übersetzten. Da gab es die Echtzeitkarten von Flightradar24 zu den Flugbewegungen im türkischen Luftraum.

Die Revolution – beziehungsweise der Putschversuch – wurde also wirklich nicht im Fernsehen übertragen. Aber im Gegensatz zu den besten Zeiten von Gil Scott-Heron ist das mittlerweile auch ziemlich egal.

Ach, aber vielleicht doch noch ein Satz zu den USA: Dort streamen schwarze Opfer von Polizeigewalt dieser Tage ihre dramatischen Erlebnisse ebenfalls im Netz. Gil Scott-Heron hätte das sicher gefallen. Natürlich nicht, dass viele Afroamerikaner auch nach Jahrzehnten des Bürgerrechtskampfs noch immer kaum Chancen haben, genau diese Rechte auch zu erhalten. Aber immerhin: Es passiert nicht einfach so unbemerkt – sondern die Welt erfährt davon.

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    Alle Leser-Kommentare
  • axantas 16.07.2016 17:27
    Highlight Wie gut, dass die Dienste nicht grad wieder mal wegen Sultansbeleidigung gesperrt waren...
    11 0 Melden

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