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Supporters of Tukish President Tayyip Erdogan lift up his portrait as they celebrate with flags in Ankara, Turkey, July 16, 2016.   REUTERS/Tumay Berkin

Anhänger des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan am Samstag in Ankara.
Bild: TUMAY BERKIN/REUTERS

Die Türkei nach dem Putschversuch: Grosse Freude, noch grössere Angst

In der türkischen Hauptstadt Ankara sind die Menschen spürbar erleichtert, dass der Putsch gegen die Regierung abgewendet wurde. Doch viele sorgen sich um die Zukunft des Landes.

17.07.16, 11:34 17.07.16, 12:03

Onur Burçak Belli und Maximilian Popp, ankara



Ein Artikel von

Weniger als 24 Stunden nach Beginn des Coups steht Ahmet Sentürk, Ingenieur, 30 Jahre alt, auf dem Bahnhofsplatz in der türkischen Hauptstadt Ankara. Er hat ein rotes Band um seinen Kopf gebunden, er hält eine türkische Fahne in der Hand und blickt ungläubig auf die Menschenmenge, die jubelnd an ihm vorbeizieht. «Was war das nun?», fragt er sich. Ein böser Traum? Ein bizarrer Scherz?

Am Vorabend waren Panzer durch die Strassen von Ankara gerollt, flogen Kampfjets über die Wohnhäuser hinweg, gingen im Parlament Bomben hoch. Einige Stunden lang sah es so aus, als würde eine Gruppe Soldaten die Macht über die Türkei übernehmen, als müsste Präsident Recep Tayyip Erdogan das Land verlassen.

Doch der Putschversuch gegen Erdogan ist gescheitert. Bereits am Samstagvormittag erlangte die Regierung die Kontrolle zurück. Kurz darauf kehrt in Ankara fast schon wieder so etwas wie Normalität ein.

Nach dem gescheiterten Putsch: Jubelnde Erdogan-Anhänger

Am Samstagmittag fliesst der Verkehr in der Hauptstadt weitestgehend ungehindert, Cafés stellen ihre Tische ins Freie. Die Menschen essen Sesamkringel, trinken Tee. Die Geschehnisse der Nacht zuvor bestimmen die Gespräche. «Wie konnten die Behörden diesen Coup nicht kommen sehen?», fragt ein älterer Mann. «Die Putschisten haben sich doch bewaffnet.»

In Teilen der Stadt wird zu dieser Zeit auch noch gekämpft. Barrikaden versperren einzelne Strassen. Putschisten, die sich im Hauptquartier der Armee verschanzt haben, liefern sich ein letztes Gefecht mit der Polizei.

Erst ab dem Nachmittag feiern die Bürger auf dem Kiziliay Platz, im Zentrum Ankaras, den endgültigen Sieg über die abtrünnigen Militärs. Sie tragen türkische Fahnen bei sich und skandieren «Die Türkei gehört uns!» und «Allah ist gross».

Die einen feiern, die anderen leiden

Die Party dauert bis spät in die Nacht an. Autos hupen. Regierungsanhänger singen Lieder. Die Menschen geben sich ausgelassen, doch viele stehen noch immer unter Schock. Sumeyye Aciker, eine Soziologiestudentin aus Ankara, erzählt, ihr Vater sei am Freitagabend stundenlang an seinem Arbeitsplatz in der Nähe des Parlaments festgesessen.

«Er rief gegen 9 Uhr an und sagte, dass Kampfjets am Himmel wären. Wir sassen vor dem Fernseher und haben gebetet.» Aciker sah mit an, wie Soldaten auf Passanten schossen. «Ich kann es nicht ertragen, dass sie unsere Leute mit unseren eigenen Jets, unseren eigenen Panzern und Helikoptern angegriffen haben», sagt sie.

Viele sorgen sich um die Zukunft der Türkei. Zwar wurde der Putsch durch das Militär abgewendet, doch die Demokratie in der Türkei erodiert weiter. Die Gesellschaft ist tief gespalten, und Präsident Erdogan hat bereits angekündigt, seinen unerbittlichen Politikstil fortsetzen zu wollen und nun noch härter gegen Gegner vorzugehen.

«Jetzt, da wir Bürger Erdogan vor einem Coup bewahrt haben, werden wir mehr Rechte erlangen? Können wir nun frei über ihn sprechen? Bekommen wir freie Medien?», fragt der türkische Journalist Yusuf Sayman.

Die wenigsten Oppositionellen würden diese Frage im Moment mit Ja beantworten.

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Jürg Müller 17.07.2016 15:29
    Highlight Ich frage mich, wie ein Putsch des Militärs, mit zwei Kampffliegern, 5 Panzern, 11 Schützenpanzern und 1'500 Mann funktionieren soll. Zumal sich die putschenden Soldaten schon wenige Stunden nach Beginn des Putsches verhaften liessen. Ausserdem wurde das Hotel, in dem sich RTE aufhielt, kurz nachdem er es verliess, angegriffen. Zudem wurden keine 2 Tage nach dem 'Putsch' schon viele (letzte Info 6'000) Oppositionelle, Juristen und Richter verhaftet oder ihres Amtes enthoben. Sogar am obersten Gericht wird gesäubert. Ich finde das irgendwie komisch.
    20 1 Melden
    • rodolofo 17.07.2016 17:53
      Highlight Tatsächlich riecht das verdächtig nach einer Inszenierung! Damit sie realistischer wirkte, wurden möglicherweise einige Soldaten von ihren Vorgesetzten bewusst ins offene Messer gejagd.
      Waren sie die "Bauernopfer" in diesem Schachspiel der Mächtigen?
      8 0 Melden
  • Rodolfo 17.07.2016 14:17
    Highlight 6000 Menschen (Militärs und Zivilisten) sind inzwischen in der Türkei verhaftet worden. Verhaftet, aber wo befinden sich die Verhafteten? Die Gefängnisse sind eh schon überfüllt, das riesige Zentralgefängnis in Silivri ist zum Bersten voll!
    10 1 Melden
  • Ridcully 17.07.2016 13:16
    Highlight Meine private Meinung: hier hat Erdogan seinen Reichstagbrand bekommen.
    Wie es weitergeht ist auch absehbar. Arme Türkei...
    46 2 Melden
  • retofit 17.07.2016 13:12
    Highlight Empfehlung: Mal nachlesen, wie Hitler und seine Schergen an die Macht kamen und diese nachher mit Säuberungen, Intrigen, Scheinputschen, Propaganda usw. festigten. Buchtipp dazu: Der Nürnberger Prozess von Heidecker.
    28 1 Melden
  • rodolofo 17.07.2016 11:59
    Highlight Ich bringe mein Auto jeweils zu einem Garagisten aus der Türkei. Ich kann ihm dabei zusehen, wie er alles durchcheckt und allfällige Reparaturen erledigt.
    Mit seiner ruhigen, pragmatischen Art, welche er aus dem Dorf in den Bergen, wo er einst aufgewachsen war, mitbringt, löst er alle Probleme rund ums Auto. Manchmal muss er improvisieren. Ich habe vollstes Vertrauen in ihn!
    Zwischendurch trinken wir Kaffee und plaudern über dies und das. Meist kommen wir auch auf Politische Themen. Dann hält er munter Verschwörungstheorien und Clichées über andere Volksgruppen, wie z.B. die Kurden, zum besten
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    • rodolofo 17.07.2016 17:46
      Highlight Ich glaube nicht mal, dass das "Hass" ist.
      Meistens wird beim Erzählen solcher Verschwörungstheorien und Clichées gelacht, ähnlich wie wir uns manchmal über Österreicher lustig machen.
      Aber die scheinbar lustigen Witzlein haben natürlich einen ernsten Kern. Da ist ein archaisches Stammesverhalten am Werk, das Territorien besetzt und verteidigt. Die Türkei ist diesbezüglich immer noch ein Schwellenland.
      Während ich für die Osteuropäischen Länder recht zuversichtlich bin, dass sie den Sprung in die Moderne schaffen werden, sehe ich die Türkei zurückfallen in "mittelalterliche" Verhaltensmuster.
      7 0 Melden
    • rodolofo 17.07.2016 18:32
      Highlight Nein, das ist "Grossfamiliäres Verhalten".
      Ich sehe das eben gerade NICHT mit der Hippi-Brille!
      Als "Hippi" glaubte ich noch an die moderne "Gemeinschaft" inklusive "Basisdemokratie".
      Heute weiss ich, warum im Wort "Gemeinschaft" der Ausdruck "gemein" mit enthalten ist.
      Die alternative, genossenschaftliche Basisdemokratie ist zu einem Erziehen von jedeM durch jedeN ausgeartet.
      In traditionellen Gemeinschaften sind die Leute sehr loyal gegenüber "Stammesmitgliedern" und ordnen sich dem "Häuptling" und den "Ältesten" unter. Gegenüber anderen Gangs sind sie aber umso gemeiner und rücksichtsloser.
      0 0 Melden
  • FrancoL 17.07.2016 11:53
    Highlight «Jetzt, da wir Bürger Erdogan vor einem Coup bewahrt haben, werden wir mehr Rechte erlangen? Können wir nun frei über ihn sprechen? Bekommen wir freie Medien?», fragt der türkische Journalist Yusuf Sayman.

    Was für eine naive, rhetorische Frage?
    Das darf man doch nicht als FRAGE formulieren, das muss man als FORDERUNG stellen wenn man an eine Demokratie glaubt.
    Wer dies als Frage stellt der hat bereits verloren, denn Erdogan versteht keine Fragen, er versteht nur die Stärke der machtvollen Forderung.
    30 8 Melden
    • JaneSoda*NIEwiederFaschismus 17.07.2016 13:57
      Highlight Du magst in der Sache recht haben - Erdogahn ist ein absoluter Machtmensch.
      Ich find die Art und Weise nicht störend - ich bin froh, dass dies ein Journalist öffentlich ausspricht. Wir wissen ja alle, wie Erdogahn(endlich!) mut kritischen Stimmen umgeht.
      6 1 Melden

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