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Erdogans Traum vom Osmanischen Reich

Eine Rückkehr zu altem Glanz verspricht der türkische Präsident Erdogan seinen Anhängern. Das Staatsfernsehen zeigt das Land schon in den Grenzen des Osmanischen Reichs – und das Militär greift in Nachbarstaaten ein.

26.10.16, 21:03 27.10.16, 09:24

Hasnain Kazim



Was will Erdogan? Bild: HANDOUT/REUTERS

Ein Artikel von

In Zeitungsartikeln der ganzen Welt wird Recep Tayyip Erdogan seit Jahren als «Sultan» tituliert. Aber selten passte diese Bezeichnung so gut wie jetzt, selten wurde deutlich, wie sehr sich der Präsident eine Türkei nach Vorbild des Osmanischen Reichs ersehnt. Nach den «Säuberungen» im Inland verfolgt Erdogan nun, gut drei Monate nach dem gescheiterten Putsch, auch aussenpolitisch einen aggressiven Kurs.

«Wir haben unsere derzeitigen Grenzen nicht freiwillig akzeptiert», sagte er kürzlich in einer Rede. «Unsere Gründungsväter wurden ausserhalb dieser Grenzen geboren.» Damit spielt er auf den Widerstand gegen den Vertrag von Lausanne von 1923 an, der unter anderem die heutigen Grenzen der Türkei festlegte. Vom Osmanischen Reich, das einst von Nordafrika einschliesslich Ägypten über den Balkan bis ans Kaspische Meer reichte, war nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr viel übrig – eine Tatsache, die Erdogan offensichtlich nicht akzeptieren mag.

Immer wieder stellt er die heutigen Grenzen in Andeutungen in Frage. Richtung Griechenland verkündete er zum Beispiel: «Im Vertrag von Lausanne haben wir Inseln weggegeben. So nah, dass wir eure Stimmen hören können, wenn ihr hinüberruft. Das waren unsere Inseln. Dort sind unsere Moscheen.»

Viele seiner Anhänger zeigen unverhohlen, dass sie sich die Rückkehr zu alter Grösse wünschen. Im Internet verbreiten sie Karten, die das Land in den Grenzen von 1920 zeigen. Selbst staatlich kontrollierte Sender zeigen gelegentlich solche Schaubilder.

Bis 1920 gehörten auch Teile vom heutigen Norden Syriens und Iraks dazu, darunter die Städte Aleppo und Mossul. Mit Blick auf Syrien und Irak betont Erdogan regelmässig, es gebe dort «türkische Interessen».

Premierminister Binali Yildirim erklärte, es sei «seltsam, in dieser Region Pläne ohne die Türkei zu machen». Aber, beschwichtigte er, Ankara verfolge «keine expansionistische Politik», sondern sei dort, «um Probleme zu lösen, die uns schmerzen».

Ende August griff die Türkei militärisch in den Konflikt in Syrien ein und rückte mit Panzern, Artillerie und Kampfjets auf syrisches Territorium vor. Bei der Operation «Schutzschild Euphrat» gehe es, erklärte Erdogan, um die «Säuberung des Grenzgebiets von Terroristen». Nach seiner Lesart gehören dazu nicht nur die Extremisten des »Islamischen Staats« (IS), sondern auch die Mitglieder der kurdischen PKK und ihrer syrischen Schwesterorganisation, die dort zuletzt mit US-amerikanischer und russischer Hilfe militärisch erfolgreich waren. Tatsächlich wollte Erdogan ein zusammenhängendes Kurdengebiet an der Grenze zur Türkei verhindern.

Auch im Nordirak mischt die Türkei militärisch mit, gegen den Willen der Regierungen in Bagdad und Washington. Türkisches Militär ist mit 700 Soldaten etwa 15 Kilometer nordöstlich der Stadt Mossul stationiert, die irakische Regierung sieht das als «Besatzung». Ankaras Armee griff nach Angaben von Yildirim am Wochenende erstmals aktiv in die Kämpfe gegen den IS in Mossul ein. Mehrfach hat Erdogan deutlich gemacht, dass die Türkei für sich beansprucht, zu bestimmen, wer künftig in der Stadt leben soll: nämlich «sunnitische Araber, Turkmenen und sunnitische Kurden» – ein Affront gegen den Irak, in dem mehrheitlich Schiiten leben.

Interessen auch mit Gewalt durchsetzen

Das militärische Vorgehen der Türkei belegt, dass die Regierung in Ankara gewillt ist, ihre Interessen auch mit Gewalt durchzusetzen. Das Land hatte nach dem sogenannten Arabischen Frühling die Chance gewittert, zur Regionalmacht aufzusteigen und den Nahen und Mittleren Osten nach eigenen Interessen zu formen: mit starker sunnitischer Dominanz und Regierungen in allen Ländern, die Erdogan wohlgesonnen sind.

Doch dieser Plan ging nicht auf. Vielmehr ist die Türkei mit allen Nachbarstaaten zerstritten, in Syrien dauert der Krieg seit Jahren an, der Irak ist faktisch zerfallen, in Ägypten wurde Mohammed Mursi weggeputscht – und die Türkei hat fast überall nichts zu melden. Immerhin im Nordirak hat sie sich mit der kurdischen Autonomieregierung arrangiert.

«Grösster Versuch einer westlichen Besatzung seit den Kreuzzügen»

Erdogan und seine Regierung suchen die Schuld für diese Lage nicht bei sich, sondern im Ausland. Fremde Mächte wollten demnach den Aufstieg der Türkei zur Regionalmacht verhindern, neideten ihr den wirtschaftlichen Schwung der vergangenen Jahre und wollten das Land am liebsten spalten. Der Putschversuch, so die landläufige Überzeugung, sei ein Teil dieses ausländischen Komplotts gegen die Türkei, da die Gülen-Bewegung, die nach Ansicht der Regierung dahinterstecke, vom Westen unterstützt werde. Der Coup, schreibt die regierungstreue Zeitung «Yeni Safak», sei der «grösste Versuch einer westlichen Besatzung seit den Kreuzzügen».

Der gescheiterte Umsturz, den Erdogan als «Geschenk Gottes» bezeichnete, scheint zugleich die neo-osmanischen Träume Erdogans und seiner Getreuen zu beflügeln. Das Staatsoberhaupt soll mächtiger werden – und mit ihm sein Land. Premier Yildirim brachte diese Woche auf den Punkt, worum es geht: «Die Tür zum Präsidialsystem hat sich seit dem Putschversuch vom 15. Juli weit geöffnet.»

Und mit dem Präsidialsystem soll der Einfluss der Türkei in der Region wachsen, so die Hoffnung. Ibrahim Karagül von «Yeni Safak» fasst diese Denkweise in Worte: Aleppo werde künftig ohnehin nicht von Syrien, Mossul nicht vom Irak kontrolliert werden. Das Machtspiel in der Region richte sich gegen die Türkei. Also sollte die Türkei diese Städte und die Gebiete nördlich davon für sich beanspruchen. Sein Fazit: Die Türkei sollte die «stärkste Macht in der Region» sein – «zu welchem Preis auch immer».

Zusammengefasst: Nach dem gescheiterten Putsch weitet der türkische Präsident Erdogan seine Macht innen- und aussenpolitisch aus. Die Türkei versteht sich als Regionalmacht und greift in die Konflikte in Syrien und im Irak gezielt ein – die eigenen Interessen werden auch mit Gewalt durchgesetzt, lautet die Botschaft. Anspielungen auf das Osmanische Reich sind nicht zufällig: Das Land will zu alter Grösse zurückfinden.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Ohniznachtisbett 27.10.2016 13:03
    Highlight Irgendwoher kenne ich doch diese Geschichte: Emporkömmling der schon wegen politischer Straftaten in Haft sass ist nun in der "Regierungsverantwortung". Zuerst werden im Inland Minderheiten verfolgt und die Pressefreiheit eingeschränkt. Ein inszenierter(?) Putsch wird zur Machtstabilisierung benutzt. Und plötzlich ist von Gebietserweiterungen die Rede, vorerst natürlich nur von Gebieten die "schon immer" zum eigenen Land gehörten und dem Volk von fremden Mächten weg genommen wurden und nun "heimgeholt" werden sollen... Was kommt als nächstes? Ein Überfall? Hoffen wirs nicht!
    30 2 Melden
  • ezclips 27.10.2016 00:34
    Highlight Ach er will doch auch nur bisschen Öl besitzen. Dann muss er es halt nicht mehr von seinen Freunden abkaufen und seine Familie kann sich weiter daran bereichern.
    77 4 Melden
  • Super 26.10.2016 23:18
    Highlight Gehen wir doch lieber einen ganzen Schritt zurück und holen uns Kornstantinopel und unsere Kirchen und unser Land zurück.
    Dieser Dämlack schafft es wirklich noch das er gehörig eins aufs Dach bekommt..
    Fun fact am Rande, die Hagia Sophia diente als Vorbild für die Architektur der Moscheen..
    112 3 Melden
    • Dä Brändon 27.10.2016 00:23
      Highlight So wie die EU dem hinten rein kriechen hat er nichts zu befürchten.
      71 13 Melden
    • Xi Jinping 27.10.2016 08:20
      Highlight Fun Fact II: Die Hagia Sophia war eine byzantinische Kirche bevor es eine Moschee wurde.
      30 2 Melden
    • Sapere Aude 27.10.2016 12:35
      Highlight Tönt schon fast wie Papst Urbans Aufruf zum Kreuzzug, damit hat der ganze Schlamassel erst begonnen...
      4 7 Melden
    • Super 27.10.2016 16:26
      Highlight @admiral
      Das war ja das was ich damit gemeint habe...
      4 0 Melden
    • Super 27.10.2016 16:39
      Highlight @sapere
      Natürlich, es hat nicht etwa mit der militärischen Expansion der muslime zu tun.
      Diese ist natürlich völlig korrekt, und wiederstandslos zu akzeptieren.
      Wo kämen wir da auch hin wir pösen pösen Westler, sich gegen den rechten Glauben zu wehren, unerhört sowas...
      6 4 Melden
    • Sapere Aude 27.10.2016 17:15
      Highlight @Super, was waren dann die Kreuzzüge? Genau so eine militärische Expansion der katholischen Kirche und der europäischen Könige. Sie wenden übrigens "morderne" Kriterien auf einen Konflikt an, auf welchen diese gar nicht anwendbar sind. Es ging zu dieser Zeit nicht um Westen und Muslime, sondern um zwei konkurrierende religiöse Systeme, die von Feudalherren verwendet wurden um ihren Einfluss auszuweiten. Btw. waren es gerade die Kreuzzüge, die Byzanz zusätzlich geschwächt haben. Hier von unserem Land zu sprechen ist absurd, ebenso das Schwarz/Weiss Denken.
      4 5 Melden
    • Sapere Aude 27.10.2016 17:20
      Highlight Kommt dazu, dass sich das islamische Kalifat unter Saladin erst durch die Kreuzzüge möglich war, weil es die Vereinigung gegen einen gemeinsamen Feind ermöglichte. Ausserdem waren beide Seiten für ihren Fanatismus bekannt, der sich in gewissen muslimischen Strömungen bis heute gehalten hat. Nicht ohne Grund sprechen viele Islamisten vom Kampf gegen die Kreuzzügler. Geht folglich nicht um eine Schuldzuweisung, sondern um das Erkennen von Kausalzusammenhänge.
      4 1 Melden
    • Super 27.10.2016 19:23
      Highlight @sapere
      Es sei dir natürlich gegönnt mir schwarzweissdenken zu unterstellen, der erste Kreuzzug war aber sicher keine Expansion im Sinne des Wortes sondern eine Rückeroberung.
      Wie ich finde betreibst du sehr eloquente desinformation wenn du das behauptest.
      Darüberhinaus erkennst du den Sinn meines OP Komentares nicht.
      Lies ihn doch nochmal in Ruhe und ohne Vorurteile.
      3 2 Melden
    • Sapere Aude 27.10.2016 20:52
      Highlight Die ersten Kreuzzüge waren keine Rückeroberung. Weder die Briten noch die Franken hatten in Palästina dazumal Besitztümer, auch nicht das deutsche Kaiserreichm Wenn dann die Bizantiner, die mehrmals selbs von Kreuzfahrerheere angegriffen wurden. Ich betreibe in keiner Weise Deinformation, vielmehr stelle ich das Denken hinter dem ersten Kommentar in Frage. Hier von unserem Land zu sprechen, entspricht nicht der Realität, wir sind nicht die Nachfolgeorganisation des Bizantinischen Reiches.
      5 2 Melden
  • leu84 26.10.2016 22:58
    Highlight Die Geschichte wiederholt sich immer wieder...
    95 3 Melden
  • pamayer 26.10.2016 22:49
    Highlight Tönt unangenehm wie Hitler, nachdem er an die macht gekommen war.

    Und der Putsch war natürlich sehr 'ein Geschenk Gottes'...
    124 7 Melden
    • Hoppla! 27.10.2016 06:18
      Highlight Falls er sich selbst als gottähnlich sieht, könnte dies eventuell sogar noch stimmen. ;-)
      58 1 Melden
    • pamayer 28.10.2016 08:16
      Highlight Wahrscheinlich schon.
      Ist inzwischen schon mächtiger als die bundesdeutsche Meinungsfreiheit.
      2 0 Melden
  • N. Y. P. 26.10.2016 22:44
    Highlight Am 1. September 1939 machte sich schon mal ein Führer auf den Weg ein Grossreich zu installieren.
    Die Amerikaner haben dann Europa befreit.
    Beim Sultan in der Türkei wird wohl ein Telefonat von Hillary Clinton genügen um ihn einzuschüchtern.
    Südlich der Türkei traue ich dem Z.....f....r aber zu, seinen Einfluss zu verstärken.
    75 13 Melden
  • boeserkeinohrhase 26.10.2016 22:03
    Highlight Na dann lasst Erdi das doch machen. Wenn er das unbedingt braucht.
    Oh und ich finde er sollte endlich den nächsten Schritt wagen mit Putin. Wird langsam langweilig in deren Beziehung. #PutinErdogan4eva
    30 11 Melden
    • Heinz Nacht 26.10.2016 23:38
      Highlight Hast du Putin eben Ziege genannt?!
      63 6 Melden
    • Xi Jinping 27.10.2016 08:21
      Highlight @Heinz Eher Ziegenliebhaben XD
      9 0 Melden

Und plötzlich kam da ein Kind aus Päpstin Johanna raus

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