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Russische Raketen explodieren an einer Demonstration am internationalen Militärtechnik-Forum im «Patrioten-Park» in Kubinka. Der Global Peace Index berechnet die Kosten für Kriege, Konflikte und interne Sicherheit auf 14,3 Billionen US-Dollar für das Jahr 2014. Bild: SERGEI ILNITSKY/EPA/KEYSTONE

Es ist friedlicher geworden auf der Welt, sagt der «Global Peace Index» – erschütternd sind die Zahlen zu Terrorismus, Toten und Kosten trotzdem

Forscher vermessen den Frieden: Ein globaler Index analysiert die Konflikte dieser Welt, zählt Tote und Vertriebene, berechnet Kosten. Erschütternde Zahlen kommen aus dem Nahen Osten. 

17.06.15, 06:59 17.06.15, 09:25

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Die gute Nachricht vorneweg: Es ist friedlicher geworden auf der Welt. Doch, wirklich. Mit Blick auf Krisen wie in Syrien und dem Irak, auf die Probleme in der Ostukraine und im Herzen Afrikas mag diese Einschätzung überraschen – doch die Zahlen des Global Peace Index (GPI) stützen sie. 

In seinem jährlichen Friedensindex bewertet das australische Institute for Economics and Peace (IEP) die Entwicklung in 162 Ländern mit Hilfe von insgesamt 23 Indikatoren. Dazu gehören natürlich gewaltsame Konflikte im Land und die damit verbundenen Flüchtlingszahlen ebenso wie die Beteiligung an Konflikten jenseits der eigenen Grenzen. Aber auch Faktoren wie Mordrate, soziale Sicherheit und Militärausgaben fliessen ein. 

Daraus ergibt sich: In 81 Ländern ist die Lage im Vergleich zu 2013 friedlicher geworden, in 78 Ländern hat sich die Situation verschlechtert. Drei Staaten blieben unverändert. 

Friedliches Europa, chaotischer Nahost

Die nackten Zahlen erzählen aber nur die halbe Wahrheit. Die Macher der Studie betonen: Wo es gut läuft, läuft es historisch gut. Länder wie Dänemark, Österreich oder die Schweiz erreichen Spitzenwerte, friedlicher als in Europa lebt es sich in keinem anderen Erdteil. 

Gleiches gilt aber im Gegenschluss auch für die Krisenregionen der Welt. Dort gerät die Lage zunehmend ausser Kontrolle, die Extrembeispiele sind die Regionen Naher Osten und Nördliches Afrika. «Das ist sehr beunruhigend», sagt Steve Killelea, Gründer und Vorsitzender des Instituts. «Diese Konflikte sind unkontrollierbar geworden – und sie verbreiten den Terrorismus auch in anderen Ländern.»

Terrorismus

Hier beobachteten die IEP-Experten eine beunruhigende Eskalation. Mehr als 20'000 Menschen sind im Jahr 2014 durch Terrorismus ums Leben gekommen, neun Prozent mehr als im Vorjahr. Von diesen Todesfällen ereigneten sich 82 Prozent in nur fünf Ländern: Irak, Afghanistan, Pakistan, Nigeria und Syrien. Spektakuläre Attentate wie der Angriff auf die «Charlie Hebdo»-Redaktion in Paris im Januar 2015 stehen laut der Studie exemplarisch für eine wachsende Terrorgefahr in Europa. Auch die Gesamtzahl der Länder, in denen Menschen durch Terrorismus sterben mussten, ist gestiegen – von 60 (2013) auf 69. 

Exemplarisch für eine wachsende Terrorgefahr: Der Anschlag auf «Charlie Hebdo»

Todesfälle

Krieg in Syrien, Konflikte im Irak, Unruhe im Jemen – an Krisenherden mangelt es derzeit nicht. Das spiegelt sich auch in der Zahl der Menschen wieder, die in Folge von bewaffneten Konflikten ihr Leben verloren haben. Die Studie geht für 2014 von 180'000 Toten aus, der dreieinhalbfache Wert des Jahres 2010 (49'000). Allein für Syrien werden mehr als 71'000 Todesopfer veranschlagt. 

Kosten

Natürlich sind die Kosten für Kriege, Konflikte und interne Sicherheit nie auf den Cent genau zu kalkulieren. Trotzdem vergleicht das Friedensforschungsinstitut jedes Jahr anhand von festgeschriebenen Parametern, welche finanziellen Auswirkungen der Unfrieden auf die internationale Gemeinschaft hat. Für das Jahr 2014 legen sie diesen Wert auf 14,3 Billionen US-Dollar fest. Das entspricht laut der Studie 13,4 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts – und bedeutet seit 2008 einen Anstieg von 15,3 Prozent. Die höchsten Kosten verursachen mit mehr als 60 Prozent die internationalen Streit- und Sicherheitskräfte. Aber auch die Ausgaben für die Unterbringung und Versorgung von Flüchtlingen haben sich durch die jüngsten Konflikte vervielfacht. 

Flüchtlinge

Aus Angst vor gewaltsamen Konflikten mussten weltweit mehr als 50 Millionen Menschen entweder ihr Land verlassen oder befinden sich in ihrer Heimat auf der Flucht. Laut dem Bericht bedeutet dies den höchsten Stand seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Demnach wären 0,75 Prozent der Weltbevölkerung derzeit auf der Flucht (jede 133. Person weltweit). Auch sorgten die katastrophalen Verhältnisse in Syrien für einen rasanten Anstieg. Dort befinden sich mehr als 9,5 Millionen Menschen entweder als Vertriebene noch in dem Bürgerkriegsland oder haben sich bereits in einen der Nachbarstaaten gerettet. Auch aus dem Irak, Afghanistan und Somalia sind Zehntausende Menschen vor Gewalt und Bedrohung geflohen. 

Das Elend der Flucht: Syrer stürmen türkische Grenze

Island, die friedliche Konstante

Alle diese Faktoren zusammengenommen, ergeben ein ernüchterndes Bild. Zwar ist die Welt von 2013 bis 2014 ein klein wenig friedlicher geworden. Der Vergleich mit den Zahlen seit 2008 (dies ist der neunte Jahresbericht des IEP) zeigt aber: Langfristig fällt die Entwicklung weit weniger positiv aus. Demnach verloren die 162 untersuchten Länder auf dem globalen Index im Schnitt 2,4 Prozent. 

Bei allen Schwankungen, Verschiebungen und neu ausgebrochenen Konflikten ist auf eine Konstante seit Jahren in jeder IEP-Studie Verlass: Friedlicher als in Island lebt es sich nirgends. (jok)

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Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.
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    Alle Leser-Kommentare
  • Gelöschter Benutzer 19.06.2015 09:19
    Highlight Das Land mit den meisten Personen im Knast, dem höchsten Militärbudget, über 700 Militärbasen auf der ganzen Welt, und in unzählige Angriffkriege verwickelt rum um den Erdball ist, ist dunkelgrün.

    Was für ne peinlicher Studie.
    0 0 Melden
  • mbr72 17.06.2015 14:31
    Highlight Bei Flüchtlingsströmen dieses Ausmasses von einer verbesserten Gesamtlage zu schreiben, ist fast schon fahrlässig! Unsinnige Zahlenschieberei...
    0 0 Melden
  • zombie1969 17.06.2015 11:36
    Highlight In vielen westlichen Ländern hat man sich mittlerweile an ein hohes Mass an Kriminalität gewöhnt. Wenn eine Person unschuldige Bürger bedroht oder beschimpft, dann ist das eine klare Grenzverletzung, die nicht einfach hingenommen werden darf. Die nationale, soziale, religiöse oder kulturelle Herkunft dieser Person spielt dabei keine Rolle. In der Schweiz und vielen anderen westlichen Ländern wird einfach auch zu viel Kriminalität, Unrecht und Gewalt von der Gesellschaft, der Justiz und der Politik geduldet. Man darf nie gleichgültig werden, wenn es darum geht, Unrecht und Gewalt zu bekämpfen.
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