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epa05229729 People gather and pay tribute to the many people killed and injured in multiple terrorist attacks accross Brussels on 22 March, at Place de la Bourse,  in Brussels, Belgium, 24 March 2016. At least 31 people were killed with hundreds injured in terror attacks in Brussels, Belgium on 22 March. Islamic State (IS) has claimed responsibility for the attacks  EPA/JULIEN WARNAND

Kerzen in Brüssel.
Bild: JULIEN WARNAND/EPA/KEYSTONE

Terrorzelle von Paris und Brüssel: Kommandeure, Helfer, Hintermänner

Nach den Anschlägen in Brüssel wird immer deutlicher, wie gross das Terrornetzwerk des IS in Europa ist. Wer sind die Hintermänner, wer hat das Kommando? Eine Annäherung.

24.03.16, 22:46 25.03.16, 06:29

Jörg Diehl



Ein Artikel von

Die Brüsseler Zelle der Terrormiliz «Islamischer Staat» hat auf menschenverachtende Weise Geschichte geschrieben. Erstmals ist es einer Gruppe Dschihadisten gelungen, nach einem Anschlag (im November in Paris) in Teilen unterzutauchen und einige Zeit später erneut zuzuschlagen. Dieses hohe Mass an Konspiration, Planung und Disziplin beunruhigt die Sicherheitsbehörden. «Wir haben es mit einer neuen Qualität des islamistischen Terrors in Europa zu tun», sagt ein deutscher Staatsschützer.

Allmählich wird deutlich, welch hohen Organisationsgrad die Bande erreicht hatte. Nicht nur, dass sie über ein erhebliches Arsenal von Waffen und Sprengstoff verfügte, sie operierte auch klandestin und unterlief alle Überwachungsmassnahmen. Die Terroristen koordinierten sich zudem auf verschiedenen Ebenen, um ihren Plan umzusetzen. Wenngleich die Hierarchien wohl eher flach und die Übergänge fliessend waren.

Wer hatte welche Funktion in dem Terrornetzwerk? Der Überblick:

Die Kommandoebene

An undated photograph of a man described as Abdelhamid Abaaoud that was published in the Islamic State's online magazine Dabiq and posted on a social media website. A Belgian national currently in Syria and believed to be one of Islamic State's most active operators is suspected of being behind Friday's attacks in Paris, acccording to a source close to the French investigation.

Abdelhamid Abaaoud.
Bild: HANDOUT/REUTERS

Als Einsatzleiter des Terrorkommandos von Paris gilt der Extremist Abdelhamid Abaaoud, 28. Der Belgier marokkanischer Abstammung wuchs im Brüsseler Stadtteil Molenbeek auf, einer Hochburg der islamistischen Szene. 2013 schloss sich er sich dem «IS» in Syrien an. Unter seinem Kampfnamen Abu Omar al-Baljiki tauchte er seither in mehreren Propagandavideos der Dschihadisten auf.

Abaaoud soll bereits im Januar 2015 Anschläge in Europa geplant haben. Er galt als Anführer einer dreiköpfigen Dschihadistenzelle, die im belgischen Verviers aufflog. Abaaoud soll damals gemeinsam mit zwei Komplizen von Syrien nach Belgien gereist sein, um Attentate auszuführen. Abaaoud aber entkam und floh nach Syrien. Er starb wenige Tage nach den Anschlägen von Paris bei einer Anti-Terror-Razzia.

epa05224532 A handout picture provided by the Belgium Federal Police on 21 March 2016, shows Najim Laachraoui, one of the suspects of the Paris terrorist attacks, on November 13th, 2015. Najim Laachraoui, formerly thought to be named Soufiane Kayal, has been identified as an accomplice of Salah Abdeslam, and was said to be using a fake Belgian Identity card by the name of Kayal, during the Paris attacks.  EPA/BELGIUM FEDERAL POLICE/HANDOUT  HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES

Najim Laachraoui.
Bild: EPA/BELGIUM FEDERAL POLICE

Ebenfalls von immenser Bedeutung für die Terrorzelle war der mutmassliche Sprengstoffexperte der Zelle, Najim Laachraoui, 24, alias Soufiane Kayal. Nach Berichten belgischer und französischer Zeitungen bringen kriminaltechnische Untersuchungen den Elektrotechniker in einen Zusammenhang mit dem bei den Pariser Anschlägen verwendeten Sprengstoff TATP. Auch soll Abaaoud ihn am Abend der Anschläge von Paris angerufen haben. Laachraoui sprengte sich am Dienstag am Brüsseler Flughafen in die Luft.

A poll worker checks a photo ID card at the polling place during the U.S. Democratic presidential primary election in Kershaw, South Carolina February 27, 2016. REUTERS/Chris Keane

Mohamed Belkaïd.
Bild: AP/Belgian Federal Police

Unklarer ist die Rolle des am Freitag von einem Scharfschützen der Polizei getöteten Algeriers Mohamed Belkaïd, 35, der sich auch Samir Bouzid nannte. Ihn hatte der jüngst gefasste Salah Abdeslam Anfang Oktober in Budapest abgeholt. Zudem besteht nach Angaben der Polizei eine «hohe Wahrscheinlichkeit», dass er die SMS bekam, mit dem die Attentäter vom Konzertsaal Bataclan das Signal gegeben hatten, dass sie nun beginnen würden.

Die Logistiker

epa05227579 A composite picture made of handout pictures made available by Interpol on 23 March 2016 of Brahim El Bakraoui (L) Khalid El Bakraoui at an unspecified location. Belgian broadcaster RTBF reported on 23 March 2016 that two brothers Khalid and Brahim el-Bakraoui have been identified by Belgian police as the suspected suicide bombers of the Brussels attacks. One of them, Khalid had rented an apartment using a false name in the Brussels neighborhood of Forest, where police killed a gunman in a shootout last week. The attacks at the main airport and in the metro in Brussels killed 34 people and wounded nearly 200 on Tuesday.  EPA/INTERPOL / HANDOUT BEST QUALITY AVAILABLE HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES

Khalid und Ibrahim El Bakraoui.
Bild: EPA/INTERPOL

Zur Ebene der Helfer und Unterstützer zählen unter anderem die Brüder Ibrahim und Khalid El Bakraoui, 29 und 27, die sich am Dienstagmorgen in Brüssel in die Luft gesprengt hatten, der eine ebenfalls am Flughafen, der andere in der Metrostation. Sie hatten unter anderem eine Wohnung angemietet, in der sich ihr zu diesem Zeitpunkt noch gesuchter Komplize Salah Abdeslam, 26, versteckt gehalten hatte.

Auch dessen Bruder Brahim Abdeslam wiederum, der sich am 13. November in einem Café am Pariser Boulevard Voltaire in die Luft jagte, war logistisch von Nutzen. So mietete er nach Erkenntnissen der Ermittler den schwarzen Seat an, der bei den Anschlägen auf Lokale genutzt wurde. Auch kümmerte er sich um eine Wohnung in Saint Dénis, in der die Terroristen unterkommen konnten.

A Handout picture shows Belgian-born Abdeslam Salah seen on a call for witnesses notice released by the French Police Nationale information services on their twitter account November 15, 2015. One of the main suspects in the Paris attacks from last November, Salah Abdeslam has been wounded and caught by police in an operation on Friday afternoon in the Brussels quarter of Molenbeeck, Belgian media reported.     REUTERS/POLICE NATIONALE/HANDOUT VIA REUTERS   TPX IMAGES OF THE DAY

Salah Abdeslam.
Bild: X80001

Der wahrscheinlich wichtigste Logistiker der Gruppe war der am vergangenen Freitag gefasste Salah Abdeslam. Er fuhr immer wieder in gemieteten Autos, am liebsten in deutschen Fabrikaten der oberen Mittelklasse, durch Europa, um Mitverschwörer abzuholen. Mutmasslich waren diese als Flüchtlinge unter falscher Identität in die EU gekommen.

Anfang Oktober etwa holte er drei angebliche Syrer in einem Hotel in Ulm ab. Einen Monat zuvor hatte er Najim Laachraoui in Budapest abgeholt. Nach «Spiegel-Online»-Informationen fuhr er auch Mitte September 2015 noch einmal mit einem angemieteten Audi A6 in die ungarische Hauptstadt. Der Grund für den Trip ist bislang unklar.

Die Befehlsempfänger

This undated photo released late Sunday, Nov. 15, 2015, by Greece's migration policy ministry shows a registration photo from a document issued to 25-year old Ahmad Almohammad, holder of a Syrian passport found near a dead assailant in the scene of a Paris attack Friday. The document was issued on Sunday, Oct. 4 by authorities on the Greek island of Leros, where the man arrived a day earlier on a frail boat carrying migrants over from Turkey. It protects him from deportation for six months, and is the same documentation routinely issued to thousands of newly-arrived migrants. (Greek Migration Ministry via AP)

Ahmad Almohammad.
Bild: AP/Greek Migration Policy Ministry

Mohammad Almahmod und Ahmad Almohammad nannten sich die beiden Männer, die sich am 13. November als Selbstmordattentäter vor dem Stade de France in die Luft gesprengt hatten. Sie waren mit gestohlenen syrischen Pässen als Flüchtlinge in die Europäische Union (EU) eingereist und über die Balkanroute weitergezogen. Zwei weitere Verschwörer, ebenfalls als Flüchtlinge unterwegs, konnte der Verfassungsschutz in Salzburg lokalisieren. Dort wurden sie festgenommen.

In einer Propagandaveröffentlichung gab der «IS» die beiden Selbstmordbomber als Iraker aus. Wer sie wirklich waren, ist bislang ungeklärt.

Von ihnen ist bisher auch nicht bekannt, dass sie tiefer in die Planungen oder die Organisation der Anschläge eingebunden waren. Womöglich bestand ihre einzige Aufgabe darin, am Ende möglichst viele Menschen mit in den Tod zu reissen.

This undated and unlocated image shows French national Bilal Hadfi, 20, one of the suicide bombers who blew himself outside the Stade de France stadium during the Paris attacks on November 13. Investigators identified Hadfi as one of the three suicide bombers who detonated their devices outside the Stade de France stadium during the friendly football match France vs Germany. Hadfi lived in Neder-over-Hembeek in Belgium since returning from Syria, where he is believed to have been fighting along with Islamic State. A spate of coordinated attacks left at least 129 dead and over 350 injured in Paris late on November 13. AFP PHOTO

Bilal Hafdi.
Bild: OFF

Die Sicherheitsbehörden nehmen an, dass die Männer den Flüchtlingstreck im Auftrag des «IS» bewusst hatten nutzen sollen, um Migranten in ihrer Gesamtheit zu diskreditieren.

Zur untersten operativen Ebene derer, die sich Mitte November vor dem Stade de France in die Luft sprengten, zählt zudem noch der Belgier Bilal Hafdi, damals 20 Jahre alt, der als Dschihadist in Syrien verwundet worden sein soll.

Die Hintermänner in Syrien

Nachrichtendienste gehen davon aus, dass einer der wichtigsten Hintermänner der Anschläge von Paris der Franzose Salim Benghalem, 35, ist.

Der Dschihadist hat sich bereits 2013 dem «IS» angeschlossen und soll auch hinter der Entführung französischer Journalisten im Jahr 2014 stecken. In Abwesenheit wurde er im Januar von einem französischen Gericht wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Auch er hat eine schwerkriminelle Vergangenheit. Seine Radikalisierung vollzog sich in der Haft, die er wegen versuchten Mordes verbüssen musste.

Undated picture obtained by AFP on December 29, 2015 shows Frenchman Charaffe al Mouadan.
Charaffe al Mouadan, an Islamic State group leader with

Charaffe El Mouadan.
Bild: -

Ebenfalls in Syrien hielten sich Charaffe El Mouadan, 26, und Samir Bouabout, 28, auf, die auch der Terrorzelle zugerechnet werden. Nach beiden, die zusammen mit dem in Paris gestorbenen Bataclan-Attentäter Samy Amimour in Drancy aufgewachsen waren und sich radikalisiert hatten, wird noch immer gefahndet.

Im Fall von El Mouadan ist das wohl eher eine Vorsichtsmassnahme. Der Islamist soll im Dezember bei einem Drohnenangriff getötet worden sein.

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Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.

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7Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Paco69 25.03.2016 15:48
    Highlight Interessant im Zusammenhang mit den Anschlägen ist die Offenbarung der immer von allen möglichen Seiten gelobten "moderaten" Muslimen in Europa.
    http://www.liveleak.com/view?i=bee_1458834832
    1 2 Melden
  • bangawow 25.03.2016 11:31
    Highlight "Eine neue Qualität des Terrors" Sehr lustig, das heisst es auch jedes Mal. Terroristen müssen ja per se nicht doof sein. Auch islamistische nicht. Und ja, die können integriert sein. Es gibt ja auch Ehemänner, die ganz lieb sind, im Dorfe beliebt und dann am Wochenende ihre Familie wegballern. Oder Menschen, die Soldaten sind und zuhause ganz normal leben und im Auslandeinsatz dann zum Mörder mit höhnischem Lachen werden.

    Hä, ist Terror ein neues Phänomen? Hä, Gewalt? Hä, Wahnsinn?

    Die fetten, satten, reichen Geheimdienstchefs werden sich schon kümmern...
    3 1 Melden
  • Der kleine Finger 25.03.2016 01:38
    Highlight Ich finde es erschreckend, dass einige Täter studiert haben (zum Teil in Europa), gebildet sind und daher doch recht gut integriert sein mussten, mit positiven Zukunftsaussichten. Ich bin ratlos, wie man solche Täter am besten davon abhalten könnte.
    7 2 Melden
    • Bowell 25.03.2016 07:46
      Highlight Wer in Frankreich "studiert" hat, hat noch längstens keine guten Zukunftsaussichten.
      9 4 Melden
    • Triumvir 25.03.2016 09:11
      Highlight Ja es ist in der Tat erschreckend. Sämtliche Integrationsbemühungen sind sinnlos bei solchen Psychos. Genau deshalb muss man wohl auch alle Hassprediger aus dem Verkehr ziehen, denn diese bereiten das ideologische Fundament für den Terror.
      7 1 Melden
    • R&B 25.03.2016 09:46
      Highlight Oder hat bei Fanatikern ein Tabu-Bruch in den letzten 20 Jahren stattgefunden? Immer schrecklichere Attentate, damit man mediale Aufmerksamkeit gewinnt?
      1 1 Melden
    • bangawow 25.03.2016 11:46
      Highlight Überlegt doch mal:
      War früher das Töten von unschuldigen Menschen weniger brutal? Nein. Feiger Mord bleibt feiger Mord.
      Aber jetzt schaut euch mal die mediale Show über die Toten an. Über die Unschuldigen. Über die Menschen, die noch unter Schock fotografiert werden, damit man ein Titelbild hat. Der Verkauf von Smartphone Videos an die Presse. Bluthandel. Klicks generieren um jeden Preis!

      Warum die bietet die Presse dem IS soviel Bühne? Sonderseiten? Specials? Jedes neue blutrünstige Exekutionsvideo kriegt auch noch einen Artikel.

      "Terror ist Theater." Und die Medien machen gerne mit.
      4 1 Melden

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