International
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Und so fühlt sich Terror an: Wie unser Autor den Fehlalarm in London erlebt hat

Unser Autor wurde in London während eines angeblichen Anschlags von der Angst erfasst – und hat einiges über die Wirkung von Terror gelernt.

28.11.17, 19:03

Antonio Fumagalli, London / Nordwestschweiz

Die Jeans sitzen gut. Und sie haben genau die Farbe, die ich schon lange suchte. Ich schiebe den Vorhang zur Seite, trete aus der Umziehkabine und schaue mich im grossen Spiegel des Kleiderladens an. Ich werde mir die Hose kaufen, denke ich.

Plötzlich drängen rund zehn Personen in den Raum, sichtbar aufgewühlt und wild umherblickend. Aus weiter Entfernung hört man laute Stimmen. Keine dreissig Sekunden später bittet uns das Personal, den Laden umgehend über den Notausgang zu verlassen.

Ich trage immer noch die neuen Jeans. Soll ich die einfach anbehalten und losrennen? Bin ich dann ein Dieb? Ich rede mir selbst ein, Ruhe zu bewahren, und ziehe, eilig zwar, meine eigenen Hosen wieder an.

Ich verlasse die Umziehkabinen als Letzter und reihe mich in den Menschenstrom ein, der Richtung Notausgang drängt. «Everybody get out», rufen die Angestellten. Es herrscht eine bedrückende Stimmung im engen Treppenhaus. Kein Mensch weiss, was los ist. Einige wimmern vor sich hin. Mein Herz klopft.

London am 24. November: Das Bild zeigt nur einen Teil der Wahrheit – in anderen Strassen rannten die Leute Schulter an Schulter und wurden umgestossen. Bild: AP/AP

Als wir – in einer ziemlich schmalen Nebenstrasse – endlich an der freien Luft sind, weicht die Anspannung einer eigenartigen Gelassenheit. Einer trügerischen zudem, wie sich gleich herausstellen wird.

Wildfremde Menschen fragen mich, ob ich den Grund unserer Evakuierung kenne. Ich wiederum erkundige mich bei einem Mann, der sich breitschultrig vor sein Geschäft gestellt hat.

Da höre ich es zum ersten Mal: Es habe Schüsse in der nahegelegenen U-Bahn-Station Oxford Circus gegeben, mehr wisse er nicht.

Wer nicht rennt, fällt um

Mehr kann er auch gar nicht sagen, denn in dieser Sekunde kommt, wie eine Welle, eine Menschenmenge um die Ecke. Schreiend und in Panik. Die zumeist jungen Leute rennen um ihr Leben, so scheint es. Es bleibt gar nicht viel anderes übrig, als es ihnen gleichzutun, sonst würde man von der Masse umgestossen (was mehrfach geschah, siehe Infobox).

Was jetzt passiert, nennt man wohl Überlebensinstinkt. Die Sinne sind geschärft, ich erinnere mich zum Beispiel daran, dass ich meine Schuhe in der Eile nicht gebunden hatte. Was geschieht, wenn ich stolpere? Neben mir schreien weiterhin Leute, schrill und markdurchdringend. In diesem Moment denken wohl alle, dass jetzt dann gleich jemand von hinten das Feuer auf uns eröffnet.

Polizisten in der Nähe der U-Bahn-Station Oxford Circus Bild: EPA/EPA

Wir rennen vielleicht zwei Minuten, ohne jegliche Orientierung. Plötzlich drängen die Menschen in den Eingang eines Warenhauses. Die meisten gehen nach unten. Ich will der Masse entkommen, eile mit ein paar anderen die Treppe hinauf und finde mich zwischen Frauen-Unterwäsche wieder.

Soll ich mich hinter einem Gestell verstecken? Noch bevor ich eins suchen kann, kommt ein Sicherheitsangestellter und weist uns an, ebenfalls ins Untergeschoss zu gehen.

Dort befindet sich der Supermarkt. Zwischen Bierdosen und Chips drängen sich Hunderte Leute. Viele halten die Hände vors Gesicht, sie zittern und weinen. Ich versuche mich zu beherrschen, meinen Puls kann ich aber nicht kontrollieren. Mir ist heiss.

«Schüsse» waren Fehlalarm

Die Einkaufsstrassen an der Oxford und Regent Street in London waren voller Menschen, als am Freitagabend Panik ausbrach. 16 Menschen wurden verletzt. Bei der Polizei waren Meldungen über Schüsse auf der Oxford Street und im
U-Bahnhof eingegangen. Die Behörden hatten die Passanten daraufhin angewiesen, in Geschäften Schutz zu suchen. Später erwiesen sich die Schüsse als Fehlalarm – Auslöser war vermutlich ein Streit. (SDA)

In so einem Moment – ich hatte das zum Glück zuvor noch nie erlebt – macht man sich Gedanken, die man sonst nie hätte. Ich überlege mir, ob der Platz unter dem Brotregal ausreicht, um sich zu verstecken. Ich stelle mich in die Nähe des Notausgangs, um allenfalls flüchten zu können – im Wissen, dass ein Täter vielleicht gerade dort hineinkommen könnte. Und natürlich sucht man irgendeine Form von Halt.

Netzabdeckung gibts im Untergeschoss nicht. Aber ich kann mich glücklicherweise ins WLAN einloggen und meine Freundin über Whatsapp anrufen. Ich getraue es mich jetzt, nachdem sich alles als Fehlalarm herausgestellt hat, fast nicht zu sagen: Aber man denkt in so einem Moment tatsächlich daran, dass man sich vielleicht zum letzten Mal gehört hat.

Das Smartphone, die Verbindung zur Aussenwelt  Bild: EPA/EPA

Als ich abhänge, vibriert mein Handy mehrfach: Es sind Push-Nachrichten von Schweizer Newsportalen, sie berichten von «Schüssen in der Londoner U-Bahn». Und wir sind hier in einem unterirdischen Supermarkt gefangen. Vor dem inneren Auge spielt sich ein Film der ungemütlicheren Sorte ab.

Die Minuten vergehen, abgesehen von vereinzeltem Winseln und den spontanen Gesprächen, die sich überall ergeben, bleibt es ruhig. Auf Twitter meldet die Londoner Polizei, dass man keine Hinweise auf Schüsse gefunden habe, die Gegend aber gemieden werden solle. Der Puls legt sich langsam.

Nach einer guten Stunde werden wir vom Ladenpersonal, das während der ganzen Zeit versucht hat, die Gemüter zu beruhigen, nach draussen geführt. Wir sind definitiv «gerettet» – vor etwas, was gar nie stattgefunden hat.

Was Terroristen wollen

Gut möglich, dass sich die Szenerie in der Schweiz anders – oder gar nicht – ereignet hätte. Im Gegensatz zu den Londonern, die alleine in diesem Jahr schon deren vier erleben mussten, sitzt uns in der Regel keine persönliche Erinnerung an Terroranschläge in den Knochen.

Aufgrund der Informations- und Bilderflut, nicht zuletzt über soziale Medien, dürften mittlerweile aber die meisten Menschen dazu tendieren, mit zu grosser Angst auf (vermeintliche) Bedrohungen zu reagieren.

Bewaffnete Polizisten in einem Geschäft beim Oxford Circus. Bild: AP/AP

Es ist genau das, was Terroristen wollen. Nirgends soll man sich mehr sicher fühlen.

Bis zum Freitag verwies ich bei Diskussionen zum Thema stets auf die Fakten. Diese besagen, dass es in Westeuropa in den 1970er- und 1980er-Jahren deutlich mehr Terrortote gab als in jüngster Vergangenheit. Gemäss Statistik ist es wahrscheinlicher, beim Essen zu ersticken, als bei einem Terroranschlag zu sterben.

Sorgt man sich präventiv, tut man weder sich noch seinem Umfeld einen Gefallen, so meine Devise. Das ist sie noch immer. Und doch merke ich, dass der Terror für mich den abstrakten Charakter verloren hat.

Es hat eine zynische Note, dass ich dies anhand eines eigentlichen Nicht-Ereignisses feststellen muss. Und ich schäme mich fast dafür, dass ich am gleichen Tag vor inexistenten Angreifern geflüchtet bin, an dem auf der ägyptischen Sinai-Halbinsel über 300 Personen niedergemetzelt wurden. Was fabulieren wir hier über die psychologischen Auswirkungen von glücklicherweise immer noch seltenen Anschlägen, während andernorts jeden Tag Gefahr herrscht?

Was bleibt, ist ein ungutes Gefühl. Eine Mischung aus «nochmals Glück gehabt» und «wie traurig, dass sich der Terror in unseren Köpfen festgesetzt hat». Ich werde mich auch künftig in der Öffentlichkeit nicht anders verhalten – aber es fällt mir schwerer als vor jenen bangen Minuten in Londons City. (aargauerzeitung.ch)

Friedlichere Nachrichten aus London

Video: srf

Das könnte dich auch interessieren:

«Ich dachte, ich verblute»: Zürcherin muss 144-Notruf wählen, obwohl sie im Spital liegt

41 herrlich ironische Beispiele, wie uns das Leben ab und an ein Schnippchen schlägt

Kritik am Transmenschen-Gesetzesentwurf: «Der Bundesrat signalisiert: Ihr existiert nicht»

«Ihr Zürcho sind huorä Laggaffä! Wixxo! Losers!»

«Liebe Frau Seiler Graf, Ihre SP ist jetzt die neue SVP ...»

Entsteht in Italien das Modell eines modernen Faschismus?

Diese 15 Orte darfst du nicht besuchen. Und das ist besser so für dich

Ein schamloser Kuhhandel: Der AHV-Steuer-Deal ist eine schlaue und heikle Idee

11 Gründe, weshalb du den Sommer in der Schweiz verbringen solltest

präsentiert von

Züri-Hools gingen nach Basel zum Prügeln – das hätten sie besser sein lassen

Fact oder Fake? Experte hält Rätsel um MH370-Verschwinden für gelöst

Trump gräbt Nordkorea eine Atom-Grube und fällt nun selbst hinein

Diese 9 Influencer-Fails beweisen, wie «real» Instagram ist – nämlich gar nicht

Dieser kleine Trick hat mich von meiner Handy-Sucht befreit

Die Rebellion der ungefickten Männer kommt aus dem Internet! Ein Experte erklärt «Incel»

Der grosse Lohn-Check: So viel verdient die Schweizer Bevölkerung

«Die Angriffe sind real» – Experten warnen vor «unrettbar kaputter» E-Mail-Verschlüsselung

Der Bikini-Trend, auf den wirklich niemand gewartet hat: Nude

21 Markenlogos, in denen sich geheime Botschaften verstecken

Wie viele Menschen erträgt die Erde?

Französin wählt wegen Schmerzen den Notruf und wird ausgelacht – wenig später ist sie tot

Dieses Rätsel wurde für Superhirne mit IQ 131 oder mehr entworfen? Schaffst dus trotzdem?

Oben ohne auf der Rückbank – 8 Taxifahrer erzählen ihre absurdesten Erlebnisse

Stell dir vor, es ist Masseneinbürgerung und keiner geht hin (ausser ein paar Italiener)

Ach Tagi, was ist aus dir geworden? (K)eine Liebeserklärung zum Jubiläum

Da kocht das Blut, da blüht die Rose in der Hose ... Unsere Basler Bachelorette mal wieder

«Tote Mädchen lügen nicht» kommt wieder – wie gefährlich ist die Serie wirklich?

Alle Artikel anzeigen

Hol dir die App!

Yanik Freudiger, 23.2.2017
Die App ist vom Auftreten und vom Inhalt her die innovativste auf dem Markt. Sehr erfrischend und absolut top.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
6
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
6Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • The Destiny 29.11.2017 07:20
    Highlight Was mich jetzt interessieren würde ist ob der Autor die Jeans bezahlt / zurückgeben hat?
    0 9 Melden
  • Mia_san_mia 28.11.2017 22:50
    Highlight Da muss man halt cool bleiben. Aber das kann nicht jeder.
    1 8 Melden
  • Closchli 28.11.2017 21:24
    Highlight Es ist halt wohl ein gewaltiger Unterschied ob man so etwas aus der Ferne (in den Medien) erfährt oder am Ort des Geschehens, hautnah mit einer solchen Bedrohung, egal ob sie schlussendlich reell ist oder nur vermutet, konfrontiert wird. Wer kann schon sagen, wie man selbst in einer solchen Situation reagieren würde? Ich habe mich auch schon gefragt: was denken Menschen die Nahestehende bei Anschlägen verloren haben, wenn dann die Parolen kommen, wir lassen uns nicht einschüchtern. Rationell vlt. schon richtig, aber gefühlsmässig? Hat jemand Erfahrung damit?
    12 0 Melden
  • G. Schlecht 28.11.2017 19:54
    Highlight Ich hmm... ich denke, so geht es jedem, der am Bahnhof klatscht. Ist nicht schlimm und hey: Weiter so! Alles wird gut. Hast hoffentlich die Hose am nächsten Tag noch erwischt.
    4 15 Melden
  • Snowy 28.11.2017 19:24
    Highlight Berührend und ehrlich... und leider sehr wahr.
    38 1 Melden

Heute wird Zuckerberg von EU-Politikern gegrillt – und du kannst zusehen

Der Facebook-Chef muss dem EU-Parlament Red und Antwort stehen. Die Anhörung wird im Internet übertragen.

Wegen des Datenskandals um die Firma Cambridge Analytica kommt Facebook-Chef Mark Zuckerberg am Dienstag ins Europaparlament.

Am frühen Abend (18.15 Uhr) ist ein Treffen mit den Fraktionsspitzen in Brüssel geplant. Das Gespräch soll live im Internet übertragen werden. Und zwar hier.

Im März war bekanntgeworden, dass sich die britische Firma Cambridge Analytica Zugang zu Daten von Millionen Facebook-Nutzern verschafft hatte.

Mit Hilfe der Daten sollen etwa Wähler im US-Präsidentschaftswahlkampf …

Artikel lesen