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2013 begann der Einsatz französischer Soldaten in der Zentralafrikanischen Republik. Sie halfen, die marodierenden Milizen Séléka und Anti-Balaka zu trennen und das Blutvergiessen nach dem Sturz von Präsident François Bozizé zu beenden. 2014 wurden erste Missbrauchsvorwürfe gegen französische Soldaten erhoben.
ap

Uno-Blauhelme in Zentralafrika: Wie Helfer zu Verbrechern wurden

Uno-Soldaten sollen die Schwächsten schützen. Doch in der Zentralafrikanischen Republik haben Blauhelme Frauen und Kinder missbraucht – und angeblich zur Sodomie gezwungen. Wie konnte es dazu kommen?

02.04.16, 08:08 02.04.16, 12:59

Christoph Titz

Ein Artikel von

Der Missbrauchsskandal in der Zentralafrikanischen Republik markiert einen Tiefpunkte in der 70-jährigen Geschichte der Vereinten Nationen. Die Blauhelme, eine vom Uno-Sicherheitsrat mandatierte multinationale Truppe von 100'000 Soldaten, soll vor allem eines: Zivilisten schützen und kriegerische Konflikte eindämmen.

Doch zahlreiche Soldaten aus mehreren Ländern in der kleinen Zentralafrikanischen Republik taten das Gegenteil: Sie nutzten die Hilflosigkeit geflohener Frauen und Kinder aus und missbrauchten sie.

Im Spätsommer 2014 löste eine Uno-Blauhelmmission die französische Sangaris-Operation ab, um den Frieden zu sichern.
Bild: AP

Die mutmasslichen Täter gehören der Stabilisierungsmission für Zentralafrika (Minusca) an, sie stammen aus bis zu zehn Nationen. Vorwürfe gibt es gegen Soldaten aus Äquatorialguinea, Frankreich, Gabun, Georgien, dem Kongo, Marokko und dem Tschad. Die Übergriffe sollen vor allem in den Jahren 2014 und 2015 passiert sein – sie dauerten also über einen längeren Zeitraum an.

Zuletzt erhob am Donnerstag die US-Hilfsorganisation Aids-Free World neue schwere Anschuldigungen: Unter Berufung auf eine Untersuchung des Kinderhilfswerks Unicef heisst es, 98 Mädchen seien von französischen und gabunischen Soldaten missbraucht worden. In einem Fall soll es sogar zu erzwungenem Geschlechtsverkehr mit einem Hund gekommen sein.

Gravierende Vorwürfe gibt es en masse, gesichert ist bislang so viel:

Experten erkennen «institutionelles Versagen»

Der Missbrauch an zentralafrikanischen Flüchtlingen ist ein Skandal – doch für die Uno wiegt obendrein schwer, dass die Verantwortlichen ihn lange eher vertuscht als aufgearbeitet haben.

Die Minusca-Mission umfasst derzeit rund 12'500 Blauhelmsoldaten aus 49 Ländern. Missbrauchsvorwürfe werden unter anderem gegen Soldaten aus Äquatorialguinea, Frankreich, Gabun, Georgien, dem Kongo, Marokko und dem Tschad erhoben.
Bild: © Siegfried Modola / Reuters/REUTERS

Im Dezember konstatierte ein unabhängiger Expertenbericht «institutionelles Versagen»: Die Uno habe auf die ersten Vorwürfe völlig falsch reagiert. Die Autoren werfen hochrangigen Uno-Beamten vor, sie hätten ihr Amt missbraucht, als sie sexuelle Übergriffe durch Soldaten Frankreichs, Äquatorialguineas und des Tschad nicht sanktionierten.

Entwicklungshelfer hatten die Uno mehrfach über die Missbrauchsvorwürfe informiert, doch die Organisation blieb rund ein Jahr untätig. Im Juli 2015 trat die stellvertretende Uno-Hochkommissarin für Menschenrechte, Flavia Pansieri, wegen des Skandals zurück.

Immerhin, eine Konsequenz gab es bislang: Ein Kontingent von 120 Soldaten der Demokratischen Republik Kongo, die unter Uno-Fahne dienen, steht unter Hausarrest und wird aus der Zentralafrikanischen Republik abgezogen. Erschreckend ist, dass der Ärger mit den kongolesischen Kräften erwartet worden war: Unter Berufung auf Uno-Diplomaten berichtet die «New York Times», dass vor dem Einsatz der 800 Soldaten aus der Demokratischen Republik Kongo gewarnt worden war.

Zu der Armee des Kongo gehören Kräfte, die laut Human Rights Watch im Ostkongo schwerste Menschenrechtsverletzungen begangen. Der Regionalfürst Jean-Pierre Bemba, Rebellenführer und für kurze Zeit Vizepräsident, ist für die systematischen Vergewaltigungen durch seine Rebellentruppe in der Zentralafrikanischen Republik unlängst verurteilt worden. Im Rahmen einer Amnestie gelangten ehemalige Rebellen auch in die nationalen Streitkräfte des Kongo.

In der Ortschaft Bambari überqueren eine Frau und ein Kind eine Brücke, ihnen kommen französische Soldaten entgegen.

Bis heute gibt es weder eine Anklage noch eine Verurteilung – nicht in Frankreich, nicht im Kongo und offenbar auch nicht bei den anderen betroffenen Truppenstellern. Uno-Diplomaten versichern immer wieder, es dürfe keine Straflosigkeit geben.Als die Helfer von Aids-Free World am Donnerstag ihre neuen Vorwürfe erhoben, war die Reaktion der Uno in New York und Genf vorhersehbar: Bestürzung – und das Versprechen, dass so etwas nicht mehr vorkommen soll.

Die Missionen der Uno und der Franzosen halfen, Bürgerkrieg und Blutvergiessen zu beenden. Der Skandal der Missbrauchsfälle ist bis heute nicht vollständig aufgeklärt.
Bild: Jerome Delay/AP/KEYSTONE

Am Freitag stellte der Uno-Untergeneralsekretär für Friedensmissionen, Hervé Ladsous, immerhin eine bessere Kontrolle in Aussicht. «Wir werden mit den Mitgliedstaaten die Möglichkeit erörtern, vor Ort Militärgerichte einzurichten», sagte er bei einem Besuch in der zentralafrikanischen Hauptstadt Bangui.

Ziel sei es, die Taten dort zu ahnden, wo sie begangen wurden, so Ladsous. Bislang liegen die Ermittlungen und die Strafverfolgung in der Verantwortung der jeweiligen Herkunftsländer der Uno-Soldaten. Ladsous schlug zudem vor, von den Soldaten vor ihrer Entsendung DNA-Proben zu nehmen, um im Verdachtsfall Vaterschaftstests zu ermöglichen.

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Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.
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3Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • MR .Z 02.04.2016 22:15
    Highlight Und da verwunderts noch jemand das es terroranschläge gibt in Frankreich... wenn sie immer noch terror in der welt machen
    0 0 Melden
  • Hierundjetzt 02.04.2016 10:54
    Highlight Erstaunt nicht gross. Für viele Menschen aus der 3. Welt ist ein Job bei der UNO ein Lottogewinn und Weihnachten in einem. Nie mehr in Ihrem Leben werden Sie mehr verdienen. Da gehen nicht die besten hin, sondern die, die sich den Job gekauft haben, gerne auch ohne jegliche militärische Erfahrung. Darum dauern die UN-Missionen auch ewig...

    - Die Verantwortliche bei der UNICEF (Kinderhilfswerk!!) hatte keine Zeit, den Missbrauchsvorwürfen nachzugehen, da Sie grad ein Budgetentwurf (ja, Entwurf) erstellen musste.

    - Die Personen, die die Missbräuche gemeldet haben wurden alle entlassen.
    22 1 Melden
  • Digital Swiss 02.04.2016 10:09
    Highlight Hier müssen einige Länder aus dem aktiven Dienst explizit ausgeschlossen werden. Und wieso müssen eigendlich Stellvertreter den Hut nehmen? Delegieren kann man alles, ausser die Verantwortung.
    12 0 Melden

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