International

Wahlkämpfer Sanders: «Wir hatten kein Geld, wir hatten keine Bekanntheit.»
Bild: RICK WILKING/REUTERS

Opa Underdogs Triumph – Bernie Sanders' zäher Kampf gegen das Establishment und Hillary Clinton

Hillary Clinton hat Geld, Macht, Einfluss – trotzdem wird sie bei der Vorwahl in Iowa düpiert: Der 74-jährige Bernie Sanders erkämpft fast ebenso viele Stimmen. Der Erfolg des Sozialisten stürzt die Demokraten in eine Sinnkrise.

02.02.16, 10:42 02.02.16, 12:07

Marc Pitzke, des moines

Ein Artikel von

Bernie Sanders' Charterjet stand schon auf dem Rollfeld, nur wenige Hundert Meter entfernt. Doch dann stieg der Senator, der eigentlich schnell nach New Hampshire weiterreisen wollte, buchstäblich auf die Bremse: Der Abflug, so hiess es, werde sich um einige Zeit verzögern.

Denn Sanders hatte plötzlich noch etwas zu tun: eine Siegesrede halten – beziehungsweise das, was einer Siegesrede am nächsten kam.

Und so trat der Sozialist am späten Abend vor seine jubelnden Jünger, in einem Ballsaal am Flughafen von Des Moines. Links das Sternenbanner, rechts die Flagge Iowas, dazwischen der strahlende 74-Jährige: «Bernie! Bernie! Bernie!», skandierten sie.

Bernie Sanders lässt sich von seinen Anhängern feiern.
YouTube/Election Broadcasting Network

«Die Menschen Iowas», rief ihnen Sanders heiser zu, «haben dem politischen Establishment eine sehr profunde Botschaft geschickt!»

Dieses Establishment hat einen Namen: Hillary Clinton. Nicht lange ist es her, da war sie die ungekrönte Präsidentschaftskandidatin der US-Demokraten, unangefochten, unangreifbar, uneinholbar. Um fast 30 Prozentpunkte lag sie vor Kurzem in einer Umfrage vorn.

Doch die Illusion eines Clinton-Durchmarsches ist in dieser ersten US-Vorwahlnacht zerplatzt. Stunde um Stunde schmolz Clintons Vorsprung vor Sanders, dem Revolutionär. Krönung von Queen Hillary? War nichts. Bis in die Nacht zählten sie aus, Bezirk für Bezirk. In einigen Bezirken musste sogar ein Münzwurf entscheiden. Es blieb beim Patt.

Sanders wird an seine Grenzen stossen

Das ist ein Erfolg für Sanders, der sich dem Kampf gegen den Kapitalismus verschrieben hat, gegen die Ungleichheit, gegen die Wall-Street-Bonzen. «Wir hatten kein Geld, wir hatten keine Bekanntheit», erinnerte sich Sanders an die bescheidenen Anfänge seiner Kandidatur. «Und wir nahmen es mit der mächtigsten politischen Organisation der Vereinigten Staaten von Amerika auf.»

Diese Organisation, die bei Bedarf skrupellose Clinton-Dynastie, hat er nun tatsächlich erst mal ausgebremst – der Underdog, der Outsider, der Progressive, dem sie naive, «zu idealistische» Visionen vorwerfen.

Sicher: Mit neuem Schwung geht Sanders in die nächsten Primaries, wo er in New Hampshire, dem Nachbarn seines Heimatstaats Vermont, quasi Heimvorteil hat. Doch der Weg zur Nominierung ist noch lang – und irgendwann wird ihm mit seinem für die USA radikalen Programm der Atem ausgehen. Vielleicht schon in den Südstaaten, wo es gilt, eine Koalition aus Schwarzen und moderaten Weissen zu schmieden.

Am Ende sind Sanders' Ideen in ihrer Kompromisslosigkeit ebenso bewundernswert wie undurchsetzbar – und unwählbar. Amerika ist, bei aller Wut an der Basis beider Parteien, nicht bereit für eine Revolution.

Was die Demokraten in eine tiefe Sinnkrise stürzt. Nicht nur die Republikaner sind auf einmal die gespaltene Partei. Nein, auch sie sind zerrissen – zwischen Clintons Pragmatismus und Sanders' Idealismus.

Sanders' Erfolg ist ein klares Signal an die Realpolitiker: Nicht so schnell. Wir geben uns nicht zufrieden mit dem Status Quo. Wir wollen keinen Fortschritt light. Wir haben die Nase voll von «der Gier, dem Leichtsinn und dem illegalen Verhalten der Wall Street», wie Sanders es sagte, in Anspielung auf Clintons Freunde in der Finanzbranche.

Doch seine Ideen sind zu radikal für die general election, jenen Hauptwahlkampf im Herbst, wenn nicht mehr der Rand entscheidet, sondern die Mitte. Eine Nominierung Sanders', so fürchten viele Demokraten, könnte den Republikanern den Weg ins Weisse Haus ebnen.

Hillary Clinton verschwand, ohne eine einzige Hand zu schütteln

Die Meister dieser Mitte sind die Clintons: War es doch Bill Clinton, der einst die «New Democrats» miterfand und die Kunst der «Triangulation» – was nichts anderes heisst, als es jedem recht zu machen.

Nicht zum ersten Mal: Hillary Clinton hat sich in Iowa mehr erwartet.
Bild: Patrick Semansky/AP/KEYSTONE

Trotzdem stolpert Hillary Clinton nun schon zum zweiten Mal. Vor acht Jahren deklassierte sie ebenfalls in Iowa ein anderer, damals noch ziemlich unbekannter Senator namens Barack Obama. Diesmal ist der Schock nicht ganz so gross. Dennoch: Sanders' gutes Abschneiden bedeutet, dass sich der Vorwahlkampf bei den Demokraten erneut über Monate ziehen könnte – eine Wiederholung des Albtraums von 2008.

Der Missmut war ihnen anzusehen. Unangekündigt und ohne übliche Vorwarnung der Kamerateams im Saal stieg Clinton bei ihrer Caucus-Party aufs Podium, im Schlepptau den angeschlagenen, gequält lächelnden Gatten. Sie erklärte weder Sieg noch Niederlage, tat so, als freue sie sich auf den «Wettbewerb der Ideen», den sie nun austragen muss – und verstieg sich sogar zu der Behauptung: «Ich bin eine Progressive.»

Und dann verschwand sie wieder, ohne eine einzige Hand zu schütteln.

[2.12.2015] US-Präsidentschaftswahlen

Alleine gegen den Orangen-Mann: Hillary Clinton hat jetzt endlich eine Mission

Danke und tschüss, Bernie: 5 Lehren aus dem Super Tuesday

6 US-Präsidentschafts-Kandidaten, die ebenso schräg waren wie Trump – einer stolperte über seinen Schniedelwutz

Trump – oder die fatale Fehlspekulation der amerikanischen Superreichen

Amerikaner in der Schweiz: Auch im 51. Bundesstaat hat man Angst vor Trump

Der Trumphator

Nach «Super Tuesday»: Google verzeichnet extremen Anstieg an Suchanfragen zu Auswanderung

Klare Verhältnisse? Von wegen! Die Republikaner stehen vor einem quälend langen Drei-Kampf

Opa Underdogs Triumph – Bernie Sanders' zäher Kampf gegen das Establishment und Hillary Clinton

Warum die USA immer noch ein tolles Land sind und die Schweiz nicht vom Fleck kommt

Wahlkämpfer Bill Clinton: Der Zauber ist dahin

Das ist die Muslima, die sich mit Trump angelegt hat – und ihn trotzdem nicht hasst

Clinton und Trump zittern: Tritt Bloomberg an, investiert er eine Milliarde in den Wahlkampf

Sarah Palin im US-Wahlkampf: Trumps Frau fürs Grobe

Clintons Sex-Skandale im US-Wahlkampf: Der Sommer wird schmutzig

TV-Duell mit Clinton und Sanders: Jetzt zoffen sich auch die US-Demokraten

Trumps Strategie im US-Vorwahlkampf: Die Saat des Bösen

Diese Provokation ging zu weit: Zuckerberg und Ali steigen mit Trump in den Wahlkampf-Ring  

Trump will keine Muslime mehr einreisen lassen – die Reaktionen darauf: «Der ist komplett verwirrt!»

Trump macht sich über behinderten Reporter lustig, der eine seiner Lügen aufdeckte

Terror-Hype und Islamophobie: Amerikas Hassprediger drehen auf – und das weckt böse Erinnerungen

Heute in einem Jahr ist es so weit! Das grosse ABC zur US-Präsidentschaftswahl 

«Ich bin ein wütender, alter, reicher Mann!» – Wer hat's gesagt? Trump oder Burns?

Alle Artikel anzeigen

Hol dir die App!

Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
7
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
7Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • kEINKOmmEnTAR 02.02.2016 17:17
    Highlight Bernie wird gewinnen und keine verdrehte europäische Presse wird ihn davon abhalten. Er hat schon so viel erreicht und wird am Ende siegreich aus dem Duell gehen. Sollte Trump der Republikanische Kandidat werden, hat er sicher gewonnen. Sonst sehen wir es noch
    5 1 Melden
  • DerWeise 02.02.2016 16:27
    Highlight Ach Watson/Spiegel...

    Die Qualität der Medien lässt echt zu wünschen übrig:

    In allen Polls, wo Sanders als möglicher Präsidentschaftkandidat einem Republikaner gegenübergestellt wird, bekam er mehr Stimmen als Clinton. Die Frau ist in den Augen vieler Amerikaner absolut un-authentisch und dies wird sie nicht abschütteln können.

    "Opa Sanders"? Der einzige Opa hier sind die klassischen gekauften sorry, Werbefinanzierten Print und Onlinemedien, die trotz ihrer Vielzahl nicht durch Meinungs- bzw Newsvielfalt glänzen....
    7 0 Melden
  • Illyrer 02.02.2016 14:39
    Highlight Was heisst hier bitte unwählbar oder Idealist? Bernie Sanders vertritt in seinen Positionen die grosse Mehrheit der Bevölkerung der USA. In den Umfragen liegt Sanders um mehr als 10 Prozentpunkte vorne, wenn es darum geht gegen einen republikanischen Anwärter anzutreten. Darum bin ich überzeugt, dass Bernie Sanders es schaffen wird eine politische Revolution herbeizuführen und die USA ihren ersten sozialdemokratischen Präsidenten wählen werden. Enough is enough #FeelTheBern
    17 0 Melden
  • icarius 02.02.2016 12:30
    Highlight Ich weiss nicht, ob der Autor Recht hat, wenn er behauptet, Bernie wäre "unwählbar". Ich denke, es kommt sehr darauf an, wer sein republikanischer Herausforderer wäre. Wird es Trump, könnte Bernie durchaus Chancen haben. Ihm gegenüber wird Bernie für viele als der rationalere Kandidat wahrgenommen werden. Bei Cruz und Rubio wär's schwieriger. Ihr Latino-Bonus könnte in umstrittenen Staaten wir Florida, New Mexiko und Nevada entscheidend sein.
    20 0 Melden
  • ramonke 02.02.2016 11:52
    Highlight liebes watson team seit doch bitte ein wenig vorsichtiger wenn ihr solche behauptungen aufstellt. am anfang habt ihr euch auch nur über trump lustig gemacht...
    15 1 Melden
  • küng-fü 02.02.2016 11:50
    Highlight *malbisschenrumspinnen*
    Wenn diese Welt eine gerechte Welt wäre, und wenn man bedenkt wie gross der Einfluss Amerikas ist, dann müsste der Einfluss der Welt auf die Amerikanische Präsidentschaftswahl auch gross sein.
    Ist er natürlich nicht.
    Aber könnte die Welt mitreden, würde Bernie abräumen und das Trumpeltier in seinem goldenen Käfig verrotten.
    Hab grad neulich den Film "the big short" gesehen. Ist schon übel was an der Wallstreet abgeht. Moral, Ethik, Gewissen, Verantwortung?
    Fehlanzeige!

    Ich kann mich meinem Vorredner nur anschliesse: Bernie for president!
    23 0 Melden
  • so en shit 02.02.2016 11:16
    Highlight Bernie for President!
    60 2 Melden

Trump kippt Einfuhr-Verbot für Grosswildjäger – (Und ja, auf dem Foto sind seine Söhne)

Donald Trump selber jagt keine Tiere. Aber seine Söhne, die würden das lieben, erzählte der US-Präsident im Jahr 2012. «Sie sind Jäger und sie sind darin sehr gut geworden.» 

Gut fünf Jahre ist es nun her, seit Fotos von Trumps Söhnen bei der Grosswildjagd vom Magazin «TMZ» veröffentlicht wurden. Sie sorgten in den sozialen Medien und unter Tierschützern für einen Aufschrei.

Auf einem Bild ist zu sehen, wie Trump Jr. mit einem abgeschnittenen Elefantenschwanz posiert. 

Auf einem weiteren …

Artikel lesen