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Trump in der Krise: Der einsame, wütende Kandidat

Die Chancen auf einen Wahlsieg schwinden, Vertraute distanzieren sich: In seiner Krise sucht Donald Trump in Ohio die Nähe zu seinen Hardcore-Fans. Szenen eines verbitterten Auftritts.

21.10.16, 08:41 03.11.16, 15:19

Veit Medick, delaware county

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Ein Artikel von

Es fängt eigentlich an wie immer, plötzlich steht er da, er winkt und reckt seine Daumen in die Höhe, seine Leute rufen «USA! USA! USA!» Hier, auf dieser provisorischen Bühne, fühlt sich Donald Trump zu Hause. Kein Moderator, keine Clinton, er muss sich die Aufmerksamkeit nicht teilen. Nur er. «Gibt es etwas Schöneres als eine Trump-Veranstaltung?», ruft Trump. «Es ist wunderbar.»

Donnerstagmittag in Zentral-Ohio: Trump ist ins Städtchen Delaware gekommen, es ist sein erster Auftritt nach der TV-Debatte. In der Halle auf dem Messegelände haben sich etwa tausend überwiegend weisse Amerikaner eingefunden. Sie tragen T-Shirts, auf denen Hillary Clinton aus einer Gefängniszelle guckt und Donald Trump als Superman zu sehen ist. Vor dem Eingang gibt es Cheesesteak-Sandwich, drinnen hängt von der Decke ein Dutzend US-Flaggen.

Trumps Welt. Oder jedenfalls das, was von ihr übrig ist.

Supporters of Republican presidential candidate Donald Trump wait for his arrival at a campaign rally at the Delaware County Fair, Thursday, Oct. 20, 2016, in Delaware, Ohio. (AP Photo/ Evan Vucci)

Trump-Anhänger in Ohio. Bild: Evan Vucci/AP/KEYSTONE

Es hat sich etwas getan in den vergangenen Tagen. Die Luft scheint rapide aus Trumps Wahlkampf zu entweichen. Der Umgang des Kandidaten mit Frauen hat viele Republikaner in einen Schockzustand versetzt. Prominente Parteifreunde wenden sich ab, der politische Direktor seiner Kampagne hat das Team verlassen. In traditionell konservativen Hochburgen fällt Trump in Umfragen zurück, und so richtig glaubt kaum noch jemand in seiner Partei daran, dass er im November gewinnen kann. Trump, der Mann der Massen, vereinsamt plötzlich.

Auch in Delaware lassen sich Anzeichen der Trump-Müdigkeit erkennen. Die Halle ist klein und trotzdem nicht voll. Das hat zwar den schönen Nebeneffekt, dass es weitaus weniger aggressiv zugeht, als man das gemeinhin von Trump-Veranstaltungen gewohnt ist. Aber gerade in Ohio sind Lücken im Publikum sehr überraschend. Hier, im industriell so gebeutelten Mittleren Westen, sitzen seine grössten Fans, hier muss er gewinnen, wenn er gegen Clinton überhaupt irgendeine Chance haben will. «Vielen Dank den Feuerwehrleuten», ruft Trump von der Bühne. «Ihr habt so viele Menschen reingelassen. Und draussen stehen noch so viele!»

Draussen steht niemand mehr. Die, die reinwollten, sind schon lange drin.

Supporters display a bobblehead doll as they gather at the start of a rally with U.S. Republican presidential nominee Donald Trump in Delaware, Ohio, U.S. October 20, 2016. REUTERS/Jonathan Ernst

Es wird einsam um Trump. Bild: JONATHAN ERNST/REUTERS

Krise, Niederlage, drohendes Debakel? Von wegen. In Delaware redet Trump, als stünde er kurz vor der Präsidentschaft. Er verspricht seinen Anhängern einen «sehr, sehr grossen Sieg» am 8. November. Die letzte TV-Debatte sei «erstaunlich gewesen», ruft er: «Jeder sagt, dass ich gewonnen habe.» Ja, und Hillary Clinton – die sei die «korrupteste und unehrlichste Kandidatin, die es jemals gab». Sie müsse wegen ihrer Verflechtungen mit dem Grosskapital und ihrer verheerenden Ideen eigentlich «zurücktreten». Clinton wolle «offene Grenzen im Mittleren Osten», so Trump: «Das heisst, ganze Generationen von radikalen Islamisten kommen an unsere Ufer!»

Es geht alles sehr schnell. Vom Sieg über Clinton zum Terror innerhalb weniger Minuten. Und immer ein neuer Superlativ.

Trump tritt fahrig auf, verbittert. Die drohende Niederlage nervt ihn, man merkt das, warum sonst sollte er das Wahlergebnis präventiv anzweifeln. Seine Weigerung bei der TV-Debatte, den Ausgang der Wahl in jedem Falle anzuerkennen, irritiert weite Teile Amerikas, aber Trump macht einfach weiter. «Ich werde absolut das Ergebnis dieser grossartigen und historischen Wahl akzeptieren – wenn ich gewinne», ruft er. Lacher schallen durchs Publikum.

«Die Mücke muss weg»

Er spielt mit diesem Thema, heizt die Gerüchte um vermeintliche Wahlfälschungen an. Clinton habe Störer bezahlt, die seinem Wahlkampf schaden, schimpft Trump. «Sie tut alles dafür, um zu gewinnen», ruft er. Beweise für den Gewalteinsatz? Fehlen. Selbst Tote dürften ja abstimmen, behauptet er: «Wir hatten sogar mal einen Republikaner, der nach seinem Tod Demokrat wurde!» Beweise? Fehlen ebenfalls.

U.S. Republican presidential nominee Donald Trump holds a campaign rally in Delaware, Ohio, U.S. October 20, 2016. REUTERS/Jonathan Ernst

Trump in Delaware, Ohio. Bild: JONATHAN ERNST/REUTERS

Eine Mücke kommt auf Trump zugeflogen. «Die Mücke muss weg. Ich bin ein bisschen nervös wegen Mücken in letzter Zeit. So mitten auf die Nase einen Stich zu kriegen, nein, das wollen wir nicht», sagt der Kandidat.

Trump hat immer schon in einer eigenen Sphäre gelebt, aber in diesen Tagen wirkt es, als karikiere er sich noch einmal selbst, um seinen Anhängern zu vermitteln, dass er noch da ist. Trump hoch zwei, wie beim Roulette, wenn man seine Verluste durch den doppelten Einsatz wieder wettzumachen hofft. Aber er kann nicht überdecken, wie sehr ihn seine Lage schmerzt. Das macht ihn so angreifbar.

Barack Obama hat ihn gerade erst als heulenden Buben hingestellt, Clinton hat ihn vor einem Millionenpublikum als Marionette Wladimir Putins bezeichnet, Satiriker arbeiten sich an ihm ab, Künstlergruppen stellen ihn als Dummerchen dar. Für einen selbst ernannten starken Mann wie ihn sind das harte Tage.

Es geht jetzt um seine Agenda. «Amerika zuerst. So wird es sein», sagt Trump. Bei der Einwanderung, der Wirtschaft, dem Handel. «Unter mir», ruft er, «kommen eure Jobs zurück. Eure Steuern gehen runter. Eure Firmen werden Ohio nicht verlassen müssen.» Themenwechsel. «Und wir werden Obamacare zurückdrehen und ersetzen. Ihr werdet eine tolle Krankenversicherung für einen Bruchteil der Kosten haben.» Für seinen letzten Punkt gibt es rauschenden Beifall. Eine Frau schreit: «Trump for President!» Der Kandidat reckt wieder einen Daumen nach oben.

Er blickt ins Publikum. «In zehn, 20 oder 30 Jahren blickt ihr auf diese Veranstaltung zurück, auf diese Bewegung, wie sie noch nie jemand gesehen hat», ruft er. «Ihr blickt zurück auf die Wahl und sagt euch: Das war die wichtigste Stimme, die wir je abgegeben haben. Und hoffentlich seid ihr dann stolz auf euren Präsidenten. Denn er macht einen grossartigen Job.»

Trump verschwindet von der Bühne

Kein Händeschütteln, keine Unterschriften, keine Fotos. Die Musik geht an. «You Can't Always Get What You Want» schallt aus den Boxen, ein grosser Hit der Rolling Stones. Trump gibt in den Katakomben zwei Fernsehinterviews. Er bricht beide ab, aus Frust über zwei kritische Fragen. Die Menschen verlassen die Halle. Es regnet. Ein Mann versucht noch, seine letzten Trump-T-Shirts zu verkaufen, packt schliesslich seine Sachen.

Ein paar hundert Meter weiter, im lokalen Wahlkampfbüro des Kandidaten, haben die Mitarbeiter ebenfalls Feierabend gemacht. «Geschlossen» steht auf einem Schild in der Tür.

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Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.

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29Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • lilie 21.10.2016 12:26
    Highlight An der Wahlveranstaltung spielen sie "You Can't Always Get What You Want"? Das sollte sich Trump wohl mal selber sagen...
    28 0 Melden
  • Lowend 21.10.2016 12:19
    Highlight «You Can't Always Get What You Want» schallt aus den Boxen, dabei haben die Stones dieser Dumpfbacke mehrmals klar untersagt, ihre Lieder für seinen üblen. rassistischen Wahlkampf zu missbrauchen!
    http://www.thewrap.com/rolling-stones-lash-out-at-donald-trump-again-over-song-use/
    29 3 Melden
  • D(r)ummer 21.10.2016 12:10
    Highlight Alle guten Dinge sind drei.
    USA!! USA!! USA!!


    Das waren drei, waren sie gut? Ich glaub nei...
    6 9 Melden
  • zombie woof 21.10.2016 11:03
    Highlight Wenn Trump nicht gewählt wird, hat die Welt ganz einfach einen gefährlichen Idioten weniger an der Macht. Mit Clinton hat die Welt wahrscheinlich keine Idiotin an der Macht, was aber nicht heissen soll, dass diese Frau nicht weniger gefährlich ist. Mit Clinton werden wir harte Zeiten erleben welche ohne weiteres Europa miteinbeziehen können.
    23 26 Melden
    • rodolofo 21.10.2016 14:16
      Highlight Findest Du denn Putin überhaupt nicht gefährlich?
      7 11 Melden
    • INVKR 21.10.2016 17:44
      Highlight Du musst verstehen, rodolofo, hier in den Kommentarspalten ist Putin grundsätzlich eine arme, missverstandene Seele, dem der Weltfrieden und Zivilistenleben über alles heilig sind und der nur die Russen, Ukrainer und Syrer vor den bösen, imperialistischen Amis und deren Drohnen (= Teufelsmaschinen, welche die Russen natürlich NIEMALS verwenden würden) beschützen will. Alles andere sind Propagandalügen von wahlweise Obama, Clinton oder Merkel.
      13 0 Melden
    • rodolofo 21.10.2016 18:06
      Highlight @ INVKR
      Danke für diese Erklärung!
      Aber was mich am meisten beunruhigt, sind die 9 Blitze.
      7 sind ja die üblichen Putin-Trollzwerge.
      + 1 (Schneewittchen)
      Aber wer zum Henker hat den 9.Blitz verbrochen?
      Das war doch nicht etwa...
      Putin persönlich???
      7 0 Melden
  • INVKR 21.10.2016 10:23
    Highlight "«In zehn, 20 oder 30 Jahren blickt ihr auf diese Veranstaltung zurück [...] und sagt euch: Das war die wichtigste Stimme, die wir je abgegeben haben. Und hoffentlich seid ihr dann stolz auf euren Präsidenten. Denn er macht einen grossartigen Job.»"
    Präsidenten dürfen höchstens 8 Jahre im Amt sein, Donald...
    47 5 Melden
    • pamayer 21.10.2016 12:30
      Highlight Na ja. Es ist eben nicht irgend ein präsident, es ist drump.
      12 0 Melden
    • Jannabis420 21.10.2016 12:54
      Highlight Nun ja, wenn der Trumpel die Macht ergreift, wär ich mir da nicht so sicher, ob das mit der Amtsbegrenzung dann nicht doch passé wäre, dem Typ würde ich alles zutrauen, von A bis Z, Absolutismus bis hin zu Zerstörung durch den Einsatz von ABC-Waffen...
      15 2 Melden
  • rodolofo 21.10.2016 09:28
    Highlight Was in dem Dok-Film auch gezeigt wurde:
    Als Trump wegen einem ruinösen Projekt in Atlanta, dem Taj Mahal - Casino-Tower geschäftlich am Ende und kurz vor dem Ruin stand, beschlossen die Banken, die Marke Trump zu erhalten, um nicht noch grössere Abschreiber und Verluste in Kauf zu nehmen.
    Das Grossmaul Trump war zu jenem Zeitpunkt also bereits "Too Big To Fail"!
    Letztlich haben also die Banken Trump gross gemacht, erst, indem sie ihm das Geld nachwarfen und nachher, indem sie seinen Namen als Marke stützten.
    Trump kassierte in der Folge in grossem Stil ab, ohne etwas geleistet zu haben...
    85 8 Melden
  • rodolofo 21.10.2016 09:22
    Highlight Gestern sendete srf1 einen aufschlussreichen Dok-Film über die beiden Präsidentschafts-Kandidaten Hillary Clinton und Donald Trump.
    Darin wurde gezeigt, dass der Vater von "The Donald" eine arbeitswütige Maschine war, der von einer faschistoiden Einstellung beseelt war.
    In seiner Welt sollten sich nur die Stärkeren durchsetzen, die "Killer", wie er diese nannte.
    Trump erlebte am Beispiel eines feinfühligeren Bruders mit, wie dieser in einer Zeit der Schwäche von seiner eigenen Familie fertiggemacht und in den Selbstmord durch Alkoholismus getrieben wurde.
    So etwas sollte ihm nicht passieren!
    50 6 Melden
  • Steven86 21.10.2016 09:00
    Highlight Gibt es wirklich noch Leute die den Trump wählen würden?
    43 14 Melden
    • Ville_16 21.10.2016 09:16
      Highlight Jeder vernünftige Europäer würde ihn genau deshalb wählen
      http://www.spiegel.de/politik/deutschland/was-fuer-donald-trump-spricht-kommentar-a-1117476.html

      Blöderweise interessieren sich die meisten Europäer mehr für Sexismus und Abtreibung und nicht für die wichtigen Dinge.
      41 104 Melden
    • Träumerei 21.10.2016 10:26
      Highlight Gibt es wirklich noch Leute die Hillary wählen würden?
      25 47 Melden
    • shinoda 21.10.2016 10:29
      Highlight @ville_16 danke für den Link. Das Problem bei watson.ch ist, dass so ein artikel nie aufgenommen würde. Zu Clinton kritisch. Aber ja, hauptsache der #schweizeraufschrei ist überall.
      24 47 Melden
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