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Attentat in Charleston: Die Gefahr des geduldeten Rassismus

An seiner Jacke trug er Abzeichen kolonialer Diktaturen: Der Weisse Dylann R., 21, soll in Charleston neun Schwarze erschossen haben, in der Bibelstunde. In den Südstaaten der USA wird Rassismus immer noch als Kavaliersdelikt abgetan. Ein tödlicher Fehler.

19.06.15, 11:39 19.06.15, 13:21

Marc Pitzke, New York



Amoklauf in Schwarzen-Kirche in Charleston

Ein Artikel von

Facebook ist eine Plattform für inszenierte Selbstdarstellung. Der 21-jährige Dylann R. wählte dazu ein ganz besonderes Profilfoto: Grimmig posiert der mutmassliche Todesschütze von Charleston in einem Südstaaten-Bayou. Auf seiner Jacke kleben Abzeichen, darunter die Flagge des kolonialen Rhodesien und Südafrikas alte Apartheidsflagge.

Vor allem Letztere ist populär bei US-Rechtsextremen, die sich mit der eingebildeten Opfermentalität vieler Weisser im damaligen Südafrika identifizieren. Diese Mentalität verbreitet sich neuerdings auch in den USA, aufgrund des demografischen Wandels zugunsten dunkelhäutiger Minderheiten - und der Wahl des ersten schwarzen US-Präsidenten.

Ob R. mit der rechten Szene vernetzt war, ist noch unklar, die Ermittlungen haben gerade erst begonnen. Doch schon jetzt verkörpert er für viele einen geradezu alltäglichen Rassismus, der Amerikas Süden bis heute durchwirkt, trotz aller modernen Aufgeschlossenheit. Als «Tradition» geduldet oder Kavaliersdelikt abgetan und mit ebenso gängigem Waffenbesitz kombiniert, ergibt sich eine gefährliche Mischung.

Jon Stewart über den Amoklauf von Charleston

YouTube/Kwame Boateng

Es war ein Anschlag auf das Herz des schwarzen Amerikas: Neun Menschen kamen bei dem Massaker in der Emanuel AME Church um, der ältesten schwarzen Kirche im US-Süden. Sylvia Johnson - eine von nur drei Überlebenden, die der Täter verschonte - beschrieb später auf CNN eine Horrorszene: Eine Frau habe ihren Sohn sterben sehen, bevor sie, in seinem Blut liegend, selbst gestorben sei.

Der junge Mann, der am Donnerstag im Nachbarstaat North Carolina gefasst wurde, passt kaum zu der grauenvollen Tat: schlaksig, feixend, er trägt einen blonden Pagenschnitt. Sollte man die Person eines Attentäters nicht lieber ignorieren, ihm die Genugtuung der öffentlichen Aufmerksamkeit verweigern? Ja - und doch: Nach allem, was bisher bekannt ist, handelt R. zwar alleine, zugleich symbolisiert er aber die unbewältigte Vergangenheit einer ganzen Nation.

Rassismus im tiefen Süden

Bild: JOHN TAGGART/EPA/KEYSTONE

Aufgewachsen auf dem Lande, Eltern geschieden, eine ältere Schwester, die am Wochenende heiraten wollte. Drogen, Bagatelldelikte, Ärger in der Schule. Er habe Tiere geliebt, hört man. Doch es gab Warnzeichen. John Mullins, ein Schulfreund, sagte der Website «Daily Beast», R. habe «streng konservative Ansichten» gehabt: «Südstaatenstolz» - ein Codewort für Schwarzenhass. Ja, R. habe «rassistische Witze» gerissen. Keiner habe das ernst genommen.

Das aber ist eben das Problem im Deep South: Rassismus gehört weiter zum Umgangston, unwidersprochen, und viele lachen leise mit.

Obama zum Amoklauf in Charleston

YouTube/NewsGoing Viral

Die alte Flagge der Konföderierten, Symbol für Segregation und Sklaverei: Sie weht trotz lauter Proteste weiter vor dem Kapitol von South Carolina, als gerichtlich verankerter Ausdruck von «Tradition» - und deshalb jetzt als einzige Fahne nicht auf Halbmast. «Confederate» wurde laut BBC nach den tödlichen Schüssen eines der meistgenutzten Wörter auf Twitter in den USA.

Auch R. präsentierte die Flagge prominent. Ein Facebook-Foto zeigt seinen Hyundai, dessen Nummernschild die Konföderiertenflagge trägt - und die stolze Aufschrift: «Confederate States of America.»

Bild: JOHN TAGGART/EPA/KEYSTONE

In letzter Zeit gab es offenbar immer mehr Hinweise darauf, dass R. Böses im Schilde führte. «Er erzählte herum, dass er mit rassistischen Gruppen involviert sei», sagte eine Verwandte dem «Wall Street Journal». Dabei sei er früher doch immer «so lieb und nett» gewesen.

Pistole zum Geburtstag

Vorige Woche habe R. angekündigt, «am Mittwoch ein paar Leute umzubringen», sagte ein Freund der «Daily News». Er habe das «seit sechs Monaten geplant», sagte ein anderer Freund auf ABC. «Er war für die Segregation. Er wollte einen Bürgerkrieg beginnen.» Er habe den Schwarzen betrunken vorgeworfen, weltweit «die Macht übernehmen» zu wollen, sagte ein dritter Bekannter der Nachrichtenagentur AP.

Bild: JASON MICZEK/REUTERS

All diese «Freunde» - doch wer unternahm etwas? Ein gefährlicher geduldeter Rassismus. Allein in South Carolina gibt es nach Angaben der Watchdog-Gruppe Southern Poverty Law Center 19 aktive «Hassgruppen». Die meisten sind mit dem Ku-Klux-Klan verbunden.

Konservative Politiker und Medien bestreiten solche Zusammenhänge gerne - auch im Fall R.: «Er war wohl eines dieser verrückten Kids», sagte der Republikaner Lindsey Graham, der South Carolina im Senat vertritt, auf CNN. «Hier geht es um einen verwirrten jungen Mann.»

Dass der eine Waffe besass, gehörte wohl auch zum Südstaaten-Charme. Sie hätten ihm im April eine Pistole, Kaliber .45, zum 21. Geburtstag geschenkt, erzählte sein Onkel der Nachrichtenagentur Reuters. R. sei gleich zum Zielschiessen gerannt: «Er klang happy.»

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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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5Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Citation Needed 19.06.2015 13:10
    Highlight Sehr treffend von Stewart auf den Punkt gebracht. Täter, die sich zum Opfer stilisieren und ihre beklagenswerten Opfer als Täter betrachten, die die Amerikanische Kultur zerstören. Fühlte sich wohl berufen, sein Land zu retten und nicht wenige werden ihn "irgendwie verstehen".
    Erinnert irgendwie an das hartnäckige Klischee der "Zigeuner, die Kinder stehlen" - obwohl deren Kinder systematisch fortgenommen wurden..
    Wurde eigentlich schon berichtet, dass der Täter psychisch krank und Einzeltäter war, und dass seine Tat absolut nichts mit allgegenwärtigem Alltagsrassismus zu tun hat?
    15 0 Melden
    • Citation Needed 20.06.2015 14:45
      Highlight Andy Portmann: Du antwortest u.A. auf den letzten Satz. Etwas klarer: selbst wenn Einzeltäter und psychisch krank in diesem Fall (auch) zutreffend wären - man sollte es nicht dabei bewenden lassen. Die white Suprematists werden zu leichtfertig geduldet oder ignoriert, es gibt einen Nährboden für eine solche Denke, der bis weit ins konservative Milieu reicht, Fox TV steht z.B. auch knietief drin und giesst tüchtig Öl ins Schwelfeuer.
      Zu Deinem letzten Satz: vermutlich ja.
      0 0 Melden

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