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Obama fordert schärfere Waffen-Gesetze: Schon wieder eine Rede, die nichts ändern wird

«Wir sind abgestumpft», sagt Präsident Obama verbittert nach der jüngsten Schiesserei auf einem US-Campus. Zehn Menschen starben dort. Und die US-Waffenlobby? Fordert jetzt noch mehr Waffen – für Lehrer wie Schüler.

Marc Pitzke, New York



Ein Artikel von

Spiegel Online

So frustriert, so wütend hat man Barack Obama selten erlebt. «Unsere Gedanken und Gebete sind nicht genug», sagt der US-Präsident. Er stockt und beisst sich auf die Lippen. «Sie werden nicht verhindern, dass wieder ein solches Gemetzel in Amerika angerichtet wird - nächste Woche oder in ein paar Monaten.»

Zum 15. Mal seit seinem Amtsantritt im Jahr 2009 steht Obama vor den TV-Kameras und beklagt ein Massaker, angerichtet von einem wirren Schützen. «Schon wieder eine Massenschiesserei in Amerika», sagt er, und sein Finger sticht in die Luft. «Schon wieder eine Gemeinde, von Trauer überwältigt.»

Und schon wieder ein Campus. Diesmal das Umpqua Community College bei Roseburg, einem friedlichen Örtchen im Herzen des US-Nordweststaats Oregon. Zehn Tote. Sieben teils schwer Verletzte. Der Schütze selbst auch tot. Als Obama abends in den Pressesaal des Weissen Hauses tritt, ist vieles noch unklar. Doch die Umrisse sind altbekannt.

«Er schiesst durch die Tür!»

«Es ist zur Routine geworden», sagt Obama. «Die Berichterstattung ist Routine. Meine Reaktion hier an diesem Podium ist letztendlich Routine. Wir sind abgestumpft.» Diese Routine, ein Ritual fast, beginnt in dem Moment, da «Breaking News» über die Bildschirme flimmert. «Active shooter», so nennen sie das hier - ein längst gängiger Ausdruck, für den es keine Übersetzung gibt aus dem Amerikanischen. Das Ritual hat sein eigenes Vokabular.

Die atemlosen Notrufe: Die Evakuierung. Die Luftaufnahmen aus dem Helikopter. Die Illustration des Tatorts via Google Earth. Die Pressekonferenz der Gouverneurin, die kaum ein Wort herausbringt. Die Kerzen-Mahnwachen. Die Versicherung, es seien «grief counselors» zum College unterwegs: «Trauerbegleiter» für die, die davonkamen. Das Ritual hat seine eigenen Berufsgruppen.

Wenige Stunden nach den Notrufen wird ein mutmasslicher Täter identifiziert: Chris Harper M., ein 26-Jähriger aus der Gegend. Er habe vier Waffen dabei gehabt, drei Pistolen und ein Gewehr, heisst es in Polizeikreisen. «Ein wütender junger Mann, der offenbar sehr hasserfüllt war.» Einer Augenzeugin zufolge soll er seine Opfer zuvor nach ihrer Religion gefragt haben.

Kein Tag ohne Schiesserei

In den nächsten Tagen werden die Medien jeden Aspekt seines Lebens zerlegen, jede Tagebuchzeile, jeden Social-Media-Post. Spekulationen ranken sich um 4chan, ein Online-Messageboard, auf dem M. seine Tat angeblich angekündigt habe, unterstützt von anstachelnden Parolen.

Trauernde in Roseburg, Oregon.
Bild: GARY BREEDLOVE/EPA/KEYSTONE

Keine Spekulationen dagegen ranken sich um den gemeinsamen Nenner: «Wir sind das einzige fortschrittliche Land auf der Erde, das alle paar Monate eine neue Massenschiesserei erlebt», sagt Obama. Er untertreibt sogar noch. Seit er Präsident ist, ist keine Kalenderwoche ohne ein solches Massaker vergangen. Allein in diesem Jahr gab es nach Zählung von Aktivisten bereits 45 Schulschiessereien – und 294 Massenschiessereien überhaupt. 274 Tage. 294 Schiessereien.

Mehr als 10'000 Amerikaner im Jahr sterben durch Waffengewalt - doch nur im Schnitt 15 durch Terroranschläge. Gegen Waffengewalt tun die USA nichts. Gegen Terrorismus investierten sie seit 9/11 «mehr als eine Billion Dollar», wie Obama erinnert. «Wie kann das sein?»

Die Märchen der Waffenlobby

So kann das sein: Binnen Stunden plädieren Vertreter der Waffenlobby für Waffen in allen Schulen, für Lehrer wie Schüler. Das Umpqua Community College, betonen sie, sei eine waffenfreie Zone gewesen - kein Wunder also, dass der Schütze unwidersprochen habe schiessen können. «Glaubt das irgendjemand wirklich?», fragt Obama entgeistert.

Mehr Waffen, weniger Tote: Dieses Märchen, propagiert von der US-Waffenlobby NRA und ihren erkauften Kongressmitgliedern, ist längst widerlegt. Eine neue Studie beweist, dass sich von 134 untersuchten Massakern zwischen Januar 2009 und Juli 2015 mehr als zwei Drittel (91) an Orten ereigneten, wo das Tragen von Waffen erlaubt ist. US-Bundesstaaten mit strengeren Gesetzen dagegen haben weniger Vorfälle.

Los Angeles County Sheriff deputies assist with the destruction of approximately 3,400 weapons during the 22nd Annual Gun Melt in Rancho Cucamonga, California July 6, 2015. The confiscated weapons by Los Angeles County and ten participating law enforcement agencies will be melted down to convert the weapons into construction steel rebars for use in local highways and bridges. REUTERS/Bob Riha, Jr.

Waffen werden in Los Angeles beim jährlichen «Gun Melt» unschädlich gemacht.
Bild: BOB RIHA JR/REUTERS

Und noch eine Statistik: 2015 wird das erste Jahr sein, in dem mehr junge US-Bürger unter 26 Jahren an Waffengewalt sterben als bei Autounfällen. Waffen haben Wagen als Jugendkiller Nummer eins überholt. Doch nichts wird sich ändern, das weiss auch Obama. «Möge Gott das Andenken derer segnen, die heute ermordet wurden», sagt er zum Abschluss, fast formelhaft. «Und möge er uns die Kraft geben, zusammenzukommen und den Mut zu finden, etwas zu ändern.»

Dreizehn Minuten spricht Obama, dann wendet er sich ab und verlässt den Pressesaal abrupt. Benannt ist der übrigens nach Jim Brady, dem Sprecher Ronald Reagans. Brady wurde 1981 beim Attentatsversuch auf den damaligen Präsidenten angeschossen und schwer verletzt. Bis zu seinem Tod 2014 kämpfte er für strengere Waffengesetze.

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Obama zum jüngsten Amoklauf.
YouTube/Egberto Willies

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    Alle Leser-Kommentare
  • Thomtackle 02.10.2015 10:53
    Highlight Highlight how can that be is Obama asking? because USA is the most stupid country in the world?
    5 7 Melden
  • Chili5000 02.10.2015 10:25
    Highlight Highlight Es gibt nur jemanden der Mächtiger ist als Obama und Putin zusammen. Die Waffen Lobby! Immerhin weis Obama was das Problem ist, was man von seinem Vorgänger nicht behaupten kann.
    19 3 Melden
  • Alnothur 02.10.2015 09:54
    Highlight Highlight Kein Wunder ist es eine Rede, die nichts ändern wird - weil schärfere Gesetze nämlich nichts ändern werden. Denn die Statistiken, verglichen mit dem "Musterbeispiel Australien", zeigen: seit dort die Waffengesetze verschärft wurden, sind die Schiessereien um 50% zurückgegangen - in Neuseeland, wo sie nicht verschärft wurden, ebenfalls, und in den USA in dieser Zeitspanne um mind. 40%.
    4 20 Melden
    • Das schnabeltier 02.10.2015 10:14
      Highlight Highlight gleich dummer zahlenvergeleich den sie hier bringen, wie der schöne Schweiz-Honduras vergleich der NSA- Fritzen..
      solange Waffen für jeden dermassen einfach zugänglich und unregistriert sind, wird es auch für diese Psychischgestörten kein Hinderniss darstellen können sich zu bewaffen.

      Das grösste Problem ist leider die übermächtige Waffenlobby der USA. In keinem anderen Land der Welt ist der Einfluss auf Politik durch die Waffenlobby dermassen einschneidend.
      6 1 Melden
    • Alnothur 02.10.2015 10:24
      Highlight Highlight Für die ganzen Downvoter:

      In Chicago wurden eben innert 14 Stunden 15 Schwarze erschossen.
      Das wird von Obama und den Medien nicht mit einem Wort erwähnt. Warum?
      Weil sich daraus kein politischer Gewinn schlagen lässt: Schwarze erschiessen Schwarze in einer Stadt, die exterm scharfe anti-Waffengesetze hat. Also die Art Gesetze, die sie auf das ganze Land ausdehnen wollen.

      In Utah dürfen Studenten mit Trageschein ihre Waffen auch auf dem Campus tragen. Seither gab es dort nicht einen einzigen "Amoklauf".
      4 20 Melden
    • Chili5000 02.10.2015 10:24
      Highlight Highlight Habe noch nie so einen Sinnlosen Kommentar gelesen wie deinen. Was willst du damit sagen? Schärfere Gesetze ändern nichts? Ist das wirklich dein Ernst?
      15 3 Melden
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