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Der libertäre Kandidat Gary Johnson (63) könnte die US-Präsidentschaftswahl gehörig durcheinander bringen. Bild: Rick Bowmer/AP/KEYSTONE

Genug von Trump und Hillary? Dieser dritte Kandidat hat ein Wörtchen mitzureden – obwohl er chancenlos ist

14.08.16, 10:29 07.11.16, 16:21

Möge der Bessere gewinnen, heisst es unter normalen Umständen. Aber was ist dieses Jahr schon normal? Für die US-Präsidentschaftswahl wäre wohl «möge der weniger Verhasste gewinnen» angebrachter. Gemäss einer aktuellen Umfrage wollen 22 Prozent für keinen der beiden Kandidaten stimmen. Millionen von Amerikanern stehen also vor einem Dilemma:

Die meisten werden sich wohl für die erste Option entscheiden und hoffentlich nicht allzu viele für die zweite. Ungewöhnlich viele scheinen zur dritten Option zu tendieren, denn ein alternativer Kandidat erfreut sich dieses Jahr hoher Zustimmung: Der libertäre Gary Johnson (63).

«Das erste Anzeichen, dass du ein Libertärer bist: Die Ampel steht auf Rot. Du hältst an. Du merkst, dass weit und breit kein Auto zu sehen ist. Du trittst aufs Gaspedal.»

Gary Johnson

Gary Johnson am Parteikongress der libertären Partei (27.05.2016). Bild: John Raoux/AP/KEYSTONE

Gary Johnson war von 1995 bis 2003 republikanischer Gouverneur von New Mexico und ist damit der einzige Kandidat, der zuvor bereits in ein Exekutivamt gewählt wurde. 2012 bemühte er sich erfolglos um die Nomination der Republikaner für die Präsidentschaftswahl und liess sich stattdessen von der libertären Partei aufstellen. Damals erhielt er landesweit knapp 1 Prozent der Stimmen. Derzeit kommt er in den Umfragen auf 9 Prozent.

Johnson vertritt in Finanz- und Steuerfragen republikanische Positionen wie weniger Staat, vereinfachte Steuergesetze und ein ausgeglichenes Budget. Gesellschaftspolitisch steht er hingegen weit links: So befürwortet er das Recht auf Abtreibung, gleichgeschlechtliche Ehen, Alkoholkonsum ab 18 (statt wie aktuell 21) Jahren und die Entkriminalisierung von Drogen. Die Todesstrafe lehnt er ab. Ebenso wie Einschränkungen beim Waffenrecht, da ist er konsequent libertär.

«Ich glaube nicht, dass ich mich jemals öffentlich auf Gott berufen werde, wenn ich etwas tue.»

Gary Johnson

Johnsons erklärtes Ziel ist es derzeit, in den nationalen Umfragen in die Nähe von 15 Prozent zu kommen. Dann wäre er berechtigt, an den drei TV-Präsidentschaftsdebatten gegen Trump und Clinton anzutreten. Zuletzt war dies 1992 Ross Perot gelungen. Ansonsten sind die Debatten eine exklusive Angelegenheit der Demokraten und Republikaner.

Dreierdebatte 1992: George Bush Senior, Ross Perot und Bill Clinton. Bild: AP

Laut Medienberichten schliessen die Organisatoren dieses Szenario nicht aus und planen schon einmal ein drittes Rednerpult. Sollte Johnson die 15 Prozent knacken, könnte er seinen Wähleranteil durch die nationale Aufmerksamkeit für die Debatten wohl weiter steigern. Für den Sieg wird es trotzdem nicht reichen, doch Trump – und Clinton würde er auf jeden Fall Kopfzerbrechen bereiten.

Aufgrund der hohen Bedeutung von Swing States, wo manchmal einige Zehntausend Stimmen den Ausschlag geben, hat ein Kandidat wie Johnson erhebliches disruptives Potenzial. Die entscheidende Frage lautet: Wem nimmt er mehr Stimmen weg? Bislang scheint er eher in Trumps Wählersegment abzuschöpfen, doch aufgrund seiner gesellschaftsliberalen Positionen wäre er auch für viele Demokraten wählbar. Das gilt auch für die Kandidatin der Grünen Partei, Jill Stein. Sie liegt derzeit bei knapp vier Prozent in den Umfragen. 

Richtig interessant wird es, sollte es Johnson gelingen, einen Gliedstaat zu gewinnen. In Utah etwa hat er in den Umfragen zu Donald Trump aufgeschlossen. Sollte es landesweit zusätzlich zu einem knappen Rennen zwischen Trump und Clinton kommen, könnte es passieren, dass keiner der beiden die nötigen 270 Elektorenstimmen erreicht.

Johnsons Markenzeichen sind seine Nike-Turnschuhe. Bild: Rick Bowmer/AP/KEYSTONE

Dann bestimmt das Abgeordnetenhaus den Präsidenten (pro Gliedstaat eine Stimme). In seiner aktuellen Zusammensetzung dürfte dann der republikanische Kandidaten das Rennen machen – ob das Trump wäre, ist eine andere Frage. Ebenso, ob die Republikaner ihre Mehrheit im Abgeordnetenhaus halten können, das 2016 ebenfalls neu gewählt wird.

Ausdauer hat er: Während seiner Zeit als Gouverneur absolvierte Gary Johnson mehrere Marathons, Triathlons und Radrennen. 2003 bestieg er den Mount Everest.  bild: pd

Es wäre nicht das erste Mal, dass ein dritter Kandidat entscheidend in die US-Präsidentschaftswahl eingereift. 2000 fehlten dem Demokraten Al Gore gegen George W. Bush nur wenige hundert Stimmen in Florida, um Präsident zu werden. Ralph Nader machte dort fast 100'000 Stimmen, die mehrheitlich an Gore gegangen wären. Stattdessen verhalfen sie indirekt George W. Bush zum Sieg, so die Meinung vieler Beobachter. 1992 war es Ross Perot, der George Bush Senior die Wiederwahl vermieste.

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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29Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Nausicaä 14.08.2016 18:09
    Highlight Weiss jemand, wie er sich als 'libertärer' in Bezug auf die horrenden Studiengebühren und Zinsen in den USA äussert und in Bezug auf 'Obama'-Care? Ich ahne zwar die Antwort...
    15 2 Melden
    • Gurgelhals 14.08.2016 19:36
      Highlight Libertäre setzen sich für einen Minimalstaat ein; Dinge wie Sozialstaat, öffentlich finanzierte akademische Bildung oder ein staatliches und/oder obligatorisches Gesundheitswesen gehen da natürlich gar nicht.

      Libertarismus ist letztlich in hochproblematischem Masse zweischneidig: Gesellschaftspolitisch sind sie mit ihren laissez faire-Überzeugungen oftmals extrem fortschrittlich, wirtschafts- und finanzpolitisch stehen sie jedoch für einen derart "reinen" laissez-faire Kapitalismus nach dem Muster des 19. Jahrhunderts, dass sie dies allein praktisch unwählbar macht.
      32 4 Melden
    • Nausicaä 14.08.2016 19:56
      Highlight Gurgelhals: Vielen Dank für die Antwort. Sowas habe ich befürchtet..
      13 2 Melden
  • ottonormalverbraucher 14.08.2016 15:57
    Highlight Chancenlos soll er sein? Wieviele tausende von Experten und Kommentarschreiber hier haben das auch über Trump gesagt vor einem Jahr?
    25 4 Melden
    • Gleis3Kasten9 14.08.2016 16:33
      Highlight Wer von beiden hat eine Partei mit Milliardenbudget hinter sich? Mal schau'n... Ach ja, Trump.
      6 7 Melden
    • Kian 14.08.2016 17:12
      Highlight Trump hatte die Umfragen von Beginn weg auf seiner Seite, nur glauben wollte das keiner.
      29 0 Melden
  • rodolofo 14.08.2016 13:51
    Highlight Meine (sicher vielbeachtete!) Empfehlung an die US-Amerikaner:
    Dieses Mal die "Musterschülerin" Hillary Clinton dem "Pausenplatz-Rüpel" Donald Trump den Vorzug geben und Barak Obama bestürmen mit dem Ziel, ihn zur Kandidatur für eine dritte Amtszeit zu bewegen.
    Putin hat es ja in Russland etwa so gemacht und den "Manöggel" Medwediew dazwischengeschaltet.
    Und Bernie ist in 4 Jahren wohl zu alt für eine erneute Kandidatur.
    7 17 Melden
    • Kian 14.08.2016 15:03
      Highlight Geht nicht oder? Verfassungsrechtsexperten vortreten bitte.
      No person shall be elected to the office of the President more than twice, and no person who has held the office of President, or acted as President, for more than two years of a term to which some other person was elected President shall be elected to the office of the President more than once.
      26 0 Melden
    • rodolofo 14.08.2016 16:00
      Highlight Ja dann geht es nicht.
      Wahrscheinlich ist Barak sowieso froh, es bald überstanden zu haben.
      Dann muss halt Hillary zwei Amtszeiten machen und kann allen Stänkerern endlich beweisen, was in ihr steckt.
      Und dann? Alles ist möglich, ich meine, in den USA ist scheinbar wirklich alles möglich (siehe Trump...)!
      4 15 Melden
    • Sir Jonathan Ive 15.08.2016 10:15
      Highlight Bernie Sanders wird zwar in 4 Jahren wahrscheinlich nicht in Person antreten, aber es wird garantiert jemand mit seinen Idealen antreten und mit grosser Wahrscheinlichkeit die Nominierung bekommen.
      Ausser natürlich Trump wird gewählt. Dann gibt es in 4 Jahren gar keinen Präsidentschaftsposten mehr um gewählt zu werden.
      10 0 Melden
    • Gurgelhals 15.08.2016 11:19
      Highlight Wenn Hillary gewinnt und ihr nicht entweder eine allfällig kollosal vergeigte erste Amtszeit oder gesundheitliche Probleme in die Quere kommt, wird sie in 4 Jahren ohne ernsthafte parteiinternen Gegenkandidaten wieder nominiert werden.

      Parteiinterne "primary challenges" gegen den Amtsträger sind bei den Präsidentschaftswahlen extrem unüblich. Die Demokraten hatten das 1968 das letzte mal probiert und das endete für die Partei in einem kompletten Debakel (Lyndon Johnson zog sich zurück, der Parteikongress war ein Riesenchaos und die Republikaner gewannen anschliessend mit Nixon die Wahl).
      1 0 Melden
  • teufelchen7 14.08.2016 13:37
    Highlight er ist mir sehr sympathisch! kein typischer kandidat. hoffentlich erreicht er die 15 ÷....
    16 5 Melden
    • tschoo 15.08.2016 10:10
      Highlight Das ist nicht das Prozentzeichen. Aber ich hoffe es auch :)
      3 0 Melden
    • teufelchen7 15.08.2016 16:45
      Highlight danke tschoo für die korrektur :-D
      1 0 Melden
  • Pianovilla 14.08.2016 13:08
    Highlight Super. Perfekt. Alle, die jetzt so gross jubeln von wegen Demokratie und Auswahl und "zum Glück gibts noch andere Kandidaten", haben einfach gar nichts begriffen. Im US Politsystem gibt es zwei Parteien. Punkt. Alle anderen sind schlicht zu unbedeutend. Ob einem das passt oder nicht. Wer 2000 Ralph Nader wählte, weil der ja so umweltfreundlich ist, hat den Umweltaktivisten Al Gore verhindert. Und G.W.Bush gekriegt.
    Wer heute Johnson oder Stein wählt, wählt Trump. Und da gibt es Leute, die schreiben von "Hoffnung auf guten Wahlausgang". Wer Trump will, wählt alle ausser Hillary.
    15 19 Melden
    • Madison Pierce 15.08.2016 08:27
      Highlight Man kann es auf zwei Arten sehen. So wie Du, nach dem Motto "das kleinere Übel". Man kann aber auch der Meinung sein, dass weder Trump noch Clinton genügend ins eigene Wertesystem passen und dann konsequenterweise einem anderen Kandidaten seine Stimme geben. Dies ist konsequenter, als der Wahl fernzubleiben.

      Beide Ansichten sind verständlich, es gibt kein richtig oder falsch.

      Das Wahlsystem hat aber grundsätzlich grosse Defizite und bildet die Meinung der Bevölkerung nur unzureichend ab. Ist bei uns ja manchmal auch so, man wählt SP, um SVP zu verhindern, obwohl man Grüne möchte.
      5 2 Melden
  • Hayek1902 14.08.2016 12:46
    Highlight Seine Definition von Libertarismus / Liberalismus gefällt mir wirklich gut.
    22 12 Melden
  • Malina 14.08.2016 12:07
    Highlight Ich befürchte nur dass das Jahr 2000 sich wiederholt :/ Jede Stimme für einen 3. Kandidaten kann genausogut eine Stimme für Trump sein (mMn das viel, viel grössere Übel), da so Hillary an Stimmen verliert
    21 25 Melden
    • zigi97 15.08.2016 07:43
      Highlight Wer sagt denn, dass diese Kandidaten vor allem von Leuten gewählt werden, die sonst Hillary wählen würden? Gerade Johnson hat wohl ein Publikum, das näher bei Trump als bei Hillary steht.
      10 1 Melden
  • Madison Pierce 14.08.2016 11:21
    Highlight Danke, dass ihr auch gemerkt habt, dass es noch weitere Kandidaten gibt! Das gibt mir ein wenig Hoffnung auf einen guten Ausgang der Wahl.
    33 5 Melden
    • Kian 14.08.2016 14:56
      Highlight Naja, gewinnen wird Johnson nicht. Allenfalls wird er Spielverderber. Die Frage ist, für wen...
      17 1 Melden
    • Madison Pierce 14.08.2016 16:57
      Highlight Gewinnen nicht, aber die Leute können anders als durch Nichtwahl zeigen, dass sie mit den anderen Kandidaten nicht zufrieden sind. Und vielleicht hat ein gutes Resultat von Johnson einen Einfluss auf die Politik des Wahlsiegers. (Wobei diese Chance wohl recht klein ist.)
      10 1 Melden
    • Luki 14.08.2016 19:43
      Highlight Wird Watson über Jill Stein auch noch schreiben?
      7 0 Melden
    • Kian 14.08.2016 21:50
      Highlight @Luki: Wenn sie in den Umfragen 15 Prozent erreicht, darf sie an den Debatten teilnehmen. Wenn sie 5 Prozent erreicht, schreibe ich ein Porträt. Versprochen.
      11 0 Melden
  • BeniWidmer 14.08.2016 10:59
    Highlight Gary Johnson ist der Präsident, den Amerika braucht. Doch leider zählt dieses Mal Status und Geld mehr als Ideologie und Fortschritt... ☹
    40 7 Melden
    • alessawardo 14.08.2016 13:17
      Highlight "Doeses Mal"
      8 1 Melden
  • MXM 14.08.2016 10:48
    Highlight Endlich mal ein Satz über Jill Stein.
    26 4 Melden
    • Kian 14.08.2016 14:57
      Highlight Was mich an Stein stört: Selbst als Linke und studierte Ärztin hält sie es für nötig, Impfgegnern das Wort zu reden.
      10 11 Melden
  • alessawardo 14.08.2016 10:39
    Highlight 4% für Mistress Stein erscheinen mir aber auch nicht wenig. Weil es ist die USA. Und sie eine Grüne.
    60 4 Melden

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