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US-Todeskandidat Richard Glossip: Im Zweifel gegen den Angeklagten

Richard Glossip soll in Oklahoma wegen Mordes hingerichtet werden. Nun mehren sich die Zweifel an seiner Schuld. Doch seinen Verteidigern läuft die Zeit davon – trotz prominenter Intervention.

15.09.15, 12:47 15.09.15, 13:06

Marc Pitzke, New York

Ein Artikel von

Bild: AP/Oklahoma Department of Corrections

Seine Henkersmahlzeit hat Richard Glossip bereits bestellt: Pizza und Fish & Chips, dazu einen extragrossen Erdbeershake. Dieses letzte Mahl wird er planmässig in seiner Zelle einnehmen, einer fensterlosen Betongruft im Todestrakt des Staatsgefängnisses von Oklahoma, das den Ruf hat, die Delinquenten schon vorab «lebendig zu begraben».

Offiziell sterben soll Glossip, 52, am Mittwoch um Punkt 17 Uhr Ortszeit. Auf eine Pritsche geschnallt, soll er mit einem Gift-Cocktail intravenös umgebracht werden. Die US-Justiz in Gestalt von zwölf ungeschulten Laien – Geschworene genannt – sah darin die beste Strafe für einen Mord, den Glossip 1997 begangen haben soll.

Daran ändert auch nichts, dass Glossip möglicherweise unschuldig ist.

Zwar setzen immer mehr US-Bundesstaaten die Todesstrafe aus oder schaffen sie ganz ab. Denen jedoch, die in den anderen Gegenden weiter auf ihren staatlich verordneten Tod warten, hilft das wenig. Oftmals zeigen ihre Schicksale, wie fatal fehlbar das System Todesstrafe ist.

Richard Glossip könnte so ein Fall sein. Er war einer von vier Todeskandidaten aus Oklahoma, die gegen das Exekutionsgift Midazolam bis vor den Obersten US-Gerichtshof zogen, da es mehrfach zu qualvollem Sterben geführt hatte. Die Klage trug zuletzt sogar Glossips Namen. Doch vergeblich: Im Juni erklärte der Supreme Court Midazolam-Hinrichtungen für rechtmässig; Glossip soll als Erster seither sterben.

An seiner Schuld bestehen grosse Zweifel. Neue Verteidiger haben Indizien zusammengetragen, die Glossip entlasten. Prominente setzen sich für ihn ein, darunter Schwester Helen Prejean, die berühmte Anti-Todesstrafen-Aktivistin, und Hollywood-Star Susan Sarandon, die Prejean im Kinofilm «Dead Man Walking» spielte.

Glossip wäre kein Einzelfall: Seit Wiedereinführung der Todesstrafe in den USA stellte sich bei bisher 155 Verurteilten nachträglich heraus, dass sie unschuldig waren. Gouverneurin Mary Fallin könnte Glossip Aufschub gewähren, um den Verteidigern Zeit zu geben, ihre Argumente vor Gericht zu präsentieren. Doch die Republikanerin bleibt hart: «Oklahoma ist bereit, ihn für seine Tat zur Rechenschaft zu ziehen.»

Am 7. Januar 1997 wurde der Motelbesitzer Barry Van Treese in Oklahoma City brutal erschlagen. Der 19-jährige Gelegenheitsarbeiter Justin Sneed gestand die Tat. In wechselnden Aussagen behauptete er aber, Motel-Manager Glossip habe ihn angestiftet, da er Einnahmen unterschlagen habe.

Richard Glossips Schwester versucht ihn zu retten.
Bild: Sue Ogrocki/AP/KEYSTONE

Wegen seiner «Kooperation» kam Sneed mit lebenslänglich davon. Glossip dagegen wurde 1998 und in einem Wiederaufnahmeverfahren 2004 zum Tode verurteilt – nur aufgrund der fragwürdigen Aussage Sneeds. Doch die Pflichtverteidiger – mehr konnte sich Glossip nicht leisten – waren ihrer Aufgabe in beiden Prozessen nicht gewachsen.

Ein neues Juristenteam, das umsonst arbeitet, ist der Wahrheit in den vergangenen Wochen näher gekommen. Die Anwälte gruben Videos und Transkripte der Sneed-Verhöre aus. Darin änderte dieser seine Story unter Druck mehrmals, um am Ende einen Deal mit der Anklage einzugehen: Er beschuldigte Glossip und rettete sich damit das Leben.

In Wahrheit sei Sneed ein methsüchtiger Dealer gewesen, der in dem Motel Drogengeschäfte gemacht habe und fürchtete aufzufliegen. Der führende US-Polizeiexperte Richard Leo nannte Sneeds Aussage ein klassisches, von der Polizei suggeriertes «falsches Geständnis».

Hilfe kam auch von anderer Seite. Eine Frau, die sich als Sneeds Tochter O'Ryan Justine Sneed bezeichnete, beschuldigte ihn in einem Brief an die Bewährungskomission von Oklahoma der Falschaussage. Das Schreiben traf aber zu spät ein für Glossips letztes Gnadengesuch.

Auch eine der damaligen Geschworenen distanzierte sich: «Wenn die Verteidigung den Fall so präsentiert hätte, wie sie es heute tut», sagte sie dem Lokalsender Fox 25, «hätte ich nicht für schuldig gestimmt.»

Mehr als 50'000 Menschen haben eine Petition unterschrieben, die einen Aufschub der Hinrichtung fordert. Oklahomas Ex-Senator Tom Corbin schloss sich einem Protestbrief zahlreicher Rechtsexperten an die Gouverneurin an. «Er vertraute der Justiz», sagte Schauspielerin Sarandon in der TV-Talkshow «Dr. Phil» über Glossip. «Und die Justiz liess ihn im Stich.»

Glossip selbst scheint sich mit seiner Lage abgefunden zu haben. «Ich habe keine Angst vor dem Tod», sagte er dem britischen Boulevardblatt «Daily Mirror». «Ich bin bereit zu sterben, wenn das verhindert, dass sowas einem weiteren Unschuldigen geschieht.»

Seine letzten Worte hat er ebenfalls schon formuliert: «Niemand sollte für eine Straftat sterben müssen, die er nicht begangen hat.»

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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3Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • AL:BM 15.09.2015 20:47
    Highlight Das ist eben die Sache mit bundesstaatlich individuellen Strafgesetzen... USA!
    2 0 Melden
  • beryll 15.09.2015 19:02
    Highlight Nur unterentwickelte, primitive Staaten halten an der Todesstrafe fest. Die USA sind nicht halb so kultiviert wie sie sich geben. In einer Demokratie müsste man davon ausgehen, dass die Leute aufgeklärt und verantwortungsbewusst sind. In diesem Falle müsste man sofort rufen: Alle Maschinen stopp! Doch nichts passiert. Man greift zur Spritze, je schneller desto besser. Was sind das überhaupt für Menschen, die sich dazu hingeben ein solches Urteil zu vollstrecken???
    Einfach nur degoutant! Kein bisschen besser als die IS-Henker.
    7 1 Melden
  • Gringoooo 15.09.2015 14:23
    Highlight Rechtsstaat
    19 1 Melden

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