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Das Opfer war nackt und offenbar verwirrt: Wieder wurde ein Schwarzer in den USA von einem Polizisten erschossen

In einem Vorort von Atlanta hat ein weisser Polizist einen unbewaffneten Afroamerikaner erschossen. Es ist der dritte Vorfall dieser Art binnen weniger Tage. 

10.03.15, 17:52

Ein Artikel von

Der Notruf kam gegen 13 Uhr. Ein Bewohner eines Apartment-Komplexes in Chamblee, einem Vorort von Atlanta, meldete der Polizei einen Mann, der «einen verwirrten Eindruck macht, an Türen klopft und nackt über den Boden kriecht». So beschrieb Polizeichef Cedric Alexander die Situation, die zu dem Einsatz führte.

Den Angaben zufolge traf ein Polizist den offenkundig verwirrten Mann kurz nach dem Notruf an. Der nackte Mann sei auf den Polizisten zugerannt. Dieser habe ihn aufgefordert, stehen zu bleiben. «Dann ist der Polizist zurückgewichen und hat zwei Schüsse abgefeuert», sagte Alexander.

Die Kugeln trafen das Opfer in den Oberkörper. Der unbewaffnete Mann, ein Bewohner des Apartment-Komplexes, wurde getötet. Man könne davon ausgehen, dass er an einer psychischen Erkrankung gelitten habe, sagte Polizeichef Alexander. Seine Kollegen würden bereits im Umgang mit geistig verwirrten Personen geschult. Diese Massnahmen reichten aber nicht aus, da die Polizei immer häufiger mit solchen Fällen konfrontiert werde.

Im aktuellen Fall hat Alexander die Ermittlungen an das Georgia Bureau of Investigation abgegeben. So soll eine unabhängige Untersuchung garantiert werden. Die Ermittler werden sich vermutlich auch mit der Frage beschäftigen, warum der Polizist nicht zu Elektroschocker oder Pfefferspray griff, sondern seine Pistole zog.

«Blutiger Sonntag» vor 50 Jahren



Was den Fall zusätzlich brisant macht: Der Polizist, seit sieben Jahren in diesem Department tätig, ist Weisser, der Erschossene Afroamerikaner.

In den vergangenen Monaten hatten mehrere Fälle von tödlichen Schüssen auf Schwarze durch weisse Polizisten heftige Kritik in den USA ausgelöst. Erst in der vergangenen Woche prangerte das Justizministerium in einem Bericht notorische Missstände in der Stadt Ferguson an. Dort war im Sommer 2014 der unbewaffnete schwarze Jugendliche Michael Brown von einem weissen Polizisten erschossen worden.

Gewalt in Ferguson nach Gerichtsentscheid

Am Freitag töteten Polizisten in der Nähe von Denver einen unbewaffneten Afroamerikaner auf der Flucht. Am selben Tag erschoss ein Polizist in Madison im US-Bundesstaat Wisconsin einen dunkelhäutigen 19-Jährigen. Beide Vorfälle ereigneten sich kurz vor dem 50. Jahrestag des «Blutigen Sonntags» in der Stadt Selma. Dort war die Polizei am 7. März 1965 bei einem Protestmarsch gegen die Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung gewaltsam gegen Demonstranten vorgegangen.

Nach den tödlichen Schüssen auf den dunkelhäutigen Teenager Tony Robinson in Madison haben am Montag Hunderte Jugendliche eine Protestveranstaltung vor dem Regierungsgebäude der Stadt abgehalten. An einem Geländer im Inneren des Gebäudes befestigten sie ein Banner mit der Aufschrift «Das Leben von Schwarzen zählt».

Rassistische Polizeigewalt USA

«Ich rufe alle Menschen dazu auf, unabhängig von der ethnischen Herkunft Unterstützung zu zeigen, denn dieses Thema betrifft alle», sagte der Onkel des getöteten Jugendlichen, Turin Carter. Nicht nur das Leben von Schwarzen zähle, «alle Leben zählen». Robinson hatte einen schwarzen Vater und eine weisse Mutter.

Der Tod des 19-Jährigen hat Madison erschüttert. Die Hauptstadt Wisconsins gilt in den USA als Ort mit hoher Lebensqualität, als liberale Oase mit einer langen Geschichte fortschrittlicher Politik. Doch nun wird in der 240'000-Einwohner-Stadt vor allem über unterschiedliche Chancen je nach ethnischer Herkunft diskutiert.

Afroamerikaner machen sieben Prozent der Bevölkerung Madisons aus, ihr Anteil an Festnahmen und Kindern, die in Armut leben, ist aber überproportional hoch. «Die Stadt verlässt sich auf ihre fortschrittliche Vergangenheit und ignoriert dabei die aktuelle Realität», sagte Sergio Gonzales, ein 27-jähriger Student an der Universität von Wisconsin. Traurigerweise brauche es den Tod eines 19-Jährigen, um den Einwohnern die Augen zu öffnen.

Statistiken zeigen enorme Ungleichheiten

2013 analysierte das Familienministerium des Bundesstaates Zensus-Daten zu Familien und Kindern in der Stadt. Das Ergebnis: Es gibt zwei Madisons - eines, in dem es Weissen gut geht. Und eines, in dem Schwarze zu kämpfen haben.

So lebten Ende 2013 etwa 58 Prozent der schwarzen Kinder in Armut, aber nur fünf Prozent der weissen. Im Bezirk Dane, zu dem Madison gehört, war 2011 jeder vierte Afroamerikaner arbeitslos. Bei der weissen Bevölkerung betrug die Arbeitslosenquote lediglich fünf Prozent. Statistiken über Schulabschlüsse und Festnahmen zeigen ebenfalls gravierende Unterschiede.

Die liberalen Weissen sind davon überzeugt, es gebe Gleichheit und Gerechtigkeit in der Stadt, sagte Jacquelyn Hunt bei den Protesten am Montag. «Aber wir finden mehr und mehr heraus, dass dies nicht der Fall ist.»

wit/Reuters/AP/AFP

Proteste gegen Polizeigewalt in den USA

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4Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • The fine Laird 10.03.2015 22:56
    Highlight Ihrgendwie erstaunt mich solche Meldungen von den USA nicht mehr. Jede Woche geht ein Afroamerikaner durch einen Polizisten drauf, passieren wird genau nichts. Das ändert sich auch nicht mit einem Obama als Präsidenten. Schade.
    5 3 Melden
  • Reetoou 10.03.2015 18:57
    Highlight Solche Dinge passieren auch nur in der USA...
    3 4 Melden
    • Oberon 10.03.2015 21:52
      Highlight Leider nein, trotzdem unglaublich.

      4 1 Melden
  • Angelo C. 10.03.2015 18:37
    Highlight Das sind alles ebenso miese wie feige Schweine, diese US-Polizisten! Egal ob schwarze Kids mit einer Spielzeugpistole rumfummeln (was hierzulande schier jeder Bub einmal macht), oder ob irgendein armer Irrer nackt zum Cop hinläuft - sofort kacken sich diese Typen (oft widerliche und kaum bewegliche Fettwänste) in die Hose, denken noch nicht mal erst an Pfefferspray oder den sehr wirksamen Taser - nein, sie schiessen diese Burschen immer gleich in die Rübe :-(!
    Da wird auch immer wieder von "Zusatzausbildungen" daher geschnorrt - ja was lernen denn diese Angsthasen in der Grundausbildung ?! Und der Staat schaut weiter zu und verteilt dem schwarzen Fussvolk Beschwichtigungspillen indem das Justizdepartement klar formuliert, das Polizeikorps in Ferguson sei klar rassistisch orientiert, während man sich gleichzeitig weigert, uniformierte Killer vor eine Grand Jury zu stellen und endlich mal ein sichtbares Exempel durch ein hartes Urteil zu statuieren.
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