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Streit über Konföderierten-Fahne: Das Kreuz des Südens

Der ermordete Pastor aus Charleston wird aufgebahrt – und draussen weht die Südstaaten-Flagge, ein Symbol der Sklaverei. Nun wird die Kritik an der Fahne immer lauter. Doch die Ewiggestrigen geben nicht auf.

25.06.15, 13:00 25.06.15, 13:21

Marc Pitzke

Bild: BRIAN SNYDER/REUTERS

Ein Artikel von

Hunderte harrten in der Hitze aus, um Abschied zu nehmen von Reverend Clementa Pinckney. Die Schlange der Wartenden wand sich um das Kapitol von South Carolina, in dessen Rotunde der Pastor und Landessenator aufgebahrt lag – der erste Schwarze, dem diese Ehre zuteil wurde. Es war auf den Tag genau eine Woche, nachdem er und acht weitere Afroamerikaner in Pinckneys eigener Kirche in Charleston erschossen worden waren.

Die Flaggen wehten auf Halbmast am Mittwoch in Columbia, der Hauptstadt South Carolinas. Doch halt, nicht alle: Ein Banner flatterte weiter an seinem Mast vor dem Parlament. Es war die Südstaaten-Fahne – für viele ein Symbol von Sklaverei und Rassenhass. Dylann R., der mutmassliche Attentäter und Mörder Pinckneys, verehrte sie.

Wie zynisch: Drinnen der ermordete Schwarzenführer – draussen die Fahne der Schwarzenhasser. Wie konnte das geschehen? Hatte Gouverneurin Nikki Haley nicht versprochen, die kontroverse Flagge zumindest von den Kapitolsgründen in Columbia entfernen zu lassen?

Warum sich wenig ändern wird

Nicht so schnell. Zwar überschlugen sich viele US-Politiker nach dem Massaker von Charleston flugs mit Schwüren, das Konföderierten-Kreuz, das sie so lange geduldet hatten, plötzlich nicht mehr dulden zu können. Mehr noch: Auch Statuen, Büsten, Nummernschilder und andere Souvenirs von Sezession und Segregation wurden mittlerweile zu Tabus erklärt – «ein Jahrhundert zu spät», ätzte der Blog «Gawker».

Die Realität entpuppt sich nun als etwas komplizierter. Zwar schmissen auch Einzelhändler wie Walmart, Sears, Amazon und eBay Produkte mit dem Konföderierten-Wappen eiligst aus ihrem Sortiment – T-Shirts, Tassen, Strandtücher, Duschvorhänge und, ja, Flaggen. Doch oft sind die Rufe nach dem Bann des Banners nur Lippenbekenntnisse – ein Symbolismus, der nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass sich sonst wenig ändern dürfte an der konservativen Politik der Südstaaten.

Zum Beispiel in South Carolina. Dort weht die Konföderierten-Flagge am Kriegsdenkmal vor dem Parlament. Nur dessen Dreiviertelmehrheit kann sie entfernen. Die fand sich am Dienstag auch, im Unterhaus wie im Senat, wo Pinckneys Pult mit pietätvollem Trauerflor verhüllt war.

Amoklauf in Schwarzen-Kirche in Charleston

Der Haken daran: Das Votum befähigt die Abgeordneten nur, eine entsprechende Vorlage irgendwann in den kommenden Wochen in Angriff zu nehmen. Die Republikanerin Haley weigerte sich, die Flagge schon vorweg einzuholen, nicht mal für Pinckneys Ehrengarde.

Die Ewiggestrigen geben nicht auf

Anders in Alabama: Dessen Gouverneur Robert Bentley, ebenfalls ein Republikaner, liess am Mittwoch alle vier Südstaaten-Fahnen am Kapitol kurzerhand entfernen. Weniger einfach dürfte das in Mississippi werden. Seit 1894 ist das konföderierte Wappen dort auch Bestandteil der Staatsflagge. Der letzte Versuch, das zu ändern, scheiterte 2001, als sich 64 Prozent der Bürger für die «historische» Flagge aussprachen.

Auch nach dem Anschlag von Charleston geben die Ewiggestrigen nicht auf. Etwa der konservative Kolumnist Bill Kristol: Die «Linken», twitterte er empört, wollten mit ihrer Kritik an der Flagge «jede Spur von Respekt» für den Süden tilgen. Ben Jones von der Traditionsgruppe Sons of Confederate Veterans protestierte in der «New York Times» gegen solche «kulturelle Säuberung», die «unseren Respekt für unsere Vorfahren beleidigt».

Bild: ERIK S. LESSER/EPA/KEYSTONE

Die demonstrative Fahnenflucht war freilich nur der Anfang. So scheinen viele erst jetzt zu merken, dass in den Südstaaten überall auch Denkmäler konföderierter Kriegshelden herumstehen – Männer, die für die Sklaverei kämpften. Hier heisst es nun ebenfalls: Fort damit!

In Tennessee verlangte der republikanische Senatspräsident Robert Stivers, eine Statue des Südstaaten-Präsidenten Jefferson Davis aus dem Kapitol zu schaffen. In Tennessee protestierten Vertreter beider Parteien gegen eine Marmorbüste des ersten Ku-Klux-Klan-Führers Nathan Bedford Forrest, die ebenfalls im Parlament prangt – seit 1978, bisher unbeanstandet und seit 2013 obendrein gesetzlich geschützt.

Ran an die Nummernschilder

Und dann wären da noch die Nummernschilder. An Abertausenden US-Autos prangen stolze Schmuckplaketten mit dem Konföderierten-Emblem. In Virginia, North Carolina, Tennessee und Maryland machten sich die Behörden nun daran, auch diese zu verbieten – ein Recht, das ihnen der Oberste US-Gerichtshof gerade erst zugestanden hatte. Offen blieb, wie so ein Massenrückruf praktisch zu bewerkstelligen sei.

In South Carolina behalfen sich die Kapitolsdiener derweil mit einem Provisorium, um die Bürger, die am Sarg Pinckneys vorbeidefilierten, zu schonen: Sie verhängten ein Fenster der Rotunde mit schwarzem Tuch, sodass die Südstaaten-Fahne draussen nicht mehr sichtbar war.

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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    Alle Leser-Kommentare
  • Max Havelaar 25.06.2015 17:39
    Highlight Da knallt ein Idiot mit einer WAFFE neun Menschen ab, und jetzt entfernen sie die FAHNE der Südstaaten.... Ja, die tun was!
    2 1 Melden

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