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Gescheiterter Bürgermeister de Blasio: New York hat ihn kleingekriegt

Er wollte aus New York die Vorzeigestadt für progressive Politik machen – nichts weniger hatte Bürgermeister Bill de Blasio zu seinem Amtsantritt verkündet. Daraus geworden ist nicht viel.

20.08.15, 10:33 20.08.15, 10:43

Marc Pitzke, New York



Ein Artikel von

New York City Mayor Bill de Blasio takes a question during a news conference on Wednesday, May 27, 2015, in Albany, N.Y. De Blasio is in Albany to make his case for renewing mayoral control of city schools, strengthening the city's rent regulations and changing a tax break for real estate developers to require more affordable housing. (AP Photo/Mike Groll)

Kein Erfolg: Bill de Blasio. Bild: Mike Groll/AP/KEYSTONE

Kurz vor seinem blutigen Tod gab Garland Tyree ein letztes Interview. «Ich bin jemand, der das Leben nimmt, wie es kommt», sagte er der Website dnainfo.com am Telefon. «Es ist, was es ist.»

Sechs Stunden hielt das New York Police Department (NYPD) das Haus umzingelt, in dem sich Tyree verbarrikadiert hatte. Das vorbestrafte Ex-Mitglied der Bloods-Gang schoss einen Feuerwehrmann an, postete wirres Zeug auf Facebook («Heute sterbe ich») und stürmte schliesslich ins Freie, mit einem Sturmgewehr um sich schiessend. Er kam nicht weit.

Das Drama am Freitag im New Yorker Stadtteil Staten Island machte Schlagzeilen – nicht nur wegen der filmreifen Details. Mehr noch interessierte die Lokalmedien, dass Bürgermeister Bill de Blasio, statt sofort zum Tatort zu sputen, den Vormittag im Sportstudio verbrachte.

De Blasio habe lieber «seine Bauchmuskeln trainiert», empörte sich die «Daily News». «Seine Sportmätzchen dürften dem Volk nicht allzu gut gefallen», schrieb die «New York Post». Zumal der Demokrat, so stichelte «Newsday», noch «für einen Espresso Halt gemacht» habe.

Manches wird aufgebauscht, viele Probleme sind ernst

Bild: JUSTIN LANE/EPA/KEYSTONE

Das Verhältnis zwischen New Yorks Bürgermeistern und der Presse ist traditionell konfrontrativ. Als Bürgermeister a.D. Ed Koch starb, zelebrierte die «Daily News» das als «finalen Sieg» seines Erzfeindes – ihres eigenen Starkolumnisten Jimmy Breslin, der Koch überlebte. De Blasio aber hat es zurzeit besonders schwer. Täglich gibt es einen neuen Angriff, selbst in der sonst eher freundlichen «New York Times»: «Die Schlamassel häufen sich», betitelte die Zeitung einen Verriss am Wochenende.

Manches wird auf lachhafte Weise aufgebauscht, so de Blasios früher Affront gegen den New Yorker Speisekodex: Er liess sich erwischen, wie er eine Pizza mit Besteck ass, nicht mit den Fingern. Die jüngsten Probleme sind gravierender. Kaum zwei Jahre im Amt, stösst der Hoffnungsträger der Progressiven plötzlich an die Grenzen der Realität.

Ende Juli brach in New York die Legionärskrankheit aus: Zwölf Menschen starben, mehr als 120 wurden infiziert. Die Stadt schien, anders als bei der Ebola-Panik, wie gelähmt: Erst spät wurde die Infektionsquelle klar – Wasserkühlanlagen auf den Dächern der Bronx.

Wie andere Metropolen lieferte sich auch New York ein Scharmützel mit Uber. De Blasio wollte den Fahrdienstvermittler stoppen, musste aber vor einer millionenschweren Anzeigenkampagne kapitulieren.

Die Obdachlosigkeit steigt, ein Symptom der Ungleichheit, die de Blasio zu seinem Hauptanliegen gemacht hat. Ein neuer 22-Millionen-Dollar-Hilfsplan wirkt nur wie ein Notstopfen.

Die Kriminalität sinkt generell zwar weiter, die Mordrate aber wächst. Das ist typisch für heisse Sommer, für de Blasio jedoch ein Imageproblem. Schon patroullierten die Guardian Angels, die private Wachtruppe aus den 80er Jahren, demonstrativ für Fotografen durch den Central Park.

Der Immobilienmarkt ist aus dem Lot: In Manhattan entstehen immer teurere Super-Skyscraper für ausländische Millionäre, während alteingesessene New Yorker in die Aussenbezirke vertrieben werden.

NEW YORK, NY - JANUARY 31:  The Empire State Building rises over Midtown Manhattan as seen from the window of a Customs and Border Protection (CBP), Blackhawk helicopter ahead of Super Bowl XLVIII on January 31, 2014 in New York City. Helicopters flown by

Bild: Getty Images North America

Nicht zum ersten Mal muss sich de Blasio Vetternwirtschaft vorhalten lassen. So wurde für die Lebensgefährtin einer Beraterin extra ein Job in der Stadtverwaltung geschaffen – mit 150'000 Dollar Jahresgehalt.

Die Misslichkeiten überschatten de Blasios kleinen Erfolge, darunter ein verbessertes Mieterrecht. Die konservative «New York Post» zählt die Stunden bis zu seinem erhofften Abgang in 2017, mit einem virtuellen Countdown – und schamlosen Schlagzeilen: «Lebensqualität in New York schlechteste seit Jahren», «New Yorker sind de Blasio leid».

In der Tat missbilligten 44 Prozent der New Yorker in einer kürzlichen Umfrage seine Amtshandlungen, so viele wie nie. Gouverneur Andrew Cuomo, ein kritischer Parteirivale, kommt auf viel bessere Zahlen.

Sicher, die Acht-Millionen-Metropole widersetzt sich von Natur aus jedem Management. Terrorgefahr, Touristen, Wetterkatastrophen, Stromausfälle, wilde Cops, morsche U-Bahn: Wer den Kampf gegen diese Widrigkeiten gewinnen will, muss sich laut und barsch über sie erheben.

So wie Ed Koch, David Dinkins, Rudy Giuliani. Sie bellten und packten zu, mit oft fragwürdigen Mitteln. De Blasios Vorgänger Michael Bloomberg schien seine eher kleine Gestalt mit quengelnder Dauerpräsenz wettmachen zu wollen.

Sein hünenhafter Nachfolger dagegen agiert still und politisch korrekt. Indem er sich dem Streetfight entzieht, riskiert er aber, den Rückhalt der Bürger zu verlieren – und den mancher Parteigenossen, die ihn immer lauter kritisieren.

Mit diesem Phänomen hat übrigens noch ein anderer einstiger Hoffnungsträger zu kämpfen: US-Präsident Barack Obama.

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.

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