International

Nach dem Massaker: Menschen aus Orlando stehen zusammen und trösten sich. Bild: RYAN STONE/EPA/KEYSTONE

Massaker in den USA: Was in Orlando geschah

Was ist über den Schützen von Orlando bekannt? Wie ging er vor? Gibt es Verbindungen zu Terroristen? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

13.06.16, 06:43 13.06.16, 11:02

Ein Artikel von

Was ist in Orlando passiert?

Es ist die bisher schlimmste Bluttat eines Todesschützen in der US-Geschichte: In dem Nachtklub Pulse hat ein Mann in der Nacht zu Sonntag Dutzende Menschen als Geiseln genommen und erschossen. 50 Gäste seien gestorben, sagte Orlandos Bürgermeister Buddy Dyer. Zudem seien 53 Menschen verletzt worden, von denen viele noch in Lebensgefahr schwebten. Der Angreifer wurde von der Polizei getötet. Das Massaker ereignete sich während des Gay-Pride-Monats, in dem überall in den USA Homosexuellenparaden stattfinden. Das Pulse bezeichnet sich auf seiner Webseite als «heissester Schwulenklub».

Schiesserei in Gay-Nachtclub in Orlando

Wie ging der Schütze vor?

Laut dem Polizeichef von Orlando betrat der Schütze um 2.02 Uhr den Nachtklub – und eröffnete sofort das Feuer. Er war mit einem halbautomatischen Gewehr vom Typ AR-15 bewaffnet und hatte zudem eine Handfeuerwaffe und Munition dabei. Der Schütze nahm mehrere Geiseln. Um fünf Uhr begann der Einsatz der Polizei. Nach zwei Explosionen, mit denen der Täter abgelenkt werden sollte, stürmten Beamte einer Spezialeinheit den Klub. Insgesamt schossen elf Beamte auf den Mann. Kurz vor sechs Uhr meldete die Polizei über Twitter den Tod des Angreifers. Ein detailliertes Protokoll der Ereignisse findest du hier.

Video: watson.ch

Was ist bisher über den Täter bekannt?

Der Schütze wurde als Omar M. identifiziert, 29 Jahre alt, US-Staatsbürger aus Fort Pierce in Florida. Seine Eltern stammen nach Angaben von M.s Ex-Frau aus Afghanistan. Sie nannte M. nun vor Reportern gewalttätig und unberechenbar. M. war ihren Angaben zufolge psychisch krank.

M. war seit dem 10. September 2007 für G4S tätig, eine der weltweit grössten Sicherheitsfirmen. Das bestätigte eine Sprecherin des britischen Unternehmens. Sowohl bei seiner Einstellung als auch im Jahr 2013 sei M. Sicherheitschecks unterzogen worden; in beiden Fällen sei nichts Besorgniserregendes festgestellt worden. Im Jahr 2013 habe die Firma erfahren, dass die Bundespolizei FBI M. befragt habe.

M. musste laut G4S im Dienst eine Waffe tragen. Die Waffen, die er bei dem Massaker im Pulse nutzte, kaufte er kurz zuvor legal. US-Medienberichten zufolge fuhr M. mit einem Mietwagen von Fort Pierce ins rund 170 Kilometer entfernte Orlando.

Gibt es Verbindungen zu Terroristen?

Das FBI ermittelt wegen eines Terrorakts. M. war der Behörde bekannt. FBI-Ermittler Ronald Hopper sagte auf einer Pressekonferenz, der Attentäter sei im Visier der Behörde gewesen, nachdem er vor Kollegen Andeutungen gemacht hatte, die «an eine mögliche Verbindung mit Terroristen denken liessen». M. habe schon früher seine Nähe zur Terrormiliz «Islamischer Staat» («IS») zu erkennen gegeben. Er sei zweimal vernommen worden, die Ermittlungen seien aber eingestellt worden.

Ausserdem sei gegen M. wegen möglicher Kontakte zu einem US-Selbstmordattentäter ermittelt worden, sagte Hopper. Kurz vor dem Anschlag in der Nacht zum Sonntag habe M. sich in einem Anruf bei der Notrufnummer 911 zum «IS» bekannt. Eine dem «IS» nahestehende Nachrichtenagentur meldete, der Schütze von Orlando sei ein «Kämpfer» der Miliz gewesen. Ermittler haben bisher allerdings keinen Hinweis auf eine direkte Kommunikation zwischen M. und dem «IS» gefunden.

M.s Vater sagte dem US-Sender MSNBC, er glaube nicht an ein religiöses Motiv. Stattdessen deutete er an, dass sein Sohn starke Antipathien gegen Schwule gehegt habe. Auch M.s Ex-Frau nannte ihn nicht sehr religiös.

Was ist über die Opfer bekannt?

Die Stadt Orlando hat damit begonnen, online die Namen der Opfer zu veröffentlichen. Bisher sind sieben Personen auf der Liste, sie sind zwischen 20 und 36 Jahren alt. Nur in diesen sieben Fällen konnten bisher die Angehörigen informiert werden.

Das soziale Netzwerk Facebook hat nach dem Massaker erstmals in den USA seine Funktion Safety Check aktiviert: Damit können Nutzer, die sich möglicherweise in gefährdeten Gegenden aufhalten, per Klick angeben, ob sie in Sicherheit sind. Bisher nutzte Facebook diese Funktion unter anderem bei Naturkatastrophen oder den Attentaten in Paris.

Wie reagiert die US-Politik auf die Tat?

US-Präsident Barack Obama sprach im Weissen Haus von einem «Akt des Terrors und des Hasses». Eine solche Tat könne die Lebensweise der Menschen in den USA aber nicht ändern. Der Präsident forderte seine Landsleute auf, «nicht der Angst nachzugeben».

Der republikanische Präsidentschaftsbewerber Donald Trump sagte hingegen: «Was in Orlando passiert ist, ist erst der Anfang.» Er wiederholte seine Forderung, allen Muslimen die Einreise in die USA zu verwehren. Ausserdem forderte er Obama auf, zurückzutreten – unter anderem, weil er sich «schändlicherweise» geweigert habe, die Wörter «radikaler Islam» zu benutzen.

Die grösste Muslimorganisation der USA verurteilte das Massaker aufs Schärfste. Nihad Awad vom CAIR (Council On American-Islamic Relations) sagte: «Wie kann so jemand glauben, für uns zu sprechen? Er ist das Gegenteil von allem, wofür wir stehen, als Muslime und als Amerikaner.»

Wie sind die Reaktionen aus dem Rest der Welt?

Aus Deutschland kondolierten Bundespräsident Joachim Gauck und Bundeskanzlerin Angela Merkel. Papst Franziskus und Russlands Präsident Wladimir Putin bekundeten ihr Beileid, ebenso wie die britische Königin Elizabeth II. Hier kannst du diese und weitere Reaktionen im Einzelnen nachlesen.

Was ist in Los Angeles passiert?

Vor dem Beginn einer Gay-Pride-Parade in West Hollywood bei Los Angeles nahmen Polizisten einen Mann fest. In seinem Auto fanden sie eigenen Angaben zufolge zahlreiche Waffen, darunter mehrere Gewehre, Munition und Chemikalien. In ersten Berichten zum Thema hiess es, der Mann habe ausgesagt, «Schaden anrichten» zu wollen. Das wies die Polizeichefin der Stadt, Jacqueline Seabrooks, inzwischen zurück. «Er sagte, er gehe zu der Veranstaltung. Andere Information sind falsch.» Der Mann sei nun wegen des Besitzes von Waffen und explosivem Material in Gewahrsam.

Ein Zusammenhang zwischen dem Massaker in Orlando und der Festnahme bei Los Angeles ist den Ermittlern zufolge nicht festgestellt worden. Die Parade in West Hollywood fand wie geplant statt, wenn auch unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen.

asa/aar/dpa/AFP/AP/Reuters

Massaker in Orlando

Nach Orlando-Attentat: Schwuler CNN-Moderator grillt Floridas Staatsanwältin live im TV 

Szene mit Orlando-Attentäter in einem Dokumentarfilm aufgetaucht

Trump nutzt die Gunst der Stunde und wettert einmal mehr über Muslime: «Sie versklaven Frauen und ermorden Schwule»

Trump und Orlando: Charlie Hebdo mit der Feder einmal mehr, wo es richtig weh tut

Perfekte Frage nach Orlando: Was wenn eine Waffe ebenso schwer zu bekommen wäre wie eine Abtreibung? 

8 Staaten kondolieren Orlando-Opfern – und verfolgen die Schwulen im eigenen Land

Disco-Massaker in Orlando: «Eine Tragödie für die gesamte Nation»

Letzte Nachricht eines Opfers von Orlando an seine Mutter: «Er kommt. Ich werde sterben»

Bankgeheimnis im Inland bleibt

Gepanzertes Fahrzeug als Rammbock benutzt: So lief die Geiselrettung in Orlando

Alle Artikel anzeigen

Hol dir die App!

Yanik Freudiger, 23.2.2017
Die App ist vom Auftreten und vom Inhalt her die innovativste auf dem Markt. Sehr erfrischend und absolut top.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
9
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
9Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • bennni 13.06.2016 07:59
    Highlight "Insgesamt schossen elf Beamte auf den Mann." Wieso so viele Schüsse?! Durfte einfach jeder mal ran?
    9 36 Melden
    • Stachanowist 13.06.2016 08:23
      Highlight Ist einfach hier in der CH beim Zmorgekafi solche Zeilen zu tippen. Nicht jeder Polizist ist ein super cooler Lucky Luke, der angesichts eines islamistischen Terroristen einfach mal so die Ruhe bewahrt.
      23 5 Melden
    • Tomsen2 13.06.2016 08:37
      Highlight Wo ist dein Problem? Zu wenig Gerechtigkeit für den 50 fachen Mörder? Hatte der arme Mann so keine Chance auf einen fairen Prozess?
      18 5 Melden
  • http://bit.ly/2mQDTjX 13.06.2016 07:15
    Highlight Interessant wären Mateens langjährigen Verbindungen zur Privat-Armee G4S und deren weltweiten Verstrickungen (etwa in Israel im Kampf gegen "Terroristen"). G4S war offenbar schon lange über Psyche und Gefährlichkeit des Mannes informiert, unternahm aber nichts, angeblich weil er Muslim war. Sonderbar.

    "Gilroy, a former Fort Pierce police officer, said Mateen frequently made homophobic and racial comments. Gilroy said he complained to his employer several times but it did nothing because he was Muslim."

    http://www.floridatoday.com/story/news/crime/2016/06/12/who-omar-mateen/85791280/
    13 4 Melden
    • Valindra Valindragam 13.06.2016 08:12
      Highlight Danke für die phänomenale Übersetzung, wir hätten es nie sonst nie hingekriegt, dankwe danke, danke!
      3 21 Melden
    • http://bit.ly/2mQDTjX 13.06.2016 08:49
      Highlight Ähemmm... ich habe doch gar nichts übersetzt... soll ich?

      "Gilroy, ein ehemaliger Polizist von Fort Pierce [und Arbeitskollege von Mateen] sagte, Mateen habe oft rassistische und homophobe Äusserungen gemacht. Gilroy sagte, er habe sich mehrmals beim Arbeitgeber beschwert, aber der tat nichts, weil er [Mateen] ein Muslim war."

      Sonst noch Fragen? ;)
      16 2 Melden
    • Gelöschter Benutzer 13.06.2016 17:00
      Highlight Aha G4S....Die sind ja kein Unbekannter Name auch im Zusammenhang mit sogenannten "Terrorübungen", oder ist das nochmals eine andere britische Sicherheitsfirma? ;)
      0 0 Melden
    • http://bit.ly/2mQDTjX 13.06.2016 17:30
      Highlight Das siehst du richtig, geshitstormt, das ist diese Firma. Meines Erachtens ist G4S auch ein Hinweis auf mögliche Interessenskollisionen, Erpressbarkeit und sonstige Verwicklungen. Es dürfte jedenfalls nicht ohne weiteres ausgeschlossen werden, dass Mateen im Sold und Auftrag dieser Paramilitärs gehandelt hat und Hinweise auf den IS zur Camouflage gehören.
      Palästinenser empfinden die G4S als israelische Armee und bezichtigen die Firma, ethnischen Säuberungen durchzuführen.
      https://electronicintifada.net/content/palestinian-liberation-key-matter-our-time-say-black-leaders/14783
      1 0 Melden
    • Gelöschter Benutzer 13.06.2016 18:10
      Highlight Ja dann ist die Sache wohl klar, aber das darf man hier wohl nicht schreiben :P
      0 0 Melden

Feuerwaffen in der Schweiz und in den USA: Ein Vergleich in drei Grafiken

Beinahe täglich hört man von Schusswaffen-Verbrechen aus den USA, zuletzt vom Massenmord in einem Club in Orlando. In der Schweiz sind solche Verbrechen wie die Tötung in Fislisbach eher selten. Was unterscheidet die beiden Staaten, was verbindet sie? 

Verbrechen oder gar Tötungen, die mit Schusswaffen begangen werden wie in Fislisbach, sind in der Schweiz eine Seltenheit. In den USA hingegen scheinen grössere Vorfälle im Zusammenhang mit Waffen, besonders mit Sturmgewehren, fast an der Tagesordnung zu sein. Klar, die USA haben auch 40 mal mehr Einwohner, doch ist das der einzige Grund? Ein Vergleich in drei Grafiken:

Die grössere Anzahl privater Feuerwaffen in den USA ist auf die Grösse des Landes zurückzuführen. Die USA zählt 319 …

Artikel lesen