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Der Hurrikan «Irma» bewegt sich auf die Karibik zu. Bild: EPA/US NAVY OFFICE OF INFORMATION

«Irma» bricht schon jetzt Rekorde – woher hat der Hurrikan so viel Kraft?

Meteorologen haben grossen Respekt vor Hurrikan «Irma». Der Sturm hat schon jetzt Rekorddimensionen – und bald erreicht er bevölkerungsreiche Gebiete. Selbst Erdbebenforscher können seinen Lärm messen.

06.09.17, 17:45 06.09.17, 18:13

Christoph Seidler

Ein Artikel von

Philip Klotzbach kennt sich aus mit den Ungeheuern des Atlantiks. Der Meteorologe befasst sich an der Colorado State University mit tropischen Wirbelstürmen – und einer davon macht ihm gerade ernsthaft Sorgen: Klotzbach hat eine Liste mit Extremwerten des Hurrikans «Irma» veröffentlicht und muss sie immer wieder ergänzen.

Der Sturm hat die höchste Hurrikan-Kategorie fünf, das heisst Windgeschwindigkeiten von mehr als 252 Kilometern in der Stunde. Solche Stürme können Dächer wegreissen, Fenster zertrümmern und Bäume entwurzeln. Und noch nie habe es einen Sturm mit solchen Windgeschwindigkeiten ausserhalb des Golfs von Mexiko oder der Karibik gegeben. Und nur wenige atlantische Stürme seien überhaupt ähnlich mächtig gewesen wie «Irma»: ein namenloser Sturm aus dem Jahr 1935 sowie die Hurrikane «Allen» (1980), «Gilbert» (1988) und «Wilma» (2005).

Mit dem Mass der «Accumulated Cyclone Energy» (ACE) bemisst der US-Wetterdienst die geschätzte Energie, die ein Sturmsystem während seiner Aktivität umsetzt – und «Irma» ist da seit Mittwochmorgen atlantischer Rekordhalter für eine Periode von 24 Stunden.

Auch andernorts braucht es einen langen Blick zurück, um Vergleiche für «Irma» zu finden. Im US-Territorium Puerto Rico zum Beispiel geht man davon aus, dass es sich um den stärksten Sturm handelt, der die Insel heimsucht, seit im Jahr 1928 ein Hurrikan namens «Felipe» in der Region rund 2800 Menschen tötete.

Der lokale Stromversorger warnte, dass manche Teile der Insel für bis zu sechs Monate ohne Strom sein könnten. Puerto Ricos Gouverneur Ricardo Rossello rief 3.4 Millionen Einwohner auf, sich in Sicherheit zu bringen, etwa in einen der 460 Schutzräume.

Den Lärm des Sturms und der von ihm verursachten Wellen können sogar Seismometer aufzeichnen, die für das Aufzeichnen von Erdbeben verwendet werden, so ein Forscher vom National Oceanography Centre im britischen Southampton. Er hatte die Daten eines Messgeräts vor der Insel Guadeloupe ausgewertet.

Wer ist aktuell betroffen?

Am Mittwochmorgen, gegen ein Uhr Ortszeit, ist «Irma» zum ersten Mal auf Land getroffen. Mehr als 50 Eilande gehören zur Inselkette der Kleinen Antillen in der östlichen Karibik. Die kleine Insel Barbuda zählt auch dazu. Selbst in 85 Kilometern Entfernung vom Zentrum des Sturms erreichen die Winde noch immer Hurrikanstärke – und in bis zu 280 Kilometern Abstand die Stärke eines Tropensturms.

«Möge Gott uns alle beschützen» – mit diesem Satz hatten die Behörden ihre letzte Warnung an die Bewohner beendet. Wetterstationen des US-Hurrikanzentrums der Wetterbehörde NOAA massen Spitzenwindgeschwindigkeiten von bis zu 255 Kilometern in der Stunde. Das Problem: Viele Gebäude in der Region sind nicht auf Betonfundamenten gebaut oder verfügen über eher instabile Holzdächer.

Frankreich hat wegen «Irma» für seine zwei Überseegebiete Saint-Barthélémy und Saint-Martin die höchste Alarmstufe ausgerufen. Von dort hatte es zuvor Berichte gegeben, dass bis zu 7000 Einwohner nicht in Notquartiere gehen wollten. Die Regierung der Bahamas wiederum erklärte, sechs Inseln sollten komplett evakuiert werden. Die Bewohner würden mit Flugzeugen nach Nassau gebracht.

Wie bewegt sich der Sturm?

Experten können nicht immer im Detail vorhersagen, welchen Weg ein Sturm nehmen wird. Verschiedene Simulationen unterscheiden sich zum Teil deutlich. Nach aktuellen Prognosen soll sich «Irma» aber mit etwa 25 Kilometern pro Stunde in westnordwestlicher Richtung über die Virgin Islands bewegen. Ab Mittwochabend könnte der Sturm dann dichter bevölkerte Gebiete wie Puerto Rico und später die Dominikanische Republik, Haiti und Kuba erreichen.

Von dort aus könnte sich der Sturm in Richtung des US-Bundesstaates Florida bewegen. Dort soll er laut Prognosen Anfang kommender Woche ankommen. Vor allem die Inselkette der Florida Keys muss mit massiven Problemen rechnen.

Bewohner der Florida Keys fahren in Richtung Norden. Bild: AP/AP

Wie entwickelt sich «Irmas» Stärke?

Tropenstürme schwächen sich traditionell über Festland ab. Das liegt daran, dass ihnen dort der Nachschub aus dem Meer fehlt. Nach den aktuellen Vorhersagen des US-Hurrikanzentrums dürfte der Sturm aber womöglich noch mehrere Tage in der höchsten oder zweithöchsten Kategorie bleiben.

Dazu kommt: Selbst wenn sich ein Hurrikan abschwächt, kann er noch immer sehr gefährlich sein. Das liegt an den grossen Regenmengen, die er bringt. Weil der Sturm nur langsam weiterzieht, prasseln die stunden- oder gar tagelang auf ein Gebiet ein. Überschwemmungen wie zuletzt bei «Harvey» in Texas und Erdrutsche drohen.

Woher hat «Irma» so viel Kraft?

«Irma» hat sich über dem Atlantik gebildet. Der Sturm gilt Meteorologen als bisher stärkster von dort überhaupt. Um seine Kraft zu bekommen, braucht ein Hurrikan mehrere Zutaten - an erster Stelle steht warmes Wasser, jenseits von 26.5 Grad. Daraus zieht er seine Energie.

Wenn über dem warmen Wasser verhältnismässig kühle Luft liegt, verdunstet das Wasser in grossen Mengen. Mächtige Wolken entstehen – vor allem, wenn seitliche Scherwinde fehlen.

Dass «Irma» besonders mächtig ist, hat unter anderem damit zu tun, dass das warme Wasser in diesem Fall besonders tief in den Ozean hinunterreicht, bis zu 80 Meter. Das meldet der private Vorhersagedienst Weather Underground.

Das verdunstete Wasser steigt auf und kondensiert in grösseren Höhen wieder – dabei bilden sich Wolken. Beim Kondensieren wird Wärmeenergie freigesetzt, sodass sich die Luft stark erwärmt. Dadurch steigt die Luft weiter auf.

Um den so entstehenden Unterdruck über dem Meer auszugleichen, strömt wiederum feuchte Luft nach. Spiralförmige Regenbänder entstehen – der Wirbel beginnt, sich zu drehen. Der Luftdruck in «Irmas» Zentrum liegt nur bei 914 hPa, der zehntniedrigste Wert aller atlantischen Hurrikane seit Start der Satellitenbeobachtung im Jahr 1966. Zum Vergleich: Der niedrigste je in Deutschland gemessene Luftdruck lag bei 955 hPa.

Was sollten Touristen wissen?

Urlauber müssten mit starkem Regen und Wind rechnen, in deren Folge es zu Überschwemmungen und Erdrutschen kommen kann, teilte das Auswärtige Amt Amt in seinen Reise- und Sicherheitshinweisen für mehrere Karibikstaaten mit. In den USA wurden Touristen aufgefordert, die Südwestspitze Floridas einschliesslich der Inselkette Florida Keys zu verlassen. Dort haben die Behörden auch Evakuierungen angeordnet. Alle Besucher sollen ab Mittwoch aus dem Gebiet gebracht werden. Die Einheimischen sollen dann einen Tag später folgen.

British Airways hat inzwischen mit einer Sondermaschine 327 Reisende aus Antigua zurückgebracht.

«Irma» und der Klimawandel – was gibt's da zu sagen?

Wie auch beim Hurrikan «Harvey», der im US-Bundesstaat Texas schwere Verwüstungen angerichtet hat, gilt auch für «Irma»: Es gibt keine Hinweise darauf, dass der Klimawandel in Zukunft zu mehr tropischen Wirbelstürmen führt. Denn steigende Temperaturen führen auch zu stärkeren Scherwinden, welche die Hurrikanbildung erschweren.

Gleichzeitig halten es Klimaforscher für wahrscheinlich, dass die Windgeschwindigkeit der tropischen Wirbelstürme steigt, weil höhere Wassertemperaturen mehr Energie bedeuten. Wenn sich dann ein Hurrikan bildet, ist er umso stärker. «Der Klimawandel verursacht diese Stürme nicht, aber kann ihre Folgen übel verschlimmern», sagt Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

(Mit Material von dpa/AP/Reuters/AFP)

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
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15Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Apireon 06.09.2017 20:25
    Highlight Geoengineering
    4 35 Melden
    • Saraina 07.09.2017 04:42
      Highlight Aluhut
      0 3 Melden
    • who cares? 07.09.2017 08:50
      Highlight Und die Erde ist flach :P
      1 3 Melden
  • Gelöschter Benutzer 06.09.2017 20:05
    Highlight "Woher hat der Hurrikan soviel Kraft?"

    Weil er extrem gefährlich ist!
    4 71 Melden
    • Paganapana 07.09.2017 00:01
      Highlight Wtf??? Wohl eher umgekehrt,er ist extrem gefährlich, weil er so viel Kraft hat.
      3 1 Melden
    • Gelöschter Benutzer 07.09.2017 14:33
      Highlight Nicht begriffen.. das extrem gefährlich kommt von dümmlichen Aussagen von Potus. Sollte ein joke sein..
      1 2 Melden
  • Gelöschter Benutzer 06.09.2017 18:16
    Highlight bye bye Mar A Lago.
    Meine Spenden an die Opfer dieses Sturms werden nicht an die Aussteiger des Klimaabkommens gehen.
    35 6 Melden
  • QueenNiin 06.09.2017 18:08
    Highlight Der Klimawandel verursacht Stürme nicht, aber kann sie verschlimmern. Im Endefekt irgendwie das gleiche?

    In Gedanken bei den betroffenen Einheimischen... hoffe es werden nicht die schlimmsten Befürchtungen eintreten.
    38 8 Melden
  • Fidelius 06.09.2017 17:49
    Highlight Chemtrails, glaubst oder nicht!
    12 93 Melden
    • Normi 06.09.2017 18:52
      Highlight Das nennt man stormtrails 🙈🙉🙊
      27 4 Melden
    • cheeky Badger 06.09.2017 18:56
      Highlight Aluhut auf!
      37 4 Melden
    • äti 06.09.2017 19:15
      Highlight Spiralförmige..
      24 3 Melden
    • strieler 06.09.2017 21:17
      Highlight HAARP!
      3 0 Melden
    • Sandro Lightwood 06.09.2017 21:30
      Highlight Stimmt, die Spiralförmigen Chemtrails scheinen definitiv effektiver zu sein als die linienförmigen Chemtrails, die da nur so langweilig am Himmel rumhängen. Voll Pappe! Wir in der Szene nennen sie liebevoll Chetris.
      1 2 Melden
    • Flint 07.09.2017 10:07
      Highlight Zum Glück bremsen die Kondensstreifen die Klimaerwärmung ja eher, hat man nach 9/11 herausgefunden. Über Sturmgebiete sollte man also ganz viele Kondensstreifen erzeugen 😂
      1 3 Melden

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