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Warum nach einem Amoklauf in den USA noch viel mehr Menschen starben

2012 tötete ein Amokläufer 26 Menschen an einer US-Schule. Danach schnellten die Waffenverkäufe im ganzen Land nach oben - und mit ihnen die Zahl tödlicher Unfälle.

08.12.17, 17:47 09.12.17, 12:23

Holger Dambeck, Marc Pitzke



In this July 20, 2014 photo, with guns displayed for sale behind her, a gun store employee helps a customer at Dragonman's, east of Colorado Springs, Colo. When Colorado lawmakers expanded background checks on firearms last year, they were expecting a huge increase. But the actual number the first 12 months of the law is far lower than projected, according to an analysis of state data by The Associated Press. (AP Photo/Brennan Linsley)

Waffen, Waffen, Waffen. Bild: AP/AP

Ein Artikel von

Mehr Waffen bedeuten mehr Sicherheit - das ist schon lange das Credo der Waffenlobby in den USA. Wie falsch die These offensichtlich ist, zeigt nun eine Studie zweier Wissenschaftler vom Wellesley College im US-Bundesstaat Massachusetts.

Phillip Levine und Robin McKnight hatten untersucht, wie sich Waffenverkäufe und tödliche Unfälle in den Wochen nach dem Amoklauf an der Sandy Hook School in Newtown entwickelt hatten. Das Massaker im Dezember 2012 steht symbolisch für das politische Scheitern des Kampfes für strengere US-Waffengesetze.

In gerade mal fünf Minuten tötete ein 20-Jähriger damals an einer Grundschule in Connecticut 20 Kinder und sechs Erwachsene. Der Killer hatte psychische Probleme, war «besessen» von Massenmorden und handelte alleine, wie Ermittler im Abschlussbericht schreiben. Ein klares Motiv fanden sie nicht.

Doch die 26 Toten von Sandy Hook waren nur die unmittelbaren Opfer, wie die Forscher nun im Fachblatt «Science» berichten. In den Wochen danach seien in den USA drei Millionen Waffen zusätzlich verkauft worden - eine typische Reaktion der Amerikaner auf Schiessereien. Und diese zusätzlich verkauften Waffen hätten die Zahl tödlicher Unfälle mit Waffen insgesamt steigen lassen. Bei solchen Zwischenfällen seien 20 Kinder und 40 Erwachsene mehr gestorben, als statistisch zu erwarten gewesen sei, schreiben die Forscher.

Auf Geschwister zielen und abdrücken

Sie erklären die zusätzlichen Toten mit der erhöhten Präsenz von Waffen in Haushalten. Immer wieder kommt es zu tragischen Unfällen, wenn etwa Kinder eine herumliegende Waffe ergreifen, auf Geschwister zielen und abdrücken. Doch auch unter Erwachsenen geschehen solche Unfälle.

FILE - In this Jan. 14, 2013 file photo, white roses with the faces of victims of the Sandy Hook Elementary School shooting are attached to a telephone pole near the school on the one-month anniversary of the shooting that left 26 dead in Newtown, Conn. Newtown is taking its time to decide what a permanent memorial should look like. A commission has been hearing proposals for concepts including murals, groves and memorial parks, while looking for lessons from paths chosen by other tragedy-stricken communities. Public forums are planned for 2015, the next step in a process that is expected to last several more years. (AP Photo/Jessica Hill, File)

Grosse Trauer nach dem Newtown-Shooting 2012. Bild: AP/FR125654 AP

Levine und McKnight hatten für ihre Studie unter anderem Google-Anfragen analysiert. Im Dezember 2012 - unmittelbar nach dem Amoklauf -, gingen die Anfragen nach «buy gun» deutlich nach oben. Erst drei, vier Monate danach sanken sie wieder auf das Niveau vor dem schrecklichen Ereignis.

Folgendes Diagramm zeigt die relative Häufigkeit der Anfragen von Anfang 2010 bis Mitte 2017. Im Januar 2013, wenige Wochen nach dem Amoklauf, erreichen die Suchanfragen ihren Maximalwert. Zwei weitere Peaks danach hängen offensichtlich ebenfalls mit tödlichen Schiessereien zusammen: dem Terroranschlag von San Bernardino (Dezember 2015) und dem Anschlag von Orlando (Juni 2016).

Um die tatsächlichen Waffenverkäufe abzuschätzen, werteten die Forscher die Zahl sogenannter Backgroundchecks aus. Diese führen US-Behörden durch, wenn sich Bürger eine Waffe kaufen wollen. Aus diesen Daten konnten Levine und McKnight die Zahl von drei Millionen zusätzlich verkauften Waffen berechnen - und sie sogar für einzelne Bundesstaaten kalkulieren.

Einen starken Beleg dafür, dass mehr Waffenverkäufe zu mehr tödlichen Unfällen führen, lieferte der Vergleich zwischen den US-Bundesstaaten. In Kalifornien, wo strenge Waffengesetze gelten, wurden nach Sandy Hook weniger als 750 Waffen zusätzlich pro 100'000 Einwohnern verkauft. In anderen Bundesstaaten, etwa im Mittleren Westen, stiegen die Verkaufszahlen um mehr als 1500. In diesen Staaten gab es dann auch deutlich mehr zusätzliche tödliche Unfälle mit Waffen als in Kalifornien.

Niederlage für Waffengegner

Sandy Hook schockierte Amerika vor allem wegen der vielen jungen Todesopfer, die meist erst sechs und sieben Jahre alt waren. Trotzdem weigerte sich der von den Republikanern beherrschte US-Kongress, die Waffenkontrollen zu verschärfen. Es war eine nachhaltige Niederlage, nicht nur für den damaligen Präsidenten Barack Obama, sondern für die Gun-Control-Bewegung überhaupt: Wenn nicht mal ein Massaker an Kindern die politische Stimmung kippen kann, dann werden die regelmässigen Schiessereien, bei denen Erwachsene umkommen, auch nichts mehr bewirken.

Das zeigte sich zuletzt nach den Schiessereien von Las Vegas im Oktober - mit 58 Toten und 546 Verletzten das schlimmste Massaker der jüngeren amerikanischen Geschichte - und Anfang November in einer texanischen Kirche: Eine Debatte um schärfere Waffengesetze wurde sofort von Obamas Nachfolger Donald Trump abgewürgt. Diese Woche verabschiedete das US-Repräsentantenhaus obendrein ein Gesetz, das das verdeckte Tragen von Waffen landesweit erleichtert - mit ebenjenem, von der Wellesley-Studie widerlegten Argument, dass mehr Waffen für mehr Sicherheit sorgten.

Fahrzeuge: Die neuen Waffen des Terrorismus?

Video: srf

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!

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31
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31Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Butzdi 09.12.2017 15:08
    Highlight Trump ist ein Fan vom Infowars Spinner Alex Jones. Dieser Jones bezeichnet das Sandy Hooks Massaker als FakeNews um die NRA zu schwächen und viele waffenverrückte Trumpisten plappern es ihm nach.
    2 1 Melden
    • Froggr 10.12.2017 10:46
      Highlight Wobei die Videos mit Owen Shroyers der hammer sind. Sie zeigen auf vorbildlichste weise, wie die Liberals in den USA ticken und mit welchen „Argumenten“ sie um sich werfen.
      0 0 Melden
  • nick11 08.12.2017 23:35
    Highlight Der Punkt ist doch der: Kein einziger dieser Waffenbesitzer wird bei einem Amoklauf den Schützen erschiessen, schon gar nicht bevor dieser nicht schon zig Menschen getötet hat. Dazu hat keiner den Mut. Selbst wen einer das tun sollte, wie stellt er dann sicher nicht selbst von einem solchen "Helden" oder gar der Polizei erschossen zu werden? Trägt ja keine Aufschrift "ich bin nicht der Amokläufer" auf dir...
    24 7 Melden
  • ralf.randolfs 08.12.2017 20:27
    Highlight Dabei ist umdenken ganz einfach:
    22 4 Melden
    • Duweisches 08.12.2017 21:40
      Highlight Krass wie man sieht, dass kaum einer der potentiellen Käufer eine Ahnung von Waffen hat. Jeder der die Waffe in die Hand nimmt legt als erstes den Finger an den Abzug, was man einfach nicht macht wenn man eine Waffe nur halten will o.O
      26 2 Melden
    • Kong 09.12.2017 10:22
      Highlight Interessantes Experiment. Es zeigt das Aufklärung und Bildung anstelle eines Mickymaussyndroms (2nd Ammendment über alles) die Leute nicht unberührt lassen würden. Filme suggerieren uns von Kindesbeinen an die positive Wirkung der Waffen von Goodguys gegn das unvermeidlich Böse. In dieser schwarz-weiss Betrachtung bleibt die Logik auf der Strecke. Unverantwortlich. Ein kulturell moderater Umgang mit dem Thema wie in CH ist für mich die Lösung. Gesetze, Auflagen und Trainings für Schützen Jäger oder Sammler ohne hysterische Kriminalisierung in dem man der schwarz-weiss Betrachtung verfällt.
      7 1 Melden
  • malu 64 08.12.2017 20:16
    Highlight Den meisten nützt eine Waffe nicht das geringste. Sie wissen sowieso nicht wie man damit umgeht! Ganz im Gegenteil, sie gefährden sich und ihre Umgebung, deshalb die Hände weg. Investiert die Kohle besser in
    Kampfsport. Das stärkt den Geist und die Muskeln.
    42 16 Melden
  • Platon 08.12.2017 19:38
    Highlight Diese Studie beweist nichts neues. Je mehr Waffen, desto mehr getötete durch Waffen.
    Informiert mich weiter, falls dies der erste Amerikaner dies versteht😒
    125 21 Melden
  • raues Endoplasmatisches Retikulum 08.12.2017 19:23
    Highlight Der Artikel verpasst leider einen in meinen Augen zentralen Punkt. Bei der US-Disskusion um Waffen geht es nicht um Sicherheit, sondern um identity politics.
    Ob die Waffen nun effektiv für mehr Sicherheit sorgen oder nicht spielt keine Rolle, es geht darum, das "freie Amerikaner Waffen besitzen dürfen". Der Waffenbesitzt ist ein verbrieftes Recht, das zum Angelpunkt für konservative Politik wurde.
    Wenig mobilisiert die Basis besser als "liberals" did Waffengesetze verschärfen wollen.
    Es geht nicht um Sicherheit, sondern um Identität!
    79 11 Melden
  • Trump's verschwiegener Sohn 08.12.2017 19:05
    Highlight Wenigstens bleibt dieses eine Problem innerhalb der USA. Viele andere Auswüchse dieser verkommenen Kultur lässt viele Leute in Ländern weit weg leiden.
    Es ist einfach unerträglich, wie geistig verkommen weite Teile dieses Volkes sind und in was für Zuständen sich dies manifestiert.
    38 26 Melden
    • Duweisches 08.12.2017 21:43
      Highlight https://www.watson.ch/Schweiz/Waffen/464757174-Nur-die-USA--Serbien-und-Jemen-haben-mehr-Schusswaffen-pro-Einwohner-als-die-Schweiz
      14 13 Melden
    • Hansdamp_f 08.12.2017 23:17
      Highlight Was willst Du damit beweisen @Duweisches?

      Die hohe Schweizer Waffendichte ist bloss Konsequenz der Milizarmee. Die Wenigsten kaufen hierzulande Waffen.
      25 2 Melden
  • COLD AS ICE 08.12.2017 18:41
    Highlight ich kann das gelaber nicht mehr hören. die schweiz hat weltweit ca. die zweit höchste waffen pro kopf dichte. was sagt uns das? wieso passiert hier zu lande nicht mehr? also hört mal auf solche dummheiten zu propagieren. die waffen alleine bringen niemanden um. ausnahmen wird es immer geben und terroristen kommen immer zu waffen. mir ist klar das die ganze welt am liebsten ihr volk entwaffnen will. das volk muss sich selber auch schützen können. es wird vermutlich nie soweit kommen, aber heutzutage weiss man ja nie was demnächst alles noch passiert auf dieser welt.
    32 123 Melden
    • Knety 08.12.2017 19:42
      Highlight In der Schweiz darfst du aber nicht ohne weiteres eine Waffe auf dir tragen. Die meisten Waffen in den CH-Haushalten sind nicht ganz freiwillig dort. Die dazu passende Munition fehlt oftmals auch.
      Ein schlechter Vergleich.
      99 13 Melden
    • Moelal 08.12.2017 19:57
      Highlight Zeigen Sie die Zahlen, aber kommen Sie nicht mit der Armeewaffe
      34 7 Melden
    • who cares? 08.12.2017 20:00
      Highlight Wir haben ein ganz anderes Verhältnis zu Waffen. Viele Waffen sind Sturmgewehre die ohne Munition im Schrank verstauben. Dann gibt es noch die Schützen und Jäger, die ihre Waffe für den Sport benutzen und niemals gegen Menschen richten würden.
      Waffen in Griffweite und immer dabei zur Selbstverteidigung? Eher selten, bzw. ich kenne keine einzige Person, die eine Waffe aus diesen Gründen hat.
      66 8 Melden
    Weitere Antworten anzeigen
  • failgail 08.12.2017 18:23
    Highlight Die Demokraten ist das scheiss Etablishment und die Rebuplikaner haben falsche Parteiziele. Im Umkehrschluss die Politik (nicht die Natur,Kultur,Produktvielfalt) ist schlecht und imperialistisch!
    9 75 Melden
    • phreko 08.12.2017 19:01
      Highlight Jaja, die Republikaner haben natürlich kein Establishment... husthust
      48 4 Melden
  • Redly 08.12.2017 18:23
    Highlight Weltall und Dummheit sind grenzenlos. Beim Weltall bin ich mir noch nicht sicher. [nach Einstein]
    30 14 Melden
    • What’s Up, Doc? 08.12.2017 19:21
      Highlight Dies ist ein unter Einsteins Namen verbreitetes Zitat, dessen Herkunft nicht nachgewiesen werden kann und das mit grösster Wahrscheinlichkeit nicht von Albert Einstein stammt. Jedenfalls ist dass die Aussage von Frau Barbara Wolff, Albert Einstein-Archiv der Hebräischen Universität in Jerusalem. Inhaltlich gebe ich dir aber recht.
      33 2 Melden
    • Redly 08.12.2017 22:46
      Highlight @what‘s...
      Du sollst recht haben (und kriegst ein Schoggolädli, brav).
      Mir wäre wichtiger, dass der Waffenbesitz eingeschränkt wird.
      4 11 Melden
    • What’s Up, Doc? 09.12.2017 10:28
      Highlight Du darfst dein Schogolädli sehr gern behalten. Mir wäre auch wichtig das Zitate eine korrekte Quelle haben wenn du sie schon hin schreibst. Ausserdem verstehe ich deine Aussage und deine Meinung geht für mich in Ordnung, also sei doch bitte nicht gleich so eingeschnappt. ;)
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