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President Barack Obama and first lady Michelle Obama attend an interfaith memorial service for the fallen police officers and members of the Dallas community at the Morton H. Meyerson Symphony Center in Dallas, Tuesday, July 12, 2016. (AP Photo/Susan Walsh)

Bewegende Momente in Dallas: Michelle und Barack Obama. Bild: Susan Walsh/AP/KEYSTONE

Obamas Trauerrede in Dallas: Ein Land, zwei Welten

Dallas hat Abschied von den fünf ermordeten Polizisten genommen. Bei der Trauerfeier versuchte US-Präsident Obama, die Nation zu trösten. Doch selbst der Meisterredner erkannte: Worte allein helfen nicht mehr.

13.07.16, 05:19 13.07.16, 06:10

Marc Pitzke, New York



Ein Artikel von

Wieder muss er Hinterbliebenen sein Beileid aussprechen. Wieder muss er eine Stadt, ein Land trösten. Wieder muss er versuchen, mit seinen Worten zu kitten, was eine Gewalttat zerrissen hat.

«Im Laufe meiner Präsidentschaft habe ich auf zu vielen Gedenkfeiern gesprochen», sagt Barack Obama. «Ich habe zu viele Familien umarmt.» Er hält inne – und fügt dann hinzu: «Ich sehe nun, wie unzulänglich meine Worte waren.»

Ein ausserordentliches Eingeständnis des Meisterredners. Doch dies ist auch ein ausserordentlicher Anlass. Mehr als 2000 Menschen haben sich an diesem Freitag in einem Konzertsaal in Dallas versammelt. Auf der Bühne ein Chor, davor einen Phalanx blauer Uniformen und fünf Fotos der Polizisten, die in der vergangenen Woche von einem Heckenschützen erschossen wurden.

Tränen bei Michelle Obama

Der Bürgermeister spricht. Dann Ex-Präsident George W. Bush, der in Dallas lebt. Der Polizeichef der Stadt, David Brown, bringt First Lady Michelle Obama zum Weinen, als er seine Männer mit einem Liebeslied von Stevie Wonder verabschiedet: «I'll be loving you always / Until the rainbow burns the stars out in the sky.»

Berührende Rede des Polizeichefs von Dallas.  YouTube/Sky News

Als Letzter tritt Obama ans Pult – und bricht erstmals mit den Konventionen der präsidialen Trostrede. «Ich muss zugeben, dass auch ich manchmal Zweifel habe», sagt er. «Dies passiert zu oft.»

Mehr als ein Dutzend solcher Reden hat er schon halten müssen. Doch diese ist anders, sie hat eine neue, brisantere Dimension: Seit dem Massaker von Dallas, dem der Tod zweier Schwarzer durch Polizeigewalt in Louisiana und Minnesota vorausgegangen war, finden sich die Amerikaner in ihrer schwersten Sinnkrise: gespalten, verunsichert, einander misstrauend – und selbst der Präsident hat diesmal Mühe, die passenden Worte zu finden.

Denn die Ereignisse von Dallas, Baton Rouge und Falcon Heights und die bitteren Demonstrationen überall haben gezeigt: Ein tiefer Riss zieht sich durch die USA, emotional, gesellschaftlich, politisch. Ein Land – zwei Welten.

«Die tiefsten Verwerfungslinien unserer Demokratie wurden entblösst, wenn nicht noch weiter aufgerissen», sagt Obama über die fatalen Schüsse auf Schwarze und Polizisten. Man frage sich, ob sich «Amerikas Rassenfragen je überwinden» liessen. Ob stattdessen nicht das Undenkbare eintrete: «Dass die Mitte nicht mehr zusammenhält und die Dinge noch schlimmer werden.»

Zwei Welten. Die eine sieht sich täglich bedroht – durch Armut, Elend, offenen Rassismus. Durch Polizisten und weisse Extremisten, die in der hasserfüllten Rhetorik Donald Trumps politische Absolution gefunden haben. Aber auch die andere Welt sieht sich täglich bedroht – durch das Zerrbild vom schwarzen «Thug», dem Verbrecher. Durch die «Black Lives Matter»-Proteste. Durch den eigenen Machtverlust und die wachsende Macht bisheriger Minderheiten.

Seit dem Blutbad von Dallas stehen sie sich verbitterter denn je gegenüber.

Obama würdigt beide Seiten. Die fünf Polizisten von Dallas, die starben, um die Demonstranten zu schützen. Aber auch Alton Sterling, den Schwarzen, der in Louisiana erschossen wurde, und Philandro Castile, der in Minnesota starb, weil ein Polizist ihn wegen seiner «breiten Nase» für kriminell hielt.

«Ich bin gekommen, um ...»

Doch Obama wäre nicht Obama, wenn er selbst in dieser Krise nicht einen Hoffnungsschimmer sähe. «Ich bin gekommen, um zu sagen, dass wir solche Verzweiflung ablehnen müssen», ruft er. «Ich bin gekommen, um darauf zu beharren, dass wir nicht so gespalten sind, wie es scheint. Ich weiss, wie weit wir gekommen sind, trotz unmöglichster Widerstände. Ich weiss, dass wir es schaffen können, denn ich habe es in meinem eigenen Leben erlebt.»

Die Rede in voller Länge. YouTube/PBS NewsHour

Also appelliert er an das Gute im Menschen und beschwört dazu jene, die in beiden Welten leben. Polizeichef Brown, ein Polizist und ein Schwarzer, dessen besonnene Ruhe in den letzten Tagen zum nationalen Exempel wurde und den sie bei der Trauerfeier mit stehenden Ovationen feiern. Und Shetamia Taylor, eine schwarze «Black Lives Matter»-Demonstrantin, die «die Nase voll» hatte von der dauernden Polizeigewalt und im Chaos jener Nacht in Dallas verletzt wurde, als sie sich schützend auf ihre vier Söhne warf. «Jetzt will ihr Zwölfjähriger selbst ein Polizist werden», sagt Obama unter Jubel.

Mut sei gefordert, ruft er. Mut, die eigenen Mankos zu akzeptieren, die Würde des anderen zu erkennen und unbequeme Realitäten auszusprechen.

Am Ende bleibt aber auch das nur – eine Rede. Überall im Land gibt es immer neue Demonstrationen, und mindestens zwei weitere Schwarze sind seit dem Attentat von Dallas durch Kugeln aus Polizeiwaffen umgekommen.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Balti01 16.07.2016 00:29
    Highlight Bei Obama kann man wenigstens sicher sein: Das mit den Trauerreden hatte er drauf wie kein Zweiter. Als Ghostwriter, der auch Trauerreden schreibt (http://brief-schreiben.ch/trauerrede), weiss ich, wie wie schwierig dies ist. Obama mag in vielem versagt haben, aber Reden, das hat er immer hingekriegt. Die Frage ist, ob er die Welt damit sicherer gemacht hat, oder besser. Hm.
    0 0 Melden
  • Zeit_Genosse 14.07.2016 08:08
    Highlight Ein Zeitpunkt, wo sich ein Staat mit Weltanspruch stärker nach innen richten könnte. Der Wohlstand und die Wohlfahrt kommen nicht alleine von aussen. Nur nach Aussenwirkung zu streben und Profite abzuschöpfen, Gebiete zu destabilisieren um den eigenen Machtanspruch zu zementieren und damit eine sich entleerende Hülle füttern zu wollen, reicht nicht und birgt die Gefahr einer implodierenden Gesellschaft. Wo es kein Masterplan gibt, gibt es keinen Master. Damit fehlt es an Leadership und innerer Einigkeit (siehe Brexit). Die Politik weiss nicht mehr weiter. Nicht nur in den USA. Nährboden für....
    1 0 Melden
  • wonderwhy 13.07.2016 10:14
    Highlight Obama würde gut daran tun nicht selbst zu polarisieren und keine Rassenfrage zu stellen, wo es keine gibt. Es ist statistisch nicht belegbar, dass Schwarze öfter Opfer von Polizeigewalt werden. Es bringt nichts die Welt in Zwei zu teilen. Er prangert Rassismus an, noch bevor Details bekannt sind. Dies hat er schon in Baltimore und Ferguson gleich gehandhabt und somit angestachelt noch bevor es ein Urteil gab. Er sollte die Polizeigewalt allgemein ansprechen, diese betrifft nämlich alle Amerikaner. Der Polizeiapparat benötigt tatsächlich eine Reform, jedoch nicht entlang der Rassenfrage.
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    • philgrum 13.07.2016 14:20
      Highlight Natürlich ist es statistisch belegt, dass Schwarze eher verhaftet und zu höheren Strafen verurteilt werden. Wer etwas anderes behauptet, sagt die Unwahrheit.
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    • wonderwhy 13.07.2016 18:04
      Highlight @philgrum Darüber habe ich nicht geschrieben, sondern über Polizeigewalt. Es ist aber auch statistisch belegt das die Rate der Verhaftungen, mit der Rate der Vergehen korrespondiert, mit anderen Worten lassen sich die mehr Verhaftungen, mit mehr Vergehen erklären. Ungleichheit bedeutet nicht automatisch Ungerechtigkeit. Auch lassen sich höhere Strafen vielfach mit den Vorstrafen erklären. Aber wir müssen uns nicht einig sein, auch in den Staaten ist das Thema umstritten. Sind mehr Schwarze in den Gefängnissen weil das System rassistisch ist, oder weil sie mehr Straftaten begehen?
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  • rodolofo 13.07.2016 07:05
    Highlight Wie äussere Terroristen mit schwer nachzuvollziehenden Ausbrüchen von Gewalt und Brutalität die Welt in Angst und Schrecken versetzen und mit diesen Taten Nachahmer finden, sowie mit schaurigem Entsetzen die Auflagen der Massenmedien steigern, machen innere Terroristen genau das Selbe!
    Gleichzeitig bezwecken diese Terroristen, Völker und Volksgruppen gegeneinander aufzuhetzen.
    Aber die typisch Amerikanische, moralinsaure Empörung hilft langfristig nicht weiter.
    Besser wäre wohl, die Wirtschaft zu verpflichten, genügend Stellen zu schaffen und für Weiterbildung und faire Bezahlung zu sorgen!
    31 1 Melden
    • Radiochopf 13.07.2016 08:06
      Highlight @Rodolfo das gilt jedoch nicht nur für innere Terroristen sondern so wie du sie nennst auch "äussere" Terroristen... ich würde diese Terroristen sogar Menschen nennen, so wie du und ich.. und Bildung/Arbeit/Gleichheit usw. weltweit, würde das Terrorproblem extrem senken.. solange jedoch 1% der Menschen 99% des weltweiten Vermögens haben und diese 1% es fertig bringen, dass sich die 99% der anderen Menschen weiter dieses Vermögen diese 1% verteidigen, wird sich daran nichts ändern.. ich weiss, total utopisch das sich daran was ändert, aber das ist einfach das grundlegende Problem unsere Zeit!
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    • E7#9 13.07.2016 09:32
      Highlight Ich glaube nicht, dass der "äussere" Terrorismus so einfach auf wirtschaftlichem Gefälle begründet werden kann. Wo sind denn die Terroristen aus Äthiopien, Eritrea, Myanmar etc.? Terrorführer Bin Laden war stinkreich. Und es gibt auch gebildete Terroristen. (Der Attentäter vom Kinderspielplatz in Pakistan war Lehrer). Islamisten morden aus religiösem Fanatismus. Dafür gibt es keine Rechtfertigung. Der IS bekämpft Anders- und Nichtgläubige weil er den Koran entsprechend auslegt. Sein erklärtes Ziel: Die ganze Welt gewaltsam muslimisch zu machen. Arm oder reich spielt hierbei keine Rolle.
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    • rodolofo 14.07.2016 08:03
      Highlight @ Radiochopf
      Ja, das ist allerdings wahr.
      Es gibt auch eine "Seelische Armut", und die ist gemäss meinen eigenen Beobachtungen gerade dort zu finden, wo eine materielle Überversorgung mit den Mitteln von Skrupellosigkeit und Gewalt erreicht wird.
      Die Folgen: Innere Leere, Depressionen, Border Line, usw.
      Für eine gute Lebensqualität brauchen wir alles, eine gute Grundversorgung, Liebe und Geborgenheit. Fehlt nur etwas von all dem, dann besteht die Gefahr eines Absturzes in den Terrorismus, einer besonders agressiven Form der Selbstzerstörung.
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