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«Wir bleiben Zielscheiben» – Ferguson drei Jahre nach Michael Browns Tod 

Die tödlichen Schüsse eines Polizisten auf den schwarzen Teenager Michael Brown lösten schwere Unruhen in Ferguson aus. Heute wirkt die Kleinstadt ruhig, fast harmonisch - doch die Idylle trügt.

08.08.17, 12:27

Marc Pitzke, Ferguson

Immer noch Trauer in Ferguson. Bild: EPA/EPA

Ein Artikel von

Ein Windrad steckt an Michael Browns Grab. So ein kleines buntes Sternchen, wie man es von Kindergeburtstagen kennt. Daneben rascheln Plastikblumen, ein Sternenbanner und zwei schlaffe Ballons.

Brown wäre kürzlich 21 Jahre alt geworden. Doch der Afroamerikaner wurde nur 18, bevor er im August 2014 in Ferguson, einem Vorort von St. Louis, von dem weissen Polizisten Darren Wilson erschossen wurde. Der Fall löste monatelange Unruhen aus, fachte die «Black Lives Matter»-Bewegung an und machte rassistische Polizeigewalt zum grossen Thema in den USA.

Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA: Die Fälle seit Ferguson

Browns Grab liegt im Schatten, zwischen zwei Bäumen auf dem St. Peter's Cemetery. Lange blieb es anonym, erst im vergangenen August bekam es einen Marmorstein. «Geliebter Sohn, Bruder, Enkel», steht darauf. «Sonnenaufgang: 20. Mai 1996 - Sonnenuntergang: 9. August 2014.»

Drei Jahre nach dem Tod von Michael Brown präsentiert sich Ferguson betont ruhig, harmonisch, idyllisch fast. Doch für viele hier - allen voran Schwarze - sind die Ängste, Nöte und Sorgen akuter denn je.

Ferguson ist zum Ground Zero eines zerrissenen Amerikas geworden.

Die Turnhalle ist geschmückt, an einem Büffet locken Käsehäppchen und Obstsalat. James Knowles tritt vor. «Ferguson», sagt er, «ist ein toller Ort, um zu leben, zu arbeiten und Spass zu haben.» Das Publikum applaudiert, die meisten sind weisse Senioren, die sich nur mühsam zum Fahneneid erheben.

Knowles, 38, ist seit mehr als sechs Jahren Bürgermeister der 21'000-Einwohner-Stadt im Bundesstaat Missouri. Während der Unruhen von 2014 stritt der Republikaner alle kommunale Verantwortung für Browns Tod und die Folgen ab. Und obwohl zwei Drittel der Einwohner Afroamerikaner sind, wurde er im Frühjahr wiedergewählt.

Knowles schlug seine schwarze Rivalin Ella Jones mit 57 Prozent der Stimmen - indem er die Vergangenheit abhakte: «Ich will, dass Fergusons nächstes Kapitel voller Hoffnung ist.»

«Dann wäre er im Nachbarort erschossen worden»

Das beschwört er auch jetzt in der Turnhalle, wo er die neue Rentner-Cafeteria des Gemeindezentrums eröffnet. «Selbst wenn ich mal alt bin», verspricht Knowles, der in Ferguson aufgewachsen ist, «werde ich hierbleiben.»

Knowles nennt die Ereignisse von 2014 «bedauernswert», ist es aber «leid, darüber zu sprechen». Klar habe man Fehler gemacht, sagt er im Interview - das Verhalten des Polizisten Wilson gehöre aber nicht dazu: «Viele von uns haben ein gutes Verhältnis zu den Beamten, andere nun mal nicht.» So sei das eben.

Ferguson sei zu Unrecht zum Symbol für Polizeigewalt geworden, findet auch Mary Schaefer, die Chefin der Seniorengruppe, die die Cafeteria-Eröffnung organisiert hat. Sie lebe seit 1970 hier, «und ich hatte noch nie Probleme».

Ferguson, so umschreibt es Knowles, sei von der Laune des Schicksals getroffen worden, mehr nicht: «Wäre Michael Brown nur einige Meter in die andere Richtung gelaufen, dann wäre er im Nachbarort erschossen worden.»

Wüste Szenen in Ferguson nach dem Tod von Michael Brown. Bild: AP/AP

Die Stelle am Canfield Drive, an der Brown verblutete, ist neu geteert. Das Mahnmal aus Blumen und Plüschbären ist längst verschwunden. Dafür gibt es eine permanente Gedenktafel und ein kleines Taubenrelief im Gehweg.

Auf dem Rasen davor steht die Aktivistin Kalambayi Andenet. «Die Morde an uns werden nie aufhören», sagt sie. «Das System wird uns nie verschonen.»

Trotz Mittagshitze demonstriert Andenet mit einer Handvoll Mitstreitern am Canfield Drive. Die Chefin der sozialistischen Gruppe International People's Democratic Uhuru Movement verlor selbst zwei Brüder durch Waffengewalt.

«Wir bleiben Zielscheiben», sagt sie. Ein Auto hupt, sonst ist niemand zu sehen.

Das Viertel ist gebrandmarkt

Die Verwaltung der Siedlung findet nur schwer neue Mieter - obwohl eine Zweizimmerwohnung unter 500 Dollar im Monat kostet. Browns Tod hat das Viertel gebrandmarkt. Viele Menschen sind weggezogen.

Auch Browns Eltern sind weitgehend abgetaucht. Sie verklagten Ferguson und Darren Wilson vor einem Zivilgericht und bekamen per Vergleich 1.5 Millionen Dollar zugesprochen. Browns Mutter Lezley McSpadden schrieb ihre Memoiren, Warner Brothers will das Buch verfilmen.

Ein schwacher Trost. «So lange Schwarze keine direkte Kontrolle über die Polizei ausüben», sagt Kalambayi Andenet, «werden wir Untertanen bleiben.»

Michael Brown Bild: AP/FR159526 AP

Ob das stimmt, könnte Delrish Moss zeigen. Fergusons neuer Polizeichef wurde im Mai vereidigt, nachdem er sich gegen 53 Mitbewerber durchgesetzt hatte. Er ist der erste Afroamerikaner in der Geschichte des Orts, der diese Position vollamtlich innehat.

Warum wollte er diesen undankbaren Job haben? Moss lacht: «Ich habe mit so was Erfahrung.»

Der 51-Jährige begrüsst den Besucher im Ferguson Police Department. 2014 bot der verbarrikadierte Bunkerbau eine düstere TV-Kulisse für den Aufmarsch der Staatsmacht. Von innen gleicht er jetzt eher einer Bankfiliale.

Moss kommt aus Miami, wo er selbst einst von Cops misshandelt wurde und dann 32 Jahre lang als Polizist versuchte, das System zu verbessern - «für alle, die so aussehen wie ich». Anders als Bürgermeister Knowles leugnet er nicht, dass Ferguson bis heute schwere Probleme hat: «Es ist sehr wichtig, dass wir davor nicht zurückschrecken.»

Trump und Sessions wollen Reformen zurückdrehen

Nach Michael Browns Tod überprüfte das US-Justizministerium die Verwaltung von Ferguson, diagnostizierte einen tief verwurzelten Rassismus und verordnete Reformen. Doch Donald Trump und sein Justizminister Jeff Sessions wollen diese Reformen nun zurückdrehen. Der US-Präsident ermunterte Polizisten im ganzen Land zu einem brachialen Vorgehen.

Die Bürgerrechtsgruppe NAACP sprach vor Kurzem erstmals eine Reisewarnung für Amerika aus - und zwar, ausgerechnet, für Missouri: Der Bundesstaat sei «nicht sicher» für Schwarze und andere Minderheiten.

Moss stellt sich dem energisch entgegen. Er lief persönlich von Tür zu Tür, um sich vorzustellen. Er spricht mit Aktivisten. Er bläut seinen Beamten ein: «Wenn ihr ehrlich bleibt und Respekt für die Gemeinschaft zeigt, werden wir alle miteinander auskommen.»

Bild: EPA/EPA

Hazel Erby ist skeptisch. «Nichts hat sich verändert seit Mike Brown», seufzt sie. Auch über Moss behält sie sich ihr Urteil vor - obwohl der ihr «einen sehr netten Brief» geschrieben habe.

Das ist aber auch das Mindeste. Seit 13 Jahren vertritt Erby den Ort im Bezirksrat von St. Louis. Sie hat schon alles gesehen und kennt hier jeden.

Erby kannte auch Michael Brown. «Das war einer der schwersten Tage meines Lebens», erinnert sie sich an dessen Tod. Sie fuhr zum Canfield Drive und mischte sich unter die Demonstranten. Ein Jahr lang protestierte sie fast jede Nacht. «Ich fühlte meine Bestimmung.»

Viele fanden damals über die Demonstrationen in die Politik, andere schärften ihr Profil. Wieder andere suchten «ein paar Minuten Ruhm», so Erby, verschwanden dann wieder «und liessen uns mit der Realität alleine» - eine Anspielung auf die zersplitterte «Black Lives Matter»-Bewegung.

«Die Dinge sind nicht besser geworden»

Auch Erby erzählt von anhaltenden Übergriffen. Ihren Enkel hätten sie neulich sogar aus dem Wagen gezerrt. «Die Dinge sind nicht besser geworden», sagt sie. «Manchmal glaube ich, sie sind schlechter geworden.» Ja, sie sei müde. «Doch Schlaf können wir uns nicht erlauben.»

Müde war irgendwann auch Leslie Tolliver, 40. Die schwarze Juristin drängte es ebenfalls in die Öffentlichkeit: Sie forderte den weissen Bezirksstaatsanwalt Bob McCulloch heraus, der seit 1991 amtiert, scheiterte aber in der Vorwahl - vier Tage vor Browns Tod.

Es war McCulloch, unter dessen Führung die Justiz kurz darauf davon absah, den Polizisten Wilson anzuklagen.

Tolliver verlor ihre politischen Illusionen. Ferguson, sagt sie, biete für jemanden wie sie keine Perspektive. Heute lebt sie mit ihren Kindern in einem besseren Vorort von St. Louis, wo sie nachts «bei offenem Fenster die Stille hört».

Bild: AP/AP

Den Kampf aufgeben? Für Jerryl Christmas keine Option: «Die warten doch nur darauf, dass wir aufgeben.»

Christmas, 53, hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, gegen Polizeigewalt und Rassismus vorzugehen. Das Büro des Rechtsanwalts über einem Naturkostladen ist ein Treffpunkt für Aktivisten, nicht erst seit 2014.

Einer dieser Aktivisten war Edward Crawford. Er wurde damals zur ikonischen Figur, als er einen Tränengaskanister in hohem Bogen zurück in Richtung Polizei schmiss. Der Fotograf, der diese Szene festhielt, gewann den Pulitzerpreis. Derweil wurde Crawford wegen versuchter Körperverletzung angeklagt. Christmas vertrat ihn und handelte eine Bewährungsstrafe aus.

Gemunkel über rassistische Milizen

Im Mai starb Crawford unter mysteriösen Umständen. Die Polizei spricht von Suizid: Er habe sich im Auto vor Freunden erschossen. Christmas bezweifelt das: «Das passt nicht zu Edward. Er bekam sein Leben gerade in den Griff.»

Crawford ist der dritte prominente Protestler in Ferguson, der ums Leben kam. Zwei weitere - Darren Seals und DeAndre Joshua - starben auf auffallend ähnliche Weise: von Schüssen getroffen, in einem brennenden Auto. Schon munkeln Aktivisten von einer Vendetta rechtsradikal-rassistischer Milizen.

Christmas fragt sich, ob die Justiz die drei bis heute ungeklärten Todesfälle wirklich aufklären will. Einstweilen versucht er, die Lokalzeitung «St. Louis Post-Dispatch» zu bewegen, zumindest einen Teil der Erlöse aus dem Foto Crawfords für dessen Familie zu spenden. Notfalls will er klagen.

Vorher aber muss er auf eine weitere Beerdigung - für den Bürgerrechtler und Pastor Carlton Lee. Dessen Kirche, die auch Michael Browns Vater besuchte, war während der Proteste in Flammen aufgegangen und erst kürzlich wiederaufgebaut worden. Lee starb mit 34 an einem Herzinfarkt.

«Es ist der stille Stress dieser Stadt», sagt Christmas. «Er bringt einen um.»

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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    Alle Leser-Kommentare
  • AL:BM 08.08.2017 16:28
    Highlight http://www.odmp.org/search/year/2017?ref=sidebar
    0 0 Melden
  • .:|HonigTroll|:. 08.08.2017 15:20
    Highlight Textpassage aus Martin Luther Kings berühmtester und berührender Rede "I have a dream"

    "Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt."
    3 3 Melden
  • zombie woof 08.08.2017 14:44
    Highlight Mit einem Präsidenten, der die Polizei dazu ermutigt mehr Gewalt anzuwenden, wird die Gewalt gegen Schwarze sicher nicht abnehmen. Und überhaupt fällt es schon schwer genug, ein Individium wie Trump, Präsident zu nennen.....
    6 6 Melden

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