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Genau heute vor 100 Jahren traten die USA erstmals als Weltpolizist auf

06.04.17, 11:24 06.04.17, 11:54

Der Erste Weltkrieg in Bildern

Vor 100 Jahren traten die USA in den Ersten Weltkrieg ein. Eine historische Wende mit Folgen bis heute: Erstmals beanspruchten die USA die Rolle des Weltpolizisten.

2017 sind die USA die letzte verbliebene Supermacht. Während sie rund um den Globus ihren militärischen Fussabdruck hinterlassen haben, will Präsident Donald Trump ihre Rolle neu definieren, das Land abschotten, internationale Taue kappen.

US-Kampfpilot Eddie Rickenbacker mit seinem Spad-Flugzeug. Bild: ASP/AP

Vor 100 Jahren, als in Europa der Erste Weltkrieg tobte, schickten sich die USA noch an, Weltmacht zu werden. Lange sträubten sie sich, zu den Waffen zu greifen. Bis zum 6. April 1917.

«Amerika den Amerikanern»

Noch 1916 hatte sich Präsident Woodrow Wilson die Wiederwahl mit dem griffigen Slogan erkämpft: «He kept us out of war» – «Er hielt uns aus dem Krieg heraus». Noch herrschte die «Monroe-Doktrin», die Parole hiess «Amerika den Amerikanern», aus den Streitigkeiten in Europa solle man sich heraushalten.

Die Versenkung des britischen Passagierschiffes «Lusitania» vor der Südküste Irlands durch deutsche Torpedos. Bild: Bundesarchiv DVM 10 Bild-23-61-17

Bereits die Versenkung des britischen Passagierschiffes «Lusitania» vor der Südküste Irlands durch deutsche Torpedos im März 1915 hatte aber erste Schockwellen nach Amerika gesandt. Fast 1200 Tote, darunter 128 Amerikaner – ein erster Warnschuss für Wilson. Um ihn zu beruhigen, versprach Berlin den «uneingeschränkten U-Boot-Krieg» erst einmal einzustellen.

Fatales Telegramm

Der endgültige Rückschlag kam Anfang 1917. In der Hoffnung, Grossbritannien rasch aushungern zu können, nahm Deutschland den U-Boot-Krieg mit aller Macht wieder auf. Und dann war da die Zimmermann-Depesche, ein im Rückblick fast operettenhaft bizarres Schriftstück. Autor: Staatssekretär Arthur Zimmermann.

Deutschland wollte Mexiko mit dem vollmundigen Versprechen in den Krieg ziehen, dass es sich später Texas, New Mexiko und Arizona einverleiben dürfe. Die Depesche wurde abgefangen. Sie beseitigte in den USA letzte pazifistische Hindernisse.

Wer kennt es nicht, das Rekrutierungsplakat der U.S. Army während des 1. Weltkriegs. Bild: Anonymous/AP/KEYSTONE

Für die Historikerin Barbara Tuchman erleichterte die Zimmermann-Depesche Wilson den Schritt in einen unpopulären Krieg ganz entscheidend. Sie schreibt: «Würden die Amerikaner ohne das Telegramm kriegsbereit gewesen sein? Wahrscheinlich nicht ...»

Die lange pazifistische «Daily Tribune» beschrieb am 5. April 1917 auf der Seite eins die Konsequenz: «Das imperiale Deutschland hat wiederholt kriegerische Akte gegen die Regierung und das Volk der USA begangen.» Am Tag darauf erklärten die USA den Mittelmächten den Krieg.

Rekrutierung im April 1917 in New York. Bild: /AP/KEYSTONE

«Ultimativen Frieden für die Welt»

«Es war nicht nur der deutsche U-Boot-Krieg, der die USA zum Eingreifen bewegte», sagte der US-Historiker Michael Kazin von der Georgetown Universität in Washington der Nachrichtenagentur DPA. «Wilson dachte, dass die Welt ein besserer Ort werden sollte. Er war überzeugt, dass Gott auf der Seite Amerikas steht.»

Mit dem Kriegseintritt zielte Wilson nach eigenen Worten auf den «ultimativen Frieden für die Welt, die Befreiung der Völker, einschliesslich des deutschen Volkes». Und weiter: «Uns interessiert nicht der Profit. Wir kämpfen für das, was wir das Recht der Menschen auf Frieden und Sicherheit halten.»

«Entscheidend war die Aussicht auf Millionen ausgeruhter US-Truppen, während Deutschland schon völlig erschöpft war.»

Es war eine historische Wende mit Folgen bis heute. Erstmals beanspruchten die USA die Rolle des Weltpolizisten. Ein gehöriger Schuss Sendungsbewusstsein begann die amerikanische Politik zu prägen. Die USA setzten an, die Rolle des britischen Königreichs als Weltmacht zu übernehmen.

Deutsche Fehldiagnose

Zunächst griffen die USA lediglich mit 14 000 Soldaten in den Krieg ein. Der deutsche Generalstab schätzte die Stärke der US-Militärs «irgendwo zwischen Belgien und Portugal» ein. Eine grandiose Fehldiagnose.

«Zunächst handelte es sich eher um einen psychologischen Faktor», meint Kazin. «Entscheidend war die Aussicht auf Millionen ausgeruhter US-Truppen, während Deutschland schon völlig erschöpft war.» Abseits der Psychologie schicke Wilson allerdings insgesamt rund zwei Millionen Mann auf die Schlachtfelder. 116'000 von ihnen kamen um.

US-Soldaten am 26. September 1918 während der Meuse-Argonne-Offensive. Bild: AP

Erst im Februar 2011 starb der letzte US-Veteran dieses Krieges. Frank Woodruff Buckles wurde 110 Jahre alt.

Historiker bewerten den Kriegseintritt nüchtern. «Die USA traten in den Krieg ein wegen des Gleichgewichts der Mächte», urteilt der Historiker Arthur M. Schlesinger. Folge des Krieges war auch «die grösste Explosion der Wirtschaftsproduktion in der Geschichte der Nation», schreibt Historiker A. Scott Berg.

«Die Manipulation der öffentlichen Meinung zu politischen Zwecken wurde zur höchst raffinierten Kunst.»

Propaganda und Zensur

Wilson warf eine gigantische Propagandamaschine an. Deutsche wurden als Hunnen und wilde Teutonen gezeichnet, Schulen stellten Deutschunterricht ein, Sauerkraut hiess «Liberty Cabbage», Freiheitskohl. Viele Deutschstämmige amerikanisierten ihre Namen, aus Schmidt wurde Smith, aus Müller Miller.

Nebeneffekt zwei: Zensur und Meinungskontrolle. Ein «Anti-Spionage-Gesetz» verbot praktisch jede Kritik an Regierung und Kriegspolitik. «Die Manipulation der öffentlichen Meinung zu politischen Zwecken wurde zur höchst raffinierten Kunst», urteilt der Historiker David M. Kennedy in seinem Standardwerk «The First World War and American Society» und spricht offen von Zensur.

Mit Blick auf die heutige Praxis der US-Geheimdienste sagt Kazin dazu süffisant: «Es gab damals schon eine ganze Menge Überwachung.»

Zurück in die Isolation

Wilsons hochfliegende Friedenspläne fanden ein bitteres Ende. Bei den Friedensverhandlungen in Versailles wurde er mit Jubel empfangen. Doch sein 14-Punkte-Programm, sein Drängen nach einem Völkerbund für die Regelung der Weltkrisen, stiess vor allem im eigenen Land auf tiefe Skepsis. Statt die Öffnung zur Welt fortzusetzen, verfielen die USA in neuen Isolationismus.

Dem Völkerbund, dem Vorläufer der Vereinten Nationen, traten die USA niemals bei. Wenn Trump nun 2017 die UNO verächtlich macht, sein Land auf sich selbst zurück- und von internationalen Bündnissen wegführen will, dann findet dieses «Amerika zuerst» hier ein fernes Echo. Einmal mehr geht es um Isolationismus, wenn auch aus anderem Grund. (whr/sda/dpa)

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Brikne, 20.7.2017
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3Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Snowdrum 06.04.2017 11:48
    Highlight Beim Bild der Rekrutierung in New York stimmt das Datum nicht, denke ich oder ist das vor ein paar Tagen entstanden😉
    2 0 Melden
    • Willi Helfenberger 06.04.2017 12:04
      Highlight 1917 war doch vor hundert Jahren?
      1 1 Melden
    • Booker 06.04.2017 14:38
      Highlight Was ? Schon 2017 ???? Da hat mir der Doc die Zeitmaschine falsch eingestellt! Ich muss nochmals zurück!
      3 0 Melden

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