International

Adam Deen – hier bei einem Auftritt vor der Oxford Union – hiess früher anders. Dann schwor er dem radikalen Islam ab.

Er freute sich einst über 9/11 – jetzt warnt er vor dem radikalen Islam: Porträt eines Ex-Dschihadisten

Adam Deen war Islamist und freute sich über 9/11. Dann wurde ihm klar: Etwas stimmt nicht mit uns. Heute klärt er über die Gefahren des radikalen Islams auf – auch in Zürich.

10.03.16, 05:27 10.03.16, 08:42

daniel fuchs / Aargauer Zeitung

11. September 2002: Ein Jahr ist seit den Terroranschlägen in den USA vergangen. In London wollen ein paar junge Männer den Jahrestag feiern. Keine Gedenkfeier soll es sein, nein, die Tat der 9/11-Attentäter wollen sie bejubeln. So, wie sie das nach dem Einsturz der Zwillingstürme ein Jahr zuvor auch schon getan haben.

Hakan Cerrah ist einer der jungen Männer. An diesem Tag fühlt er sich komisch. Schon als einer der Freunde ein Poster mit der Aufschrift «The magnificent 19» ausrollt. «Die glorreichen 19» – das Poster erinnert an die 19 Terroristen, welche die Flugzeuge in das World Trade Center und ins Pentagon flogen. Hakan ist angewidert. Trotzdem geht er mit seinen extremistischen Freunden mit. Wie er so oft mitgegangen ist: Um Koranverse zu rezitieren, zu den Hasspredigten. Zu den Treffen der Islamisten-Organisation al-Muhajiroun.

«Etwas stimmt nicht mit uns.»

Eine Frau kommt auf die Islamisten zu. Mit tränenerstickter Stimme sagt sie: «Mein Bruder starb in diesen Türmen.» Hakan schnürt es den Hals zu. Zum ersten Mal überhaupt spürt er so etwas wie Mitleid mit den Opfern von 9/11. Bei seinen Freunden regt sich nichts. Die Worte der Frau prallen an ihnen ab. Hakan denkt sich: «Etwas stimmt nicht mit uns.» Und so wird der 11. September 2002 zum Tag, an dem Hakans langer Weg aus der Radikalität beginnt.

Die brennenden Türme des World Trade Centers, im Vordergrund das unversehrte Emire State Building.
Bild: AP

So schnell rutscht man rein

Davon erzählt der 39-jährige Brite in einer Abstellkammer des Zürcher Restaurants «Karl der Grosse». Hakan Cerrah heisst nun Adam Deen. Gleich wird er mit zwei Forschern und einem Moderator vor Publikum über die Frage streiten: Warum schliessen sich so viele Westler Terrorgruppen an? Als einer, der wissen muss, wie junge Menschen in die Fänge der Terroristen geraten können, arbeitet er heute für die britische Quilliam Foundation.

Dunkel gekleidet, die Krawatte unter dem grauen V-Ausschnitt-Wollpullover – vor uns sitzt ein britischer Gentleman. Ein Bartschatten ziert das Gesicht. «In den 1990ern trugen wir keine langen Bärte», sagt Deen. Damals erkannte man Islamisten noch nicht aus der Ferne. Es war vor der Zeit der langen Bärte und knöchelfreien luftigen Hosen, ehe Islamismus zur Popkultur wurde.

Den neuen Namen gab sich Deen, nachdem er den Ausstieg aus den radikalen Kreisen geschafft hatte. Sicherheitsüberlegungen spielten zwar eine Rolle, der englisch klingende Name sei aber vor allem praktisch. Deen macht kein Geheimnis um seine Herkunft. Er benötigt weder Polizeischutz noch plagten ihn grössere Sicherheitsbedenken, als er gegen die Extremisten zu arbeiten begann. Trotzdem macht sich Deen Gedanken zu den Risiken, die er eingeht – «I have to watch my back». Zu einem Angriff sei es aber nur ein einziges Mal gekommen. In London kreuzte er zufälligerweise den Weg desjenigen, der ihn in den 1990ern für die Ideen der Islamisten gewann und für al-Muhaijroun rekrutierte. Mehr als eine Handgreiflichkeit war es laut Deen aber letztlich nicht.

«Von sozialen Medien, überhaupt dem Internet, waren wir in Grossbritannien zu Beginn der 1990er-Jahre noch weit entfernt.»

Dabei ist al-Muhaijroun einschlägig bekannt und in Grossbritannien verboten. Einige Mitglieder sitzen in Haft, andere radikalisierten sich weiter. Drei Jahre ist es her, seit zwei Briten am helllichten Tag in London den britischen Soldaten Lee Rigby anfuhren und auf offener Strasse ermordeten. Dazu zitierten sie den Koran, und nach der Tat warteten sie seelenruhig auf die Polizei. Blut klebte an ihren Händen, als sie sich sogar von Passanten filmen liessen. Die Mörder hatten Verbindungen zu al-Muhaijroun.

Gedenkstätte für Lee Rigby: Der Soldat wurde von zwei Anhängern des «IS» auf offener Strasse enthauptet. 
Bild: Getty Images Europe

Die Tat trug die Handschrift des «IS», der Monat für Monat Hunderte von Videos in den sozialen Medien verbreitet. Sie sind heute der wichtigste Tummelplatz der Islamisten, wie Deen sagt.«Von sozialen Medien, überhaupt dem Internet, waren wir in Grossbritannien zu Beginn der 1990er-Jahre noch weit entfernt», sagt Deen. In Kontakt mit den Islamisten geriet der junge Hakan an der Westminster Universität. Es war dieselbe Uni, an der später ein anderer junger Mann bekehrt wurde: «Jihadi John», der Mann mit dem britischen Akzent, wurde bekannt als Schlächter des «IS».

«Ich war jung und interessierte mich für meine Religion, den Islam», sagt Adam heute. Doch niemand konnte seine Fragen beantworten. Seine türkischen Eltern führten ein säkulares Leben, der Glaube war nicht zentral. «In der Moschee aber gingen nur alte Männer ein und aus, die eine fremde Sprache sprachen.» Bei al-Muhaijroun aber sprach man in einfachen Worten. Die Botschaften waren simpel: «Immer wieder ging es um die unterentwickelte islamische Welt. Die Antwort war diese: Der Westen war an allem schuld.» Klare Antworten, klare Sache, kein kritisches Hinterfragen – so schnell wurde Hakan selbst zum Radikalen.

Der lange Weg raus

Der Ausstieg sollte viel länger dauern. Hakan hatte Glück, wie Adam heute sagt: «Ich freundete mich mit einem ehemaligen Mitglied an, das selbst den Ausstieg geschafft hatte.» Der Mann unterrichtete Philosophie; Hakan lehrte er, dass es verschiedene Denkweisen und Perspektiven gibt, den Islam zu deuten. Hakan lernte, kritisch zu hinterfragen, und er sah ein: «Die Islamisten behaupten, alleine den wahren Islam zu kennen. Das ist falsch.»

Aus Hakan wurde Adam. Seine Erfahrungen wollte er mit Jugendlichen und der Gesellschaft teilen. «Es kann jeden treffen», warnt er. Und er fordert: «Wir, das heisst die Muslime, müssen den Islamismus, der den Nährboden für den Dschihadismus bildet, mit einer starken Gegenerzählung bekämpfen.»

Für Adam Deen ist klar: Hätte ihm nicht das kritische Denken über den Islam die Augen geöffnet, er hätte den Ausstieg vielleicht nicht geschafft. Und Hakan wäre nun vielleicht auch in Syrien. Oder längst tot – wie Jihadi John.

Mehr zum sogenannten «Islamischen Staat»

USA schicken 400 Soldaten in die Schlacht um die IS-Hochburg Rakka

Dutzende Tote: Terrormiliz Fateh al-Scham bekennt sich zu Anschlägen in Homs

Hipster im Irak: Bart in der Menge

Über 100 Beamte im Tessin im Einsatz – und sie fassen EINEN mutmasslichen Islamisten

«IS» verkündet Tod ihres Sprechers Abu Mohammed al-Adnani

Nein, Herr Trump, Obama ist NICHT der Gründer des «IS» – aber ganz unschuldig ist er auch nicht

Die jungen Soldaten des «IS»: Kindheit, Jugend, Selbstmordattentat

«IS»-Vorwurf gegen muslimische Schüler in Therwil fällt in sich zusammen

«Für präzise Angriffe»: US-Luftwaffe schickt erstmals B-52-Bomber gegen «IS»

US-Soldaten in Syrien: Obama will Kontingent versechsfachen

«IS» soll syrischen Piloten nach Kampfjet-Abschuss gefangen genommen haben

Kampf gegen «IS»: Deutschland richtet «Tornado»-Basis in der Türkei ein

Der «IS» funktioniert wie eine Sekte – das erklärt auch, warum die Terroristen so grausam sind

Der «IS» verliert und verliert – setzt die Terrormiliz jetzt auf Giftgas?

Der «Islamische Staat» wirbt im Darknet – zu Besuch bei der Terror-Propaganda-Abteilung

ETH-Sicherheitsexperte: «Es bringt dem ‹IS› nichts, Schweizer zu töten»

Die derzeit 6 populärsten Antworten auf den Terror – und warum sie alle in die Sackgasse führen

6 Indizien dafür, dass der IS schwächer ist, als wir dachten

Alle Artikel anzeigen

Hol dir die App!

Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
7
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
7Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Domino 10.03.2016 09:16
    Highlight Man sollte Religion für minderjährige verbieten und erst mit 18 Jahren erlauben.
    31 20 Melden
  • Asmodeus 10.03.2016 08:28
    Highlight Wir müssten an unseren Schulen halt nicht nur den Religionsunterricht für Katholiken und Reformierte durchführen sondern auch für Juden und Muslime.

    Respektive ein Unterricht der objektiv über alle Religionen berichtet, woran sie glauben etc.

    Der Beitrag zeigt schön, wenn junge Muslime nur via Extremisten über ihren Glauben informiert werden ist es einfach sie einer Gehirnwäsche zu unterziehen.
    63 5 Melden
    • AllumeTaSalade 10.03.2016 09:05
      Highlight Für mich hat Religion nichts in der Schule verloren.
      29 15 Melden
    • Walter Sahli 10.03.2016 09:48
      Highlight AllumeTaSalade, in Anbetracht der Tatsache, dass in jedem Dorf eine Kirche steht, deren Glocken zu jeder (Un)Zeit läuten, halte ich es für richtig, dass solches Kulturgut auch in der Schule thematisiert wird. Nicht im Sinne von Missionierung sondern von Aufklärung, was es alles gibt und wer wie was glaubt. Genauso wie im Zeichenunterricht über die verschiedenen Stile und Maler berichtet wird.
      24 4 Melden
    • Asmodeus 10.03.2016 09:55
      Highlight @Toerpe Zwerg

      Ah sehr cool. In meiner Jugend hatten wir das noch nicht :)

      @AllumeTaSalade
      Es ist nicht die Sache der Schule Religion zu verbreiten und zu missionieren.
      Aber Sinn und Zweck der Schule ist es Wissen zu vermitteln.
      Und da viele Kriege und Konflikte in dieser Welt auf, falsch verstandene, Religion zurückzuführen ist, sollte die Schule hier nunmal ihren Teil übernehmen.
      19 1 Melden
    • andersen 11.03.2016 14:53
      Highlight Nein, man soll der Religion in der Schule nicht verbieten.

      Menschen hat oft der Gewalt verherrlicht, der Gott zu seinem Götzen gemacht, der Nächstenliebe ein Bärendienst erwiesen und trotzdem kenne ich keine andere Gegenmittel für das, als der Religion selbst.

      Der Aussage von Adam Deer war, er hat über sein eigene Religion, nichts gewusst und oft wird keinen Fragen gestellt und was der 9/11 betrifft, auch nicht kritisch hinterfragt.
      0 0 Melden

Trump kippt Einfuhr-Verbot für Grosswildjäger – (Und ja, auf dem Foto sind seine Söhne)

Donald Trump selber jagt keine Tiere. Aber seine Söhne, die würden das lieben, erzählte der US-Präsident im Jahr 2012. «Sie sind Jäger und sie sind darin sehr gut geworden.» 

Gut fünf Jahre ist es nun her, seit Fotos von Trumps Söhnen bei der Grosswildjagd vom Magazin «TMZ» veröffentlicht wurden. Sie sorgten in den sozialen Medien und unter Tierschützern für einen Aufschrei.

Auf einem Bild ist zu sehen, wie Trump Jr. mit einem abgeschnittenen Elefantenschwanz posiert. 

Auf einem weiteren …

Artikel lesen