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Thriller um geheimes Russen-Hack-Dokument: So kam die NSA Reality Winner auf die Spur

Reality Winner soll ein geheimes Dokument der NSA über russische Hackerangriffe an Journalisten durchgestochen haben – enttarnt wurde sie im Rekordtempo. Nun tobt die Debatte, wer daran Schuld hat.

Angela Gruber und Fabian Reinbold



Ein Artikel von

Spiegel Online

Am vergangenen Freitag stehen Ermittler des FBI vor dem Haus von Reality Leigh Winner in Augusta, Georgia. Sie beobachten ihre Zielperson, die erst seit wenigen Monaten bei einem Dienstleister des Geheimdiensts NSA arbeitet. Einen Tag später nehmen die Ermittler die 25-jährige Winner fest. Zwei Tage später wird sie angeklagt, unter dem Espionage Act. Sie soll geheime Informationen des Staates weitergegeben haben.

Die Vorwürfe gegen Winner drehen sich um ein als «streng geheim» eingestuftes NSA-Dokument aus dem Mai – das am Montag vom Portal «The Intercept» veröffentlicht worden ist und seitdem weltweit Schlagzeilen macht. Es geht darin um Erkenntnisse der NSA zu bislang unbekannten russischen Hackeraktivitäten, die auf die US-Präsidentschaftswahl im November 2016 zielten.

In dem Fall kommt viel zusammen: Das nicht enden wollende Drama um die versuchte Einflussnahme Russlands auf die US-Wahl; die Lecks aus dem Geheimdienstapparat, die Präsident Donald Trump wütend machen – und dann die wohl unrühmliche Rolle des Enthüllungsportals «Intercept».

Denn Reality Winner wurde als mutmassliche Informantin der Journalisten bereits am Tag der Veröffentlichung angeklagt. Die Suche der Behörden nach dem Leak wirkt wie eine Ermittlung im Zeitraffer. Während andere Quellen in der Sphäre der Geheimdienste es oft jahrelang oder dauerhaft schaffen, unentdeckt zu bleiben, kamen die Ermittler Winner erstaunlich schnell auf die Schliche.

Verräterische Wasserzeichen

Womöglich half ihnen, dass die vom «Intercept» online gestellten Dokumente immer noch eine Art Drucker-Wasserzeichen enthielten, eine unsichtbare Matrix aus kleinen gelben Punkten. Wer sie sichtbar macht, kann den Drucker ausfindig machen, auf dem das Dokument gedruckt wurde, inklusive Seriennummer und Druckdatum, wie mehrere Sicherheitsexperten demonstrierten.

Dieser Ermittlungsstrang über das Wasserzeichen taucht aber nicht in den Gerichtsdokumenten auf. Auch die Bürgerrechtler von der Electronic Frontier Foundation betonen, dass die Drucker-Punkte womöglich «in den Ermittlungen gar keine Rolle gespielt haben».

Unabhängig davon ist klar: Beide Seiten, die mutmassliche Leakerin sowie das Onlineportal, waren mindestens unvorsichtig, wenn nicht grob fahrlässig.

Die Journalisten haben laut FBI noch andere Dinge getan, die zur Enttarnung der mutmasslichen Quellen beigetragen haben. Das lässt den «Intercept» als potenzielle Anlaufstelle für Informanten schlecht aussehen.

Waren die Reporter unachtsam?

Bei ihren Versuchen, die Echtheit des Dokuments zu prüfen, hatten die Journalisten die NSA und das Büro des Nationalen Geheimdienstdirektors kontaktiert. Auf Bitten der Behörden schickten sie eine Kopie des fraglichen Dokuments. Sichtbare Schatten liessen die Ermittler vermuten, dass das Dokument ausgedruckt und dann zum Abtransport aus einem Regierungsgebäude geknickt worden sein muss.

Noch folgenreicher könnte gewesen sein, dass ein Reporter laut Gerichtsdokumenten auch einen Kontaktmann angeschrieben haben soll, der für einen Dienstleister der Regierung arbeitet. Ihm soll der «Intercept»-Mann offenbart haben, das Dokument sei per Post gekommen, mit einem Poststempel «Augusta, Georgia». Er vermute, so der Reporter, dass das Dokument aus der dortigen NSA-Aussenstelle stamme (also dort, wo Winner tatsächlich arbeitete). Der Kontaktmann informierte dann die Behörden über die Unterhaltungen.

Reality Winner missachtete grundlegende Regeln

Aber auch Reality Winner selbst machte Fehler, die allein wohl auch zu ihrer Enttarnung führen konnten. Ermittler fanden aber nach FBI-Angaben auf Winners Arbeitsrechner Hinweise auf E-Mail-Verkehr mit dem «Intercept». Laut FBI fand die NSA daraufhin heraus, dass Winner eine von sechs Mitarbeitern war, die das fragliche Dokument ausgedruckt hatten – als einzige von denen hätte sich bei ihr eine Verbindung zum Online-Medium finden lassen. Anders lautende Ratschläge für Informanten, etwa auf der «Intercept»-Webseite, missachtete sie damit.

Das Portal reagierte am Dienstagabend auf Nachfragen zum Umgang mit dem Informanten und mahnte zur Skepsis gegenüber den Details aus den Gerichtsdokumenten. Die sollen demnach Behauptungen und Spekulationen beinhalten, die der Agenda der Regierung dienten. Die Vorwürfe gegen Winner seien unbewiesen – «dasselbe gilt auch für die Behauptungen des FBI darüber, auf welchem Weg es Winner festnahm».

«Katastrophales Versagen beim Quellenschutz»

Der Journalist Barton Gellman, der für die «Washington Post» über die Snowden-Affäre berichtet hatte, attestierte den «Intercept»-Kollegen auf Twitter «ein katastrophales Versagen beim Quellenschutz». Es sei Standard, Dokumente auf unsichtbare Metadaten hin zu durchleuchten und diese unkenntlich zu machen. Gängige Praxis bei der Konfrontation von Behörden sei zudem, den Behörden nur Titel und Datum des Dokuments zu nennen, nicht ihnen die ganze Kopie zu zeigen.

Susan McGregor vom Tow Center für digitalen Journalismus an der Columbia-Universität in New York mahnt hingegen, sich nicht auf Kollegenschelte zu konzentrieren. «Seit den Enthüllungen von Edward Snowden gibt es sowohl bei der NSA selbst, als auch bei den Dienstleistern der Geheimdienste deutlich mehr interne Überwachung», sagt sie. Der Informant wäre wohl ohnehin aufgeflogen.

Es gehe nicht darum, ob die Reporter oder die Hinweisgeberin Schuld an der Enttarnung hätten. Für den Journalismus sei das nun anstehende Verfahren gegen Winner weitaus relevanter, glaubt McGregor.

Es ist immerhin das erste Mal, dass unter der Trump-Regierung ein Leaker angeklagt ist. Der Präsident hatte in der Vergangenheit nicht nur gegen Journalisten gekeilt, sondern auch die Justiz aufgefordert, harte Strafen für Geheimnisverräter zu verhängen. «Trump hat in der Vergangenheit immer wieder versucht, Gerichte zu beeinflussen, er könnte es auch hier versuchen», sagte McGregor. Der Fall Reality Winner könnte bald zeigen, ob er damit erfolgreich ist.

Zusammengefasst: Wie konnte die NSA-Mitarbeiterin Reality Winner so schnell auffliegen, nachdem sie laut Anklage geheime Dokumente weitergegeben hat? Zum einen war Winner selbst unvorsichtig. Zum anderen haben auch die Journalisten, deren mutmassliche Quelle Winner ist, geschlampt. Erst das anstehende Verfahren vor Gericht wird zeigen, welche Indizien Winner wie stark belasten.

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9
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9Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Tschedai 07.06.2017 19:56
    Highlight Highlight Wie kann man jemanden den Vornamen "Reality" geben? Wirkt sehr Unreal.
  • sleeper 07.06.2017 18:55
    Highlight Highlight Scheint ja einiges schief gegangen zu sein... Allerdings besteht bei solch offensichtlichen Versäumnissen immer die Frage eines Sündenbocks im Raum. Scheint einer dieser Fälle zu sein, in denen wir kaum je die ganze Wahrheit erfahren werden.
  • Raphael Stein 07.06.2017 15:40
    Highlight Highlight Ich mach mal Popkorn zurecht. Jetzt aber dran bleiben. Ist verdammt spannend. Knicke im Papier, gelbe Punkte und so, kein Quellenschutz, Wasserzeichen, usw.
    Einfach täglich informieren.
  • blueberry muffin 07.06.2017 14:26
    Highlight Highlight Was für ein Name xD Reality Winner.

    Genial. Das Kapitel "Stupid Watergate" geht weiter :D
  • Scaros_2 07.06.2017 14:21
    Highlight Highlight @Watson

    Heisst diese Person wirklich: Reality Leigh Winner

    • Harpist 07.06.2017 15:50
      Highlight Highlight Ja
  • King_Cone 07.06.2017 14:20
    Highlight Highlight Reality Winner... was für ein Name für eine Whistleblowerin...
  • Thrasher 07.06.2017 14:15
    Highlight Highlight Wie dämlich muss man sein, um Enthüllungen über den Arbeitgeber über den Arbeitsrechner zu verbreiten?
    • mein Lieber 07.06.2017 16:20
      Highlight Highlight Wie dämlich muss man sein um diese Geschichte zu glauben?

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