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Wird ihn seine Vergangenheit bald einholen? Marco Rubio wühlt den Wahlkampf auf.
Bild: Charles Krupa/AP/KEYSTONE

US-Republikaner Marco Rubio, der Draufgänger: Die Konkurrenz schwitzt und wühlt in seiner Vergangenheit

Jung, aggressiv, ehrgeizig: Marco Rubio, Senator aus Florida, könnte die beste Waffe gegen Hillary Clinton sein. Das dämmert nun auch vielen Republikanern. Doch seine Rivalen wühlen in seiner Vergangenheit.

07.11.15, 09:16 08.11.15, 09:35

Veit Medick aus manchester und nashua

Ein Artikel von

Stress? Er? Bei den TV-Debatten? Marco Rubio schaut ein wenig ungläubig. «Es gibt wirklich härtere Jobs. Man steht halt zwei Stunden in einem klimatisierten Studio und beantwortet Fragen», sagt er. Kurzes Nachdenken. «Ok, diese CNN-Debatte. Die ging drei Stunden. Danach hätte ich eigentlich einen Whirlpool gebraucht.» Er lacht, seine Fans auch, die Stimmung im Saal des Saint Anselm Colleges in Manchester ist bestens.

Es läuft gerade ganz gut für Rubio. Ach, was heisst gut? Es läuft wunderbar. Er ist nach New Hampshire gekommen, eine dieser wichtigen Stationen im Vorwahlkampf. In Manchester und Umgebung hat Rubio fünf Termine in zwei Tagen. Town-Hall-Meeting, Wirtschaftstreffen, Firmenbesuch, solche Sachen. Die Leute, weiss und jung, strömen zu seinen Veranstaltungen, und Rubio geniesst es.

Sozial aufgestiegen, jetzt will Rubio Präsident werden.
Bild: Nati Harnik/AP/KEYSTONE

Es ist Mittwochabend, rund dreihundert Menschen quetschen sich in eine Aula der Rivier Universität in Nashua. Flaggen, Kreuze, Veteranen. Man ist unter sich. Rubio will das neue Amerika beschreiben, aber erst einmal widmet er sich einem immer wiederkehrenden Vorwurf: «Man sagt, ich sei zu unerfahren, ich solle warten», ruft er. «Aber warten worauf? Wir haben eine Energiepolitik aus den 60ern, eine Bildungspolitik aus den 70ern, ein Steuersystem aus den 80ern. Wir brauchen jemanden im Weissen Haus, der für die Probleme des 21. Jahrhunderts auch Lösungen des 21. Jahrhunderts anbietet.» Ovationen.

Highlights der CNN-Debatte im September 

YouTube/Marco Rubio

Rubio ist 44. Seine Eltern sind kubanische Einwanderer, der Vater Barkeeper, die Mutter Putzfrau. Seit fünf Jahren sitzt Rubio für Florida im Senat in Washington und lange Zeit sah es so aus, als wäre seine Bewerbung für die Präsidentschaftskandidatur seiner Partei nur ein Testlauf für spätere Versuche. Doch seit er kürzlich in einer dieser TV-Debatten seinen ehemaligen Mentor Jeb Bush wie einen Schuljungen hat aussehen lassen, steigt sein Wert.

Rubios Gegner werden nervös

Paul Singer, schwerreicher Hedgefondsmanager aus New York, hat ihm sein Geld versprochen. Ein halbes Dutzend Senatskollegen hat sich für ihn ausgesprochen. Und die Rivalen werden nervös, was ein recht zuverlässiger Indikator dafür ist, dass es gut läuft. «Er ist überschätzt», sagt Donald Trump über Rubio. «Ausserdem habe ich noch nie jemanden gesehen, der so sehr schwitzt.»

Vielen Republikanern dämmert, dass die Partei mit Rubio womöglich die besten Aussichten aufs Weisse Haus hätte. Wie schwer sich die Basis mit vermeintlich naheliegenden Kandidaten wie Bush tut, haben die letzten Monate gezeigt. Zu viel Vergangenheit, zu sehr Insider.

Auch Rubio ist Berufspolitiker, Ecken und Kanten hat er nicht, aber er bringt ein paar Vorteile mit. Sein Familienhintergrund könnte für die so wichtige Wählergruppe der Latinos interessant sein. Er ist konservativ, aber nicht so sehr, dass er die Mitte verschrecken würde. Vor allem könnte er Generationenwechsel verkörpern. Träte Marco Rubio gegen Hillary Clinton an, hätten die Republikaner womöglich ein hübsches Narrativ – neues Amerika gegen altes Amerika. Eine Erzählung, mit der auch Barack Obama schon Clinton schlug.

Viel Pathos

Davon träumen seine Leute. Bis zur Nominierung aber ist es noch ein weiter Weg, das weiss auch Rubio. Die erste Vorwahl ist in drei Monaten, und bis dahin sollten sich die Umfragen bessern. In den meisten Erhebungen ist Rubio inzwischen stabil zweistellig. Doch Trump und Ben Carson, die Lieblinge der Aufmüpfigen in der Partei, sind noch nicht in Reichweite.

«Er ist überschätzt. Ausserdem habe ich noch nie jemanden gesehen, der so sehr schwitzt.»

Trump über Rubio

Zu Trumps Wahlkampf sagt Rubio wenig. Seine Tonlage soll freundlicher erscheinen, seine Botschaft hoffnungsvoller, seine Ideen vernünftiger. Das Einwanderungssystem will er reformieren, die Bildung erschwinglich machen, Familien entlasten. Rubio inszeniert sich als Kandidat für die Zukunft. Innovation und Wettbewerb, das sind die Stichworte in New Hampshire.

«Wenn ich früher etwas lernen wollte, musste ich in die Bibliothek gehen. Wenn Kinder heute etwas lernen wollen, können sie das in Millisekunden im Internet tun», sagt er in der Aula in Nashua. «Ich glaube, wir haben das beste Jahrhundert in der Geschichte unseres Landes vor uns. Aber wir müssen jetzt handeln, wenn unsere Nation speziell bleiben will.» Viel Pathos, das ist Rubios rhetorisches Konzept. Beschwörungen der amerikanischen Einzigartigkeit kommen immer dann gut an, wenn die Menschen im Land verunsichert sind. Die Selbstvergewisserung lindert die Schmerzen, das hat sich Rubio von Trump abgeschaut.

Der nächste Morgen. Rubio besucht eine Rüstungsfirma in einem Vorort von Manchester. Der Chef führt ihn durch die Produktionshallen, neben ihm rollt ein Roboter mit zwei Greifarmen. Leider funktionieren die Bremsen nicht. «Na, die Journalisten kann er ruhig überfahren», scherzt Rubio.

«Putin ist im Grunde ein Gangster»

Die Visite in der Waffenschmiede zeigt seine andere, harte Seite. In der Aussen- und Sicherheitspolitik versteht sich Rubio als Krieger. Das Militär will er aufstocken, die Ausrüstung modernisieren. «Die Zeiten, in denen der Opa, der Vater und der Sohn das gleiche Flugzeug flogen, werde ich beenden», ruft er. Die Annäherung an Kuba lehnt er ab, das Atomabkommen mit Iran hält er für die grösste Sünde Obamas – und Wladimir Putin? «Der ist im Grunde ein Gangster», sagt er. Das klingt alles reichlich halbstark, aber in New Hampshire kommt es an.

«Yeah!», brüllen seine Anhänger.

Zum Problem für Rubio könnte seine Vergangenheit werden. Sein Umfeld in Miami soll nicht das einfachste sein, Rubios Schwager sass zwölf Jahre im Gefängnis, wegen angeblicher Drogengeschäfte. Und seine Gegner nehmen seine persönlichen Finanzen in den Blick. Im Abgeordnetenhaus in Florida hatte Rubio eine Parteikreditkarte, die ihn dazu verleitet haben soll, berufliche und private Ausgaben nicht immer ganz sauber zu trennen. Trump hat das Thema längst für sich entdeckt. «Rubios Finanzen sind ein Desaster», schimpft er seit Tagen.

In New Hampshire verspricht Rubio, bald die Abrechnungen aus jener Zeit vorzulegen, um das Gegenteil zu belegen. Aber was sagt er zu Trumps Angriffen? «Ich kann nicht auf alle Verrücktheiten von Donald Trump eingehen», so Rubio. «Da hätte ich ja für nichts mehr Zeit.»

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Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.
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