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Blick in die UNO-Vollversammlung in New York während der Rede von Obama.
Bild: JUSTIN LANE/EPA/KEYSTONE

Obama und Putin beim UNO-Gipfel: Zwei Männer, zwei Welten

Duell am Rednerpult: Barack Obama und Wladimir Putin skizzieren vor der UNO ihre Strategien im Kampf gegen das Böse auf der Welt. Der grösste Streitpunkt bleibt die Zukunft Syriens.

28.09.15, 20:06 29.09.15, 13:57

Veit Medick und Marc Pitzke, New York

Ein Artikel von

Es ist ein wahrer Krisengipfel: Die UNO begeht ihren 70., doch die Welt ist explosiver denn je, der IS-Terror und die Lage in Syrien dominieren das Treffen in New York. «Es gibt wenig zu feiern», findet denn auch Aussenminister Frank-Walter Steinmeier, als er samt Gefolge an der UNO-Zentrale eintrifft. Dafür gibt es umso mehr zu besprechen.

UNO-Vollversammlung live

YouTube/United Nations

Das Duell des Gipfels gibt es gleich zum Auftakt der UNO-Tagung. Als US-Präsident Barack Obama vors Plenum der Vollversammlung tritt, ist von Wladimir Putin allerdings zunächst nichts zu sehen. Der russische Staatschef lässt sich während Obamas Rede von seinem Botschafter vertreten – eine Machtgeste. Vor ihrem für den Abend geplanten Gipfeltreffen beharken sich die beiden Präsidenten erst mal im Ferngefecht, vom Rednerpult im grünmarmorierten UNO-Saal herab.

Was war die Kernbotschaft der beiden Auftritte?

Deutliche Worte von Obama gegen Assad.
Bild: Getty Images North America

Obama: Der US-Präsident spannte einen weiten Bogen, von der Gründung der UNO bis zu heutigen Krisen. Sein Appell: Mehr Diplomatie wagen. Erkennbar war ihm dran gelegen, sich selbst als Beleg für den Erfolg dieses Ansatzes zu inszenieren. Das von ihm vorangetriebene Iran-Abkommen mache «die Welt sicherer», sagte er. Die Öffnung zu Kuba zeige, dass die USA gewillt seien, dem Kurs der Konfrontation zu entsagen. Adressat war nicht zuletzt das skeptische US-Publikum. «Diplomatie ist hart. Und manchmal sind die Ergebnisse nicht zufriedenstellend. Aber wir müssen dieses Risiko eingehen», rief Obama.

Putin: Seine Rede zeigte: Putin will Russland zurück in den Mittelpunkt der Weltgemeinschaft, als gleichberechtigte Macht neben den USA. So verortete er schon die Wurzeln der UNO in der einstigen Sowjetunion: Die «Schlüsselentscheidungen» für die UNO-Charta «wurden in unserem Land getroffen», sagte er in Anspielung auf die Yalta-Konferenz 1945. Doch diese Werte seien bedroht durch ein «alleiniges Zentrum der Herrschaft», das seither entstanden sei – ein Land, das sich «für so stark und einzigartig halte», dass es keinen Regeln gehorche. Sprich: die USA. Jetzt müsse sich die Welt neu vereinen «wie gegen die Nazis», wobei Moskau unverzichtbar sei.

Wie gingen beide auf Syriens Machthaber Assad ein?

Obama: Überraschend direkt sprach der US-Präsident die Lage an. Syriens Machthaber Baschar al-Assad nannte er einen «Tyrannen», der «Fassbomben auf unschuldige Kinder» werfe. Sicher, es waren Sätze, die er sagen musste. Aber sie zeigten, dass er – trotz russischen Drucks – eine langfristige Lösung mit Assad an der Spitze ablehnt. «Nach so viel Blutvergiessen können wir nicht einfach zur Vorkriegsordnung zurückkehren», warnte er. Eine Übergangslösung mit dem Machthaber schloss er allerdings nicht aus.

Putin vor der UNO-Vollversammlung.
Bild: EPA/RIA Novosti POOL

Putin: Auch Russlands Präsident gab sich entschlossen. Ohne Obama direkt zu erwähnen, nannte er es einen «grossen Fehler, eine Kooperation mit Syriens Regierung und ihrer Armee abzulehnen». Die Assad-Regierung kämpfe «wahrhaft gegen die terroristische Bedrohung». Als Assad-Freund wahrgenommen zu werden, fürchtet Putin offensichtlich nicht. Zumindest öffentlich ist der russische Präsident nicht gewillt, auf die westliche Forderung nach Ablösung des Gewaltherrschers einzugehen.

Wie sehr arbeiteten sich beide aneinander ab?

Obama: Für Obama war die Ausgangslage ungünstig: Putins Aufrüstung in Syrien hat die US-Regierung überrascht. Obama war praktisch gezwungen, Putin zu kontern – und tat dies mehrfach. Sehr direkt kritisierte er die Annexion der Krim. Andere Passagen liessen sich als indirekte Botschaften an Moskau lesen, etwa seine These, dass sich die Stärke von Staaten heutzutage nicht mehr an der Kontrolle über Grenzen festmache. Feindselig gab sich Obama nicht, das hätte nicht zum Kern seines Auftritts gepasst. Er wolle «keinen neuen Kalten Krieg», so Obama.

Putin: Der russische Präsident vermied es, auf Obama und die USA direkt einzugehen. Dennoch war erkennbar, dass er nicht nach New York gekommen ist, um Washington zu schmeicheln. Putin zeigte sich hart. Mehrfach kritisierte er indirekt das Agieren Amerikas. So rüffelte er die Strategie Obamas, «moderate Rebellen» in Syrien auszubilden, warf den USA vor, sich als einzige Ordnungsmacht zu inszenieren und bezeichnete die Sanktionen gegen sein Land als Bruch mit dem Geiste der UNO.

Ist eine Kooperation der beiden wahrscheinlicher geworden?

Obama deutete an, dass er eine gewisse Abstimmung für eine gute Idee hält. «Realismus zwingt zu Kompromissen», sagte er. Bei einem offiziellen Treffen am frühen Abend wollen die beiden über die Krise in Syrien beraten. Aber beide Staatschefs, insbesondere Putin, nutzten ihre Auftritte auch, um sich klar voneinander abzugrenzen. Besonders die Frage nach der Zukunft von Baschar al-Assad scheint die beiden weiter zu trennen.

Im Video: Obama nennt Assad einen «Tyrannen»

YouTube/Loretta Beddingfield

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    Alle Leser-Kommentare
  • Henrix 29.09.2015 01:42
    Highlight Europa kann nur profitieren wenn Russland wieder erstarkt, und ein Gegenpol zu den USA bildet. Leider ist Europa selber nicht fähig, diese Rolle selber zu übernehmen. Es geht auch nicht darum ob nun USA oder Russland nun der Böse oder der gute ist. Wir brauchen gleichberechtigte Partner. Nicht einer der nur diktiert.
    1 0 Melden
  • AJACIED 28.09.2015 21:24
    Highlight Na klar. Nach solch einer Rede sind viele andere Schuld nur Amerika nicht.
    Ich höre seit Jahren immer das gleiche von den Amis.
    Die dürfen ja alles und jeden!
    17 9 Melden
  • Mafi 28.09.2015 21:06
    Highlight Natürlich hat Putin recht dass die USA wieder mehr mit anderen zusammenarbeiten und respektieren muss. Russland MUSS in die Diskussionen miteinbezogen werden, ihre Meinung muss respektiert werden.

    Das heisst aber auch, dass Russland anderen Staaten entgegenkommen muss. Hoffentlich findet man einen Weg, denn die EU und auch die USA brauchen Russland, genauso wie Russland die USA, aber auch vor allem die EU braucht.

    Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, als würde die USA versuchen zu verhindern, dass die EU mit Russland enger zusammenarbeitet. Denn Russland hat Ressourcen, die EU das Geld.
    28 5 Melden
    • Radiochopf 28.09.2015 21:47
      Highlight @mafi 100% agree
      9 3 Melden
    • Henrix 29.09.2015 01:26
      Highlight Das Hauptzield der USA ist, zu verhindern das zwischen der EU und Russland gute Beziehungen entstehen. Die Fakten dazu liegen glasklar auf dem Tisch, und ist aus US Sicht auch notwendig um ihre Weltherschaft weiter zu erhalten und auszubauen. Siehe Aussagen von Georg Friedman, Stratfor vom 4.2.2015, oder auch andere US Strategen. Offiziell wird das natürlich nicht zu kommuniziert.
      4 0 Melden
    • Mafi 29.09.2015 16:08
      Highlight @henrix auf genau das hab ich angespielt. Ich hatte nur keine Quellen. Danke!
      1 0 Melden

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