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«Anti-Trump» Jon Ossoff – das ist der neue Darling der Demokraten (und Frauen)

Jon Ossoff ist der neue Star der US-Demokraten. Als «Anti-Trump» zieht er Geld und Euphorie an – jetzt will er einen Sitz im Kongress. Antreiber seiner Wahlkampagne sind vor allem: Frauen.

14.04.17, 17:41 15.04.17, 09:27

Annett Meiritz, Atlanta



Die Fangemeinde von Jon Ossoff wächst. Bild: ERIK S. LESSER/EPA/KEYSTONE

Ein Artikel von

Keine Viertelstunde hat sich Jon Ossoff herzen und knipsen lassen, da macht das erste Smartphone schlapp. «Mein Speicherplatz ist voll, du musst das aufnehmen!», ruft eine Freundin zur anderen. Sie will unbedingt festhalten, wie ihr Held über eine Vorstadtkreuzung sprintet.

Ossoff ist losgelaufen, auch wenn die Fussgängerampel rot blinkte. Kameras zoomen ran, Autos bremsen, dann erreicht Ossoff sein Ziel: eine Oma samt Rollator.

Er legt seinen Arm um die alte Dame, begleitet sie beim Wechsel der Strassenseite. Es ist das perfekte Wahlkampfbild. Bilder wie diese erklären, wie der bis vor kurzem völlig unbekannte Jon Ossoff zum Hoffnungsträger der US-Demokraten werden konnte.

Interview zu Trump

Video: YouTube/Politicus Media

Seit Donald Trumps Einzug ins Weisse Haus stecken die Demokraten in der Identitätskrise. In Ossoff sieht die Partei die erste Gelegenheit zur Rache an Trump – obwohl der Kandidat nur bei einer Bezirkswahl im Bundesstaat Georgia antritt. Ossoff soll einen Kongressdistrikt im Norden Atlantas, der seit fast 40 Jahren von Republikanern gewonnen wird, für die Demokraten erobern. Die Chancen stehen nicht schlecht.

Der Jungpolitiker wuchs in der Gegend auf, er kennt sie nur als Revier der Republikaner. In seinem Geburtsjahr, 1987, vertrat der Hardliner und heutige Trump-Vertraute Newt Gingrich den Bezirk im US-Kongress. Jetzt ist mit Ossoff erstmals ein Progressiver der Favorit. Einer, der die Frauenmedizin-Organisation Planned Parenthood schützen und Studiengebühren senken will.

Jon Ossoff. Bild: ERIK S. LESSER/EPA/KEYSTONE

Vor seiner Kandidatur produzierte Ossoff Dokumentarfilme, er hatte noch nie ein politisches Amt inne. Trotzdem berichten US-Medien, ob CNN oder Cosmopolitan, seit Wochen über ihn. Bundesweit setzen Anhänger hohe Erwartungen in seinen Erfolg. Mehr als acht Millionen Dollar sammelte Ossoff für seine Kampagne. Für eine regionale Wahl ist das eine spektakuläre Summe.

Berühmt dank Trump

Seine Bekanntheit hat Ossoff, der ein Signal gegen Trump setzen soll, ironischerweise Trump zu verdanken. 435 Sitze hat das Repräsentantenhaus im US-Kongress. Als Trump den Republikaner Tom Price zum Gesundheitsminister beförderte, wurde ein Platz in Nord-Atlanta frei. Ossoff liess sich für die Demokraten aufstellen. Überraschend hängte er seine 17 Mitbewerber schnell in Umfragen ab.

Jetzt wollen die Demokraten das Maximum aus dem Ereignis herausholen: Einen Sieg könnten sie als Symptom einer Wechselstimmung vermarkten. Das wiederum soll ihnen für die nächste grosse Wahlwelle, den Midterms 2018, Aufschwung geben. «Wenn Jon gewinnt, weiss Trump, dass er sich nicht zu sicher fühlen soll», sagt Julien Williams, die zur Ossoff-Kundgebung an den Stadtrand gekommen ist.

Bild: ERIK S. LESSER/EPA/KEYSTONE

Seine Gegner verspotten den Wirbel als Hype. «Acht Millionen Dollar würden selbst ein Eichhörnchen konkurrenzfähig machen», lästerte die konservative Kandidatin Karen Handel. Egal scheint den Republikanern Ossoffs Aufstieg aber nicht zu sein. GOP-nahe Organisationen finanzieren Werbespots, die ihn wahlweise als kindisch oder Islamisten-nah darstellen. Besonders beliebt sind Aufnahmen von Ossoff als Student, wie er angeschickert «Star Wars»-Charaktere imitiert.

«Ich sass auf der Couch und schrie den Fernseher an»

Ausserhalb Georgias hat Ossoff Unterstützer quer durch die Partei, doch vor Ort sind fast ausschliesslich Frauen für ihn aktiv. Eine der grössten Anhängergruppen vor Ort, Pave it Blue, hat mehr als tausend Mitglieder und stammt aus einer Facebook-Gruppe für Mütter aus der Nachbarschaft.

«Bis vor kurzem hatte ich mit Politik nichts am Hut, ich sass auf der Couch und schrie den Fernseher an», sagt Unterstützerin Sheila Leby. Jetzt klingelt sie an Haustüren, startet Telefonketten, verteilt Sticker in Einkaufszentren und Bierkneipen.

Auch anderswo in den USA ist der Protest gegen Trump weiblich geprägt, wie die Bewegung um den Women's March zeigte. Dennoch sollte man eher nicht von Ossoffs Stammbezirk auf das Mobilisierungspotenzial einer ganzen Nation schliessen. Viele Frauen, die hier wohnen, können es sich leisten, an einem Wochentag morgens um neun Plakate zu schwenken. Die Gegend – weiss, wohlhabend, hohe SUV-Dichte – steht kaum für den Durchschnitt.

Der «neue Obama»?

Bild: Bill Barrow/AP/KEYSTONE

Sollte Ossoff den Bezirk endgültig von rot zu blau drehen, liegt das vielleicht auch an einem Bedürfnis nach Wohlfühl-Politik. Ossoff, der Atlanta zum «Silicon Valley des Südens» umbauen und «demokratische Werte» verteidigen will, wirkt in Menschenmengen höflich und smart. Er trägt Anzug, ist dezent abgepudert, hält die Hände der Besucher oft eine Sekunde länger als nötig.

Kontroversen vermeidet er. Fragt man Ossoff, was das Schlimmste an Trumps Regierung sei, lautet die Antwort: «Seine Haltung und Tonlage spaltet das Land, zumindest im Moment». Attacke klingt anders.

Seine Anhängerinnen sagen, Besonnenheit sei genau das, was sie an ihm mögen. «Für mich und meine Freunde ist er der neue Obama», sagt Unterstützerin Amy Nosak.

«Jeder Politiker setzt auf Angriffe und negative Botschaften, allen voran Trump. Ich habe das so satt», ergänzt Ashley Chain, deren Ehemann mit Ossoff im Uni-Chor sang. «Sein Geheimnis ist, dass er positiv bleibt, sich auf keine Schlammschlacht einlässt.»

Ob das für einen Sieg reichen wird, zeigt sich am 18. April, wenn die Wahllokale schliessen. Ossoffs Team plant eine grosse Party, allerdings könnte der Abend auch enttäuschend enden. Bekommt keiner der Kandidaten mindestens die Hälfte der gültigen Stimmen, gehen die beiden Bestplatzierten in die Stichwahl. Ossoff müsste sich bis in den Sommer hinein im direkten Zweikampf beweisen.

«Wir sind auf alles vorbereitet», sagt Aktivistin Leby. Dann schiebt sie hinterher, dass ein Sofort-Sieg natürlich besser wäre, allein für den Effekt. «Die Nation guckt auf uns.»

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.

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11Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • seventhinkingsteps 14.04.2017 23:04
    Highlight > Einer, der die Frauenmedizin-Organisation Planned Parenthood schützen und Studiengebühren senken will.

    Oh mein Gott, so kontrovers! Literally a socialist!11Elf!! Gähn

    > Ossoff, der Atlanta zum «Silicon Valley des Südens» umbauen und «demokratische Werte» verteidigen will

    Noch mehr gähn.

    > Fragt man Ossoff, was das Schlimmste an Trumps Regierung sei, lautet die Antwort: «Seine Haltung und Tonlage spaltet das Land, zumindest im Moment».

    Mhmh, ja das ist definitiv das Schlimmste... Mega Gähn.
    30 6 Melden
  • R. Peter 14.04.2017 21:59
    Highlight Findet ihr es nicht etwas arg sexistisch, Frauen analog den Demonstranten (pol. Partei) einer politischen Einstellung zuzuordnen?
    13 7 Melden
    • R. Peter 15.04.2017 21:07
      Highlight Habe gerade gesehen, dass meine Autokorrektur Demonstranten statt Demokraten autovervollständigt hat🙈
      3 1 Melden
  • Chrigi-B 14.04.2017 20:00
    Highlight Ein weiterer Corporate Democrat. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.
    27 15 Melden
    • Yes. 16.04.2017 12:14
      Highlight Obviously, wenn er von CNN gepuscht wird.
      4 2 Melden

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