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Der Beschiss ist nur ein Teil des Problems: VW trickst und niemand merkt's

VW räumt ein, in Hunderttausenden Fällen auch bei klimaschädlichen CO2-Werten getrickst zu haben. Warum haben die zuständigen Behörden nichts davon gemerkt?

Michael Kröger



The VW logo is pictured on the back of a vintage Volkswagen car at a car shop in Bad Honnef near Bonn, Germany, November 4, 2015. Investors wiped another 3 billion euros off Volkswagen's market value on Wednesday after it said it had understated the fuel consumption of some cars, opening a new front in a scandal that initially centred on rigging emissions tests. REUTERS/Wolfgang Rattay

Bild: WOLFGANG RATTAY/REUTERS

Ein Artikel von

Spiegel Online

Seit mehr als einem Monat diskutiert die Öffentlichkeit die Affäre um Volkswagen, aber langweilig wird es nicht um den neuen deutschen Skandalkonzern: Erst die manipulierten Motoren und verzerrten Stickoxid-Werte in elf Millionen Fahrzeugen, nun kommen noch Schummeleien beim CO2-Ausstoss im grossen Stil hinzu. Am Dienstagabend gestand der Konzern ein, dass interne Untersuchungen auch Unregelmässigkeiten bei der Ermittlung des CO2-Ausstosses zutage gefördert hätten. «Bis jetzt haben wir keine Erklärung dafür», räumt ein VW-Sprecher ein.

Eine gewisse Abweichung bei den Verbrauchswerten sei in der Praxis üblich, sagt der neue Konzernsprecher Hans-Gerd Bode. «Doch bei den betroffenen Fahrzeugen gingen die Abweichungen deutlich über diesen Bereich hinaus.» Die Fahrzeuge erreichten im Test nicht die Grenzwerte, die für die Typgenehmigung erforderlich seien.

Anders als in den Wochen davor, ist dieses Mal Volkswagen mit der unangenehmen Nachricht vorgeprescht und damit den Behörden zuvorgekommen. Erst am Montag hatte die US-Umweltbehörde EPA Volkswagen weitere Verstösse bei Dreilitermotoren vorgeworfen. Der Konzern weist die Schuld in diesem Fall von sich.

Bild: EPA/DPA ZENTRALBILD

Doch trotz des geänderten Kommunikationsstils und einer vermeintlich neuen Offenheit, werfen die jüngsten Informationen erneut kein gutes Licht auf VW und die gesamte Autoindustrie. Es stellen sich Fragen wie: Was verbirgt der Konzern noch? Wer trickst sonst? Und was wusste die Politik?

Unklar ist, wie es sein kann, dass die Aufsichtsbehörden dem Treiben der Wolfsburger so lange zuschauen konnten, ohne etwas zu bemerken oder einzuschreiten. Die deutsche Regierung habe der Automobilindustrie freie Hand gelassen, sich selbst zu überprüfen. Das sei der eigentliche Skandal, kritisiert Oliver Krischer, Fraktionsvize der Grünen im Bundestag. «Verkehrsminister Dobrindt hat den VW-Konzern sehenden Auges gewähren lassen.»

Die Vermutung, dass der Staat an dieser Stelle versagt hat, reift jedoch allmählich auch in den Regierungsparteien. «Die bisher durchgeführten Kontrollen der Herstellerangaben haben offensichtlich nicht ausgereicht», räumt der umweltpolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Bundestag, Matthias Miersch, ein. «Notwendig sind obligatorische Strassentests von unabhängigen Prüfstellen in allen EU-Mitgliedstaaten. Deren Ergebnisse regelmässig veröffentlicht werden.»

Lobbyisten verwässern Abgastests

Nach Mierschs Einschätzung ist der Fall Volkswagen nur ein Teil des Problems: «Auf der anderen Seite haben Lobbyisten der Automobilindustrie erreichen können, dass vor allem in Brüssel Vorschriften formuliert wurden, die einer legalisierten Irreführung der Verbraucher gleichkommen.» Mit anderen Worten: Die Politik trägt eine Mitverantwortung für die Abgasaffäre.

epa05010249 Construction work and a crane can be seen over the VW logo on the administrative building of the Volkswagen factory in Wolfsburg, Germany, 04 November 2015. Hundreds of thousands of VW diesel cars - but also gas engines - might have used more gas and therefore emitted more CO2 than stated by the manufacturer. The company will accrue billions of euros worth of losses.  EPA/PETER STEFFEN

Bild: EPA/DPA

Ähnliche Töne schlägt Rebecca Harms an, Grünen-Fraktionsvorsitzende im EU-Parlament. Sie machte die EU-Kommission und die Mitgliedsstaaten für den «systematischen Betrug» mitverantwortlich. «Anstatt lückenlos aufzuklären, machen sie erneut Deals mit der Industrie auf Kosten von Menschen und Umwelt», kritisierte Harms. Sie forderte eine unabhängige EU-Kontrollbehörde.

Tatsächlich lädt der so genannte NEFZ-Test zu Manipulationen geradezu ein, und zwar bei Benzin- ebenso wie bei Dieselautos. Denn Kraftstoffverbrauch sowie die Emissionen eines Fahrzeugs werden auf einem Rollen-Prüfstand ermittelt. Dort wird ein bestimmter Fahrzyklus mit Stadtverkehr, Landstrasse und Autobahn simuliert, das Auto selbst hingegen wird gar nicht bewegt. Die Hersteller dürfen die Probanden auch fast nach Belieben auf den Testlauf vorbereiten, um bestmögliche Ergebnisse zu erzielen – die am Ende nichts mehr mit der Realität zu tun haben.

Manipulationen an der Tagesordnung

Unabhängige Institute wie die Umweltschutz-Dachorganisation Transport & Environment (T&E) oder die Deutsche Umwelthilfe (DUH) kritisieren das Verfahren bereits seit Jahren. Manipulationen der Autohersteller bei den Tests seien praktisch an der Tagesordnung. Sie finden vor den Augen der offiziellen Prüfer – etwa des TÜV – statt, der diese Tests im staatlichen Auftrag durchführt. Dass auf diese Weise Ergebnisse zustande kommen, die mit dem tatsächlichen Spritverbrauch und den tatsächlichen Schadstoffemissionen der Autos nicht übereinstimmen, ist für die Behörden nicht relevant. Es gibt schlicht kein Gesetz, das eine solche Abweichung verbietet.

Das Verfahren soll sich zwar ab 2017 ändern. Denn dann finden die Tests mitunter auf der Strasse statt. Doch Harms hält auch diese neuen Regeln für nicht ausreichend. Die jüngste Entscheidung der Mitgliedsländer zu neuen Grenzwerten bei Abgastests müsse rückgängig gemacht werden. Ihre Fraktion werde sich im EU-Parlament für die Ablehnung der Pläne einsetzen. Die fortlaufenden Enthüllungen werden den Umweltpolitikern dabei in die Hände spielen.

Zusammengefasst: In der Abgasaffäre kommen immer neue, für Volkswagen hochnotpeinliche, Details ans Licht. Auch Politiker aus den Regierungsparteien räumen inzwischen ein, dass die Politik eine Mitverantwortung dafür trägt, dass es zu den Manipulationen kommen konnte. Politiker der Grünen fordern eine abermalige Verschärfung der Testverfahren.

Mitarbeit: Michail Hengstenberg

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    Alle Leser-Kommentare
  • dracului 04.11.2015 22:37
    Highlight Highlight «Anstatt lückenlos aufzuklären, machen sie erneut Deals mit der Industrie auf Kosten von Menschen und Umwelt» und diese Empörung aus dem EU-Parlament! Die EU hat es längst versäumt, die CO2-Werte zu senken und umweltverträglichere Antriebssysteme zu fördern. Verbrennungsmotoren aller Art verpesten die Umwelt seit Jahrzehnten mit dem Segen der Politik. Bin gegen staatliche Regulierung, aber da die Umwelt keinen "Anwalt" hat, wären hier Vorgaben sinnvoll. Hier könnte sich die EU mal positiv in Szene setzen! Empörte Parlamentarier aller Länder tut mal was für Mensch (Tier) und Umwelt!
    • atomschlaf 04.11.2015 23:00
      Highlight Highlight Dort wo es drauf an käme, nämlich bei den giftigen Abgasen, hat die EU (bzw. früher EG) leider schon immer geschlafen. In den USA wurde bereits Mitte der 70er Jahre der Katalysator für Benzinmotoren eingeführt, in Europa geschah nichts dergleichen. Erst in den 80er Jahren hat die Schweiz dann endlich vorwärts gemacht (eine der wenigen positiven Nachwirkungen der Waldsterbehysterie) und damit in Europa eine Pionierrolle eingenommen. Deutschland folgte wenig später, aber der Rest der EU erst in den 90er Jahren.
      Lesenswert dazu:
      http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13513637.html
  • atomschlaf 04.11.2015 22:23
    Highlight Highlight Naja, dass die Normverbräuche und damit die theoretischen CO2-Werte in der Praxis je immer weniger erreichbar sind, sollte ja mittlerweile allgemein bekannt sein und ist keineswegs ein VW-spezifisches Phänomen.
    Die Schuld daran liegt jedoch nicht bei den Herstellern sondern bei der Politik, die a) einen völlig praxisfremden Prüfzyklus (NEFZ) zulässt und b) total unrealistische CO2-Zielwerte vorgibt, die unter realen Bedingungen höchstens von schwach motorisierten Klein- und Kompaktwagen noch eingehalten werden könnten.
    Es wäre Zeit für realistische Zielvorgaben und ebensolche Prüfzyklen.
  • Noach 04.11.2015 21:56
    Highlight Highlight Volksverarschungswagen!!
  • Ikarus 04.11.2015 20:08
    Highlight Highlight Da geht es ja nur um die eu5 modelle, ich bezweifle weiterhin das die geänderten luft/diesel oder benzin einfuhren reichen um die noch strengeren eu6 normen einzuhalten. Audi machte ja schon 08/09 die werbung dafür, dass die eu6 normen eingehalten werden, ausser der einspritzung hatte sich da nicht viel verändert.

    Tesla sollte sich mit dem neuen modell ranhalten und möglichst früh vorbestellungen annehmen, innert monaten wärs wohl die reichste firma der welt, definitiv der nächste ipod, tesla wird ein synonym für elektroauto
  • RoJo 04.11.2015 19:20
    Highlight Highlight Diese Frau Rebecca Harms sollte sich vielleicht Gedanken darüber machen, ob sie sich an diesem "systematischen Betrug" nicht auch zu Verantworten hat! Wieso?! Mit den utopischen Forderungen nach Einhalt von Schadstoffen tragen auch Beamte und Politiker eine gewisse Verantwortung! Vielleicht sollte sie einmal den Energieverbrauch ihres Fernsehers mit den vorgegebenen Werte vergleichen ( und dieser ist nicht Temperaturschwankungen von-18 Grad bis + 90 Grad ausgesetzt)! Dann stehen nämlich weitere Klagen an!
  • Pius C. Bünzli 04.11.2015 18:18
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