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epa05031340 Young children use a computer at an 'internet cafe' in a slum in Navotas city, as world leaders arrive in Manila for the 2015 Asia-Pacific Economic Cooperation (APEC) summit, east of Manila, Philippines, 18 November 2015. Daily protest rallies on the sidelines of the APEC highlight the discontent of Filipinos demanding more equality and better living conditions. The APEC is an inter-governmental forum that seeks to promote sustainable growth and economic integration, and to reduce trade barriers across the Asia-Pacific region.  EPA/DIEGO AZUBEL

«Internetzugang» in einem Slum in Manila.
Bild: DIEGO AZUBEL/EPA/KEYSTONE

Weltbank-Bericht: Das Internet bringt mehr Wachstum – und mehr Ungleichheit

Bildung, Wachstum, Wohlstand – das soll die digitale Revolution bringen. Das Internet bringt zwar mehr Wachstum, aber auch mehr Ungleichheit, schreibt die Weltbank in einem Bericht. 

Angela Gruber und Christian Stöcker



Ein Artikel von

Spiegel Online

Die digitale Revolution ist keine politisch-gesellschaftliche Revolution – zumindest, wenn man einem neuen Bericht der Weltbank glaubt. Darin heisst es, das Internet stelle die herrschenden Verhältnisse nicht auf den Kopf, Entwicklungs- und Schwellenländer könnten ihre Rückstände keineswegs in Rekordzeit aufholen.

Stattdessen verteile das Netz seine Chancen äusserst unfair: Vor allem reiche westliche Länder profitierten davon, online zu sein, erklärt die Weltbank in Die Dividende der Informationstechnologie, einem Werk mit 359 Seiten. Die Autoren warnen ausserdem: Mit der Digitalisierung entstünden neue Ungleichheiten.

Das Internet bringt mehr Wachstum...

Immerhin: Einiges hat das Internet laut Weltbank bewirkt. So habe es in vielen Ländern dazu geführt, dass es mehr Wachstum, bessere Möglichkeiten und neue Geschäftsfelder gebe, heisst es in dem Bericht – ein Versprechen, das grosse Tech-Unternehmen gern und oft machen und damit auch versuchen, teils fragwürdige Geschäftspraktiken zu rechtfertigen.

Aber: Für ökonomisch schwache Länder seien die wirtschaftlichen Folgen der digitalen Revolution weniger bedeutend gewesen als erhofft, schreiben die Weltbankautoren. Die Auswirkungen auf die weltweite Produktivität sowie die Möglichkeiten für die arme Bevölkerung und die Mittelklasse seien hinter den Erwartungen zurückgeblieben. «Wir müssen verhindern, dass eine neue sozial benachteiligte Klasse entsteht», warnt deshalb Weltbank-Chefökonom Kaushik Basu.

WASHINGTON, DC - OCTOBER 08: World Bank Group Chief Economist Kaushik Basu participates in a discussion about the bank's goal of reducing poverty in an unequal world economy at the World Bank Headquarters October 8, 2014 in Washington, DC. The World Bank Group and the International Monetary Fund are holding their 2014 annual meetings in Washington.   Chip Somodevilla/Getty Images/AFP
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Bild: GETTY IMAGES NORTH AMERICA

«Wir müssen verhindern, dass eine neue sozial benachteiligte Klasse entsteht.»

Kaushik Basu, Chefökonom der Weltbank

... aber auch mehr Ungleichheit

In vielen Ländern wachse die Ungleichheit zwischen Arm und Reich, halten die Autoren fest. Damit nehmen sie die Kritik etwa des Ökonomen Thomas Piketty auf, der in seinem Buch Das Kapital im 21. Jahrhundert vor einer wachsenden Kluft bei der Vermögensverteilung warnte. Die Automatisierung mancher typischer Mittelschichtberufe sei dabei, den Arbeitsmarkt auszuhöhlen, warnt der Weltbank-Report.

Viele Autoren haben in den vergangenen Jahren ähnliche Thesen vertreten, etwa die Ökonomen Andrew McAfee und Erik Brynjolfsson («The Second Machine Age») oder der eher polemisch argumentierende britische Autor und Ex-Unternehmer Andrew Keen. Schon 2013 sorgten die Forscher Michael Osborne und Carl Benedikt Frey von der Oxford University mit der Prognose für Aufsehen, von 700 analysierten Berufen in den USA sei fast die Hälfte in den kommenden Jahren vom Aussterben bedroht.

Die Forderung: Mehr Flexibilität

Um solchen Entwicklungen zu begegnen, müsste die Schulausbildung umstrukturiert werden, so die Autoren der Weltbank.

Kinder müssten schon früh mehr kognitive und sozio-emotionale Fähigkeiten und damit Flexibilität trainieren, «denn weniger als die Hälfte der Schulkinder von heute werden in einem Beruf arbeiten, der jetzt schon existiert». Lebenslanges Lernen sei besonders für die schon am weitesten entwickelten Gesellschaften unabdingbar, die besonders schnell altern.

«Regulierer tun sich schwer, die Sicherheit von Verbrauchern und die Interessen von Arbeitnehmern in einer Welt sicherzustellen, in der das grösste Taxiunternehmen keine Autos und das grösste Beherbergungsunternehmen keine Immobilien besitzt.»

Weltbank-Bericht zum Internet

Die Digitalisierung befördere aber auch im Netz «natürliche Monopole». Das wiederum beeinträchtige den Wettbewerb und verschaffe bereits etablierten Digitalunternehmen einen Vorteil.

Wer garantiert faire Bedingungen?

Gleichzeitig hätten es staatliche Stellen oft schwer, in Zeiten rapiden Wandels faire Bedingungen zu garantieren, wie die Autoren mit einem unverhohlenen Verweis auf Uber und Airbnb festhalten: «Regulierer tun sich schwer, die Sicherheit von Verbrauchern und die Interessen von Arbeitnehmern in einer Welt sicherzustellen, in der das grösste Taxiunternehmen keine Autos und das grösste Beherbergungsunternehmen keine Immobilien besitzt.»

Ob ein Land das Internet zum Vorteil seiner Bevölkerung nutzen kann, hängt dem Bericht zufolge nicht allein von der Digitalisierungsstrategie ab. Wichtig sei es vor allem, ein Umfeld zu schaffen, in dem Menschen die Chancen des Netzes nutzen könnten:

Der Weltbank-Report zeigt aber auch, wo es gut läuft. Demnach belegen etwa die Beispiele Indien und Indonesien, dass die staatliche Verwaltung vom Netz profitieren kann: Digitalisierte Auftragsvergabe habe dort dazu geführt, dass sich die Infrastruktur ganzer Regionen deutlich verbessert habe, weil die Aufträge transparenter und effizienter vergeben würden.

Wenn Frauen nicht ins Netz dürfen

An mehreren Stellen geht der Bericht ausserdem auf die Situation von Frauen ein. Sie hätten es besonders schwer, online teilzuhaben: In manchen Ländern würden sie daran gehindert, ins Netz zu gehen oder sich als Digitalunternehmerinnen zu versuchen.

In Südasien besässen zum Beispiel weit weniger Frauen als Männer ein Smartphone. Dabei biete das Internet gerade Frauen Chancen, die sie vorher nicht gehabt hätten. Online könnten sie leichter Zugang zum Arbeitsmarkt finden und sich besser mit anderen Frauen vernetzen, heisst es in dem Bericht.

«Während jeden Tag vier Milliarden Google-Suchanfragen gestartet werden, haben vier Milliarden Menschen auf der Welt überhaupt keinen Internetzugang.»

Weltbank-Bericht zum Internet

Weltweit sind immer noch 60 Prozent offline

Dass Vernetzung positive Veränderungen voranbringen kann, finden also auch die Autoren des Weltbank-Berichts. Das Problem: Immer noch sind fast 60 Prozent aller Menschen weltweit offline. «Während jeden Tag vier Milliarden Google-Suchanfragen gestartet werden, haben vier Milliarden Menschen auf der Welt überhaupt keinen Internetzugang.»

Noch grösser erscheine die digitale Kluft beim schnellen Breitbandinternet. Zugriff auf solche Datenverbindungen – immerhin ein wichtiger Wirtschaftsfaktor – hätten nur 15 Prozent der Weltbevölkerung.

Dennoch sei ihre wichtigste Botschaft eine andere, so die Autoren in der Kurzfassung des Berichts (PDF): «Wenn analoge Entwicklungen digitale Investitionen nicht ergänzen, werden die Auswirkungen unbefriedigend bleiben.»

Mit Material von AFP

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