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Russian President Vladimir Putin, left, and his Turkish counterpart Recep Tayyip Erdogan shake hands after a joint news conference at the new Presidential Palace in Ankara, Turkey, Monday, Dec. 1, 2014. Putin arrived in Turkey for a one-day visit and met with Erdogan at his huge new palace on once-protected farm land and forest in Ankara, becoming the second foreign dignitary after Pope Francis to be hosted at the lavish, 1,000-room complex. (AP Photo/Burhan Ozbilici)

Diplomatisches Tauwetter in wirtschaftliche Beziehungen ummünzen: Vladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan. Bild: Burhan Ozbilici/AP/KEYSTONE

Atomkraftwerk, Gaspipeline, Feriengäste: Nach Ende der Eiszeit haben zwei Autokraten ein Ziel 

Ein Atomkraftwerk, eine Gaspipeline und viele Urlauber für Antalya: Nach dem Ende ihrer Eiszeit reaktivieren Putin und Erdogan mehrere Grossprojekte. Das Handelsvolumen soll auf 100 Milliarden Dollar steigen.

08.08.16, 21:11 08.08.16, 21:31

Benjamin Bidder, Moskau



Ein Artikel von

Ümit Yardim ist seit drei Jahren Botschafter der Türkei in Moskau und hat seitdem eine diplomatische Achterbahnfahrt erlebt: vom umworbenen Partner zum Paria - und wieder zurück.

Zu Yardims Beginn waren die Beziehungen zwischen der Türkei und Russland blendend. Doch Ende 2015 schoss die Türkei einen russischen Kampfjet ab und die Antwort des Kreml war heftig: ein Importstopp für türkische Lebensmittel, eine Art Flugverbot für russische Reiseveranstalter in die Türkei und der Stopp von Grossprojekten. Das Moskauer Aussenministerium bestellte Yardim ein.

Das scheint alles vergessen, seitdem der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan einen Beileidsbrief an die Angehörigen des getöteten Piloten verschickte. Am Dienstag treffen sich nun Erdogan und sein russisches Gegenüber Wladimir Putin in Sankt Petersburg. Dabei konzentrieren sie sich betont auf die Zukunft: Sie wollen beraten, wie sie ihren angeschlagenen Volkswirtschaften auf die Sprünge helfen können. Denn der Handel zwischen beiden Ländern war in der politischen Eiszeit um 42 Prozent eingebrochen.

Russian President Vladimir Putin meets with Turkey's President Recep Tayyip Erdogan, left, in Moscow's Kremlin, Russia, Wednesday, Sept. 23, 2015. Putin was joined at Wednesday's ceremonial opening of the Russian capital's new main mosque, by Erdogan and Palestinian President Mahmoud Abbas. (AP Photo/Ivan Sekretarev, Pool)

Die beiden Staatspräsidenten hatten sich spätestens nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets an der türkisch-syrischen Grenze entzweit. Das ist nun Vergangenheit. Bild: Ivan Sekretarev/AP/KEYSTONE

Botschafter Yardim will schnell zurück zum Vorkrisenniveau. 30 Milliarden Dollar Handelsvolumen wie 2014 seien kurzfristig realistisch, hat der Diplomat im Interview mit dem russischen TV-Sender Rossija24 verkündet. Mittelfristig müssten aber 100 Milliarden Dollar das Ziel sein. Das sei «eine würdige Ziffer» für die beiden Länder.

Neue Pipeline, neues Atomkraftwerk

Unterfüttert wird die grosse Versöhnung durch wiederbelebte Grossprojekte. Unmittelbar nach Erdogans Schreiben wurden die Planungen für das eingefrorene Pipeline-Projekt Turkish Stream wieder aufgenommen. Eine gemeinsame Arbeitsgruppe beider Länder soll das Vorhaben vorantreiben. Putin hatte den Plan 2014 präsentiert, als Ersatz für die am Widerstand der EU-Kommission gescheiterte Pipeline South Stream.

epa04866361 Pipelay vessel Saipem 7000 passes through the Bosphorus for the construction of Russia's South Stream gas pipeline to Europe, in Istanbul, Turkey, 30 July 2015. The vessel is on route to Rotterdam, the Netherlands after starting constructions of South Stream and turkish Stream.  EPA/SEDAT SUNA

Auch hier geht's vorwärts: Die Planungen für das Pipeline-Grossprojekt «Turkish Stream» wurden wieder aufgenommen. Bild: SEDAT SUNA/EPA/KEYSTONE

Turkish Stream soll Gas über den Grund des Schwarzen Meeres in die Türkei liefern. Die Türkei ist - nach Deutschland - grösster Abnehmer russischen Erdgases. Im Jahr 2015 kaufte Ankara rund 27 Milliarden Kubikmeter Gas in Russland, rund 55 Prozent des türkischen Gesamtverbrauchs.

Die neue Leitung soll zunächst über eine Kapazität von rund 32 Milliarden Kubikmetern verfügen. Der russische Staatskonzern Gazprom hofft, die Leitung Richtung Balkan und Südosteuropa zu verlängern. Moskau will so die Ukraine als Transitland umgehen.

Viele osteuropäische Staaten, aber auch die USA sind gegen Turkish Stream. Das US-Aussenministerium hält die Pipeline «für ein politisches Projekt mit zweifelhaftem wirtschaftlichen Wert».

Ein zweites Milliardenprojekt könnte von der Wiederannäherung zwischen Erdogan und Putin profitieren. An der Mittelmeerküste will die Türkei das neue Atomkraftwerk Akkuyu bauen. Der Komplex soll 20 bis 25 Milliarden Dollar kosten und nach Fertigstellung sechs Prozent des türkischen Strombedarfs decken. Bauen und betreiben soll das Kraftwerk eine Tochter des russischen Staatskonzerns Rosatom. Zwischenzeitlich hatte Ankara erwogen, Atomexperten aus der Ukraine mit dem Projekt zu betrauen. Nun will das türkische Energieministerium, dass die Russen noch 2016 mit den Bauarbeiten beginnen.

Abhängig vom Tourismus

Auf türkischer Seite hoffen viele Agrarproduzenten, bald wieder vollen Zugang zum russischen Markt zu bekommen. Moskau hatte Obst- und Gemüse-Einfuhren untersagt. Für die Türkei war das ein schwerer Schlag. Bis zum Abschuss des russischen Kampfjets stammte etwa jede zweite in Russland verzehrte Tomate aus der Türkei. Allein mit Tomatenverkäufen nach Russland erlöste das Land 2015 rund 280 Millionen Dollar.

So tickt Putin – privat wie politisch

Am schwersten aber hat die Türkei der russische Urlaubsboykott getroffen. Präsident Putin hatte Ende 2015 russischen Reiseveranstaltern mit einem gewissen Nachdruck empfohlen, auf Charterflüge zu verzichten. Begründung: die schwierige Sicherheitslage. In den vergangenen Wochen haben russische Experten nun türkische Flughäfen und Urlaubsorte in Augenschein genommen. Sie sollen entscheiden, ob für die Sicherheit russischer Urlauber gesorgt ist.

Türken kämpfen um Feriengäste

Vor Ausbruch der Krise reisten pro Jahr rund vier Millionen Russen zum Urlaub in die Türkei, mehr als aus jedem anderen Land. In diesem Jahr bisher sind die Buchungen aus Russland aber um 92 Prozent zurückgegangen. Es kommen auch weniger Touristen aus anderen Ländern. So sind etwa die Fluggastzahlen im beliebten Ferienort Antalya um 39 Prozent gesunken.

Der Tourismus ist einer der wichtigsten Wirtschaftssektoren der Türkei. Die Einnahmen aus dem Reisegeschäft belaufen sich pro Jahr auf rund 30 Milliarden Dollar, das entspricht rund vier Prozent der gesamten türkischen Wirtschaftsleistung.

Doch auch hier macht sich der neue Schmusekurs zwischen Ankara und Moskau schon bemerkbar: Die grossen Reiseveranstalter in Russland haben die Türkei schon wieder in ihr Programm aufgenommen: eine Woche Antalya zu zweit für 700 Euro, fünf Tage Kemer all-inclusive für 450 Euro.

Botschafter Yardim drückt es so aus: Alle Seiten «arbeiten mit erhöhtem Tempo» an der Wiederherstellung der guten Beziehungen.

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.

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16Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • rodolofo 09.08.2016 07:10
    Highlight Damit wäre also die letzte der offenen Fragen auch noch beantwortet: Der Islam ist für Erdogan nur Mittel zum Zweck. Weil der Islam in der Türkei die Mehrheits-Religion ist, verwendet der Machtmensch Erdogan diese Religion, um mit ihr gegen religiöse und weltanschauliche Minderheiten Stimmung zu machen. Das Selbe machen Putin mit dem Orthodoxen Glauben, die Evangelikalen in den USA mit dem Evangelium und unsere Polit-Prediger einer "Christlichen Leitkultur".
    Aber in Wirklichkeit geht es diesen Manipulatoren nur um sich selbst und um ihre Gier nach Macht und materiellem Reichtum...
    9 8 Melden
  • Olf 09.08.2016 06:44
    Highlight Die Schweiz sollte pragmatisch sein und auch mit einsteigen. Ist doch schön dass nicht alle nach der pfeife von Washington / Brüssel tanzen.
    13 7 Melden
  • Malu 81 09.08.2016 00:01
    Highlight Müssen halt die zwei Diktaturen mit sich selber
    Geschäften. Das Risiko ist gewaltig. Russland
    würde ich im Moment der Türkei vorziehen.
    12 10 Melden
  • Raphael Stein 08.08.2016 21:56
    Highlight Und in der Zwischenzeit beissen die USA in den Tisch?
    19 25 Melden
  • wasylon 08.08.2016 21:44
    Highlight
    37 3 Melden
  • Luca Brasi 08.08.2016 21:39
    Highlight Wie stehen die beiden Länder denn nun zu Assad und dem Syrienkonflikt allgemein?
    30 1 Melden
    • Beobachter24 08.08.2016 23:06
      Highlight Russland hat seit Jahrzehnten eine konsequente Linie gegenüber Assad und ihren Interessen in Syrien.

      Die Türkei (hier: Erdogan) hat seit ~2010 mehrfach die Meinung und den Ton geändert gegenüber Assad. Ähnliches gilt für deren Ambitionen innerhalb des syrischen Gebiets.
      (Wobei diese Ambivalenz auch in einem erweiterten Zeitrahmen zutrifft für die Türkei bzw. für die Ottomanen).
      5 2 Melden
    • Domino 09.08.2016 01:07
      Highlight Die Türkei hat seit dem Putsch die Stromzufuhr zur NATO-Basis in Incirlik unterbrochen. Die Türkei untersagte auch dem deutschen Staatssekretär den Besuch der Bundeswehr auf der Basis. Mittlerweile wird der Schutz der Soldaten vestärkt und auch über einen Abzug wird diskutiert. Andere Quellen sprechen von 7'000 türkischen Soldaten, die die Basis abgeriegelt haben. Auf der Basis befinden sich bis zu 60 US-Atomwaffen. Wechselt die Türkei von der NATO zu Russland? Die NATO wäre in der Region nicht mehr vertreten und hätte eine riesige offene Flanke. Wie nah sind wir dem 3. Weltkrieg?
      4 0 Melden
    • Fumo 09.08.2016 08:53
      Highlight "Mittlerweile wird der Schutz der Soldaten vestärkt und auch über einen Abzug wird diskutiert. Andere Quellen sprechen von 7'000 türkischen Soldaten, die die Basis abgeriegelt haben. "

      Ich denke, wenn die Türkey die NATO Soldaten "bedrohen" würde, dann würde die NATO ähnlich wie in Jugoslawien, Afghanistan und Iraq den Regime stürzen und eine Marionette anstellen.
      4 1 Melden
  • sidi77 08.08.2016 21:37
    Highlight Zwei Brüder im Geist
    47 19 Melden
  • URSS 08.08.2016 21:37
    Highlight Da treffen sich die richtigen.Zwei Blender und Lügner. Und beide haben ein Messer hinter dem Rücken versteckt.
    58 36 Melden
    • michiOW 09.08.2016 07:44
      Highlight Meinst du wie Stalin und Hitler damals?^^
      3 5 Melden

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