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Der tiefe Fall der jungen Milliardärin Elizabeth Holmes

Sie galt als der nächste Steve Jobs: Elizabeth Holmes brach ihr Studium ab und wurde mit ihrem Bluttest-Startup Theranos zur Multimilliardärin. Nun könnte alles zusammenbrechen.

27.04.16, 11:39 27.04.16, 12:20

Alexander Demling

Elizabeth Holmes.
Bild: BRENDAN MCDERMID/REUTERS

Ein Artikel von

Die Geschichte ist zu schön, um wahr zu sein: Eine 19-jährige Stanford-Studentin kommt in das Büro ihres Professors, um ihr Studium zu schmeissen. «Lass uns eine Firma gründen», sagt Elizabeth Holmes und zeigt ihm die Patentanmeldung für eine revolutionär erscheinende Blutanalysetechnik, die sie selbst entwickelt hat.

Der Professor, der Chemieingenieur Channing Robertson, ist begeistert, lässt das Wunderkind ziehen und heuert sogar als ihr technischer Berater an. «Mir wurde klar, dass ich vielleicht gerade dem nächsten Steve Jobs oder Bill Gates in die Augen schaute», sagt Robertson später über Holmes.

Zwölf Jahre später bietet Holmes' Firma Theranos den «Edison» genannten Test an. Mit nur einem Tropfen Blut aus der Fingerspitze, verspricht die Firma, untersuche Edison ebenso präzise wie bisherige Verfahren. Eine medizinische Revolution, die einfachere und schnellere Aids- und Hepatitis-Diagnosen verspricht. 750 Millionen Dollar haben Risikokapitalgeber in Theranos-Anteile investiert, zuletzt zu einer Bewertung von neun Milliarden.

Holmes, der weiterhin mehr als die Hälfte der Firma gehört, ist die jüngste Selfmademilliardärin der Welt. Die blonde Frau mit den oft dunkel geschminkten blauen Augen zierte die Cover der US-Wirtschaftsmagazine «Forbes» und «Fortune», die Zeitschrift «Time» wählte sie in ihre Liste der einflussreichsten Menschen der Welt.

Wenn eine Geschichte zu schön ist, um wahr zu sein, ist sie es meistens auch nicht.

Heute ermitteln die US-Börsenaufsicht, der medizinische Dienst der US-Krankenversicherung Medicare und die Arzneimittelbehörde (FDA) gegen Theranos und seine Gründerin. Es gibt Vorwürfe, dass unqualifiziertes Personal in den Laboren der Technologiefirma gearbeitet haben soll und, schlimmer noch, dass der vielversprechende Bluttest der Firma in Wahrheit eine Luftnummer sei.

Holmes könnte von der Firmenspitze verbannt werden

Zweifel an der Effektivität von Edison kamen bereits im vergangenen Oktober auf, als im «Wall Street Journal» ehemalige Mitarbeiter schwere Vorwürfe gegen ihren Ex-Arbeitgeber erhoben: Der nach dem Glühbirnen-Erfinder benannte Apparat werde so gut wie nie eingesetzt, stattdessen verdünne Theranos die Proben und untersuche sie mit herkömmlichen Analysegeräten von Siemens.

Der angebliche Grund: Der vermeintliche Wundertest sei längst nicht so verlässlich, wie die Firma es verspreche.

Damals stritt Holmes die Vorwürfe weitgehend ab, inzwischen wächst der Druck aber fast täglich. Walgreens, die grösste Apothekenkette der USA, droht, Theranos' Blutproben-Behälter aus seinem Sortiment zu verbannen.

Holmes hat wenig zu lachen dieser Tage.  Bild: CARLO ALLEGRI/REUTERS

Die FDA erwägt sogar, Holmes für zwei Jahre den Besitz und die Leitung von Laboren zu verbieten. Die Zustände in einem ihrer beiden Laboren stellten eine «unmittelbare Gefahr für Patienten» dar, schreiben die Kontrolleure in einem Bericht. Die Firma betont, sie arbeite «eng mit den Regulierungsbehörden zusammen» und zeige sich «bei allen Ermittlungen absolut kooperativ».

Die Ermittlungen könnten dem Milliarden-Startup den Todesstoss versetzen. Und den Ikarus-Flug der Elizabeth Holmes jäh beenden.

Die 32-Jährige gibt sich reuig: Sie sei «erschüttert, dass wir diese Probleme nicht früher und schneller angegangen sind», sagte Holmes gerade in einem Interview mit der «Today Show». Man habe alle Tests in dem kritisierten Labor eingestellt und werde es «von Grund auf» neu aufbauen.

Auch wenn Holmes ernster TV-Auftritt gut ankam – inzwischen wundern sich viele Mediziner und Biotechnologen über die Blauäugigkeit, mit der Investoren wie die Stiftung des mexikanischen Telekom-Multimilliardärs Carlos Slim der jungen Frau jedes Versprechen abkauften.

Experten zweifeln die Theranos-Methode grundsätzlich an

Natürlich riskieren Geldgeber im Silicon Valley ständig Geld, wenn sie in Firmen mit ungeprüftem Geschäftsmodell investieren. Auf jede Erfolgsgeschichte wie Google oder Facebook kommen Dutzende Start-ups, die rasch wieder dichtmachen. Aber neun Milliarden Dollar sind selbst für die zum Enthusiasmus neigende amerikanische Tech-Szene eine steile Bewertung – die deutsche Biotech-Hoffnung Curevac, die an Krebsimpfstoffen forscht, ist nicht mal ein Fünftel davon wert.

Noch immer ist nicht sicher, ob sich Theranos am Ende als völliges Luftschloss erweist. Ihre Testmethode hält die Firma bis heute geheim, Holmes veröffentlichte nicht einmal Teilergebnisse in wissenschaftlichen Journals, wo unabhängige Experten sie hätten überprüfen können.

Inzwischen scheinen die Fortschritte von Theranos ziemlich zweifelhaft: Für 120 Diagnosen hat das Unternehmen die Zulassung seines Verfahrens bei der FDA beantragt, bislang ist Edison nur für einen einzigen Herpes-Test zugelassen.

Kein Wunder, schreibt Norman A. Paradis, Medizinprofessor am renommierten Dartmouth College, im Wissenschaftsmagazin Scientific American. Der Edison-Test könne gar nicht das Gleiche leisten wie bisherige Verfahren. Im Blut der Fingerspitze sei die Konzentration bestimmter Moleküle eine andere als in den Venen.

Und der bereits zugelassene Herpes-Test? Bei dem, schreibt Paradis, werden lediglich Antikörper im Blut gegen den Erreger gemessen, jedoch nicht der Erreger selbst. Kurz: Die versprochene Medizin-Revolution sei mehr als fragwürdig.

Entscheidet die FDA gegen Holmes, muss sie binnen acht Tagen abtreten. Trotzdem halten ihre Investoren noch zu ihr: Nicht die Medien, sondern «der freie Markt und die wissenschaftliche Community werden über die Zukunft der Firma entscheiden», sagte Aufsichtsrat David Boies gerade in einem Interview.

Es ist fraglich, ob deren Urteil gnädiger ausfallen wird.

Zusammengefasst: Die Studienabbrecherin Elizabeth Holmes ist die jüngste Selfmademilliardärin der Welt. Ihre Firma, das Blutanalyse-Startup Theranos, wird von Investoren mit neun Milliarden Dollar bewertet und machte die 32-Jährige zum gefeierten Superstar des Silicon Valley. Doch nun könnte sich die revolutionäre Methode, die Holmes erfunden hat, als Luftnummer herausstellen. Mehrere US-Behörden ermitteln gegen Theranos, seiner Gründerin droht ein Berufsverbot.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Sheez Gagoo 27.04.2016 22:05
    Highlight Ich möchte gerne festhalten, dass ich die Frau sehr bewundere, für ihren Mut, für ihr Engagement, für ihren Unternehmergeist und ihre Risikofreude. Solche Leute sind Gold Wert. Wer Risiken eingeht, dem droht das Scheitern, wie hier. Das ist sehr traurig und tut mir leid. Ihr Lebenswerk entgleitet ihr und sie muss einsehen, dass ihre Analysemethode unzuverlässig funktioniert. Das ist sicher ein harter Brocken. Ich fühle mit ihr.
    7 1 Melden
  • winglet55 27.04.2016 15:27
    Highlight Willkommen in der Welt der Gambler, Zocker & Gieristgeil-Welt.
    8 3 Melden
    • strieler 28.04.2016 03:57
      Highlight Jaja und die einen nennen das dann nach wie vor 'investieren'...
      0 0 Melden
  • stiberium 27.04.2016 14:32
    Highlight Evt. funktionierts auch und gefährdet die Umsätze anderer Firmen?
    16 5 Melden
    • Sheez Gagoo 27.04.2016 20:43
      Highlight Nein, ihre Technologie funktioniert nicht richtig, deswegen werden die allermeisten Tests klassisch ausgeführt. Sie sind jede andere Firma mit einem Versprechen, dass sie nicht halten können.
      0 0 Melden
  • narmigra 27.04.2016 13:44
    Highlight was mich wunder nimmt: was würde aus ihrem geld...
    berufsverbot oke aber wieviele dollar an bussen ect. muss sie rechnen?
    7 0 Melden
    • ramonke 27.04.2016 15:44
      Highlight sie muss mit gar keiner busse rechnen ausser sie selbst hat betrogen. aber ihr ganzes geld ist in der firma gebunden also wenn die firma weniger geld wert ist oder eine busse bezahlen muss trifft das indirekt auch ihr vermögen
      3 0 Melden
  • Scaros_2 27.04.2016 11:59
    Highlight Wie leichtgläubig doch Menschen sind. Ich arbeite auch in einem Technologiekonzern und unsere Kunden glauben längst nicht alles. Die wollen sehen das so was funktioniert. Oft müssen wir Tests machen bei dem die Maschine volle 2 Jahre laufen muss ehe wir wirklich sagen können: "Diese Maschine kann das 2 Jahre nonstop." Das glaubt man uns auch erst wenn wir das auch so beweisen können. Aber die Amis glauben schnell alles. Das ist wie mit den Betrügern, welche 20% rendite in halbjahreszahlungen versprechen :D zu schön um Wahr zu sein.
    25 2 Melden
    • Sheez Gagoo 27.04.2016 16:09
      Highlight Letzte Woche wurde hier das Startup eines 16 jährigen abgefeiert (auch in den Kommentaren), der in New York wohnt und für eine Art e-Bay für Teenies 10 Mio. eingesammelt hat.
      5 1 Melden

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