International

Schweres Erdbeben in Nepal

Gruselige geologische Zone: Forscher warnten schon lange vor schweren Erdbeben in Nepal

Verschiebungen von Erdplatten verkürzen Nepal um zwei Millimeter pro Jahr, extreme Spannungen bauen sich auf. Warnungen vor Erdbeben gibt es seit Jahren. Die Folgen des Bebens dürften weitaus schlimmer sein als bislang bekannt. Eine Analyse.

26.04.15, 02:41 26.04.15, 08:27

Axel Bojanowski 

Ein Artikel von

Bei dem Erdbeben in Nepal dürften weitaus mehr Menschen zu Tode gekommen sein, als bislang bekannt ist, es könnte Tausende Opfer geben. Anlass zu dieser Sorge bereiten der Vergleich mit ähnlichen Erdbeben in der Region und der geologische Ablauf des Bebens. Es wird Tage dauern, bis das wahre Ausmass bekannt wird, viele Siedlungen wurden durch Zerstörungen von der Aussenwelt abgeschnitten.

Das weltweit bislang stärkste Beben dieses Jahres erschütterte die Gebirgsregion nordwestlich der nepalesischen Metropole Katmandu am Samstag um 11.56 Uhr Ortszeit. Es geschah in geringer Tiefe, weshalb der Boden mächtig wackelte: Nur elf Kilometer unter den Bergen, 70 Kilometer nordwestlich von Kathmandu, brach die Erdkruste auf einer Länge von mehr als hundert Kilometern.

Abermillionen Tonnen schwere Gesteinsblöcke ruckten bei dem Beben der Stärke 7,8 bis 7,9 schlagartig übereinander, zwei Millionen Menschen im Umkreis fühlten laut Erdbebenkarten den Boden stark schwanken. In Kathmandu krachten Gebäude zusammen. Bewohner wurden von Gegenständen erschlagen, unter tonnenschweren Betonplatten zerquetscht.

Interkontinentaler Crash

Es war eine Katastrophe mit Ansage – und es könnte erst der Anfang gewesen sein. Auf Erdbebenkarten leuchtet Nepal krebsrot, die Region ist höchst gefährdet. Unter dem Himalaya schiebt sich die Indische Erdplatte jede Woche einen Millimeter in den Eurasischen Kontinent hinein. Der interkontinentale Crash lässt den Boden immer wieder rumpeln. Allein in Nepal starben im 20. Jahrhundert etwa 11'000 Menschen bei Erdbeben.

Die beiden Tausende Kilometer breiten Erdplatten sind an ihren Kanten verhakt. Löst sich die Spannung, schnellen die Felspakete voran – die Erde bebt. Es bewegt sich dabei nicht die gesamte Platte, sondern nur jener Block, der unter besonders starker Spannung steht. So auch am Samstag: Ein mächtiger Gesteinsfinger ruckte voran.

Bei fast jedem Ruck hebt sich der Himalaya: Die Plattenkollision faltet seit Jahrmillionen das Gebirge auf, es wächst mit etwa vier Millimetern pro Jahr. Die steinerne Erdkruste unter der Knautschzone ist auf 100 Kilometer angeschwollen, normal sind etwa 30 Kilometer. Der Gipfel des höchsten Bergs, des Mount Everests, türmt sich knapp neun Kilometer nach oben.

Nepal wird kleiner

Nepal liegt mitten in der Knautschzone: Es verkürzt sich im Jahr durchschnittlich um zwei Millimeter – entlang seiner 600 Kilometer langen Grenze verliert es jährlich die Fläche zweier Fussballfelder.

Das Beben vom Samstag ereignete sich in einer der gruseligsten geologischen Zonen der Welt – einer etwa 200 Kilometer breiten seismischen Ruhezone, einer sogenannten Erdbebenlücke.

In den vergangenen Jahrhunderten hat es dort kaum starke Beben gegeben. Entsprechend starke Spannung dürfte sich im Untergrund aufgebaut haben, warnen Geologen seit langem.

Nepal und seinen Nachbarn Indien, Pakistan, Bhutan und Bangladesch drohten Erdbeben der Stärke 9, hatte etwa Roger Bilham von der University of Colorado herausgefunden. Solch ein Beben wäre mehr als hundert Mal stärker als das vom Samstag – die aktuelle Katastrophe könnte also ein Vorgeschmack gewesen sein. In Metropolen wie Kathmandu, Delhi, Islamabad, Lahore oder Kalkutta könnte ein Beben dieser Stärke Millionen Tote fordern, warnt Bilham.

Die gefährlichste Stadt

Seine Studien wollte der Forscher als Weckruf verstanden wissen. In der Himalaya-Region würden nur wenige Bauten einem starken Beben standhalten, zudem drohten Gasleitungen zu platzen und Brücken einzustürzen, hatten auch die Vereinten Nationen 2002 gewarnt. Damals stuften sie Kathmandu als die weltweit am erdbebengefährdetste Stadt ein – dort drohten die meisten Toten.

Die Menschen in Katmandu leben in einer geologischen Falle. Umgeben von steilen Bergen, beherbergt ihr Tal fruchtbares Ackerland, das Millionen angelockt hat. Die Leute leben auf dem Boden eines ausgetrockneten Sees, ein fragiler Untergrund: Erdbebenwellen lassen ihn schwingen wie einen Pudding. Ausgerechnet dort leben Menschen so dicht beieinander wie kaum irgendwo sonst.

Das Beben vom Samstag war bei weitem nicht das schlimmste Szenario, denn es ereignete sich abseits der Stadt. Dennoch hielten zahlreiche Gebäude dem Rütteln nicht stand. Menschen starben, weil ihre Häuser Zugspannungen, die bei Erdbeben auftreten, nicht halten konnten. Sie starben, weil ihre Häuser auf Hängen standen, die abrutschten.

Brüchige Todesfallen

Besonders die Hochhäuser sind Todesfallen. Oft wurden Stockwerke schlicht auf alte brüchige Ziegelbauten draufgesetzt. Bei einem Beben fallen die widerstandsfähigen neuen Stockwerke einfach herunter. Fast alle Bauten der Gegend verstossen gegen simpelste Regeln erdbebensicheren Bauens, denen zufolge Teile eines Hauses sich gegenseitig stützen und verzahnt sein müssen.

Ein Schulkind in der Region komme laut einer UNO-Studie bei einem Starkbeben mit 400-mal grösserer Wahrscheinlichkeit ums Leben, als etwa ein Schüler in einer gleichermassen erdbebengefährdeten japanischen Grossstadt. Der Vergleich weist auf die Prämisse der Erdbebenvorsorge: Nicht das Beben tötet Menschen, sondern zusammenstürzende Bauten.

In wirtschaftlich starken Nationen wie Japan oder den USA werden seit Jahrzehnten hohe Summen in die erdbebensichere Architektur der Gebäude investiert. Es sind grosse Investitionen nötig, um Häuser erdbebensicher zu verstärken. Immerhin seien in Kathmandu in den vergangenen Jahren 65 Schulen architektonisch verstärkt worden, berichtet die UNO. Hunderte weitere sollen folgen. Doch bei Krankenhäusern etwa sei nichts geschehen.

Schlimmste Erwartungen

Eine grosse Gefahr sind auch platzende Gasleitungen, sie lösen Lauffeuer aus, lassen Tankstellen explodieren. Auch Wassertanks bersten, und Wasser aus brechenden Leitungen überschwemmen Zufluchtsorte wie Keller.

Jetzt kann es dauern, bis Hilfe in der zerstörten Region eintrifft. Das Telefonnetz brach vielerorts zusammen, Strassen wurden blockiert, so dass Rettungsmannschaften nicht vordringen können. Viele Siedlungen in der Gebirgsregion sind nur über eine Strasse mit der Aussenwelt verbunden.

Frühere Beben im Himalaya lassen nun Schlimmstes erwarten. Beim letzten grossen Beben nahe Katmandu – es hatte etwa die Stärke 8,4 – starben vor 81 Jahren 17'000 Menschen. Seither hat sich die Bevölkerungszahl in Nepal verfünffacht, die in Kathmandu versiebenfacht.

Und die Gefahr in Nepal ist nicht gebannt, Nachbeben sind unausweichlich. Wurde die Erde stark erschüttert, kommt sie eine Zeitlang nicht zur Ruhe. Bauten, die dem Erstschlag noch standhielten, könnten bei einem Nachbeben in sich zusammenfallen.

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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