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Europas Supervulkan rumort: Stehen die Phlegräischen Felder vor dem Ausbruch?

Der Boden hebt sich und zittert, Gase strömen heraus – der Supervulkan Phlegräische Felder (Campi Flegrei) in Italien wird unruhig. Steht ein Ausbruch bevor?

27.12.16, 15:09 28.12.16, 05:41

Axel Bojanowski



Touristen auf dem Campi Flegrei – dem Phlegräische Felder.  Bild: Frances D'Emilio/AP/KEYSTONE

Ein Artikel von

Den italienischen Vulkan Vesuv südöstlich von Neapel kennt jeder – weniger bekannt ist, dass in der Nähe ein noch gefährlicherer Gigant die Metropolregion bedroht: der Supervulkan Phlegräische («Brennende») Felder (ital. Campi Flegrei).

Kein Vulkankegel verrät, dass westlich von Neapel riesige Mengen Magma im Untergrund brodeln. Beim letzten grossen Ausbruch vor 39'000 Jahren stürzte die Erdkruste ein, nachdem sich die riesige Magmakammer entleert hatte. Zurück blieb ein zwölf Kilometer breiter Krater, die sogenannte Caldera.

Angesichts von 1,5 Millionen Menschen in der näheren Umgebung handele es sich um «das gefährlichste Vulkangebiet der Welt», erklären italienische Geologen. Eine grosse Eruption könne «weite Teile Europas» unter einer dicken Ascheschicht begraben, sagt Agust Gudmundsson von der University of London.

Tsunamis im Mittelmeer

Ein erneuter Ausbruch wie vor 39'000 Jahren hätte unvorstellbare Folgen: Neapel wäre verwüstet, Tsunamis würden übers Mittelmeer rasen, Europa würde von Asche überzogen; ein grauer Schleier am Himmel würde die Sonne verdunkeln und das Weltklima auf Jahre hinaus kühlen.

Solch ein Inferno ist selten, häufiger sind kleine Ausbrüche der Phlegräischen Felder, die Anwohnern aber ebenfalls gefährlich werden können. Zuletzt spuckte der Vulkan 1538 Lava und Asche; 24 Menschen sollen damals gestorben sein.

Wann ist es wieder soweit? Bereits vor vier Jahren hat der italienische Zivilschutz die Warnstufe erhöht – auf «Wachsamkeit». Neue Daten geben Anlass zur Sorge.

Alarmzeichen

Die Phlegräischen Felder sind eine gespenstische Landschaft. Aus gelbbraunen Hügeln wehen schweflige Dämpfe, die nach faulen Eiern riechen. Mancherorts schiessen Fontänen heissen Wassers aus der Erde.

In letzter Zeit hat sich jedoch immer mehr Kohlenmonoxid in die heissen Quellen gemischt, sein Anteil hat sich vervierfacht – ein Alarmzeichen: Das Gas könnte ein Hinweis darauf sein, dass Magma aufsteige, berichten Forscher um Giovanni Chiodini vom Istituto Nazionale di Geofisica e Vulcanologia INGV in Italien im Magazin «Nature Communications».

Ausserdem seien die Wasserdampffontänen heisser geworden, ihre Temperatur ist von 230 Grad in den 90er Jahren auf mehr als 300 Grad gestiegen – was ebenfalls einen Lavaausbruch ankündigen könnte, meinen die Forscher. Dafür spreche auch zunehmende Unruhe im Untergrund: Der Boden hebt sich, und er zittert vermehrt.

Vulkanausbruch versetzte Neandertalern den Todesstoss

Mittlerweile sei genügend Magma in den Untergrund gedrungen, sodass kleinere Eruptionen drohten, berichteten Forscher bereits 2012 im Fachmagazin «Geology». Ob wirklich ein Ausbruch bevorsteht, lässt sich dennoch nicht eindeutig feststellen.

Ein Auf und Ab ist normal in der Gegend. Die Stadt Pozzuoli liegt im Brennpunkt der Bodenbewegungen.

Auf ihrem Marktplatz zeugen Muschelspuren an alten römischen Säulen davon, dass sich die Stadt einst soweit gesenkt hatte, dass das Meer vorgedrungen war. Später hob sich der Boden wieder – so, als ob ein Riese im Untergrund atmen würde.

Anfang der 70er- und Mitte der 80er Jahre hob sich der Boden gar um mehr als drei Meter, das Zittern der Erde veranlasste die Regierung, Bewohner für Monate umzusiedeln. Indes: Ein Ausbruch blieb aus.

Neue Ausbruchsphase

Anhand der Eruptionsgeschichte der Phlegräischen Felder haben Forscher nun kalkuliert, wann es passieren könnte. Eine Gruppe um Andrea Bevilacqua vom nationalen Vulkanforschungsinstitut hat sozusagen den Lebensrhythmus des Supervulkans untersucht und dabei drei Phasen erhöhter Aktivität in den vergangenen 15'000 Jahren festgestellt.

In allen drei Phasen häuften sich Ausbrüche zu bestimmten Zeiten, die Forscher sprechen von Clustern. Vor allem im Osten der Caldera nahe Neapel gab es Eruptionen.

Unter der Voraussetzung, dass 1538 eine neue Ausbruchsphase begonnen habe, sei eine nächste Eruption am ehesten in den kommenden hundert Jahren zu erwarten, schreiben die Gelehrten im Fachblatt «Journal of Geophysical Research». Frühestens könnte der Vulkan in vier Jahren ausbrechen, aber auch erst in 500 Jahren; genauere Prognosen erlaube auch ihr Modell nicht.

Zwei Dutzend Supervulkane weltweit

Die Anwohner müssen also weiterhin auf örtliche Signale achten. Erst wenn sich Erdbeben, Gasausstoss und Bodenhebung deutlich verstärken, könnte es losgehen.

Auch andernorts wären Megaeruptionen möglich. Etwa zwei Dutzend Supervulkane schlummern unter den Kontinenten, die meisten in Asien und Ozeanien. Dort brachte ein Ausbruch des Toba die Menschheit einst womöglich an den Rand des Aussterbens:

Pompeji

Als Supervulkane werden Vulkane bezeichnet, die mit einer einzigen Eruption mehr als tausendmal so viel Material ausspucken können wie der Mount St.Helens in den USA 1980 bei der drittgrössten Vulkaneruption des 20. Jahrhunderts. Der bekannteste Supervulkan ist der Yellowstone in den USA:

Supervulkane

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Brikne, 20.7.2017
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30Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Baba 27.12.2016 20:06
    Highlight Die Neapolitaner (und die Einwohner von Pozzuoli) nehmen die Redensart vom "Tanz auf dem Vulkan" tatsächlich sehr wörtlich...

    Ist aber eine ganz faszinierende Gegend. Die positive Seite der Vulkane sind die vielen Thermalquellen.
    29 1 Melden
  • Bynaus 27.12.2016 17:34
    Highlight Ich denke, es ist sehr wichtig, hier festzuhalten (damit keine ungerechtfertigte Panik entsteht), dass ein allfälliger Ausbruch der Phlegräischen Felder KEIN Supervulkan-Ausbruch wie vor 39'000 Jahren wäre. Dafür ist schlicht nicht genug Magma in der Kammer. Wenn schon, dann wäre es ein relativ lokaler Ausbruch von der Grössenordnung von 1539, der aber keine "Tsunamis auslösen" oder "ganz Europa mit Asche bedecken" würde. Er würde allerdings die ca. 1 Mio Menschen in der direkten Umgebung (und wohl auch Italien als ganzes) schwer betreffen.
    82 11 Melden
  • Marco4400 27.12.2016 16:43
    Highlight Bin ich der einzige der das Gefühl hat, dass sich in letzter Zeit die Zahl an Erdbeben und Vulkanausbrüchen erhöht hat?
    62 41 Melden
    • Bynaus 27.12.2016 20:00
      Highlight Es gibt Studien zu dieser Frage. Diese kommen zum Schluss, dass die Häufigkeit von Erdbeben (und/oder Vulkanausbrüchen) in letzter Zeit nicht signifikant zugenommen hat, d.h., höchstens im Rahmen dessen, was man aus Zufall ohnehin erwarten würde.

      Siehe z.B. http://dx.doi.org/10.1073/pnas.1118525109
      34 2 Melden
    • kleiner_Schurke 27.12.2016 22:39
      Highlight Das ist wegen den Homosexuellen. Gott bestraft die Menschen dafür dass sie Homosexualität gut heisst. Och kommt Kinder, das wissen wir doch schon seit dem Hurricane Katharina...
      48 4 Melden
    • Bene86 27.12.2016 23:41
      Highlight Wusst ichs doch! Immer diese Homos. Deswegen war heute Morgen bestimmt auch meine Toilette verstopft!
      30 2 Melden
    • Menel 28.12.2016 09:19
      Highlight Obwohl es schon so ist, dass wenn an einer Stelle die "Erde verrückt" es auch zu weiteren Spannungsentladungen kommen kann. Aber die sind dann "Lokal". Dh. Beben im Indischen Ozean haben jetzt nicht einen Einfluss auf die Platten im Mittelmeerraum.
      2 1 Melden
  • lilie 27.12.2016 16:32
    Highlight Wäre so ein Vulkanausbruch nicht die effektivste Massnahme gegen die Klimaerwärmung? 🤔
    57 28 Melden
    • Citation Needed 27.12.2016 17:03
      Highlight Er kann eigtl. keine 'Massnahme' sein, weil man einen Vulkanausbruch nicht einfach so herbeiführen kann. Soweit ich weiss, bzw. hoffe!
      Wenn Du aber die Abkühlung infolge von Partikeln in der Atmosphäre meinst: möglicherweise wirksam gegen die Erwärmung, vorübergehend. Wenn aber sowas heftiges eintritt, das sogar die Temperaturen arg abkühlen kann, dann ist auch sonst mit Wetterextremen zu rechnen - Stürme, Überschwemmungen, weniger Ernte/Missernten, etc.
      Lieber nicht..
      :-/
      88 3 Melden
    • lilie 27.12.2016 18:07
      Highlight @Citation needed: Aber du weisst doch, was der Onkel Doktor immer sagt: Kein wirksames Heilmittel ohne Nebenwirkungen!
      42 7 Melden
    • Energize 27.12.2016 23:57
      Highlight @lilie: auch wenn du grundsätzlich recht hast (alle Nebenwirkungen mal ausgeblendet) - löst es das Problem des Klimawandels nicht. Auch nach dem Ausbruch wären noch mehr als 400PPM CO2 in der Atmosphäre, was unseren Planeten mittel bis langfristig deutlich wärmer macht. Mit dem Ausbruch des Vulkans wird die Erwärmung nur verschoben.
      11 1 Melden
    • lilie 28.12.2016 07:42
      Highlight @Energy: Ja, so ein Pech. 😢

      Sonst hätte man einfach den Vulkan ein bisschen anpieksen können, und schon wären wir aus dem Schneider gewesen...
      7 2 Melden
  • Dadaist 27.12.2016 15:51
    Highlight Dann hätten wir endlich wieder weisse Weihnachten 😂
    66 34 Melden
    • Gringoooo 27.12.2016 16:03
      Highlight Eher graue (Vulkanstaub)
      77 7 Melden

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