International
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Norbert Hofer ist geschlagen. Bild: HEINZ-PETER BADER/REUTERS

Abgefangen auf der Zielgeraden: Österreichs Rechtspopulist Hofer ist entzaubert

04.12.16, 18:50 05.12.16, 07:51


24 Mal hatte der FPÖ-Kandidat Norbert Hofer seinem Kontrahenten Alexander Van der Bellen im letzten TV-Duell eine «Lüge» oder das Verbreiten einer Unwahrheit vorgeworfen. Das war für viele Zuschauer offenbar doch des Diplomatischen zu wenig.

Alexander Van der Bellen (l.) und Norbert Hofer während des TV-Duells. Bild: APA

Ein Mann derart rüder Direktheit als Vertreter Österreichs auf dem nationalen und internationalem Parkett? «Es gab eine Mehrheit für ein traditionelles Amtsverständnis – ruhig, sachlich, diplomatisch», analysierte der Politologe Peter Filzmaier am Sonntagabend im ORF das Ergebnis.

Einen wesentlichen Ausschlag zugunsten des 72-jährigen Wirtschaftsprofessors Van der Bellen, der von den Grünen unterstützt wird, gab auch sein klarer Pro-Europa-Kurs. Für 65 Prozent seiner Wähler war diese Einstellung das entscheidende Motiv für ihre Entscheidung.

Alexander Van der Bellen kommt auf gut 53 Prozent aller Stimmen und ist somit neuer Bundespräsident Österreichs. Bild: CHRISTIAN BRUNA/EPA/KEYSTONE

«Das ist ja nicht das Ende der Geschichte», sagte etwas zerknirscht FPÖ-Generalsekretär Herbert Kickl. Vielleicht nicht das Ende, aber es ist ein gehöriger Dämpfer für die Rechtspopulisten – möglicherweise europaweit. Die AfD in Deutschland, der Front National in Frankreich, die niederländische Freiheitspartei von Geert Wilders standen schon in den Startlöchern, um den erhofften Sieg Hofers in eigene gute Wahlchancen umzumünzen.

Anti-Hofer-Demonstranten mit einer klaren Botschaft an den Rechtspopulisten. Bild: LISI NIESNER/EPA/KEYSTONE

Hofer, der sich mit 45 Jahren für eine Kandidatur zunächst zu jung gefühlt hatte, schien der richtige Mann zur richtigen Zeit für die FPÖ. Er war im Januar bei einem Zuspruch von nur acht Prozent gestartet und hatte lange Zeit die besseren Karten. Dank der erfolgreichen Anfechtung der ersten Stichwahl am 22. Mai durch die FPÖ bekam er eine zweite Chance.

Hofer immer zahmer

Gemessen an den oft polternden Auftritten seiner europäischen Gesinnungsgenossen aus dem jeweils patriotischen Lager musste Hofer als auffallend geschmeidig und eloquent durchgehen. Zuletzt wurde er – von wenigen Ausnahmen wie dem TV-Duell abgesehen – immer zahmer.

«Sein Auftreten erinnert mittlerweile an einen Pfarrer: lächelnd, gütig, verständnisvoll, verzeihend», sagt der Chef des Meinungsforschungsinstituts OGM, Wolfgang Bachmayer. Möglicherweise zu zahm für seine an Derbheiten gewöhnte Klientel.

Im Kampf um die Mitte büsste die FPÖ wohl auch ihren strikten Anti-EU-Kurs aus der Vergangenheit. Nun fiel es auch Hofer schwer, seinen moderaten Kritikkurs an der EU als glaubwürdig zu verkaufen.

Erfolgreich warnte Van der Bellen immer wieder vor einem Öxit, der laut Umfragen in der vom Tourismus und vom Export abhängigen Alpenrepublik eher unpopulär wäre. Van der Bellen gelang es nach einem ersten Überblick, gerade auf dem Land – dort hatte er vor sechs Monaten schwach abgeschnitten – zu punkten.

Keine Wahlanfechtung

Aus Sicht von Politberater Thomas Hofer spielte auch der lange Wahlkampf eine Rolle: «Der FPÖ-Wähler ist auch ein scheues Reh.» Er stimme gern gegen das Establishment, reagiere aber auch derart gereizt auf den Politik-Zirkus, dass er gar nicht mehr zur Wahl gehe.

Währenddessen an der Wahlparty der Grünen in Österreich. Bild: APA

Von einer Wahlanfechtung ist dieses Mal bei der FPÖ nicht die Rede. Im Gegenteil gratulierten alle Granden der Partei brav dem Sieger. «Wir werden in Demut das Wahlergebnis zur Kenntnis nehmen», hatte sich Hofer schon bei seiner Stimmabgabe in Pinkafeld im Burgenland festgelegt.

Das Motto für Van der Bellen in den nächsten Monaten ist klar: Er muss das vom Lagerwahlkampf sehr zerrissene Land wieder einen. Das hatte er schon bei seiner ersten Rede als gewählter Präsident am 22. Mai angekündigt. Diese Rede kann er jetzt noch mal halten.

(sda/dpa)

Hol dir die App!

Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
Themen
7
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
7Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • E. Regiert 05.12.2016 09:00
    Highlight Einen Lügner der Lüge zu bezichtigen, sei undiplomatisch, sei schlechter Stil.
    Da wäre Trump wohl ganz damit einverstanden.
    Die Alternative wäre, einen Lügner nicht zu überführen, also die Unwahrheit bestehen zu lassen. Das wäre tatsächlich kein schlechter Stil. Das wäre eine Schandtat.
    0 2 Melden
  • Anam.Cara 05.12.2016 07:40
    Highlight Ob man da schon von Tauwetter in Europa sprechen kann? Eine Schwalbe macht noch keinen Frühling. Aber vielleicht hat die beobachtende Mehrheit in Europa endlich genug von den extremen und wünscht sich eine Politik zurück, die etwas bewegt, statt polarisiert und poltert.
    Unserem Nachbarland wünsche ich Ruhe und Prosperität unter der neuen Regierung. Möge Österreich ein Beispiel dafür werden, dass Konsenspolitik das Land witer bringen kann...
    1 0 Melden
  • John Smith (2) 05.12.2016 00:51
    Highlight Passend zum Thema könnte Watson noch den Link zu einem YouTube-Video veröffentlichen, der die rhetorischen Tricks von Hofer entlarvt. Zumal sie durchaus auch in der Schweiz von gewissen Politikern immer wieder benutzt werden (z.B. in der Arena), wenn auch zum Glück meistens nicht ganz so gekonnt.
    1 0 Melden
  • pamayer 04.12.2016 21:53
    Highlight Viel Glück, Herr Präsident Van Bellen!
    34 11 Melden
  • JackMac 04.12.2016 21:35
    Highlight Es wird wärmer in Europa !
    41 13 Melden

Kim ist da, Trump ist da – der Singapur-Gipfel kann beginnen

Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un ist am Sonntag zu seinem Gipfeltreffen mit US-Präsident Donald Trump in Singapur eingetroffen. Kurz nach der Ankunft kam er bereits mit dem singapurischen Regierungschef Lee Hsien Loong zusammen.

Kim flog mit einer Maschine der chinesischen Fluglinie Air China zu dem Treffen. Es ist seine bislang weiteste Auslandsreise seit der Machtübernahme 2011. Begleitet wird er von einer grossen Delegation.

Beim Treffen mit Lee bedankte sich Kim dafür, dass Singapur die …

Artikel lesen