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Reaktion des Militärs auf ihre Präsenz: Ein PKK-Kämpfer bei einem Checkpoint in Cizre.
Bild: STRINGER/TURKEY/REUTERS

«Sie schiessen auf jeden, der sich bewegt»: Bei Sturm von türkischen Soldaten auf Kurdenstadt sterben mindestens sieben Menschen

Die türkische Armee ist in die Stadt Cizre im kurdischen Teil der Türkei eingefallen. Bewohner berichten, die Soldaten würden auf jeden schiessen, der sich auf der Strasse blicken lasse – offenbar gab es bereits sieben Tote.

06.09.15, 13:02 06.09.15, 13:14

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In der Nacht auf Sonntag haben türkische Soldaten die Stadt Cizre im Osten der Türkei, nahe der Grenze zu Syrien und dem Irak, gestürmt. Bei den Kämpfen sollen nach Angaben von Bewohnern mehrere Zivilisten getötet worden sein. «Die Armee schiesst auf jeden, der sich auf die Strasse wagt», sagte ein kurdischer Aktivist. Ein anderer sagte, Scharfschützen würden «auf alles feuern, was sich bewegt, auch auf Frauen und Kinder». Mehrere Menschen berichten von bislang sieben getöteten Zivilisten. «Die Stadt ist umstellt von türkischen Truppen, die Bevölkerung ist in Panik», sagte einer. Die Angaben liessen sich bis zum Sonntagmittag nicht unabhängig überprüfen.

Am Freitagabend war in der 100'000-Einwohner-Stadt, in der überwiegend Kurden leben, eine Ausgangssperre verhängt worden. Die türkischen Behörden hatten diesen Schritt beschlossen, nachdem die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK ihre Angriffe auf die Sicherheitskräfte verstärkt hatte.

PKK kontrolliert ganze Viertel

Seit Wochen schon liefern sich jugendliche Kämpfer der Patriotischen Revolutionären Jugendbewegung (YDG-H), einer Jugendorganisation der PKK, Gefechte mit Polizei und Armee in Cizre und anderen Städten im kurdischen Teil der Türkei. PKK-Mitglieder haben Barrikaden und Strassensperren errichtet. Junge Bewaffnete sorgen dafür, dass Polizei und Armee, die als Besatzer empfunden werden, keinen Zugang zu bestimmten Vierteln mehr haben. Sie kontrollieren nun ganze Stadtviertel. Einwohner von Cizre berichten, die Armee habe mehrere Sperren überrannt und habe PKK-Kämpfer zurückgedrängt.

Seit Mitte Juli fliegt die türkische Luftwaffe nicht nur Luftschläge gegen die Terrormiliz «Islamischer Staat» (IS) in Syrien, sondern vor allem gegen die PKK im Nordirak, in Syrien und im eigenen Land. Die Türkei stuft die PKK, mit der sie sich seit Mitte der Achtzigerjahre einen fast drei Jahrzehnte lang andauernden Bürgerkrieg mit etwa 40'000 Toten geliefert hat, als Terrororganisation ein. Auch in den USA und in der EU gilt die PKK als solche, jedoch gab es in den vergangenen Monaten Bestrebungen, sie von dieser Liste zu streichen, weil sie im Irak und in Syrien gegen den IS kämpft.

«Die Art, wie das Militär Probleme löst»

Aus dem Büro des Gouverneurs von Sirnak heisst es, die Ausgangssperre sei «zur Sicherheit der Bevölkerung» verhängt worden. Die Sicherheitskräfte hätten eine «Operation» gestartet, um Mitglieder der PKK festzunehmen. Die Ausgangssperre gelte «bis auf Weiteres». Weshalb auf jeden geschossen werde, der sich nach draussen wage, wollte aber niemand beantworten. Ein Mitarbeiter vermutete, das sei «halt die Art, wie das Militär Probleme löst».

Auch in Diyarbakir, der heimlichen Hauptstadt der Kurden im Osten der Türkei, kam es in der Nacht auf Sonntag zu Gewalt. Die Polizei ging in der Altstadt im Zentrum gegen YDG-H-Kämpfer vor. Die feuerten dabei Granaten auf die Sicherheitskräfte ab. Zwei Polizisten wurden getötet, mindestens drei verletzt. Wie mehrere andere Orte im kurdischen Gebiet gilt die Altstadt von Diyarbakir seit Mitte August als «selbstverwaltet» – was bedeutet, dass PKK-Kämpfer hier das Gewaltmonopol für sich beanspruchen und Polizei und Armee keinen Zutritt gewähren. Mehrere Menschen wurden festgenommen, darunter auch die niederländische Journalistin Frederike Geerdink. Ihr war bereits im Januar «Propaganda für eine Terrororganisation» vorgeworfen worden, weil sie Fotos von PKK-Anhängern gepostet hatte. Die Anklage wurde damals jedoch fallengelassen.

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