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Eine Frau trauert um ihren Sohn: Er kam in einem Kugelhagel in der Nachbarschaft der Hauptstadt Bujumbura ums Leben. 
Bild: JEAN PIERRE HARERIMANA/REUTERS

In Burundi regiert die Angst vor einem weiteren Bürgerkrieg – Besuch in der Hölle von Bujumbura

Das Geräusch von Geschützfeuer gehört in Bujumbura mittlerweile zum Alltag. Das Leben in der sonst so geschäftigen Stadt steht still, auf den Strassen liegen Leichen. Ein Augenzeugenbericht.

13.12.15, 13:51

Helmenegilde Mwamarariza traut sich kaum noch auf die Strasse. Seit sein 15-jähriger Sohn bei einer Protestaktion gegen die Regierung Burundis getötet wurde, hat er panische Angst, dass auch er zum Schweigen gebracht werden soll.

«Ich befürchte, dass sie mich umbringen wollen, damit ich nicht gegen den Polizisten aussagen kann, der meinem Sohn in den Kopf geschossen hat.»

Helmenegilde Mwamarariza

Während er in seinem Wohnzimmer im Viertel Cibitoke der Hauptstadt Bujumbura seine Geschichte erzählt, sind ganz in der Nähe Schüsse und Explosionen zu hören.

Ein Junge schaut auf die brennenden Barrikadenreste nach einer Antiregierungs-Demonstration gegen den burundischen Präsidenten Pierre Nkurunziza in Cibitoke im Mai 2015. 
Bild: DAI KUROKAWA/EPA/KEYSTONE

Die kriegsartigen Geräusche kommen aus dem Nachbarviertel Mutakura, das abgeriegelt worden sein soll, wie sich die Leute in Cibitoke erzählen. «Sie machen Jagd auf die Jugendlichen», heisst es. Aber auch in anderen Teilen Bujumburas sind die von Lehmhäusern mit Wellblechdächern gesäumten Strassen so gut wie leer.

Kurz nach dem Gespräch mit Mwamarariza werden in der Nähe die von Kugeln durchsiebten Leichen von fünf jungen Männern entdeckt. Sie sollen von Sicherheitskräften getötet worden sein, angeblich, weil sie Attacken geplant hätten. Zwei Tage später, am Freitag, sollen bewaffnete Männer Militärstellungen in mehreren Stadtteilen angegriffen haben, den ganzen Tag über ist Geschützfeuer zu hören.

Fotografen müssen mit Festnahme rechnen

Journalisten haben sich in ihren Hotels verschanzt. Fotografen, die das Grauen dokumentieren und der Welt zeigen wollen, welche unsägliche Gewalt sich gerade in dem kleinen ostafrikanischen Staat mit zehn Millionen Einwohnern abspielt, müssen mit ihrer Festnahme rechnen. Am Ende kommt eine erschreckende Zahl ans Licht: Militärangaben zufolge sollen 87 Menschen ums Leben gekommen sein, darunter auch einige Soldaten und Polizisten.

Ein bewaffneter der Bürgerwehr im Zentrum von Bujumbura im November 2015. 
Bild: GORAN TOMASEVIC/REUTERS

Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) forderte am Sonntag die Einsetzung einer unabhängigen Untersuchungskommission des UNO-Hochkommissariats für Menschenrechte, um die Todesfälle aufzuklären. Augenzeugenberichte deuteten darauf hin, dass junge Menschen willkürlich hingerichtet worden seien. Sie seien von Sicherheitskräften auf die Strasse getrieben und zum Teil noch mit gefesselten Händen erschossen worden.

Erst vor einem Jahrzehnt ging in Burundi ein entsetzlicher Bürgerkrieg mit 300'000 Toten zu Ende. Lange sollte der Frieden nicht währen. Für die Menschen in der ehemaligen belgischen Kolonie ist heute der Horror real, Tag für Tag.

Der UNO-Sicherheitsrat reagierte ebenfalls und teilte mit, die Mitglieder seien «zutiefst besorgt» über die Entwicklungen. Die Schuldigen müssten endlich zur Verantwortung gezogen werden – notfalls müssten weitere Schritte eingeleitet werden. Aber wer sind die Schuldigen?

Ein Rückblick: Immer wieder Blutbäder

Im April kündigt Präsident Pierre Nkurunziza an, bei der anstehenden Wahl für eine dritte Amtszeit kandidieren zu wollen, obwohl dies in der Verfassung nicht vorgesehen ist. Viele Menschen reagieren wütend, es kommt zu ersten gewaltsamen Zusammenstössen mit der Polizei. Nkurunziza gibt sich unbeeindruckt vom Blut in den Strassen. Im Juli wird er im Amt bestätigt - die Opposition boykottierte die Wahl.

Ein von den blutigen Protesten unberührter Präsident: Pierre Nkurunziza.
Bild: JEAN PIERRE HARERIMANA/REUTERS

Viele wollen Nkurunzizas Gebaren nicht hinnehmen, es bilden sich bewaffnete Gruppen, die versuchen, den Präsidenten zu stürzen. Immer wieder kommt es zu Blutbädern. Die Polizei reagiert ohne Erbarmen, sie schiesst und lässt sogar manchmal Leichen verschwinden.

«Unser einziger Trost ist, dass wir ihn begraben konnten», sagt eine Angehörige von Remy Nkengurutse. Demnach wurde der 29-jährige Aktivist in der vergangenen Woche von der Polizei niedergeschossen, als er gerade aus einem Bus stieg. «Andere Leute verschwinden einfach spurlos.»

Ein Soldat läuft an brennenden Barrikaden vorbei: Der Protest gegen Nkurunzizas dritte Amtszeit wurde blutig niedergeschlagen. 
Bild: JEAN PIERRE HARERIMANA/REUTERS

Mittlerweile bekommen viele Bürger in Cibitoke und Mutakura schon Angst, wenn jemand nur das Wort «Polizei» ausspricht. Die beiden Arbeiterviertel gelten als Hochburgen der Opposition, sind voll von aufgebrachten Jugendlichen. Zusammenstösse mit der Polizei – und deren mutmasslichen Verbündeten, der Jugendorganisation «Imbonerakure» der Regierungspartei CNDD-FDD – gehören zum Alltag.

Die Vorwürfe gegen die Polizei reichen von Plünderungen bis hin zu Vergewaltigungen. «Ich werde der Polizei nie wieder vertrauen», sagt eine 15-Jährige, die nach eigenen Worten von einem Beamten in ihrem Haus vergewaltigt wurde.

Gewalt auf beiden Seiten

Doch Gewalt gibt es auf beiden Seiten. Auch Polizisten und Imbonerakure-Mitglieder werden ständig bedroht, eine 24-jährige Kollegin sei erst kürzlich vergewaltigt, brutal verstümmelt und ermordet worden, sagt Imbonerakure-Chef Dennis Karera.

Der trauernde Vater Helmenegilde Mwamarariza wischt sich derweil die Tränen aus den Augen. Auf einem Beistelltisch steht das Foto seines Sohnes Jean Nepo. Da lacht er, schaut fröhlich aus.

Die Gewalt kommt von beiden Seiten.
Bild: GORAN TOMASEVIC/REUTERS

Am 26. April 2015 wurde der Jugendliche von einem Polizisten mit einer Waffe bedroht. Jean Nepo sei in die Knie gegangen, habe um sein Leben gefleht, erzählten Augenzeugen später. Aber der Polizist habe einfach abgedrückt. Der Schüler war das erste Opfer der neuen Gewaltwelle. Mittlerweile sind ihm Hunderte in den Tod gefolgt.

(sda/dpa)

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Brikne, 20.7.2017
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3Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • ferox77 13.12.2015 16:16
    Highlight Wäre schnell möglich, dass diese Geschichte ausgeht wie in Ruanda 1994. Die beteiligten Stämme sind nämlich dieselben.
    Damals in Ruanda hat sich die UNO nicht mit Ruhm bekleckert. Der Blauhelm-Mission unter dem kanadischen General Dallaire wurde spezifisch untersagt, sich gegen den einsetzenden Massenmord zu stellen. Die etwa 2000 Soldaten durften sich nur selbst verteidigen. Das obwohl zwei französische Fallschirmspringer-Kompanien gereicht hatten, um in den Jahren vorher die Rwandan Patriotic Front (Tutsi's) aus dem Land zu drängen.
    8 0 Melden
    • ferox77 13.12.2015 18:19
      Highlight 2)
      Es sei noch gesagt, dass die Menschen aus diesem armen Land kein Geld haben, um Schlepper zu bezahlen. Ohne Schlepper geht für Schwarzafrikaner durch die arabisch dominierten Mittelmeer-Anrainerstaaten nämlich nichts.
      6 0 Melden
  • Pjotr 13.12.2015 14:33
    Highlight Hey Watson, wieso habt ihr immer noch eine Rubrik 'Schwarzafrika'? Dieser rassistische Begriff stammt doch noch aus der Kolonialzeit und ist zutiefst problematisch. Ändert das doch bitte!
    3 11 Melden

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