Interview

Herbert Grönemeyer: «Keiner traut sich, Dinge zu ändern, egal wo»

Herbert Grönemeyer blickt zurück, mit einer 23 CDs starken Retrospektive – beim Hören sinniert der Sänger über Fussball von 1984, die Macht des Popstars und  darüber, was Künstler gegen Populisten ausrichten können.

06.12.16, 11:19

Arno Frank

Schreien kann er: Herbert Grönemeyer. Bild: HANNIBAL HANSCHKE/REUTERS

Ein Artikel von

Wenn man «Alles», Ihr gerade erschienenes Komplettwerk tragen will, muss man beide Hände nehmen. Die Vinyl-Version der Box wiegt ganze neun Kilo. Daran schleppt man schon. Tragen Sie auch schwer daran?
Es ist schon ein Blick in den Rückspiegel. Natürlich bin ich jetzt 60, das ist mal eine Zahl, die rauscht zunächst mal nur so vorbei. Und dann war 2016 sowieso ein Sterbejahr, mit Roger Willemsen ist auch ein guter Freund von mir gestorben, mit 60. Aber das klingt jetzt zu düster, es macht schon Freude, sich damit zu beschäftigen.

Hatten Sie Fragen an Ihr eigenes Werk?
Die zentrale Frage war: Bist du weitergekommen? Was war gut daran, was schlecht, wo warst du gelangweilt? Wie eitel warst du? Das sind die Kurven, in denen alles verläuft. Dummerweise weiss ich bei den Platten, was bei mir los war. Die Dinge, die sonst keiner weiss. Nur ich. Nichts Autobiografisches, sondern Irrungen und Wirrungen, in denen ich mich befunden habe. Du wirst gespiegelt in dem, was du bist.

Konnten Sie sich selbst überraschen?
«Chaos» war eine Überraschung, mit der hatte ich nicht gerechnet. Sieh mal an, dachte ich, gar nicht so schlecht, das Ding. «Bleibt alles anders» ist die tiefste und interessanteste Platte, würde ich sagen. «Luxus» war ein bisschen gefällig, da hatte ich versucht, das über die Texte zu retten, … und so geht man an jede Platte ran. Und dann überlegst du: Was erzählt das über dich, was willst du überhaupt? Wer bist du eigentlich? Die Arbeit an so einem Projekt bringt dich zum Innehalten. Das macht man ja sonst nicht, denn du willst es letzten Endes ja auch nicht wissen.

Warum nicht?
Weil du immer aus der Spontaneität arbeiten willst und nach Impulsen suchst, die dich weiter beschleunigen.

Bild: EPA/DPA

Sind Ihre Alben in gewisser Weise Ihre Kinder?
Insofern schon, als man sich fragt, wie die sich entwickeln. Wenn du Kinder hast, ist manchmal auch das eine näher an dir dran als das andere, und vier Jahre später ändert sich das wieder. Es ist natürlich alles Pop und keine wahnsinnig wichtige Geschichte, aber trotzdem laufen sie dir immer hinterher. Du wirst sie nicht los. Was du da in die Welt gesetzt hast, das gibt es. Von dir. Das ist hochinteressant.

Der Nobelpreis für Bob Dylan, ist das in Ordnung?
Für das Genre? Absolut. Barden gab es ja schon immer, und das ist eine gültige Kunstform, gerade auch in ihrer Kürze.

Einige Kritiker sagen, Songtexte seien keine Literatur.
Für die «Zeit» sollte ich mich mal mit Salman Rushdie treffen. Der hatte ein Buch geschrieben, eine Liebesgeschichte von 700 Seiten: «Der Boden unter ihren Füssen». Wir mochten uns jetzt nicht supergern, da war eine angespannte Stimmung. Irgendwann habe ich ihn – er war ja bei U2 auf der Bühne und hat da so 'n Hang – gefragt, ob man das alles in einem Lied nicht hätte besser sagen können. Fand er gar nicht lustig. Aber ich glaube noch immer, dass man die Stimmung des Buches, seine Essenz, in einem Liedtext nicht nur kürzer, sondern auch besser hätte darstellen können. Ich will nicht sagen, dass ich Literatur machen könnte. Aber Liedtexte können das auslösen, was auch ein gutes Gedicht auslöst. Das hat ein Song.

Beim Wiederhören fällt auf, was für ein zeitloses und komplettes Album «4630 Bochum» doch gewesen ist. Es geht um Heimat, Maloche, Strukturwandel, Drogen, Geschlechterrollen, Weltpolitik. Es ist komplett auch in seiner Wirkung, ein Statement zur Lage der Nation - für alle Hörerschichten. Ist so was heute noch möglich?
Ich glaube, dass das nach wie vor möglich ist und auch gemacht wird. Geändert hat sich die Rezeption von Platten. Wir betrachten Platten nicht mehr als Ganzes, weil wir das gar nicht mehr hinkriegen.

Sie auch nicht?
Nur, wenn ich ein neues Album mache. Die neue Frank Ocean habe ich durchgehört, weil die so einen interessanten Sound hat. Bei Vinyl kannst du nicht ausschalten oder skippen, da musst du aufstehen vom Sofa, da musst du hingehen und umdrehen. Andererseits weisst du aber auch: Das sind jetzt nur 20 oder 25 Minuten, das schaffe ich …

Wie müsste denn ein «4630 Bochum» heute klingen, wovon müsste es handeln?
Das frage ich mich auch: Wie müsste man das machen, damit es den gleichen Bumms auslöst wie damals? Aber da spielte man auch anders Fussball. Schau dir mal ein Spiel von 1984 im Fernsehen an, da fragst du dich doch: Holt der sich noch eine Wurst, bevor er das Tor macht? Lässt er sich vorher die Hose bügeln? Aber der Reiz ist da, eine Platte zu machen, die in ihrer Kantigkeit und Direktheit zum Zuhören zwingt. Den Ansatz habe ich immer noch. Du machst immer Ansätze, in Sprache und Melodie diese Einheit zu treffen.

Bild: Getty Images Europe

Das kann auch eine Last sein, oder?
Eine Last, der ich mich stellen muss. Nicht jedes Bild, das du malst, gelingt dir. Trotzdem musst du es malen. Vielleicht gelingt es dir beim fünften oder beim zwölften Mal wieder. Es würde dich aber ungeheuer lähmen, wenn du dir das grosse Statement zur Aufgabe machen würdest. Als Künstler hast du nämlich keine Aufgabe. Wenn du als Künstler eine Aufgabe willst, musst du in die Industrie gehen und ein Auto entwerfen. Als Künstler bist du deinem eigenen Chaos verpflichtet und musst daraus eine Blume ziehen.

Als Künstler hat man aber auch Macht, beispielsweise auf der Bühne vor Zehntausenden. Wie populistisch ist eigentlich Pop?
Die Sache mit der Macht ist heikel. Die Menschen gehen ins Konzert, um vorne einen Hauch von eitlem Irrsinn zu erleben. Ich gucke immer: Wie weit bleibt es spielerisch? Und wann wird es verherrlichend?

Was, wenn es kippt?
Ich orientiere mich an einer englischen Unterhaltung. Der Engländer unterhält sich zehn Minuten intensiv – und dann macht er einen Witz. Der Deutsche unterhält sich 40 Minuten – ohne Witz. Hauptsache, es wird sentimental und tief und immer tiefer (sinkt mit der Stirn langsam der Tischplatte entgegen), und zuletzt sind alle völlig am Ende. Der Rock 'n' Roll kommt aus dem angelsächsischen Kulturkreis, da geht es um Anarchie und darum, dieses Gefährliche, den Hang zum Erhabenen, immer wieder zu brechen - so wie Bowie und Queen und viele andere auch das gemacht haben.

Was heisst das für den Pop?
Er ist eine grosse Macht. Du musst sie auflockern oder brechen, damit es tänzerisch bleibt und die Leute nachhause gehen wie nach einem guten Essen. Du musst es auflösen, du darfst es nicht hochziehen. Oder benutzen. Das wäre bitter. Ich will ja auch meinen Spass haben. Und der besteht nicht darin, dass mich alle anhimmeln.

Sie leben in Berlin und London. Hat der Brexit Sie überrascht?
Damit haben wir in unserer Eitelkeit nicht gerechnet, damit hat keiner gerechnet. Weil sich auch keiner traut, Dinge zu ändern, egal wo. Ausser in Kanada, wo der Trudeau gesagt hat, komm, wir nehmen 40'000 Flüchtlinge auf und direkt fragt: «Haben wir 40'000 Leute, die sich kümmern?» Ja? Haben wir? Guten Tag, auf Wiedersehen.

Und wenn wir die nicht haben?
Haben wir aber. Die Leute sind willens, das haben sie ja gezeigt. Ein irrer Moment. Von den letzten, von denen du es erwartest hättest, von den Deutschen! Die gehen denen entgegen! Und was macht die Politik? Die lässt das einfach durchfliegen. Wir können noch von Glück reden, dass die so lange stillgehalten haben. Es hätte eine unglaubliche Welle von Gemeinschaftsgefühl entstehen können, erstmals nach der Wiedervereinigung. Aber die Leute werden nicht einbezogen, und sie wollen Erklärungen: Wir sagen schon nie was, aber ist euch eigentlich bewusst, in welchen Zuständen wir leben, im eigenen Land? Deswegen halte ich die Flüchtlingsfrage für einen Glücksfall. Sie erinnert uns daran, worum es geht – auch in der eigenen Gesellschaft.

Und es geht um ...
... Anteilnahme. Das sogenannte intellektuelle linksliberale Milieu war zu träge, dachte, es hätten sowieso alle verstanden, da müssen wir das auch nicht immer erklären. Doch, müssen wir. Und jetzt kommen plötzlich die Populisten und rücken die Unzufriedenen mit den Rechten zusammen.

Es sind also die Linken an den Rechten schuld?
Wenn du mit deinem Partner nicht sprichst, dann darfst du dich auch nicht wundern, wenn der irgendwann abhaut. «Wieso gehst du jetzt?» – «Ich hab dir das schon ein paarmal gesagt, du hast fünf Jahre nicht zugehört. Ich habe jetzt einen gefunden, der spricht mit mir» – «Wie, wo ist der denn?» – «Ja hier, der Hans-Jürgen!» – «Wie der Penner? Mit dem bist du jetzt zusammen!» – «Ja, der spricht wenigstens mit mir!» – «Wie, mit dem Arschgesicht, mit dem Vollpfosten?» So ist das in der Gesellschaft auch.

Welche Hebel hat da ein Künstler?
Er muss klarmachen, dass die Rassisten nicht die Gesellschaft sind – nur weil sie in der Lage seid, über irgendwelche Bots 250 Hassmails in der Sekunde rauszufeuern. Denen muss klargemacht werden, dass sie nicht die Meinung bestimmen. Die ist anders. Und das sollte man sagen.

Hilft das?
Klingt jetzt platt, aber das muss man schon machen. Da braucht man auch nicht fragen: Hilft das was oder hilft das nix? Die Botschaft lautet: Ihr könnt machen, was ihr wollt, ihr könnt euch wundlaufen, aber ihr werdet nicht mehr Raum bekommen. Das muss man. Wenn in einer Familie einer durchdreht und verrückt spielt, versuchst du doch auch, ihm zu helfen. Du musst ihm aber auch klarmachen: «Hör mal zu, du kannst jetzt hier nicht den ganzen Laden zerlegen und tyrannisieren!» Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch verstehe, wie der Faschismus entstanden ist. Wie ging das damals? Jetzt sieht man, wie schnell das geht. Wenn es Dinge gibt, die schief laufen, müssen wir die justieren. Es kann aber nicht sein, dass der Frust dazu führt, dass hier wieder öffentlich der Rassismus zutage tritt.

Bruce Springsteen hat gerade seine Autobiografie veröffentlicht. Ihre Autobiografie würden die Leute auch gerne lesen wollen.
Nee.

Verdammt gerne.
Nö.

Und wenn ich ...
Nein.

Es gibt bestimmt Literaturagenten, die fragen …
Immer. Ständig. Nein, nein, nein. Ich habe auch nichts zu sagen. Ich muss mein Leben nicht erzählen. Ich setze mich doch jetzt nicht ein halbes Jahr hin und kritzele da irgendwas zusammen, was ich wie wann wo … nee, finde ich lustfeindlich. Ist nicht mein Ding. Ich erzähle ja von mir. Man kann sich meine Musik anhören, und manchmal spreche ich auch öffentlich. Und dann ist auch gut.

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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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