Interview
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Ein Vater kämpft um sein Kind – und verfilmt seine Geschichte

Seit der Geburt hat ein Vater kaum Kontakt zu seiner Tochter, weil die Mutter das nicht will: So erzählt Peter Kees seine Geschichte in einem Film. Hier redet er über Ohnmacht und Leidensgenossen.

Benjamin Schulz



Ein Artikel von

Spiegel Online

Ein Mann und eine Frau verlieben sich, zeugen ein Kind. Wenige Monate vor der Geburt verlässt die Schwangere ihren Partner, bricht den Kontakt ab: Das ist die Geschichte, die der Künstler Peter Kees im Film «Vaterlandschaften» erzählt. Er ist Regisseur, Kameramann und Erzähler in Personalunion. Es ist seine Geschichte.

Von der Geburt seiner Tochter erfuhr Kees erst mit mehr als einer Woche Verzug, so schildert er es. Zum ersten Mal in den Arm nehmen konnte er sie demnach, als sie über einen Monat alt war. Dem Film zufolge erlaubte die Mutter nur äusserst sporadischen Kontakt. Erst ein Gericht regelte schliesslich den Umgang, so Kees: zu Beginn 1.5 Stunden die Woche, zuletzt drei Tage im Monat.

«Vaterlandschaften» ist eine Langzeit-Selbstbeobachtung: Von November 2012 bis Dezember 2015 begleitete Kees sich mit der Kamera. Beim Duschen, bei der Apfelernte, bei der Gartenarbeit, beim Fensterputzen, beim Tanzen im Wohnzimmer. Er dokumentierte, wie es einem Vater geht, der darum kämpft, Teil des Lebens seines Kindes sein zu dürfen.

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Der Trailer zu «Vaterlandschaften».
Vimeo/peter kees

Zur Person

Peter Kees, Jahrgang 1965, ist freischaffender Künstler. Seine Arbeiten zu «Sehnsüchten, Idealen und Visionen» waren im In- und Ausland zu sehen, unter anderem in Barcelona, Posen und Bregenz sowie in Berlin, Weimar und Rostock. Der 50-Jährige hat eine drei Jahre alte Tochter. Er lebt im Landkreis Ebersberg östlich von München.

Spiegel Online: Wie fühlt man sich als Vater, der sich ums Kind kümmern will, das aber nur sehr eingeschränkt darf?
Kees: Man ist ausgeliefert, man fühlt sich vollkommen ohnmächtig. Ich habe von der Geburt meiner Tochter mehr als eine Woche später erfahren. Und jetzt kriege ich ausserhalb meiner Umgangszeiten gar nichts mit. Ich weiss noch nicht einmal, ob das Mädel geimpft ist. Ich bin aus Berlin nach Oberbayern gezogen, um nahe bei meinem Kind zu sein. Aber das kann ich kaum. Dass der Kontaktabbruch meiner Ex-Partnerin in dieser Gnadenlosigkeit kommt, hätte ich nicht gedacht oder geahnt. Da war ich vielleicht sehr naiv.

Wie oft sehen Sie Ihre Tochter?
Die ersten zehn Monate nach der Geburt nur sehr sporadisch, insgesamt neun Mal. Dann reichte es mir, ich habe bei Gericht einen Antrag auf Umgang gestellt. Danach lief es besser. Zuletzt waren es drei Tage im Monat, zwei ganze und zwei halbe Tage, keine Übernachtungen.

Wie kamen Sie auf die Idee, einen Film über Ihre Erfahrung zu drehen? Wollten Sie sich einmal nicht in der Rolle des Ausgelieferten fühlen?
Der Film gab mir die Möglichkeit zu handeln. Vor der Geburt war er ein selbsttherapeutischer Zugang zu einer emotional enorm belastenden Situation. Da habe ich noch nicht darüber nachgedacht, das zu veröffentlichen. Durch die Kamera konnte ich ein bisschen Distanz zu der Geschichte schaffen, weil ich gleichzeitig Beobachter war. Die zweite Motivation war, etwas zu schaffen, was ich meiner Tochter später einmal zeigen kann: Wie war das damals eigentlich aus der Sicht deines Vaters, wie hat der gelebt?

Warum haben Sie sich entschieden, den Film zu veröffentlichen?
Ich habe erfahren, dass es jede Menge Väter in vergleichbaren Lagen gibt. Der Film zeigt meine individuelle Geschichte, aber an diesem Beispiel zeigt sich, was andere auch durchmachen. Ich habe viele Rückmeldungen von Männern bekommen, die den Trailer angeschaut haben und schrieben, dass der Film genau das zeigt, was sie auch erleben.

Ein Film als Weckruf an die Gesellschaft?
Ja. Momentan ist es in der juristischen Praxis meist so, dass den Müttern das Kind zugesprochen wird und der Vater ein bisschen Besuchspapa spielen darf. Da sind wir nicht in der gesellschaftlichen Realität angekommen. Der Film ist mein Beitrag als Künstler zum gesellschaftlichen Diskurs über eine notwendige Veränderung.

Welche Veränderung?
Zum Beispiel hin zum Wechselmodell, in anderen Ländern ist das längst Standard: Die Kinder sind die halbe Zeit beim Vater, die andere Hälfte der Zeit bei der Mutter. In Deutschland sind wir politisch und juristisch unglaublich veraltet.

In Ihrem Privatleben dürfte der Film allerdings keine Verbesserung bringen.
Stimmt, da giesse ich schon ein bisschen Öl ins Feuer. Aber ich glaube nicht, dass sich die Lage ohne den Film verbessert hätte.

Zuschauer könnten leicht auf die Idee kommen, der Film sei eine Abrechnung mit der Mutter.
Darum geht es nicht. Ich versuche nicht, die Mutter vorzuführen. Ich erzähle, was ein Vater erlebt, wie es ihm in so einer Geschichte geht. Dass die Mutter indirekt auftaucht, liegt in der Natur der Sache. Aber weder die Mutter noch meine Tochter sind identifizierbar.

Die Mutter kommt aber nicht besonders gut weg. Und wie sachlich kann man sein, wenn man mittendrin steckt?
Ich habe mich bemüht, mich auf das Faktische zu beziehen. Aber so ein Projekt ist immer subjektiv. Wenn Sie mit der Mutter sprechen würden, die würde Ihnen vielleicht was ganz anderes erzählen. Erfunden habe ich aber nichts. Alle Zitate, alle Schreiben hat es wirklich gegeben.

Weiss Ihre Ex-Partnerin von dem Film?
Ja. Ohne, dass sie den Inhalt kennt, hat sie eine einstweilige Verfügung beantragt, auf Aussetzung des Umgangs. Zuletzt habe ich meine Tochter Anfang Januar gesehen. Mitte März ist der nächste Gerichtstermin. Ich nehme an, dass die Mutter kein besonders tolles Vaterbild vermittelt. Jetzt macht meine Tochter die Erfahrung, mein Vater ist nicht zuverlässig, der kommt ja gar nicht mehr wöchentlich. Die weiss ja vermutlich nicht, dass ich nicht komme, weil ich nicht darf. Das zerreisst mir das Herz.

Kann man unter diesen Voraussetzungen ein guter Vater sein? 
Ich bemühe mich. Aber meine Tochter könnte mehr von ihrem Vater mitbekommen. Die Beziehung zu meiner Tochter ist nicht frei. Wir sind an die vom Gericht festgelegten Zeiten gebunden. Der Zeitdruck ist wie ein Schwert im Rücken, weil man immer weiss, man muss gleich losfahren. Ich versuche, auch anders zu zeigen: Hey, dein Papa ist da. Ich schicke Postkarten, aber ob sie die bekommt, weiss ich nicht.

Haben Sie sich an die Situation gewöhnt?
Überhaupt nicht. Ich habe Angst davor, obsessiv zu werden, wie ich es bei anderen Vätern erlebt habe – Angst davor, dass die Geschichte mein Leben komplett bestimmt.

Was raten Sie Vätern in ähnlicher Lage?
Regelt die Sache möglichst privat, ohne Anwalt und Gericht. Geht zum Mediator, zu Beratungsstellen. Bei uns war das leider nicht möglich. Die juristische Auseinandersetzung kann wirklich ein jahrelanger Kampf werden. Und die Leidtragenden sind die Kinder.​

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    Alle Leser-Kommentare
  • The_Knight 04.03.2016 14:40
    Highlight Highlight Alles erlebt, habe 2 Mädchen. Gesehen habe ich Sie das letzte vor mittlerweile 10 Jahren. Heute sind sie 16 und 18 Jahre alt. Seit ich mich getrennt habe von meiner damaligen Ehefrau, ging ich durch die Hölle. Manipulationen von Kindern, Verwandten und Bekannten lagen und sind immer noch an der Tagesordnung. Ich hielt mich zurück um die Kinder nicht zu verunsichern und dachte ich handle zum Wohl meiner beiden Töchtern. Natürlich heilt die Zeit alle wunden, doch der schmerz bleibt und begleitet einem ein leben lang.
  • kliby 04.03.2016 08:05
    Highlight Highlight übel. aber für väter in westeuropa seit jahrzehnten die normale rechtssprechung. eine schande für die gesellschaft und für den feminismus, welcher genau solche verhältnisse gegen den mann zementieren will. man erinnere sich, wie sich die sp-bundesräting sommaruga vehement gegen das gemeinsame sorgerecht gewehrt hat...
  • Menel 03.03.2016 22:35
    Highlight Highlight Ein tolles Beispiel dafür, dass Emanzipation nicht nur ein "Ding" der Frauen ist, sondern uns alle angeht. Man sollte nicht von Vater und Mutter sprechen, sondern von Eltern. Eltern haben nämlich Rechte und Pflichten und die sollten für beide gleich sein. Habe auch Freunde im Freundeskreis, denen es genau gleich geht. Finde ich einfach nur traurig, für alle, denn dem Kind wird so eine wichtige Bezugsperson genommen.
  • Miicha 03.03.2016 22:03
    Highlight Highlight Ein Wunder dass nicht mehr Männer durchdrehen... Solange ein Vater sich kümmern will und das Kind nicht misshandelt gibt es keinen Grund es ihm vorzuenthalten. Die Eltern sind zweitrangig, es geht um die Kinder, die gestörte beziehungsgestörte Erwachsene werden bei solchen Vorbildern.
    • Menel 03.03.2016 22:37
      Highlight Highlight Absolut! Aber viele sind einfach zu wenig erwachsen für Kinder und sehen sich, trotz abgeschlossener Adoleszenz, immer noch als Nabel der Welt und nichts steht da über ihren eigenen Wünschen und dem eigenen Ego.
  • Ylene 03.03.2016 20:31
    Highlight Highlight Das macht mich echt traurig u wütend! Für meine Kinder ist ihr Vater ein grosser, unglaublich wichtiger und schöner Teil ihres Lebens. Ich war eh ein Papa-Kind. Genau auch deshalb ist Gleichberechtigung und Bekämpfung von Stereotypen so wichtig - nur weil man eine Vagina hat, ist man doch nicht per default der bessere Elternteil! Man sollte endlich mal von 50/50 ausgehen, ausser gewichtige Gründe (Drogensucht, etc.) sprechen dagegen... Ich denke, die CH ist hier aber weiter mit dem gemeinsamen Sorgerecht.
    • Mehmed 03.03.2016 21:35
      Highlight Highlight Ylene, das gemeinsame Sorgerecht greift nur, wenn die Mutter mitmacht. Gemäss aktuellem Bundesgerichtsurteil ist ein Grund gegen das gemeinsame Sorgerecht, dass Mann und Frau dauerhaft zerstritten sind. D.h. wenn Frau will, kann sie einen dauerhaften Streit geltend machen (wie das die Frau in obigem Fall ja auch macht), und sie hat das Sorgerecht. Faktisch sind wir in der Schweiz genaugleich wenig weit wie in Deutschland. Die Frau bestimmt, ob das Kind einen Vater haben darf oder nicht.
    • Mehmed 03.03.2016 21:38
      Highlight Highlight Zoe Jenny ist übrigens noch ein weiteres schönes Beispiel, wie sich Frau durch kontinuerlichen Wohnortwechsel den Verfügungen der Gerichte widersetzen kann, dem Mann ein simples Besuchsrecht zu gewähren.
      https://familiefamilienrecht.wordpress.com/2015/08/30/streit-mit-der-kesb-ex%E2%80%91mann-wi%C2%ADder%C2%ADspricht-zoe-jen%C2%ADny/
  • Propellerli 03.03.2016 20:04
    Highlight Highlight Na das kenne ich doch nur zu gut. Ich darf meinen Jüngsten gar nicht sehen, die Kindsmutter hat erreicht, dass es dem Kindswohl diene, dass der Vater sein Kind nicht sehen darf...Habe ihn einmal nach der Geburt gesehen, dann mit 4 Jahren...und seitdem nicht mehr...dieses Jahr wird er 12....
    Und nein, ich bin kein Monster, Krimineller etc.
    Und ja, ich habe mich gewehrt, bin erst gerade vor Bundesgericht abgeblitzt....

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