Interview

Am 27. Februar 2011 überreichten Russell Brand und Helen Mirren den Oscar für den besten fremdsprachigen Film («In a Better World») an Susanne Bier. Bild: Getty Images North America

Dänemark zu Gast am ZFF

Susanne Bier möchte lieber von Jennifer Lawrence schwärmen als vom Schweizer Film. Das könnte sich schon nächste Woche ändern

Die dänische Regisseurin und Oscar-Gewinnerin hat gerade einen Film mit Hollywoods begehrtestem Jungstar abgedreht. Bald arbeitet sie am Zurich Film Festival. Als Jurychefin des internationalen Wettbewerbs. Wir telefonierten 18,5 Minuten lang mit ihr.

16.09.14, 09:44 17.09.14, 10:23

Frau Bier, in der Schweiz weiss man so einiges über dänische Filmemacher, über Sie, Lars von Trier, Bille August, Nicolas Winding Refn. Und wir lieben dänische TV-Serien. Was wissen Sie über das Schweizer Kino?
Das ist eine unfaire Frage!

Wieso? Wir hätten zum Beispiel Marc Forster, Jean-Luc Godard ...
Unfair! Hören Sie, ich komme in die Schweiz zum Arbeiten, da will ich doch nicht als Idiotin dastehen. Sollen wir das Interview verschieben, und ich bereite mich vor? Aber ich liebe die Schweiz. Seit meiner Kindheit verbringe ich Ferien in der Schweiz, die Schweiz ist traumhaft, diese Natur!

Dänemark hat jährlich 20 diplomierte Filmhochschul-Abgänger, die Schweiz 200. Dabei interessieren sich in der Schweiz bloss 6 von 100 Kinogängern für den Schweizer Film, aber 30 von 100 Dänen schauen gern dänische Filme. Was sollen wir tun?
Oh, 200 Leute sind furchtbar viel! Es gab in Dänemark grosse Diskussionen, ob wir die Anzahl der Abgänger nicht erhöhen sollen, weil die dänische Filmindustrie so erfolgreich ist. Doch dann haben wir genau analysiert, wie viele Erfolg versprechende Arbeitsplätze es da wirklich gibt, und kamen zum Schluss, es dürfen nicht mehr als 20 Leute sein.

Sie meinen, Reduktion und Konzentration könnten eine Lösung sein?  
Jetzt wollen Sie mich schon wieder in eine kulturpolitische Diskussion verwickeln! Darauf steige ich nicht ein!

Sidse Babett Knudsen kennen wir aus «Borgen», Mads Mikkelsen kennen wir sowieso. Hier sind die beiden in Susanne Biers «After the Wedding». Bild: IFC Films

Nichts läge mir ferner! Es ist bloss so, dass wir in der Schweiz denken, die Dänen hätten den heiligen Gral des Film- und Fernsehmachens entdeckt. Deshalb frage ich Sie.
Der heilige Gral! Das ist jetzt wirklich nett. Also, vor vielen Jahren haben wir uns in Dänemark gesagt: Was können wir als Filmnation tun? Gegen Hollywood kommen wir niemals an, da sind wir einfach zu arm. Aber wir sind ein Volk, das gut Geschichten erzählen kann. Wir sagten uns: Konzentrieren wir uns ganz auf die Geschichten, auf die Drehbücher. Wir haben jahrelang alle Energie in Drehbücher investiert, und das hat sich sehr bald ausgezahlt.

Sie arbeiten oft in Hollywood. Sie drehten «Things We Lost in the Fire» mit Halle Berry und Benicio del Toro und haben jetzt gerade «Serena» mit Jennifer Lawrence und Bradley Cooper beendet. Die «Süddeutsche Zeitung» nennt Sie die wichtigste Hollywood-Regisseurin neben Kathryn Bigelow ...
Oh, das ist sehr nett!

Gelingt es Ihnen, das dänische Rezept jeweils in den Hollywood-Kontext zu übersetzen?
Ja, das ist gar nicht so schwierig. Hollywood war im Kern schon immer äusserst geschichtenfixiert. Das unterscheidet sich nur ganz wenig von zuhause.

Eine Dänin mit Weltkarriere

Susannne Bier (1960) studierte Kunst und Architektur in Jerusalem und London. Ihr jüdischer Vater war während des Zweiten Weltkriegs aus Deutschland nach Dänemark geflüchtet und heiratete dort eine Dänin. Susanne Bier drehte zwei Filme – «Open Hearts» und «Brothers» – nach den Geboten der dänischen Dogma-Bewegung, die 1995 u.a. von Lars von Trier, Thomas Vinterberg gegründet worden war.

Ihre beiden berühmtesten Filme sind «After the Wedding» und «In a Better World», für den sie 2011 mit einem Golden Globe, einem Oscar und als erste Frau mit dem Europäischen Filmpreis für  beste Regie ausgezeichnet wurde. Zwei Söhne, die sich von ihren Vätern vernachlässigt fühlen, werden darin zu Bombenbauern. Soeben lief Susanne Biers zweitneuster Film «A Second Chance» an den Filmfestspielen in Toronto, ihr neuster, «Serena», soll in Amerika noch dieses Jahr in die Kinos kommen. Susanne Bier ist mit dem Filmkomponisten Jesper Winge Leisner verheiratet und hat zwei Kinder.

Trailer zum Oscargewinner «In a Better World»

video:  youtube/SOnyPicturesClassic

Es fallen einem tatsächlich nur wenige Frauen in Hollywood ein. Neben Ihnen und Kathryn Bigelow spontan noch Sophia Coppola und gelegentlich Agnieszka Holland. Wie sehr nehmen Sie Ihre Position dort als eine besondere wahr?
Gar nicht. Das sind die andern, die das so sehen. Die Position eines Regisseurs oder einer Regisseurin ist sowieso etwas, das sich ständig im Fluss befindet. Ich würde mich bloss selbst in meiner Arbeit behindern, wenn ich anfangen würde darüber nachzudenken.

Jennifer Lawrence ist derzeit die begehrteste Schauspielerin in Hollywood und nach «Silver Linings Playbook» und «American Hustle» arbeitet sie in «Serena» schon zum dritten Mal mit Bradley Cooper. Was hat Sie dazu bewogen, die beiden schon wieder zusammenzubringen?
Ich habe die beiden lange vor «Silver Linings Playbook» zum ersten Mal zusammen gecastet. Leider hat sich die Finanzierung von «Serena» über viele Jahre hingezogen. Die beiden sind als Leinwandpaar einfach unglaublich sexy und interessant, die haben eine Ausstrahlung, gegen die man nicht ankommt.

Normalerweise spielen Ihre Filme in der Gegenwart und haben auch sehr stark mit Gegenwartspolitik zu tun. «Serena» ist ein Kostümfilm über ein frisch verheiratetes Paar, das 1929 in North Carolina ein Holzunternehmen übernimmt und harte Zeiten durchmacht. Ist das Ihr erster Kostümfilm?
Ja. Und es ist eine irre Herausforderung, einen Kostümfilm irgendwie gegenwartstauglich erscheinen zu lassen. Man muss da trotz der Kostüme einen Weg finden, dass das Schauspiel und die dargestellten Konflikte es schaffen, eine Dringlichkeit für unsere Gegenwart herzustellen.

Jennifer Lawrence und Bradley Cooper in Susanne Biers neuem Film «Serena». Bild: StudioCanal

Trailer zu «Serena»

Video: Youtube/moviemaniacsDE

Lars von Trier verkündete am Filmfestival von Venedig, dass er eine neue TV-Serie drehen wolle. Möchten Sie auch gerne eine Serie machen?
Oh ja, absolut! Es hat mich überhaupt nicht überrascht, dass Lars das gesagt hat. Das ist das Zeitalter des Fernsehens, da geschieht Unglaubliches! Ich schau mir das immer an und denke: Wow, das ist alles unfassbar spannend. Und so vielfältig! Ich habe selbst keine Vorliebe für ein bestimmtes Genre, ich halte einfach Ausschau nach einem guten Stoff. Das Epische einer TV-Serie reizt mich, ich suche nach etwas möglichst Komplexem mit einem dichten erzählerischen Gewebe, ich suche nach einer Grammatik der Spannung.

Das klingt nach einer sehr konkreten Passion. Ich nehme an, HBO oder ein anderer Seriensender macht Ihnen bereits den Hof?
(Schweigen. Man hört eine Kaffeemaschine.)

Darf ich aus Ihrem Schweigen schliessen, dass das stimmt?
Aaaaaahhhm.

Halle Berry (mitte) spielte 2007 in Susanne Biers «Things We Lost in the Fire». Bild: Getty Images North America

Zum Schluss noch etwas ganz Unverfängliches: Sie kennen Festivals als Jurorin und als Wettbewerbsteilnehmerin. Was sind Ihre Erfahrungen auf den beiden Seiten?
Einen Film in einem Wettbewerb zu haben, bedeutet enorm viel Angst und Aufregung. Oft ist es ja so, dass der Film an einem Festival überhaupt zum ersten Mal richtig vor Publikum läuft. Als Filmemacher meint man immer, man habe eine gut definierte Idee, aber was für eine Idee man wirklich hatte, das zeigt sich erst an den Publikumsreaktionen. Das ist gleichzeitig grauenhaft und berauschend. Als Jurymitglied muss ich meine Meinung gegen die Meinung meiner Mit-Juroren verteidigen. Das ist ein aufregender intellektueller Prozess. Und man wird mit einer Auswahl an Filmen konfrontiert, die man nicht selbst getroffen hat. In einer Jury sehe ich deshalb oft Filme, von denen ich sonst nie gehört hätte, das ist grossartig. In Zürich bin ich offen für viele, viele Überraschungen.

Ihr Rat an junge Filmschaffende?
Arbeitet hart, hart, hart. Und seid nicht unsicher, Unsicherheit ist auf der Leinwand nicht attraktiv.  

Alles zum Zurich Film Festival: zff.com

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